Eine Winterreise nach St. Moritz vor hundert Jahren

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Von Egon Isler.

Die Aufzeichnungen über diese Reise stammen von Johann Heinrich Mayr aus Arbon. Mayr war ein tüchtiger Industrieller, der zuerst Leinwandhandel betrieb und als einer der ersten auf die Herstellung von Druckereien überging. Mayr war ein geistig sehr reger Mann, der mit vielen bekannten Zeitgenossen in Briefwechsel stand. Seine Geschäfte führten ihn auf grosse Reisen. Nach Aufgabe des Fabrikbetriebes reiste er aus Bildungstrieb und zur Erhaltung seiner Gesundheit. Berühmt wurde er durch seine grosse Fahrt in den Orient, nach dem Libanon und Palästina in den Jahren 1812/13. Von da an war er im Thurgau unter dem Namen Jerusalem-Mayr bekannt. Auf Einladung von Battista v. Albertini aus Samaden wollte er 1834 seinen Winter im Engadin verbringen, da er gewohnheitsgemäss immer in dieser Jahreszeit Arbon verliess. So fuhr er denn am 10. November das Rheintal aufwärts. Am 15. November besuchte er das von einem Felssturz bedrohte Felsberg. Da die Beschreibung von allgemeinem Interesse sein kann, setze ich sie im Wortlaut her:

« So nahe Felsberg, wollte ich doch das bedrohte arme Örtchen sehen — Sonntag nachmittag begab ich mich dahin. Eine starke halbe Stunde von Chur entlegen, sieht man es auf der andern Seite des Rheins unten am Gebirge liegen. Eine hölzerne Brücke führt über den Rhein zum Dörfchen ( von hundert Haushaltungen ). Gleich beym Eintritt fanden sich einige Männer beysammen stehen, einer davon war der Ammann des Ortes, der auf meine Erkundigung, wegen Beschaffenheit der Gefahr, sich anerbot mich zu geleiten. Etwa 2-300 Schritt vom Dörfchen ist der Fuss des Gebirges, es besteht dies in Felsen von Grund auf — und nicht in Geröll wie bey Goldau —: wo beynahe in horizontaler Lage ungeheure Blatten auf Blatten sich beigten; zwischen ihnen und hinter denselben Rollsteine und zerstückte Felsbrocken, der Berg war locker von oben bis unten; hier ein ganz verschiedener Fall: das Gebirge erhebt sich vom Fuss an gerechnet etwa 2/3 Höhe in schreger ziemlich steiler Richtung, durch verschiedene Kluften unregelmässig getheilt, aber dieser Gebirgsfuss ist fest, wenigstens halte ich ihn dafür, da ist also kein Schlipf, kein Rutschen, das die Bedeckung des Örtchens befürchten liesse, nicht die Beschaffenheit von Goldau. Nun kommt aber über dieser Höhe fester Beschaffenheit die oberste Höhe und die ist fraglos anderer Natur. Von ferne hat man schon die Ansicht der Brocken und zerstückter schwarzer Felsklumpen, gleich einem angefaultem Zahn. Von diesem morschen Getrümmer löst sich nun bald da — bald dort ein Stück der Masse und stürzt unter Getose und Krachen den Berg hinunter in die Tiefe bis an die Häuser von Felsberg. Ich war auf dem Platz, umging die erst kürzlich gestürzten Brocken und äusserte mich gegen den mich begleitenden Ammann: das wichtigste von allem, dass ein ganzes Rutschen oder Schlipfen des Gebirges nicht zu befürchten stehe, so dann wäre also nur von Sturz von Felsbrocken die Rede. Aber auch diese gemildert durch die Beschaffenheit der Verhältnisse selbst... die schon herabgerollten Massen bildeten einen Wall, der das folgende aufhalte, es liegen da Stücke umher, die die Grosse von kleinen Häusern erreichen. Letzten Merz war zum zweiten Male ein Sturz grosser Massen. Endlich noch zum Glück kommen Warnungen noch vor dem Unheil. Man merkt am vorläufigen Getose, dass es nicht richtig werden will. Jenen Merz biwakierte die Mannschaft im Freien. Laut Beschreibung des Ammanns muss Gekrach und Rumor ganz furchtbar gewesen seyn, als die Hauptteile herunterzustürzen kamen... So viel über diesen Gegenstand, wie er mir nach Ansicht oberflächlich betrachtet vorkommt Es ist sehr leicht zu rathen und zu sagen: die Leuthe sollen ausziehen, schwerer aber das Wohin?, unterhalb sind ihre Besitzungen Sumpf und meist vom Rhein überschwemmt, oberhalb ist die gleiche Beschaffenheit der Gefahr des Gebirges. » Von Chur fuhr Mayr andern Tages weiter. « Montags setzte ich mich auf ein Wägelchen, es geht wie bekannt sehr steil bis Malix und wenigstens die Hälfte Wegs machte ich zu Fuss. Eine Menge Bekannte traf ich auf dem Weg, verwundert reichten sie mir die Hand. „ WohinNach St. MoritzWas, zu dieser Jahreszeit !"

„ Ja, ich bin verirrt im Calender " und lachend weiters. Von Malix gings lustig weiter aufm Schlitten — an jedem Ort setzte es ein Glas meiner neuen rothen Schotte ( Veltliner ), was gut erwärmte.Vor drei Uhr war ich in Lenz, es ist dort auf der Reise das beste Quartier. Wirklich war ich sehr gut bedient — der Kellner merkte meine Zufriedenheit und sagte vorbauend: „ es ist besser gut zu bedienen, so kann man auch etwas mehr verlangen bey der Rechnung ". Und ich muss ihn loben, er vergass die Anwendung der Moral nicht. Eine Art Feldbett ward ins Zimmer neben dem Ofen aufgemacht und ich befürchtete somit nicht zu verfrieren. Ein Schwärm Engadiner kam noch nachts, lustig und munter angefahren und geritten — und ich war nun doppelt froh, eigen Zimmer und Bett neben dem Ofen zu halten. Morgens vor 9 Uhr reiste ich weiter bei prächtigem Wetter, etwas kalt — aber wenn einer meynt in der Bachstube nach Norden zu reisen, so ist er ein Narr. In Filisur nahm ich beym Landammann ein Glas Wein. Potz tausend wie ich bewillkommt ward. Sie waren just am Lesen meiner Reise ( Jerusalem ), die sie entlehnt bekommen hatten, eine Verwandte war auch Mithörerin. „ Sieh, da ist jetzt der da, der die Reise gemacht hat, " sagte der Wirt. Mit aufgesperrtem Maull blozte sie mich verblüfft gewiss 2 Minuten an. Darauf reiste ich weiter. Mein Fuhrmann war ein guter Kerl, aber kein Säumer der Gegend und des Berges nicht kundig. Die Schlittengeleise sind schmal und nicht mehr als drei Mal warf er mich heute um, das erste mal in Schnee, das zweite mal auf'n Sand, und das letzte Mal auf'n Felsen, über eine Woche schmerzte noch die Hüfte.

In Bergün erhob die Frau Landammann ein Freudengeschrey ob meiner Ansicht „ sie hätte mich nie so wohl gesehen, ich sey fett geworden " kurz eine Menge Verbindlichkeiten unter den Anfragen wohin? Es ist nämlich zu wissen, dass die Frau Landammann mehr als jemand berechtigt war, sich ob meines Befindens zu verwundern. Es war das zweite mal dass ich nach St. Moritz reiste, das erste mal so angegriffen elend und schwach, dass wohl niemand meine Rückkehr erwartete. Abends spät kam ich ( damals ) dorthin zur Herberge, was aufgetischt war, ward kaum berührt. Ich verlangte zu Bett; da ward mir ein Gewölbe angewiesen gleich einem Eiskeller, die Feuchte schlug mich zurück, ein anderes Zimmer hätten sie nicht, log sie. Endlich ward mir eine Streue in der Stube gemacht, ein Tuch darüber und da lag ich bis am Morgen. Erst jetzt kam ich hinter das Geheimnis. Alles war der Meinung ich wäre mit Auszehrung angesteckt. Ich wollte weiter und in Weisseg-stein übernachten; durch tiefen Schnee ging es den gähen Berg hinan, mit Sonnenuntergang war ich im Quartier. Ich hatte wenig Hoffnung auf gutes Lager — es war besser als ich erwartete: ein niederes hölzernes Zimmer mit 2 Betten ich schlieft gut. Kaum dämmerte es, so stahnd ich auf, ich hatte den Pass über den Albula vor mir. Das Wetter war ruhig, es schneite zart. Vor y2 9 Uhr sass ich aufm Schlitten, herrliche Windstille — nur der Wind ist gefährlich. Ich liess den Fuhrmann aufm Schnee neben der Tiefe gehen, denn da umgeworfen zu werden und einige Kirchturmhöhen in die Tiefe zu rollen, stuhnd mir nicht an. Langsam rutschte es aufwärts. Endlich war die Höhe erreicht und zugleich liess sich etwas Wind merken; ein hundert Schritte weiter ward er heftig — und andere hundert Schritt, dass ich meynte vom Schlitten weggestürmt zu werden. Der Schnee wirbelte empor, dass die Luft verdunkelt war — man sah keinen Pfad mehr, ich konnte selbst das Pferd nicht mehr sehen. In wenig Minuten eine gewaltige Umänderung! Noch heftiger tobte der Luft. „ Wenn das Ross nicht gut ist, sind wir verloren ", sagte der Säumer. Das wäre mir gspässig, dachte ich, wenn ich jetzt noch im Engadin sollte unter die weisse Decke zu schlafen kommen!

Welch Wunder um den Instinkt der PferdeKeine Spur von irgendeinem Weg war zu sehen — in wenig Sekunden war alles unsichtbar geworden, geschweige der schmale Pfad zwischen den Felsen zu sehen. Aber das Pferd fand den Weg, als wäre es auf der Landstrasse. Oft war ein Schneeberg, es durchwatete ihn, es wand sich langsam aber sicher Tritt durch Engpässe und zwischen ganz mit Schnee verwehten Klüften, wo kein menschliches Aug eine Spur entdeckte, ohnehin war alles Sehen bey dem Gestöber unnütz.B.ey einer Wendung des Kopfes vom Säumer, der hart vor mir sass, sah ich einen Moment sein Gesicht: er hatte eine lange spitze Nase, die stack wie in einem Futteral von Schnee — es mahnte mich an eine Art bas relief von einem Schneegefilde. Das eigentlich Missliche der Sache mochte etwa 3/4 Stunden gedauert haben. Noch eine Viertelstunde tiefer, dann auf einmal Windstille und ruhiges Flocken des Schnees. Ich war froh tief unten Ponte zu erblicken. Doch hatte ich Freude, auch diese Lage erfahren zu haben, ein in jeder Hinsicht schauderhafte Seitenstück der Sandöde in Ägypten, wenn der Sandsturm emporwirbelt... Und wer dieses schreibt, kann von beydem erzählen. » ( Aus dem Briefwechsel von J. H. Mayr in der Kantonsbibliothek Frauenfeld. )

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