Einmal Baltschieder-immer wieder Baltschieder!

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Hans Grossen, Frutigen

Die Ostwand des Nördlichen Jägihorns, 3509 m Ende Juli 1978 endlich ist es soweit. Mit Hannes Stähli aus Wilderswil sitze ich auf meinem Rucksack auf dem Inneren Baltschiedergletscher und studiere aus respektvoller Entfernung die Wand. Als logischer Weg bietet sich ein Riss- und Verschneidungssystem an, das sich senkrecht emporzieht, um etwas links des Gipfels zu enden. Fraglich erscheinen uns lediglich die letzten Seillängen unter dem Gipfelgrat, eine Zone in grauem Fels, gespickt mit Überhängen. Doch zunächst wenden sich unsere Augen wieder dem Granit im untern Teil zu, der unter den Strahlen der Morgensonne in warmen gelbroten Farbtönen aufleuchtet. Wir stapfen zum Einstieg. Je mehr wir uns der Wand nähern, desto gewaltiger bäumt sie sich auf, ja die Gipfelpartie scheint sich sogar über unseren Köpfen vorzuwölben: Dächer und Stufen, die sich himmelwärts auftürmen. Hannes wähnt sich am Bonattipfeiler ( am Druseine mächtige Kletterlust packt uns.

Über einen schmalen Riss in steilem Fels gewinnen wir die markante Verschneidungs-folge. Wir steigen darin zügig höher, bis sie unter einem Überhang endet. Ein paar Schritte nach links erlauben es mir, in ein paralleles System zu wechseln - wie herrlich, Vorgeschichte Das Baltschiedertal bietet sowohl dem Alpinisten wie dem Kletterer eine reiche Auswahl an prächtigen Felstouren. In den vergangenen 20 Jahren bin ich in regelmässigen Abständen immer wieder in dieses in sich abgeschlossene, einmalig schöne Tal zurückgekehrt. Nachdem ich den Stockhorn Südgrat und den Bietschhorn Südostgrat jeweils im Sommer und im Winter begangen hatte, entdeckte ich 1970, im Abstieg vom Lötschentaler Breithorn, die Ostseite des Nördlichen Jägihorns: eine gut 400 Meter hohe, rotgelbe Granitbastion von eindrücklicher Steilheit - unbegangen! 1971 kehrte ich mit Gottlieb Klopfenstein zurück und legte eine Route über den Pfeiler. Schon damals wusste ich, dass ich wiederkehren würde, denn noch lockte die unbestiegene Ostwand.

sich seinen Weg selber suchen zu können! Fast zu rasch bringen wir die nächsten Seillängen hinter uns. Dann steilt sich die Verschneidung auf, ihre Wände werden glatter, bis sie schliesslich in einem Hakenriss ausläuft. Ein dünnes Quarzband erlaubt es mir jedoch, den Felswinkel zu verlassen und auf einem fauteuilähnlichen Absatz den Standplatz herzurichten. Schon ist Hannes zu mir aufgestiegen; Euphorie packt uns. Jeder freut sich, wenn er wieder die Führung für eine Seillänge übernehmen darf. Leichtfüssig überwindet mein Kamerad nun die folgende kompakte Platte, steigt ohne Halt in einem Zug empor und findet sich erneut in einer schönen Verschneidung. Winziger Stand unter fast senkrechten Rissen in gelbrotem Fels.

Während Hannes klettert, prüfe ich jeweils die Rückzugsmöglichkeiten. Bis jetzt ergeben sich diesbezüglich keinerlei Probleme: 6-7 mal gerade hinunter abseilen. Schlingen und Haken haben wir genügend. Immer wieder denke ich jetzt an die Begehung des Ostpfeilers 1971 zurück. Unter einem anfangs noch blauen Himmel kamen wir damals auch schnell voran. Später nahmen aber die Schwierigkeiten in dem Masse zu, wie sich das Wetter verschlechterte, so dass es dann nur noch eine Lösung gab: Hinauf! Ausstieg bei einsetzendem Gewitter, bange Minuten auf dem Gipfelgrat beim Nachsichern. Surren in meinem Helm - ich zerrte an den Seilen, schrie zu Godi hinunter - doch er wollte und wollte nicht auftauchen. Endlich gelangte er in mein Blickfeld, rannte buchstäblich die letzte Länge durch die Verschneidung herauf, warf sich über den Gipfelgrat... zwei Schiffbrüchige - an Land gespült.

Heute droht uns von Seiten des Wetters keine Gefahr. Beim nächsten Stand schweifen meine Augen dafür prüfend nach oben, wo mächtige Überhänge Zweifel an einer günstigen Ausstiegsmöglichkeit offenlassen. Aber noch sind wir nicht soweit. In prächtiger Freikletterei steigen wir höher, Zwischenhaken singen in festem Granit. Am Standplatz tauschen wir jeweils unsere Begeisterung über die prächtigen Kletterstellen aus. Keiner spricht davon, aber beide denken wir es stets wieder: ( Werden wir am Gipfelgrat aussteigen können ?) Nach einer weiteren steilen Seillänge steht Hannes unter dem ersten Überhang: grauer Fels - wenig einladend! Nach rechts beginnend, taste ich mich an einen Riss heran... und finde die Schwachstelle. Zweimal stehe ich in eine Trittleiter, dann erreiche ich eine wunderbare Verschneidung. Stand nach einer Steilstufe. Das war sozusagen das Vorspiel, in der nächsten Seillänge muss nun die Entscheidung fallen. Hannes klettert senkrecht über mir, präzis an jenem Ort, wo wir schon vom Gletscher aus das Fragezeichen setzten. Leider kann ich meinen Kameraden nicht sehen. Ruckweise gleitet das Seil, darin fällt es wieder 1-2 Meter zurück, Hakengeklirr. Einige zögernde Hammerschläge, aber der beruhigende, singende Ton eines tiefer dringenden Hakens lässt sich nicht vernehmen. Also ausnageln, neue Versuche. Der Angriff stockt, die Risse sind geschlossen. Wie ich es hasse, im Ungewissen zu bleiben, was über mir vorgeht! Dann der Entschluss von Hannes: ( Stand! Nachkommen, Besprechen !) Gespannt klettere ich hinauf. Über uns graue Überhänge - das letzte Bollwerk der Wand. Es fehlen 80 Meter zum Gipfelgrat.

Rasch sind wir uns einig. 10 Meter weiter unten quere ich nach links aufwärts an eine steile Kante und finde - oh Wunderdahinter eine gelbe, einladende Verschneidung, die von einem breiten, dachartigen Überhang abgeschlossen wird. Ich suche den besten Durchschlupf, traversiere weiter nach links und stehe nach zwei Schritten künstlicher Kletterei auf einer steilen, kompakten Platte. 40 m über mir der Gipfelgrat! Meine Augen suchen die glatten Felsfluchten ab: Zu steil, als dass ich auf Reibung gehen kann, keine Risse. Oder doch? Ich schiebe mich über dem Überhang nach rechts und erreiche einen versteckten, feinen Riss, der mich in eine Nische hinaufleitet. Ich löse ein Seil, damit Hannes sich 10 m daran herablassen und meiner Fährte folgen kann. Bald darauf erscheint er auf der Platte, neigt fragend den Kopf. Ich deute nach rechts. Ein Lachen huscht über sein Gesicht, er hebt den Arm, ballt die Hand zur Faust: wir wissen beide, es ist geschafft! Ein schöner Riss führt uns auf den Grat. Wolkenburgen türmen sich ums Bietschhorn, aber das Wetter wird uns keinen Streich spielen; wir brauchen uns nicht zu beeilen - diesmal!

-eine Sportkletterroute ( 1984 ) Nachdem wir mit 15-kg-Säcken zur Baltschiederklause aufgestiegen sind, stehen wir am Fusse der Ostwand zwischen Südlichem und Nördlichem Jägihorn. Bereits ist es Nachmittag, und bald wird die Sonne hinter dem Grat verschwinden. Ruedi Büschlen und ich haben einen recht turbulenten Tag hinter uns.

Blick auf das Nördliche Jägihorn Das Nördliche Jägihorn, durch dessen Ostwand wir eine Direktroute legen wollten, hat uns nach 5 Seillängen zurückgeschickt. Zu deutlich waren die Spuren des letztjährigen Felssturzes auf den Platten zu sehen, über die wir uns emporbewegten, zu gross und zu zahlreich auch die badewannenähnlichen Ein-schlagtrichter im Firn am Wandfuss.

Unsere Augen gleiten nun über die breite Felswand - eine neue Linie rechts der Route Blum-Nigg bietet sich an, mit einigen offenen Fragen allerdings. Rasch sind wir uns einig, noch heute einen Anfang zu machen. Etwas zögernd gehe ich die ersten Meter an, gewinne aber zusehends an Vertrauen. Ein dünner Riss im grauen, eisenfesten Granit leitet nach 15 Meter zu kleinen Absätzen, wo sich hinter einer Kante plötzlich eine steile, aber gangbare Verschneidung öffnet. Allerdings endet diese unter schwärzlichen Überhängen. Bei näherem Hinschauen lässt sich jedoch ein feiner, den ganzen Aufschwung durchziehender Riss erkennen. Ruedi steigt bis unter diese dunkle Barriere empor. Hier bietet sich ein schmales Band als idealer Standplatz an. Die ersten 45 Meter haben wir somit geschafft -ein vielversprechender Anfang. Der Felsriegel wird erklettert, und schon kann ich Ruedi freudig zurufen:

Sobald am nächsten Morgen die Sonne den Wandfuss erreicht, steigen wir wieder ein. Rasch ist der gestrige Umkehrpunkt erreicht. Welch genüssliches Klimmen bis hierher, im warmen, lichtüberfluteten Granit! Über Stufen klettere ich höher und gelange an den Fuss einer plattigen Zone. Weit oben zeichnet sich ein neuer Riss ab. Muss ich nun tatsächlich zum Bohrer greifen? Widerwillig hänge ich die Karabiner und den restlichen Ballast an den letzten geschlagenen Haken und beginne, mich behutsam nach oben zu schieben. Ich möchte den Bohrhaken natürlich möglichst weit oben placieren. Da entdecke ich rechts über mir eine kleine Stufe, stemme mich hinauf und finde mich am Beginn eines Risses. Schnell ist das Material geholt und der Riss geklettert. Am Standplatz dringt ein U-Haken in einen Querriss - eine sichere Sache.

Interessiert erkundigt Ruedi sich nach dem Weiterweg. ( Die nächsten 20 Meter sollten gehen, dann ist 's wohl aus, denn eine kleine Verschneidung verliert sich in einer Platte. ) Wenig später scheint Ruedi im rötlichen Granit über meinem Kopf dem Himmel zuzustei- gen. Schritt für Schritt arbeitet er sich höher. Mit Klemmkeilen und Haken seinen Gang absichernd, gewinnt er das Ende der Verschneidung. Hier aber verwehrt eine massive Platte den Zugang zu einer Schuppe, die den Anfang eines Risses bildet. Das sieht aber bös aus! Ich lasse Ruedi zu mir herabgleiten, und wenige Minuten später mühe ich mich ab, ein Loch in das harte Gestein zu meisseln. Nur zu bald sind meine zwei Bohrkronen stumpf und brechen vorzeitig ab; dennoch gelingt es schliesslich, den Haken zu setzen. Nach mehreren Versuchen, teilweise mit Seilzug und Pendeln, kann ich die Schwarte packen und der Rissspur folgend höher steigen. Unvermutet taucht ein dünner Querriss auf, der mich zu einer weiteren Verschneidung führt. Und ebenso überraschend lassen sich die beiden folgenden, sperrenden Überhänge links überklettern. Jetzt - ich vermag es selbst kaum zu fassen - stehe ich auf einer Platte, vor mir eine herrliche Piazschuppe. Daran hochhangelnd erreiche ich ein Band, wo unsere beiden letzten Haken für eine gute Sicherung sorgen. Der Weiterweg ist gegeben: Ein schwach ausgeprägter Pfeiler leitet rechts empor, er verspricht Genusskletterei im fünften Grad.

Unser Entschluss ist rasch gefasst: hinunter und dabei die Standplätze mit guten Bohrhaken versehen. Morgen werden wir vom Gipfelgrat abseilen und die Route beenden! Aber das Wetter? Ein kalter Wind ist aufgekommen und der Himmel hat sich bleigrau verfärbt. Bereits hat ein Wolkenschleier das Breithorn unseren Blicken entzogen. Doch 21/2 Stunden später stehen wir nach getaner Arbeit am Wandfuss.

In der Hütte angelangt, betteln wir 10 Haken zusammen. Am nächsten Tag empfängt uns ein strahlender Morgen. Und bald schon turnen wir mehrheitlich seilfrei über den SO-Grat auf das Südliche Jägihorn. Von hier führt ein leichter Blockgrat gegen das Nördliche Jägihorn und zum vermuteten Ausstieg. Beim Abseilen zu unserem gestrigen Umkehrpunkt bestätigen sich meine schönsten Hoffnungen: prächtige Platten und Risse vermitteln den Weiterweg. In Euphorie klettern wir unsere Route fertig.

Die Rast am Gipfelgrat bietet ein eindrückliches Panorama. Blickfang ist unbestritten das Südliches Jägihorn, Westwand-pfeiler ( 1978 ). Im oberen Quergang Bietschhorn, der König der Region. Wir harren und sinnieren. Nochmals gehe ich in Gedanken unsere Route durch, klettere wiederum Seillänge um Seillänge, erlebe intensiv all die Momente der Ungewissheit; jene Augenblicke, wo sich kein Weiterweg mehr anzubieten schien. Und zunehmend deutlicher wird mir bewusst, dass wir grosses Glück hatten, immer wieder einen gangbaren Durchschlupf zu finden. Es kommt mir vor, als hätten wir einen Schlüssel besessen, der uns alle verschlossenen Türen öffnen liess, einen Passepartout )...

Allgemeine Informationen Ausgangspunkt für die Touren im Baltschiedertal ist die Baltschiederklause, 2783 m, SAC Blümlisalp, bewartet von Ende Juni bis anfangs September. Sie ist von Ausserberg ( über einen landschaftlich sehr abwechslungsreichen Hüttenweg ) in 5 Std. erreichbar.

Als Ausgangspunkt für den Stockhorn S-Grat dient das Stockhornbiwak, 2598 m, 4 Std. von Ausserberg Führer:Vg\. Berner Alpen, Bd. Ill, LK 1:25000, Blatt 1268, Lötschental.

Eine Auswahl der lohnendsten Touren:

Bietschhorn, 3934 m, N-Grat ( Firntour ); SO-Grat ( Fels, 4.

Nördliches Jägihorn, 3509 m, O-Wand und O-Pfeiler ( beide Fels, V+, A1 ).

Südliches Jägihorn, 3406 m, SW-Wandpfeiler ( Fels, 6SO-Grat ( Fels, 3-4 ); P.3151 des SO-Grates über seine Ost-Rippen, 3 Routen ( Fels, 4 ).

Gredetschhorli, 3646 m, W-Wand ( Kämpfer ), ( Fels, 6 ).

Zwischen Südlichem und Nördlichem Jägihorn, Ostwand, ( Passepartout ) ( Sportkletterroute, Fels, 6.

Lötschentaler Breithorn, 3784 m, S-Grat ( Fels, 3-4; eine kurze Stelle 5 ).

Stockhorn, 3211 m, S-Grat ( Fels, 5 bis 5.

Nördliches Jägihorn, Ost-Pfeiler

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