Eine Winterbesteigung des Pizzo Gallegione im Avers vor 50 Jahren

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JVon joh. Rudolf Stoffel

Mit 1 Bild ( 27Rapperswil ) Meine Erinnerungen reichen zurück bis ins Jahr 1895. In jenem Herbst wurde die Averser Strasse vollendet und auch kollaudiert. Bei diesem Anlass veranstalteten wir ein kleines Festchen. Beim Eingang ins Dörfchen Cresta vor dem sogenannten Tetlishaus, dem einstigen Sitz des Podestaten Jakobus Wolf, heutigen Posthaus, errichteten wir ein Tor. Die Mädchen des Tales banden Kränze und schmückten dasselbe. Lehrer Bartholome Heinz verfasste zwei Aufschriften. Diejenige auf der Vorderseite lautete:

Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, Das halte fest mit Herz und Händen.

Dem Bündnerland gehören wir nun näher an, Weil es durch opferwill'ge Spenden Uns hat gebaut die Strass'ins Tal, Habt Dank dafür viel tausendmal.

Auch denen, die die Strass'gemacht, Mit Fleiss solid und feste, Sei heute unser Hoch gebracht Und unser Dank aufs beste.

Auf der Dorfseite stand:

Wacht auf, ihr Averser, rühret euch, Wacht auf zu neuem Leben.

Die Strasse bringe euch Viel Glück und Gottes Segen, Seid stark bei tugendhaftem Streben.

Nun hatten wir die Strasse und freuten unsderselben. Vieles erhoffte man von ihr; nicht alles ging aber in Erfüllung. Der alte, halsbrecherische Talweg von der Roffla herauf, der von einem Stein auf den andern führte, stutzauf, stutzab, über schwankende Stege und stellenweise förmlich an die Felswände geklebt, war nun ein für allemal ausgeschaltet. Ich hatte ihn im Sommer und im Winter in guten und bösen Tagen erlebt.

Der Sommer war vorüber, der Herbst auch. Die Wiesen waren gedüngt, das Brennholz aufgerüstet und an den Schlittweg gebracht. Auch Johann Torriani aus Soglio, Verwalter der Herren v. Salis, war schon hier gewesen. Die v. Salis regierten im Veltlin solange dasselbe unter der Herrschaft der drei Bünde stund, und wenn eine Landschaft, später ein Hochgericht, kein geeignetes Holz besass für den Podestaten, den es zu stellen hatte, so erwarben die v. Salis das Recht und stellten diesen, so auch wiederholt für Avers. Meistens bekleideten die v. Salis auch das Amt des « Commissari ». Durch diese Ämter gelangten sie in reichlichen Besitz und legten von ihrem Gelde solches auch in Avers an. Wenn ein Averser Geld benötigte, so wandte er sich an die v. Salis-Soglio mit seinem Gesuch und erhielt dann das Geld, nachdem er den Gläubigern eine Wiese samt den dazu gehörenden Stallungen oder auch Weidrechte nicht nur verpfändet, sondern verkauft hatte. Auf diese Weise gelangten die v. Salis in den Besitz von Gütern beinahe in allen Ortschaften des Tales. Die erworbenen Güter wurden dann den Verkäufern in Pacht gegeben um einen « billichen » Zins und blieben oft mehrere Generationen lang in den gleichen Händen. Der Zins war niedrig und wurde daher beinahe ausnahmslos jeden Herbst regelmässig bezahlt. Andrea Torriani aus Soglio kam als Verwalter der v. Salis viele Jahre nach Avers und nachher dessen Sohn Johann. Dieser benutzte für seine Averser Reise wenn immer möglich den Pressignolapass und kam gegen Ende Oktober, mitunter aber auch erst anfangs November ins Tal. Er logierte in Cresta im Hause, welches früher den v. Salis gehört hatte, nun aber an einen Averser Salis verkauft worden war. In zwei bis drei Tagen hatte er das Tal durchwandert, seine Geschäfte erledigt und kehrte wieder über Pressignola zurück. Bis auf die Passhöhe wurde er jeweilen von einem Averser begleitet, bald von diesem, bald von jenem. Diesmal konnte ich mitgehen, was mich sehr freute. Beim Aufstieg durchs Val Pressignola erzählte er mir vom Pizzo Gallegione. Dieser sei der Lieblingsberg der Sektion Mailand des italienischen Alpenklubs. Mit Vorliebe werde er im Spätherbst oder Vorwinter bestiegen, dann, wenn die Luft ganz klar und rein sei. Nicht immer hätten sie Glück gehabt. Einmal mussten sie wegen Witterungsumschlag in Soglio umkehren, ein andermal sogar auf der Alp Laira. Schliesslich sei es ihnen aber doch gelungen, bei schönstem Wetter auf den Gipfel zu gelangen, wo sie eine herrliche Fernsicht nach allen Seiten geniessen konnten und mit einem guten Fernrohr sogar den Dom zu Mailand sahen. Von der Passhöhe aus schauten wir zum Gipfel empor, und da wollte es mir scheinen, dass der Aufstieg verhältnismässig leicht sei. Nach Hause zurückgekehrt, erzählte ich meinen Angehörigen und besonders meinen Altersgenossen, den jungen Burschen im Madriser Tal, was ich von Torriani vernommen hatte. Alle begeisterten wir uns für die Sache, holten des Abends unsere wenigen Landkarten und Atlasse herbei und wollten feststellen, was man vom Gipfel ringsum alles sehen könne. Unserer sechs fanden sich zusammen, nämlich mein Bruder Peter, Anton Stoffel des Zacharias, Georg Salis, dessen Bruder Melchior und Simon Heinz. Damals waren wir noch zehn Familien im Madriser Tal, in Ramsen vier, in Hohenhaus zwei und in Städtli vier. Heute sind es deren zusammen noch zwei bis drei. Es war bereits Ende November geworden. Der Winter hatte seinen Einzug gehalten. Im Tal lagen zirka 10 cm feiner Pulverschnee, der den hartgefrorenen Boden zudeckte. An den Abhängen dagegen wuchs der Schnee an. Nun trat eine Schönwetterperiode ein: Tag und Nacht klarblauer Himmel, am Tag schöner Sonnenschein, aber morgens, abends und in der Nacht empfindlich kalt. Jetzt reifte unser Plan. Als wir damit bei unsern Eltern hervortraten, stiessen wir auf heftigen Widerstand. Mein Vater sagte, wer sich mutwilligerweise in Gefahr begebe, komme auch in der Gefahr um, das sei eine alte Wahrheit. Nicht viel besser lautete es auch bei den andern Familien. Wir sechs waren aber keine Knaben mehr, sondern erwachsene Burschen. Ohne die Einwilligung unsrer Eltern wollten wir indessen die Tour nicht wagen, denn der schwere Existenzkampf schmiedete die Familienglieder enge zusammen, jedes musste leisten, was es nur konnte, so auch die Nachbarn, wenn der eine auf die Mithilfe des andern angewiesen war bei manchen Arbeiten. Keiner konnte auf die Dauer vom andern unabhängig sein. Keiner unserer Väter war auch auf einem hohen Berg gewesen. Soweit die Vegetation hinauf reichte, waren ihnen die Berge lieb, weiter oben aber nicht mehr. Dort war es gefahrvoll, « grausig ». Besonders die Gletscher mit ihren Spalten. Und jetzt erst im Winter!

Als wir aber feierlich versprachen, umzukehren, sobald sich Lawinengefahr oder andere Schwierigkeiten zeigen sollten, willigten sie schliesslich ein.

Nun mussten wir noch ein Fernrohr haben, wenn wir den Dom zu Mailand sehen wollten, und hatten keines. Wir wussten aber, dass Herr Pfarrer David Patzen in Cresta ein grosses, ausgezeichnetes Fernrohr besass, in Messing gefasst, zum Ausziehen und in solidem Lederfutteral mit Tragriemen. Wenn er uns dasselbe leihen würde? Wir wussten aber, dass er dasselbe hoch in Ehren hielt. Keiner von meinen Kameraden wollte nach Cresta gehen, und somit musste ich mich dazu entschliessen. Eher zaghaft brachte ich mein Anliegen beim Herrn Pfarrer vor. Dieser war etwas erstaunt, sagte weder ja noch nein, sondern holte den « Spiegel » aus der Schublade hervor, nahm ihn aus dem ledernen Futteral und hängte ihn an zwei am Fensterstock extra für diesen Zweck befestigte Schrauben. Nun konnten wir beide abwechslungsweise auf die linke Talseite in den schönen Capattawald hinüber schauen. Wie nahe schien derselbe, und jede Einzelheit konnte man deutlich sehen. Ein Eichhörnchen sprang in kühnem Satz von Arve zu Arve und tat sich gütlich an den vielen Zirbelnüsschen. Und ein Fuchs kam langsam daher, spähte nach allen Seiten und war auf der Lauer nach Beute.

Der Herr Pfarrer erklärte mir die Handhabung des « Spiegels » mit grosser Umständlichkeit und unterliess nicht, auf den bedeutenden Wert hinzuweisen. Schliesslich sagte er, er wolle uns das Fernrohr für die besagte Tour überlassen, jedoch nur dann, wenn ich persönlich die Verantwortlichkeit übernehme. Das tat ich gerne, dankte ihm für sein Entgegenkommen und gab der Hoffnung Ausdruck, ihm in wenigen Tagen den « Spiegel » unbeschädigt zurückerstatten zu können. Ich hängte denselben an die Schulter und begab mich auf die Heimreise. Unterwegs wurde ich von den Talbewohnern gefragt, was ich mit dem Zugspiegel des Herrn Pfarrer wohl anfangen wolle. Ich erklärte ihnen unser Vorhaben. Sie schüttelten die Köpfe und meinten, jetzt im Winter einen hohen Berg besteigen wollen, das sei riskiert. Wohlgemut zog ich weiter, und als ich mich gegenüber Ramsen befand, sprangen meine Kameraden über den Steg herüber zu mir. Sie freuten sich sehr, dass ich den Spiegel hatte. Abwechslung sweise schauten wir mit demselben zum Blesehorn hin, welches uns ganz nahe schien, und die Spalten vom Blesegletscher konnten wir ganz deutlich sehen. Das Wetter war beständig, und wir verabredeten uns, am folgenden Morgen um 5 Uhr die Tour in Städtli anzutreten; um diese Zeit sollten sie dort sein.

Vorbereitungen hatten wir nicht viele zu treffen. Von Ski wusste man damals in Avers noch nichts, und die Schneereifen, die unsere Vorfahren einst benutzten, wenn sie zur Winterszeit Lebensmittel in Chiavenna holten und über Passo di Lago ins Avers trugen, waren defekt und unbrauchbar geworden. So hatte unsere Fussbekleidung aus soliden, gut genagelten Schuhen und den Die Alpen - 1952 - Les AlpesQ bekannten Überstrümpfen, die bis ans Knie reichten und aus dickem Wollstoff angefertigt waren, zu bestehen. An Reiseproviant rüsteten wir: Brot, Käse, Tigafleisch und Speck. Ein ganz kleines Fläschchen Branntwein, guter, milder Weintrester aus Italien, durfte nicht fehlen.

Der Vater brauchte keinen Wecker. Wenn er wollte, konnte er nach Mitternacht zu jeder Stunde wach werden. Schon um 4 Uhr stund die Mutter auf und kochte meinem Bruder und mir ein gutes Frühstück. Etwas vor 5 Uhr waren die Kameraden aus Ramsen schon hier, so dass wir, zu sechs, punkt 5 Uhr den 11. Dezember 1895 in Städtli unsere Tour antreten konnten. Jeder hatte einen Bergstock in der Hand. Die Mutter sagte beim Abschied: « So jetz bhüet ich Gott myn Buaba und chommet widerum gsund Min. » — Das Wetter war beständig. Ein herrlicher Sternenhimmel wölbte sich über dem Tal. Wie flimmerten und glänzten die Gestirne und wie deutlich war die Milchstrasse! Kalt war es aber. Doch die Kälte fürchteten wir nicht. Der flaumige Pulverschnee hinderte uns nicht zu sehr am Vorwärtskommen. « Am Anfang nicht zu hastig », musste ich mahnen, nachher könne man dann besser ausholen. In der Zocca waren die Ställe verlassen, das dortige Heu war bereits verfüttert und das Vieh nach Städtli und Hohenhaus verbracht. Unser kleines Walserhäuschen und die beiden Vieh- und Heuställe, alles unter einem Dach, war eine traute Heimstätte. Erhöht wurde deren Wert noch durch das nahe Bächlein mit dem klaren Quellwasser, welches oberhalb aus dem Felsen sprudelte. Leider ist dann das Heimwesen im Lawinenwinter 1917 von der grossen Lawine, die von der linken Talseite fiel, derart gründlich zerstört worden, dass an einen Wiederaufbau an gleicher Stelle nicht mehr gedacht werden konnte. In sichererer Lage wurde dann ein Stall mit Wohnküche gebaut.

Auf dem Palü, der Grenze zwischen den beiden Alpen Bles und Preda, erstere der Gemeinde Castasegna und letztere der Gemeinde Soglio gehörend, hielten wir bei den beiden alten Gräbern, um der Toten zu gedenken. Hier stritten einst vor alten Zeiten die Soglier mit den Castasegnern wegen der Grenze ihrer Alpen. Der Streit sei immer heftiger geworden, und als der wägste Soglier sein Stilett zog, machte der wägste Castasegner ein gleiches. Beide stürzten auf einander los und brachten sich gegenseitig so schwere Verletzungen bei, dass sie blutüberströmt zu Boden sanken, bevor die andern dazwischen treten konnten. Vor ihren Füssen verbluteten sie und hauchten ihr Leben aus. Nun beschlossen die Mannen, die beiden Leichen hier zu beerdigen und den Ort fortan als Grenze zu halten. Das Grenzzeichen, in den Fels gemeisselt, steht nebenan. Auf jedes der beiden Gräber wurde eine grosse, runde Steinplatte gelegt. Die eine dieser Platten ist ringsum schön vom Rasen umwachsen: Hier ruhe der, der im Recht war. Die andere Platte da-dagegen, vom Rasen losgerissen, bedecke den, der im Unrecht blieb und daher weder Ruhe noch Frieden finden könne. Jedes Jahr am Todestag müsse er die Platte « z'underobschi » werfen. So berichtet die Überlieferung, die sich in Avers bis auf den heutigen Tag erhalten hat.

Wir zogen weiter, und bald begegnete uns der süssliche Wohlgeruch von den vielen Alpenrosen- und Reckolderstauden, die im Sommer in der Sennhütte der Alp Preda verbrannt werden. Hier gibt es kein anderes Holz als solche Stauden. Das Sammeln dieser nennt man in Avers: « Stuuda schtraupfa ». Ein starker Mann hat den ganzen Sommer Arbeit genug, genügend solche aus dem Boden zu reissen, heimzutragen und auf dem Dach der niedrigen Alphütte zu dörren, denn das Käsen und Ziegern der Milch von 82 Kühen erfordert ein grosses Quantum.

Die Sterne verblassten, und die Nacht musste dem Tag Platz machen. Herrlich erstrahlte unser Berg, auf dessen Gipfel wir heute voller Zuversicht zu gelangen hofften. Eiligst durchschritten wir den flachen Talboden und waren bald beim grossen Felsblock, der die Grenze bildet zwischen den beiden Alpen Preda und Sovrana, deshalb in Avers der Name « Bim Stein ». Nach Überschreiten der gewölbten Brücke über den jungen Madriser Rhein waren wir bald bei der Alphütte der hintersten Alp im Tal, Sovrana, in Avers « Frona » genannt. Diese liegt mit 1962 m ti. M. noch einen Meter tiefer als Cresta. Wir hatten auf der gut zwei Stunden weiten Strecke von Städtli nur 162 m Steigung zu überwinden. Hier begann erst der eigentliche Aufstieg. Es gabeln hier drei Tälchen, nämlich: rechts Val di Lago mit dem Pass nach Chiavenna, in der Mitte Val Pressignola mit Pass nach Soglio, und links Val Roda, dessen Pass nach Casaccia führt. :— Wenige Schritte hinter der Alphütte beginnt der steile Aufstieg. Dort wuchs der Schnee. Bald waren wir auf dem Schafläger, « Fronergligert » genannt, mit dem kleinen, aus rohen Steinen gemauerten Schäferhüttchen. Das Überschreiten des Rodabaches bot uns heute keine Schwierigkeiten wie oft im Sommer, denn das wenige Wasser lag tief unter Eisbrücken. Der Schnee wuchs immer stärker an. Wir wateten daher tapfer, mussten aber beständig abwechseln. Selbst der kleine Melchior Salis mit seinen kurzen Beinen liess es sich nicht nehmen, auch voran zu waten. Wir stiegen immer höher und hatten den Fuss der « Scala » erreicht. Das ist eine vor alten Zeiten aus rohen Steinen gemauerte Treppe von 177 Stufen, die über den abschüssigen Fels hinaufführt. Erstellt wurde sie von den Sogliern und Castasegnern, um ihr Grossvieh über den Berg bringen und auf ihren drei Alpen Sovrana, Preda und Bles sommern zu können. Heute war die Treppe tief verschneit. Lawinengefahr bestund aber nach unserer Ansicht keine, und somit konnten wir den Aufstieg wagen. Oben glücklich angelangt, mussten wir uns noch einer Begebenheit aus frühern Zeiten erinnern: Wenn zur Zeit der Alpladung anfangs Juli auf der Treppe noch viel Schnee lag, dessen Ausschaufeln zuviel Arbeit gegeben hätte, wurde hier für den Transport ein anderes Verfahren angewendet: Ein passendes Plätzchen wurde gesucht. Ein Mann packte ein Rind beim Schwanz, ein zweiter bei den Hörnern und der Nase, zwei griffen auf der Seite an, und auf Kommando warfen sie mit einem Ruck das Tier seitwärts in den Schnee. Der am Schwanz begann zu ziehen und gleitete mit dem Tier über den Schnee hinunter bis in die Mulde. Dort landeten sie an einer apern Stelle. Das Tier konnte aufstehen und hatte keinen Schaden genommen. So wurde ein Stück nach dem andern hinunter befördert. Das hatte mir Torriani erzählt, den Ort genau bezeichnet und alles erklärt. Immerhin musste zu diesem Mittel nur dann gegriffen werden, wenn besonders viel Schnee auf dem Pass lag. Heute ist das alles vorüber, und die drei Alpen müssen nicht mehr über den Berg bestossen werden.

Nachdem wir die Scala überwunden hatten, konnten wir auch den Gipfel erreichen. Etwelche Schwierigkeiten bot uns noch der letzte Anstieg unter der Passhöhe, aber auch dieser wurde genommen, und nun standen wir auf dem Pass. Wie froh waren wir! Zu unsern Füssen das tief eingeschnittene Bergell und über dem Tal die scharfgezackten Bergeller Berge mit den schaurigen Abbruchen des Bondascagletschers und des Disgrazia. Sehnsüchtig schauten wir zum Gipfel unseres Berges empor. Der Aufstieg schien uns keine Schwierigkeiten zu bieten. Der Wind hatte den weichen Schnee von der Kante weggeblasen, und der noch verbliebene war hart gefroren. Immer höher stiegen wir und immer mehr Berge kamen zum Vorschein. Nach einer guten Stunde standen wir auf dem Gipfel und wurden förmlich sprachlos von den gewaltigen Eindrücken, die sich uns boten. Am ganzen Horizont war kein Wölklein zu sehen. Unsere Blicke reichten in unermessliche Fernen und verloren sich schliesslich in einem blaurötlichen Dunst. Unsere Averser Berge verschwanden beinahe. Wir mussten sie förmlich suchen. Einzig der Piz Piatta mit seinen kleinen übereinander liegenden Gletschern ragte bedeutend in die Lüfte empor. Die Berninagruppe war imposant und schien uns ganz nahe. Bald hatten wir uns in grossen Zügen schon orientiert. Der Comer See spiegelte im Sonnenschein, und in jener Richtung musste Mailand liegen. Wir nahmen das Fernrohr zur Hand, aber o weh, in der Poebene lag ein dünner Tiefnebel, der Mailand und den Dom zudeckte!

Von Norden her zog eine leichte, kalte Bise, der Gutwetterluft, so dünn und fein, dass wir glaubten, keine Kleider am Leibe zu haben. Wir liessen uns im Schutz des breiten Steinmannes nieder, nahmen unsern Proviant hervor und begannen uns zu stärken. Im Westen erhoben sich hinter dem hügeligen Tessin die gewaltigen Berner und Walliser Alpen. Welche Wucht lag besonders im Monte-Rosa-Massiv! Immer wieder mussten wir diese herrlichen Berge betrachten, und mit dem Fernrohr sahen wir die Gletscher mit ihren Spalten ganz deutlich, ja wir hätten sicher eine Touristenkolonne sehen können, wenn sich eine solche auf den Gletschern bewegt hätte. Besonders interessant war die feine Spitze des Finsteraarhorns. Dann sahen wir den Jura, die Westalpen mit dem Monte Viso, die ligurischen Alpen vor Genua und schliesslich die Apenninen weit durch Italien hinunter, wo sie sich im blauen Dunst verloren. Den Säntis suchten wir viel weiter draussen. In der klaren Sicht schien er uns ganz nahe, und wir sahen in den Schwarzwald und weit nach Deutschland hinaus.

Im Osten zeigte sich uns eine gewaltige Menge von Gipfeln. Besonders stach die Ortlergruppe hervor.

Die kalte Bise setzte uns schwer zu. Wir mussten herumspringen und die Füsse auf die Steinplatte niederschlagen, damit sie uns nicht erfroren. Und einen Blick in die Tiefe mussten wir auch noch richten. Hier oben der starre Winter und in Chiavenna drunten noch grüne Wiesen, welch ein Kontrast! Nun, man konnte das schon begreifen, denn hier standen wir auf 3109 m und Chiavenna liegt nur 330 m ü. M. Mit dem Fernrohr sahen wir das alte Städtchen sehr deutlich, sahen Männer und Frauen auf den Strassen, beladene Saumesel, Hunde, Katzen, und wir hätten beinahe die Fensterscheiben zählen können, so klar war die Sicht und die Wirkung des Fernrohres.

Anderthalb Stunden konnten wir es auf dem Gipfel aushalten, dann mussten wir den Abstieg antreten, denn der Frost schüttelte uns förmlich. Noch einen Blick ringsum, ein Lebewohl all der geschauten Pracht! Dann sprangen wir den Abhang hinunter und erhielten bald wieder warme Glieder. In unsern Adern floss Jugendblut, und keiner von uns trug irgendeine Erkältung davon.

Auf der Heimreise hatten wir Stoff genug zu regem Gedankenaustausch. Abends um 6 Uhr trafen wir gesund und wohlerhalten in Städtli ein zur grossen Freude unserer Angehörigen, die um uns sehr besorgt waren. Vieles hatten wir ihnen zu erzählen, und bei Tisch war manchen Tag nur von unserer Tour die Rede.

Am nächsten Sonntag gingen wir nach Cresta. Ich nahm das Fernrohr mit und konnte es Herrn Pfarrer Patzen unbeschädigt zurückerstatten, zu seiner und meiner Freude. Stundenlang hielt er mich fest, und ich hatte ihm von unserer Tour zu erzählen. Auch Lehrer B. Heinz, in « ds Tuffisch Hüschli », interessierte sich sehr für unsere Sache.

Nun glaubten meine Kameraden, wir sollten einen Bericht in die Zeitung schreiben, aber keiner wollte anpacken. Schliesslich entschloss ich mich dazu, machte einen kurzen Entwurf, schrieb ihn ins reine und schickte ihn der Redaktion des « Freien Rätier » zu. Wenige Tage später erschien er, und ich bewahrte jene Nummer viele Jahre auf. Heute bin ich von unsern sechs noch der einzige Überlebende 1.

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