Erinnerungen an die Ormonts: Die Traversierung der drei T in den Waadtländer Voralpen

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Michel Ziegenhagen, Lausanne

Blick von der Tête aux Chamois auf die drei höchsten Gipfel, die als die drei T bezeichet werden ( von links nach rechts: Châtillon, Tarent, Para ) Bewohner gebirgiger Länder verhalten sich ihren eigenen Gipfeln gegenüber in der Regel ziemlich gleichgültig, so als schlösse deren geringe Entfernung ein grosses Interesse aus. Das gilt besonders für uns Schweizer; eine Tatsache, die schon manchen Beobachter überrascht hat, obgleich es im Fall der eigentlichen Bergbevölkerung durchaus verständlich ist. Wer im Gebirge lebt, ist durch seine tägliche Arbeit häufig gezwungen, in die Höhe zu ziehen, und empfindet kaum das Bedürfnis nach besonderen Aufstiegen. Am Wochenende Gipfel zu besteigen, ist das nicht nur etwas für Städter, die durch ihre sitzende und mechanisierte Lebensweise deprimiert sind?

Auch die Bewohner der Ormonts bilden hier keine Ausnahme von der Regel. Dennoch habe ich aus den sieben Jahren meiner frühesten Jugend, die ich in nahezu vollkommenem Glück in den Ormonts verbracht habe, die Erinnerung daran bewahrt, dass einige Nachbarn ein- oder zweimal im Jahr auszogen, um einen nahen Berg zu besteigen. Um eine weiterreichende Sicht zu erlangen? Um von oben auf das Zuhause zu schauen und sich so für eine Weile der erdrückenden Gewalt der Gipfel zu entziehen? Oder ohne jeden bestimmten Grund, womit sie Alpinisten im Sinn von Mummery, also eigentliche der Berge geworden wären? Tatsächlich habe ich das niemals ergründen können, denn sie sprachen selten über ihre Unternehmungen, doch das wenige, was sie sagten, zeugte von tiefer Freude und einer von Ernst geprägten inneren Bewegung.

Meine Familie lebte in dem Weiler Cergnat nahe bei Le Sépey, an der Strasse nach Leysin. Sie bewohnte dort das prächtige Chalet ( Les Glycines ), ganz in der Nähe der steinernen, in einem im Chablais verbreiteten Stil erbauten alten Bergkirche. Glyzinien hatten tatsächlich die Fassade des Chalets überrankt und rahmten prachtvoll Veranden und Balkons. Grosse Flächen mit Pfingstrosen und Iris vervollständigten auf ebener Erde diese Blumenpracht, die von der Strasse durch eine Tannenhecke und einen Brunnen getrennt war. Im Winter schlugen wir das Eis vom Brunnenrohr, um an das unentbehrliche Nass zu kommen.

Von diesem idyllischen Ort fällt der Blick auf zwei markante Berggestalten: auf den Chamossaire im Süden, der durch seine gedrungene Form an einen ruhenden Elefanten erinnert; auf den Pic Chaussy im Osten, dessen elegante Pyramide sich mit dem bewaldeten Kamm von Champs zu einem vollkommenen Anblick vereinigt.

Wie viele seiner Kollegen war der Pastor ein begeisterter Alpinist, ein Fachmann für Schrofengelände und beim Aufstieg über Firnfelder. Voller Enthusiasmus forderte er meinen Vater auf, die Dents du Midi, genauer die Cime de l' Est, zu besteigen. Diesem ersten Unternehmen folgten keine weiteren, denn der Neuling war eigentlich schon immer der Meinung gewesen, die Berge seien am schönsten, wenn man sie von unten betrachtet. Wer je den Montblanc von der Umgebung von Chamonix aus oder die Jungfrau von Interlaken bewundert hat, wird ihm Recht geben müssen. Mir ist darum nie klar geworden, warum er mich eines Tages auf den Pic Chaussy mitgenommen hat.

Zu jener Zeit - ich war vielleicht 15 Jahre alt - wäre noch niemand auf die Idee gekommen, der Pic Chaussy könne ein Touristenziel werden. Der Aufstieg über den Lac Lioson war ein hübscher Alpspaziergang. Heute ist der Weg mit den wenig erfreulichen Pylonen der Seilbahn geschmückt, die für die Pistenfahrer unentbehrlich ist. Doch der Rest der Kette ist unberührt geblieben: Grasbewachsene Gipfel wirken stellenweise abweisend und fordern ( einen sicheren Fuss und einen langen Pickel, um einen Ausdruck von Maurice Brandt aufzunehmen, der in seinem kürzlich erschienen Führer das Lob der Waadtländer Alpen singt1.

.'( Guide des Alpes et Préalpes vaudoìses>, für den SAC zusammengestellt von Maurice Brandt, Verlag des SAC, 1985.

Die drei T vom Salaires-Grat aus Es sind Berge mit nicht eindeutig festgelegten Namen: Der Châtillon heisst auch Taron, der Tarent wurde von den Einheimischen Pare de Marnex und von SAC-Mitgliedern

Ungefähr 20 Jahre später unternahm ich als frischgebackener Alpinist allein die Überschreitung der Kette, oder - wie man damals sagtedie Traversierung der drei T>. Warum dieses einsame Unternehmen?- Ich wollte nicht das Risiko eingehen, mit meinem Vorschlag von steilen Grashängen und wackligen Felsen, die ich noch nicht einmal kannte, abgewiesen zu werden. Und ausserdem ging es mir darum, diese Berge in ihrem eigensten Wesen zu entdecken, so wie Norbert Casteret, der berühmte Höhlenforscher, der die Höhlen allein erkundete, um ihr Wesen besser zu erspüren.

Von dieser ersten Begegnung begeistert, kehrte ich wenig später in Begleitung eines französischen Freundes, eines sehr aktiven Mitglieds des Genfer Bergsteiger-Clubs L' Arole und geschickten Photographen, zurück. Am Anfang des Westgrates des Tarent bot ein Aufschwung von

Doch für einmal sollte das verspottete Gebirge seine Rache im voraus ausüben. Direkt vor dem Gipfel des Tarent befindet sich eine ( rauhe und solide Platte ), genau genommen: beinah solide, denn der letzte Griff blieb mir in der Hand! Nur knapp vermochte ich mein Gleichgewicht wiederzugewinnen. Das war eine Warnung, die wir allerdings nicht verstanden. Freuten wir uns nicht unbekümmert über den nahen Erfolg? Uns fehlte das richtige Gefühl, die Vorahnung. Jene, die Zeichen deuten können, bleiben selten.

Direkter Abstieg vom Tarent zur Alp von Audalle; die Zeit war schneller als geplant vorübergegangen. Ein kurzes, ziemlich steiles Schneefeld unterhalb des Gipfels endet im Geröll. Damit befinden wir uns wieder im Schnee und wir freuen uns auf eine schöne Rutschpartie. Der Freund zögert etwas oberhalb des Firns, bringt ich weiss nicht was in Ordnung und verliert plötzlich das Gleichgewicht. Eine Szene wie aus einer Bilderge-schichte: Er hat schon den Boden unter den Fussen verloren, ist aber noch nicht gefallen, scheint in der Luft zu hängen. In der Mitte des Firnfeldes, genau in seiner , ragt ein kleiner Felsrest hervor. Ein Schlag auf den Ellenbogen, ein Krachen, das nichts Gutes verheisst. Auh, das sieht nach einem Knochenbruch aus! Doch ich traue meinen Augen nicht: Der Fels ist zerstäubt und verschwunden! An seiner Stelle steigt ein kleiner Staubwirbel auf. Nachdem ich mich aus meiner Erstarrung gelöst habe, stürze ich mich herab, um das ( menschliche ) zu bremsen. Zu spät! Mein Kamerad hat, so gut es ging, mit dem Pickel gesteuert und im Geröll seinen Halt wiedergefunden, und das ohne weitere Schäden.

Dieser Ellbogen war wirklich solide! Nachdem er den Berg zertrümmert hatte, benötigte er nicht mehr als einen Notverband und dann eine Naht von drei oder vier Stichen. In einigen Jahren kann ein bewundernswerter Grossvater seinen staunenden Enkelkindern die Narbe eines Helden vorführen!

Das Ende des Abstiegs? Es vollzog sich inmitten einer grossen zutraulichen Schafherde, die sich bis zum Chalet nicht um Fussesbreite von uns trennte, so dass wir noch einen Augenblick das Gefühl guter Hirten geniessen konnten.

Was nun die Felsqualität dieses Gebietes betrifft, so wurde sie an jenem Tag in ihrem ganzen ihr zukommenden Wert geschätzt.

Aus dem französischen Teil. Übersetzt von Roswitha Beyer, Bern

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