Engelhörner und Dolomiten

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

Von Wolfgang Schwab.

I. Die Engelhörner.

Wo der gleissende Strom des Rosenlauigletschers verebbt, türmt sich eine wilde Welt kühner Zacken und Gipfel in den Äther: die Engelhörner. Im Nordosten dem Meiringer Talboden entspringend, wird die Gruppe nördlich vom lieblichen Rosenlauital umsäumt. Vom Urbachtal, von Süden her, schauen wir sie in glatten, mächtigen Wänden von 2000 Meter Höhe.

Die Formation der Engelhörner ist durchwegs Kalk. Nur die Gipfelpartie des Gross Gstellihorns ist aus Gneis gebildet, der schon durch seine schillernde, braungoldne Farbe auffällt. Infolge der nach Nordwesten einfallenden Schichten nehmen die Gipfel vielfach eine nach Süden und Südosten geneigte Stellung ein. Die Nord- und Westflanken sind zumeist aus glatten und plattigen Wänden gebildet, während die Süd- und Ostseiten aus steileren Abbrüchen mit vorstehenden Schichtköpfen bestehen, die für den Kletterer die besten Anstiege bieten. Die fünffach gegliederte Gruppe, 6 km lang, umfasst etwa 30 Gipfel und birgt inmitten ihrer Wände einen stillen Felsenkessel, das Ochsental. Die schlichte Engelhornhütte an seinem Eingang ist von Meiringen oder der Grossen Scheidegg in wenig Stunden zu erreichen. Alpenrosen und Enzianen säumen den Hüttenweg in Fülle. Die 2300 bis 2800 Meter hohen Gipfel gelten als Gebiet par excellence für beherzte Kletterer. Ja, das sind sie, ein Klettergarten ohnegleichen.

Die Simelistöcke.

Ein Bruderpaar, der Grosse und der Kleine. Als wir zum erstenmal im Ochsental standen, blieb unser Blick an der scharfen und kühnen Nadel haften, die am Simelisattel in die Luft stiess — dem Grossen Simelistock. Und schon erkannten wir des Gipfels Eigenart und Eigenwilligkeit in einem Ausmass, wie es keinem andern Engelhorngipfel zu eigen ist. Sein Anblick brannte in unsere Seele. Der Aufstieg liess Flammen der Begeisterung in uns lodern. Überhängender Wulst am Absturz zum Tenn war der Schlüssel der Ersteigung. Nur die Fingerspitzen fanden Halt. Nachher lernten wir in einem schiefen Riss die Vorteile unserer schlanken Linie schätzen. In der obersten Plattenwand hatte die Laune der Natur ein Band geschaffen, das uns gerade auf den Gipfel führt. Unsere Augen leuchten. Wir wissen, dass wir von den Engelhörnern nicht mehr lassen können. Von weit her drang das verlorene Geläute einer Herde zu uns herauf. In flotter Abseilfahrt durch den Macdonaldkamin, der die ganze Südflanke durchreisst, glitten wir glückhaften Sinnes zur Tiefe.

Neue Genüsse harrten unser bei einer Überkletterung. Zuerst mussten wir auf den Kleinen Simelistock. Auch er hat seine Reize, einen schiefen Hangelgrat, ein Reitgrätchen. Am Schluss überlisten wir den obersten Gratkopf auf schmalem Sims und schauen dann plötzlich den Grossen Simelistock: unheimlich wild und wie aus einem einzigen Guss seine Nordwand.

Hart und scharf schneiden ihre Kanten ins Leere und erhöhen den abweisenden, dämonischen Eindruck. Flimmernde Strahlen umgaukeln den Berg. An seine Westkante führt ein langer, schmaler Grat. Über brutalen Absatz tauchen wir in bergenden Spalt. Die lotrechte Westwand duldet schmales, horizontales Band an sich, das wir bis zu einem Felskopf verfolgen. Dann kleben wir über dem Band — unter uns nichts als Luft — an abwärts geschichtetem Felszug. Eine hohe, glatte Platte im Südwestgrat, die keine Griffe hat, ist die nächste Pièce de résistance. Uns streckend können wir winzige Zacken über der Platte umkrallen und mit einem schiefen Klimmzug eine Leiste hinter der Platte erwischen. Aus kühlem Kamin klettern wir durch breite Rinne direkt auf den Westgrat und schauen nun die riesige, pralle Nordwand unter uns. Der Grat bleibt luftig und scharf bis zum Gipfel. Der Berg schirmte mich und schwieg.

Der Kingspitz.

Seine stolze Gestalt und den triumphierenden Aufschwung verleiht ihm seine Ostwand, die mauerglatt und lotrecht 600 Meter tief ins Ochsental abstürzt. Vom Ochsental waren wir über wilde, abenteuerliche Wand direkt zum Teufelsjoch aufgestiegen. Jener verjüngende Morgenglanz, der die Kletterlust so anregt, lag über dem Fels, dem unsere Gedanken gehörten. Nun, vom Teufelsjoch schauten wir in der gegliederteren Kingspitz-Südflanke langen, dunklen Riss, scheinbar ohne Ende. Durch lichtscheuen Felsspalt und Kriechband erreichen wir seine Basis. Anfangs so eng, dass wir kaum einen Fuss hineinpressen können, wird er nachher fast zu breit. Nebel schwebten mitunter ziellos um die Hörner und schufen Bilder unwahrscheinlicher Art. Dem Ansturm der Wände entronnen, hocken wir entspannten Gemüts dicht unterm Westgrat an der Sonne. Über ihn betreten wir um Mittag den Gipfel. Gipfelglück zweifacher Art schenkte er uns, träumerisches Geniessen und glückhafte Gehobenheit. Das Schönste in der Rundschau: in staunend hohem Aufbau die kühnen Türme der Mittelgruppe. Als Einzel-punkt in der Ferne mahnen uns die Lobhörner, dass auch sie uns glückliche Stunden schenkten.

Durch rotgelbe Rinne der Nordwand steigen wir zum grossen Couloir ab, das der Kingspitz sein eigen nennt. Geformt wie eine Wanne, spiegelglatt und silbern leuchtend, sieht es aus, als sei ein mächtiger Wassersturz mitten im Flusse erstarrt. Hart am linken Rand kommen wir tiefer, müssen schliesslich an einigen Aushöhlungen mitten ins Couloir hinein. An einem natürlichen Felsring — er ist gerade da, wo man ihn braucht — seilen wir uns ab, bis wir über ein Band ans jenseitige Ufer queren können. Als wir dann durch einen steilen Riss absteigen, sehen wir vom ganzen prächtigen Couloir nichts mehr.

Der Froschkopf.

Von einem Sättelein unterm Kingspitzwestgrat sehen wir plötzlich über tiefer Schlucht ein steinernes Ungetüm. Seine schreckhafte Gestalt löst Grauen, Staunen, Bewunderung in uns aus. Der Froschkopf ist 's. Nach Querung der Schlucht wuchtet er in nun plattgedrückter Gestalt dicht vor uns auf. Inmitten seiner Nordwand suchen wir unseren Weg. Nach einer schlechtgriffigen Wandstelle geraten wir auf ein schräg ansteigendes Band, wo hinter einer Ecke ein Spalt klafft. Von dessen oberem Ende klettern wir über etwas überhängende Wand an spärlichen Griffen direkt auf den Westgrat. Lotrecht schoss die Südwand unseres Berges direkt am Grat zur Tiefe. Die dachziegelförmige Struktur der Platten der Nordflanke verleiht dem Berg eigentümlichen Beiz, ja es scheint, als schwebe unser Grat frei und ungebunden über der Wand. Als ungeheure Plattenflucht wirft sich der Gipfel nach oben. Tiefe und scharfe Scharte am Ende des Westgrats mussten wir überturnen, bevor wir ihn betraten. Volle Hingabe verlangte der Berg, liess uns aber Eindrücke dämonischer Art kosten, die ganz zu erfassen unsere Seele stark sein musste.

Drohender Wettersturz zwang zum sofortigen Abstieg. Nun bleiben wir lange auf dem Westgrat, der üblichen Boute, stemmen uns durch einen Biss hinab, der ins Leere mündet. Als es in Strömen giesst, sind wir eben dabei, uns über eine steile Platte von 12 Meter Höhe abzuseilen. Jetzt können wir den Grat verlassen und über rotbraune Felsstufen der Nordwand absteigen. Der Froschkopf ist fertig.

Die Mittelgruppe.

Zwischen dem Gemsen- und dem Simelisattel sind die Grate und Gipfel der Mittelgruppe so bizarr gestaltet, dass ihre Überschreitung zu den besonderen Delikatessen des Kletterers gehört. Vom Einstieg im Ochsental kamen wir durch Couloir, Bänder und Plattenschüsse, zuletzt durch einen Kamin hinauf zum Gemsensattel, wo die « eigentliche » Kletterei beginnen sollte. Die Gemsenspitze, der erste Gipfel der Mittelgruppe, ist rasch über gute Stufen und Bänder erreicht. Urplötzlich sehen wir alle Türme in ihrer richtigen Gestalt vor uns, überall herrscht die senkrechte Linie, die Wände sind glatt und prall, die Grate ausgesetzt. Trümmer wahllosen Wütens gigantischer Schwerter? Doch scheint jeder Turm aufs feinste ausmodelliert, und so gesellt sich besondere Schönheit zur wilden Gebärde.

Gerade vor uns wuchtet das Klein Engelhorn auf. Luft und Abgrund säumen den verwegenen Grat, der zum Gipfel zieht. Er ist der Grat der Gräte im Engelhornreich. Weiter oben mussten wir zierliche Zacken über dem Absturz zum Urbachtal überturnen, ehe wir das Gipfelplateau betreten konnten.

Nach der leckerhaften Kletterei erfüllt uns Drang nach mehr. Willig legt sich unsere hanfene Schlange um den Abseilzacken in der Nordwand. Die Mittelspitze vor uns gleicht einer dreistufigen Biesentreppe.Von schmaler Leiste der Mittelstufe führt der Weg über vorspringenden Fels zur oberen. Der Gipfel trägt ein steinernes Kirchlein.

Die Ulrichspitze ist der nächste Gipfel und geformt wie ein ungeheurer Quader. Die uns zugewandte Schmalseite wird von einem Kamin durchrissen. Ihn stemmen wir uns hinauf. Dann stürmen wir über Absätze der freien Wand zum Gipfel. Jetzt gönnen wir uns Bast. Stahlblauer Himmel wölbte sich über dem Schweigen der Berge. Leise und sacht tönt die Musik der Sphären an unser Ohr, Klänge von wundersamer, duftender Zartheit, sanft kommend und verrauschend. Auf schmalem Gipfel zeitlose Rast.

Im glühenden Mittag gleisst silbergrau der nächste Turm unserer Traverse, die Gertrudspitze. Über messerscharfen Grat kommen wir an den brenzlichen Überhang ihrer Südwand. Unter ihm ausgeneigt ein Bändchen querend, ergreifen wir in Schulterhöhe einen rotbraunen, dreieckigen Felszacken, der die Rettung bringt. An spärlichsten Griffen winden wir uns empor auf erlösende Terrasse. Die Spannung ist von uns gewichen. Vergnügt stemmen wir uns ein Kamin hinauf, queren die Ostwand schräg aufwärts, und « Trudy » ist unser. Wir entschweben ihr über die glatte Plattenflucht im Norden.

Der nun folgende, letzte Gipfel der Mittelgruppe ist recht gutmütig. Ein Stück Wand und ein Grätchen, und schon sitzen wir nebeneinander auf dem ins Ochsental vorgeschobenen Gipfel der Vorderspitze. Die Gemsenspitze erscheint nun als spitzes Horn. Unbändig wild starren die Türme, deren Geheimnis uns heute erschlossen wurde. Körper und Seele bebten von köstlicher Tat und der Tiefe des Erlebens.

II. Die Dolomiten.

In vielen hundert Gipfeln, von 2400 bis 3000 Meter Höhe, türmen sie sich östlich der Etsch und der Eisack und sind das Dorado der Felskletterer. Ohne Auto ist aber eine Dolomitenfahrt nicht denkbar. Die vielfach gewundenen Dolomitenstrassen führen hoch hinauf und tief hinab und erschliessen alle Schönheiten der Landschaft zwischen Bozen und Cortina, zwischen Sexten und San Martino.

Die Dolomiten bestehen vorwiegend aus jenen Gesteinsmassen, die im Ausgang der Muschelkalkzeit entstanden und dem Forscher Dolomieu zu Ehren « Dolomit » genannt wurden. Gemeinsam mit den Engelhörnern besitzen sie also das Baumaterial, den Kalk. Ganz verschieden aber von den Engelhörnern sind sie durch ihre Schichtung. Sie sind geradezu beherrscht von wagrechten Linien, was besonders an schlanken und steilen Türmen — wagrechte, ebene Bänder, ganz wagrechte Stufen und Trittpunkte — erhöhte Sicherheit für den Kletterer bedeutet. Die horizontale Linienführung hat blockförmige Berggestalten herausgebildet, die sich starr, jäh und unvermittelt aus welligen, weichen und saftgrünen Matten und dunklen Wäldern emporrecken. Dieser Gegensatz schuf die besondere Schönheit des Landschaftsbildes in den Dolomiten.

Die Croda da Lago.

Das Ampezzotal, in dem Cortina mit vielen kleinen Gemeinden eingebettet liegt, wird von stattlichem Felskranz umschlossen. Neben himmelstürmenden Felspalästen, die alle nur aus Wänden zu bestehen scheinen, behaupten sich schlanke Türme und zerschartete Gräte, und gerade diese Gegensätze der Formen verleihen dem Landschaftsbild ein so zauberhaftes Antlitz.

Im Lago da Lago, neben dem Rifugio, spiegelt sich die Croda da Lago. Sie ist unser Ziel, und über gerölligen Pfad steigen wir zu einem Sattel überm CENTRAL-COMITE DES S.A.C. 1932/1934 IN BADEN Dr. F. Funk Dr. J. WeberW. DiethelmW. Wullschleger H. Ott W. Grob Versicherungen RettungswesenHütten, SommerkurseCentralkassier JugendorganisationVizepräsident, Führerwesen Dr. H. RaschleDr. F. Gugler E. Kaysei Dr. R. Keller PublikationenCentralpräsident Centralsekretär Winterkurse See empor. Dort recken sich zwei schroffe Türme. Der eine ist der Campanile di Federa, der andere die Croda. Turmhoch wuchtet der schweigende Fels und wirft lastende Lockung über uns. Der hellgraue Kalk leuchtet. Als scharfe Kante erscheint der Croda-Nordgrat, von nahe besehen wird er zu schmaler Flanke. Mancherlei Überraschung birgt sie. Bänder wechseln mit Wandstufen und kleinen Terrassen, guter Stand mit griffarmem Fels. Einmal zwängt uns enger Spalt in die jähe Ostwand hinaus, schiefe Rinne führt uns zum Nordgrat zurück. Immer wenn wir glaubten, bald am Gipfel zu sein, türmte sich neue Wand über uns. Croda, spielst du mit uns? In engem, senkrechtem Riss, teils im schweren Fels daneben klimmen wir ungeduldig höher und stehen dann urplötzlich — hoheiauf dem Gipfel. Er ist gespalten und trägt zwei Türmchen, die sein Wahrzeichen sind. Bald sind sie unser eigener Thron. Das Herz voll Kletterfreude schauen wir in ewige Werke.

Die Drei Zinnen.

Hoch überm heiteren Misurinasee ragen zwei gewaltige Zwillingspyra-miden. Sie tragen dunkles Gewand mit schneeweissen Gürteln aus Kalk-sand. Neben ihnen lugt ein kleinerer, schlanker Turm hervor. Die Drei Zinnen sind 's.

Die Grosse Zinne wies uns eine Felsentreppe von riesigem Ausmass, einen glatten Stemmkamin von 20 Meter Höhe. Wir bestaunen den rotbraunen, schlanken Leib der Kleinen Zinne, der mit schwarzen, horizontalen Streifen geziert ist. Dann steigen wir über Stufen und Bänder im unteren Teil der uns zugewandten Südwestwand der Kleinen Zinne empor, seilen uns auf einer Terrasse an, nachdem wir die Nagelschuhe mit den Kletterfinken vertauscht. Durch ein paar Rinnen klettern wir zu jener höhlenartigen Nische, wo das lange Band ansetzt, das den Schlüssel zur Besteigung bildet. Nach einer exponierten Ecke kriechen wir ein Stück weit unter sich wölbendem Fels, beschreiten das Band bis zu einem Winkel mit Haken. Nun besteht es nur noch aus horizontalen Tritten an der senkrecht abfallenden Wand, dann ist wieder ein Winkel da, der eine gute Sicherung erlaubt. Sehr exponiert müssen wir nun — zuerst ein langer Spreizschritt an wenig griffiger Wand — auf den Vorbau nach links hinaus, kommen durch einen Kamin auf die Terrasse darüber. Gute Stufen und Risse führen uns nun wieder nach rechts auf die grosse Schulter unseres Berges. Jetzt stehen wir dicht vorm Gipfelturm, erreichen durch eine Rinne gerade den Absatz, wo der Zsigmondykamin ansetzt, den wir schon lange beliebäugelt. In ihm klettern wir wenige Meter bis zu seinem Überhang empor. Die rechte Hand an einem Haken in der Höhlung neben dem Wulst, finden wir an ihm selbst ein Trittchen für den linken Fuss. So schwingen wir uns auf den Überhang, fassen sofort einen guten Griff über ihm. Nun führt der Kamin in guten Stufen direkt aufs längliche Gipfelplateau. Seit dem Einstieg ist eine gute Stunde vergangen.

Die Grosse Zinne, uns zunächst, erschien als grosse, gelbe Wand, auf der sich scharf der Schatten der Kleinen abzeichnet. Zu den Hohen Tauern schauen wir, in die Sextener Berge. Hinter der Croda da Lago ist gerade noch die Marmolata zu sehen.

Beim Abstieg seilen wir uns über den Überhang des Kamins ab bis auf seinen Grund, klettern dann hurtig über den Vorbau herab. Ein langer Schritt überm « Nichts », und wir stehen am langen Band. Fröhlich und guter Dinge queren wir es bis zur Nische, stören dann unsere Nagelschuhe in ihrer phlegmatischen Ruhe. Als wir um die Kante der Grossen Zinne schreiten, ist von der Kleinen schon nichts mehr zu sehen.

Die Fünffingerspitze.

Vom Pordoijoch bot sich uns der schönste Blick auf die Langkofelgruppe mit ihren so verschiedenartigen Gebilden. Gross und massig erscheint der Langkofel, wuchtig die Grohmannspitze. Dazwischen aber das zierlichste und eleganteste Gebilde der ganzen Gruppe, die Fünffingerspitze. Meisterhaft formte die Künstlerhand der Natur: der Kleine Finger, der Ringfinger, der breitere Mittelfinger — der Gipfel —, der schlanke Zeigefinger und etwas tiefer, dem Daumenballen aufgesetzt, der Daumen. Der ganze Bau ist mit Kaminen und Scharten durchsetzt und dem Kletterer verlockendes Ziel.

Vom Sellajoch aus steigen wir auf dem Pfad zum Langkofeljoch an, bis wir der Schönen auf Seillänge nahegekommen. Nun queren wir unter ihrer Südwand bis in die breite, schneeerfüllte Schlucht, die sich zur Daumenscharte, zwischen Daumen und Zeigefinger, hinaufzieht. Der Einstieg beginnt an einem Kamin ihrer östlichen Begrenzungswand, der unten etwas überhängt. Aus dem Kamin steigen wir auf ein langes, ansteigendes Band, auf dem wir die Wand bis zum Grat queren, der als obere Begrenzungslinie des Daumen-ballens zum Daumen hinaufzieht. Zuoberst queren wir auf schmalem Band — Gesims einmal — unter dem Daumen in die Daumenscharte, die noch tief im Schnee steckt. Senkrecht wuchtet vor uns die Ostwand des Zeigefingers, noch ist der Fels vielfach vereist. Gerade da mussten wir 30 Meter hinauf. Wir verbeissen uns mit dem Fels. Eckige Griffchen und kleine Nischen begrüssten wir freudig. Breite Heerstrasse dünkt uns das Band über der Wand, wo wir einen Ringhaken antreffen. Es nördlich verfolgend erreichen wir durch eine Rinne den Nordgrat des Zeigefingers. Nun auf der Nordseite unseres Berges, schauen wir tief unten das winterlich anmutende Langkofelkar und hinein in die gewaltig ausgedehnte Wand des Langkofels, die man vom Pordoi aus nicht einmal ahnt. Einen Überhang mit Klimmzug überwältigend, kletterten wir die stotzige Gratkante hinauf. Wo der Grat in den zur Säule gewordenen Zeigefinger übergeht, verliessen wir ihn über bandartigen Fels nach rechts, in die steile Eisrinne hinein, die von der Scharte zwischen Zeige- und Mittelfinger herabzieht. Ein Eisenstift erlaubt gute Sicherung. Ohne stählerne Wehr schaffen wir uns durch Spreizen und Stemmen an Tritten links und rechts im Gefels höher. Das kalte Spiel endet in der Zeige-fingerscharte, wo uns wieder die Sonne begrüsst. In der Mittelfinger-Ostwand klettern wir eine Seillänge herauf, steigen vom Band darüber durchs Fensterl, das wir schon vor dem Einstieg als kleinen weissen Kreis gesichtet. Gute Stufen führen uns direkt auf den Gipfel.

Der Langkofel trug noch eine dicke Schneehaube, denn zwei Tage zuvor war Neuschnee gefallen, der auf den grauen Türmen wie Zucker glänzte und in Verbindung mit dem sommerlichen Gelände und dem lichten Bergwald ein Bild besondrer Schönheit prägte. Hinter breiten Wolkenbänken sah die Palagruppe hervor.

Abstieg. In der Eisrinne seilt sich der Hintermann kurzerhand ab. Später schweben wir an der Zeigefinger-Ostwand mühelos am Seil herab, ziehen es in der Daumenscharte ein. Noch im Schatten queren wir sorgsam das Band unterm Daumen. Aus dem fast düsteren Ernst der Nordseite traten wir auf den sonnenüberströmten Grat überm Daumenballen heraus. Die frohmütige, heitere Region um den Sellapass zieht uns mächtig an. Vor 1 Uhr mittags legen wir am Ausstieg die Bergschuhe an und flitzen im Hui den Schneehang herab, bis uns grüne Matten aufnehmen. Noch vermeinen wir, mit Leib und Seele am Berge zu haften. Um uns duftet bunte Blumenpracht, und in den flimmernden Mittag klingt das Geläute weidender Kühe.

Die Vajolettürme.

Wo in sagenhafter Zeit ein Zaubergarten mit duftenden Rosen stand, träumt nun einsame, stille Mulde, das « Gartl ». Es verdankt heute seine Berühmtheit den wunderbaren Felstürmen, die es säumen und die es ihresgleichen nirgends mehr in den Dolomiten gibt. Der wundersame Zauber aber ist geblieben und belebt die Türme mit seltsamer Lockung.

Schon unterhalb des Gartls, von der Vajolethütte aufsteigend, sahen wir, wie der Winklerturm in einer Kurve ansetzt, die nach schwachem Anlauf unerhört steil in den Himmel schiesst und so den wunderbaren Aufbau schafft. Einmal im Gartl selbst schauen wir das ganze Wunder: gross und still ragen nebeneinander drei schlanke Türme, unerhört kühn geformt, faszinierend durch die Schönheit und Erhabenheit ihrer Erscheinung. Die drei südlichen Vajolettürme sind 's.

Rasch bargen wir die Nagelschuhe. Unbändige Kletterlust fasste uns. Wir queren angeseilt die Wand des Stabeierturms bis zur Schlucht zwischen ihm und dem Winklerturm, klettern dann gerade auf das Winklerband hinauf. Es bricht plötzlich ab, und wir tasten uns um eine sehr exponierte Ecke herum auf eine kleine Terrasse. Hier setzt der Winklerriss an, senkrecht, fast grifflos, abwärts geschichtet. Wir sind gut disponiert und bei frischen Kräften. Die ersten paar Meter klettern wir in der gelben Wand rechts des Risses empor bis zu einem Haken, wo wir Seil und Karabiner einhängen. Dann geht 's hinein in den verteufelten Riss. Er verlangte härteste Arbeit und fortwährendes Verstemmen. An die rüttelnde Tiefe kommt uns kein Gedanke, denn all unser Sinnen ist darauf gerichtet, Zoll um Zoll über den Überhang des Risses höher zu kommen. Nachher geht 's leichter. Der Kamin wird gestufter und mündet auf ein Plätzchen, wo wir ausschnaufen können. Weiter ein paar senkrechte Kamine, kleine Ruheplätzchen dazwischen. Der Überhang des obersten Kamins erschien uns nach dem Winklerriss nicht mehr so schwierig. Wir landen in einer Gratscharte auf ebener Terrasse. In einer Art Verschneidung des äusserst steilen Ostgrats klettern wir empor. Zuoberst ein Spreizschritt auf die Gipfelplatte des Winklerturms.

Der Stabelerturm uns zunächst erscheint als silberne Säule, die von einem Märchentempel geblieben. Nichts ist um uns als Luft. Wir sind auf unzugänglich scheinender Warte, fühlen uns losgelöst von allem Irdischen. Fast wissen wir selbst nicht, wie wir hier heraufgekommen.

Zum nächsten Turm! Über die Verschneidung im Grat seilen wir uns direkt auf die Terrasse ab. Hoch über der Abgrundtiefe des Purgametschtales queren wir nun auf schmalem Band in die Nordseite hinaus. Als wir die Nordwand fast gequert, wird das Band zu schmalem Gesims, über das wir in die Westwand des Winklerturms schreiten. Dort steigen wir in einer seichten Rinne etwas ab und seilen uns dann seligen Herzens 20 Meter tief ab, bis wir auf eine Felsplatte überspreizen können, die am Stabeier herausragt und guten Stand bietet. Flugs schnellen wir das Seil vom Winkler ab und klettern, nun am Stabeier, gerade der Abseilstelle gegenüber einen 30 Meter langen Kamin herauf, der mit einem etwas heiklen Überhang begann. Wir landen auf einer Terrasse unter dem braunroten Stabeierostgrat. Durch engen Spalt schlüpfen wir unter dem Grat durch auf ein schmales Band, das uns nun den Blick ins Gartl hinunter zu Gemüte führt. Wo es endet, setzt ein Kamin ein, durch den wir weiter müssen. Mit der Ausgesetztheit sind wir schon lange vertraut, ja, wir möchten sie nicht mehr missen, denn sie gehört zum ureigensten Wesen der Vajolettürme. Der Kamin mündet in eine Scharte vor dem Gipfel. Noch die 8 Meter hohe, nicht leichte Schlusswand, dann betreten wir die Gipfelfläche des Stabeierturms.

Wie Riffe tauchen alle drei Türme in die Luft. Schwarze Vögel schiessen pfeilschnell vorüber und thronen dann unbeweglich auf einsamem Söller.

Nun schauten wir auch den dritten, den Delagoturm, den « Pichlriss », der ihn spaltet und der uns noch zu tun geben sollte.Von der Scharte unterm Gipfel stiegen wir durch einen senkrechten Kamin direkt ab auf ein Band, das — analog dem Winklerband, welch prächtige Laune der Naturdie ganze Nordseite des Stabeierturms durchzog und uns in die Delagoscharte brachte. Auch hier liegt am Delagoturm eine ebene Platte heraus, auf die wir sofort übertreten. Rasch klettern wir die exponierte, doch gutgriffige Ostwand des Delagoturms empor bis zu einem guten Standplatz unterhalb des Pichlrisses. Erwartungsvoll gehen wir ihn an. Zuerst mussten wir äusserst exponiert um seine linke Kante herum. Die paar Griffe und Tritte, die man findet, sind jedoch sehr gut, und es erschien uns sehr reizvoll, in die flimmernde Tiefe des Purgametschtales zu schauen, während wir am Fels verklammert sind. So etwas gibt 's nicht alle Tage. Dann klommen wir rittlings die Rippe hinauf und landen auf einem Vorbau, über den der Riss überhängt. Jetzt müssen wir wohl oder übel hinein. Das Gesicht gegen den Stabeier gewandt, die rechten Gliedmassen — nicht zu tief — im Riss verstemmend, klimmzügele ich mit der Unken Hand am Rand des Risses empor, mit dem linken Fuss irgendwo ein Stück Fels zum Abstemmen ertastend. Als ich einmal mit der linken Hand ob des Überhangs, wo der Riss umbiegt, einen guten Griff erwischt, ist das Ärgste getan. Dann geht 's am Rande des nun den ganzen Gipfel spaltenden Risses empor, die rechte Körperhälfte im Riss. Aus der Mündung des Schlundes tauchen wir auf den schmalen Gipfel des Delagoturms, wo wir uns die Hände drücken. Nun ist uns der Winklerturm durch den Stabeier verdeckt. Das tiefgrüne Auge des Gartlseeleins glänzt zu uns herauf.

Der Abstieg vom Delagoturm ist die schönste Abseilfahrt, die man sich denken kann. Vom Gipfel westlich über einige Absätze umbiegend, stehen wir gleich an der ersten Abseilstelle. Jede besitzt einen guten Zacken oder einen Ringhaken. Nichts muss man tun als das Seil abschnallen und wieder einhängen. Die zwei obersten Abseilstellen sind recht exponiert und führen durch den seichten Kamin, der die Südwand des Delagoturms durchreisst. Dann landen wir auf einem schönen Band, das gerade zwischen Delagoturm und Stabelerturm führt. Nun sind die beiden Türme durch einen 90 Meter hohen, senkrechten Kamin verbunden, in dem der weitere Abstieg vor sich geht. Uns leicht an den Kaminwänden abstemmend, gondeln wir tiefer und tiefer. Nach fünfmaligem Abseilen, viermal 30 und einmal 15 Meter, lösen wir uns vom Berg. Die Überkletterung der drei südlichen Vajolettürme ist vollendet, ein kostbares Erlebnis liegt hinter uns.

Reichlich spendeten die Türme, was wir uns wünschten. Immer sind sie, bei aller Eleganz und Schlankheit, von grandioser Form, immer erscheinen sie als fabelhafte Märchengebilde, als ein grosses Wunder.

Am Abend schauten wir die Türme leuchten in rosenroter, goldener Glut. Die scheidende Sonne schuf diesen Zauber, der den Dolomiten eigen ist. Das sind die Farben von Vajolet: silberweiss am strahlenden Mittag, schwarzdunkel bei Unwetter, rotgolden an der Neige des Tages.

Feedback