Erlebnis am Westgrat des Wetterhorns

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Georg Müller-Huwiler, Bünzen

5. August 1961. Die Glecksteinhütte ( 2317 m ) ist überfüllt, als wir gegen 21 Uhr dort ankommen, aber nach 22 Uhr kriegen wir vom Hüttenwart oben auf dem Dachboden doch noch eine Liegestelle zugeteilt. Ich muss allerdings zuerst die Türe schliessen, damit ich mich überhaupt hinlegen kann. Mann an Mann liegen wir da auf dem Boden; meine Kletterhose dient als Kopfkissen. Bald wäre ich eingeschlafen, als sich erneut die Türe öffnet und an meinen Rücken stösst. Ein weiterer Tourist sucht hier noch einen Platz zum Liegen. Bald ist 's wieder ruhig. Während ich in Gedanken schon eine Besteigung des Wetterhorns ( 3701 m ) ausführe, schlafe ich ein - aber nicht für lange. Ein Puff, von der geöffneten Türe herrührend, weckt mich auf; es war aber nur ein Störefried, der jemanden suchte und nicht fand. Wieder Stille. Nach einigem Drehen und Wenden befinde ich mich erneut im Reich des göttlichen Schlafes.

Irgendwo wird Tagwache geboten. Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen und schaue auf die Uhr. Halb 1 Uhr. Stimmt doch nicht. Jetzt geht doch niemand aufs Wetterhorn. Hinter meinem Kopf wird es aber lebendig, und weil ich keinen Moment sicher bin, wann mir jemand auf den Kopf tritt, ziehe ich es vor aufzusitzen. Endlich, um halb 2 Uhr, haben sich die Frühaufsteher verzogen. Das Lager ist frei geworden, und wir legen uns hin, um noch etwa zwei Stunden zu schlafen. Kaum bin ich aber wieder eingenickt, da ertönt die Stimme des Hüttenwarts gebieterisch: « Alle, die aufs Wetterhorn gehen wollen, aufstehen! » - Eben verlassen die letzten die Stube, als wir mit dem Morgenessen beginnen.

O3.2oUhr. Wir treten in die dunkle Nacht hinaus. Der Halbmond spendet nur ein spärliches Licht; was vor uns liegt, ist alles schwarz. Etwas weiter oben können wir eine Lichterprozession ausmachen, die sich durch die pechfinstere Nacht bergwärts bewegt. Mit zügigen Schritten treten auch wir den Aufstieg an. Im Dunkeln tasten sich die Füsse vorwärts, mehr oder weniger einem Pfad folgend. Zu dumm, dass wir einmal mehr keine Taschenlampe dabeihaben. Trotzdem holen wir unterhalb des Krinnengletschers die grosse Lichterkolonne ein; wir sind im Begriff, diese etwas abseits zu überholen. Noch haben wir die Spitze nicht erreicht, da widerstrebt mir dieser Massenzirkus plötzlich. Wir schalten deshalb einen Halt ein; Hans holt den Führer aus dem Rucksack, während ich die aufsteigenden Touristen zu zählen beginne: Über 50 sind es! Mit dieser Masse den Gipfel ersteigen? Nein! Leider können wir im Führer die Buchstaben noch nicht entziffern, da es noch zu dunkel ist; nach und nach werden wir uns aber einig, den Westgrat in Angriff zu nehmen. Da wir ziemlich früh dran sind, können wir uns ja Zeit lassen und im schlimmsten Fall auch den Rückweg antreten. Nun wird nach links abgeschwenkt, um zu Punkt 3058 zu gelangen. Hans stapft voraus. Auf einer Schneezunge geht es ziemlich hoch in die Felsen hinein, wo wir uns anseilen. Hans bleibt in Führung, quert in die Felsen hinaus. Schon nach der ersten Seillänge merken wir allerdings, dass hier einiges an Klettertechnik abverlangt wird. Langsam, aber sicher kommen wir höher und erreichen alsdann den angepeilten Punkt 3058. Hier studiert Hans nochmals den Führer, und auch ich versuche mir anhand seiner Erklärungen ein Bild von der einzuschlagenden Route zu machen. Zuerst gilt es auf den Hühnergutz Gletscher hinaus-zutraversieren, um so Turm 1 zu umgehen, nachher an den Fuss von Turm 2 zu gelangen, wo ein fixes Seil die Besteigung erleichtern soll. Damit wäre unsere Route soweit festgelegt; also gehen wir über den Hühnergutz Gletscher weiter, steigen direkt zum Fuss von Turm 1 auf, um so einem grossen Spalt auszuweichen, und traversieren, leicht im Schnee einsinkend, um den Turm herum. Nun öffnet sich der Blick auf die Route zu Turm 2 - ein nicht gerade einladendes Bild: Die ganze Flanke ist verschneit, möglicherweise sogar vereist. Im Zickzack beginnen wir den Aufstieg. Langsam, manchmal unter erheblicher Anstrengung, kommen wir höher. Die Felsschichtung weist oft 20, 30 bis 40 Zentimeter hohe Abstufungen auf, welche meist mit einer feinen Eisschicht überzogen sind, so dass die Steigeisen gute Dienste leisten. Dann erblickt Hans zuerst das Seil an Turm 2. Diese Entdeckung gibt uns natürlich noch mehr Kraft und Mut, denn sie bezeugt, dass wir auf der richtigen « Fährte » sind. So stehen wir also am Fuss von Turm 2, und unsere Blicke « klettern » dem dicken Hanfseil entlang hinauf bis dorthin, wo es hinter einem Vorsprung verschwindet. Der Fels ist, soweit sichtbar, gutgriffig. Hans steigt, sich am fixen Seil haltend, hinauf. Ich folge ihm. Bald verschwindet er aber hinter dem Vorsprung, und als ich nachher voller Zuversicht und Freude bei einem Absatz zu ihm auf-schliesse, schaut er mich gar nicht so zuversichtlich an, wie ich es erwartet hätte, deutet nur etwas seitwärts in ein Kamin. Und da erblicke ich darin den Rest des Seiles; es ist oben abgerissen. Wie ein Fragezeichen muss ich dagestanden haben, ratlos zu meinem Kameraden aufschauend. Vor uns eine glatte, fast senkrechte Wand, etwa vier Meter weiter oben ein grosser Haken. Auf- und abwärts tastet mein Blick diese Fläche ab, sucht einen sichtbaren, guten Griff. Nichts! Wohl stehen einige Rippen zwei bis drei Zentimeter vor; aber was nützen uns diese schon! Und je länger ich diese Wand bestaune, desto überzeugter werde ich, dass ich sie niemals meistern kann.

« Sind wir hier am Ende unserer Westgratbe-steigung? » Ein Ausweichen nach rechts oder links ist unmöglich, da der Fels auf beiden Seiten senkrecht abfällt. Ich denke an den Rückzug, an den dachziegelartig gelagerten, vereisten Fels, und plötzlich scheint mir ein Abstieg gefährlicher, als hier am guten, zwar sehr feingriffigen Turm nach oben etwas zu unternehmen. Ich denke an die Touren, die mein Seilgefährte dieses Jahr schon gemacht hat, an seine Entschlossenheit, seinen Mut. Gemeinsam beraten wir. Da der Abstieg tatsächlich auch mit gewissen Gefahren verbunden ist, entschliesst sich Hans, den Aufstieg zu riskieren. Mit zwei Haken und einigen Karabinern versehen, steigt er in die Wand ein; seine Finger klammern sich an winzigen Wülsten und in kleinen Rissen fest; auf kleinen Vorsprüngen finden seine Schuhe Halt. Langsam, aber sicher kommt er vorwärts. Voller Spannung haftet mein Blick an ihm. Schwer geht mein Atem. Mein Mund steht offen. Jetzt ist er schon so hoch geklettert, dass er am grossen Haken einen Karabiner einhängen kann. « Ziehen! » ruft er. Und ich ziehe, bis seine Brustschlinge die Höhe des Hakens erreicht hat. Das sind etwa sechs Meter. Nun geht es sogar etwas schneller vorwärts. Allem Anschein nach ist der Fels dort oben eher griffiger, auch legt sich die Wand etwas zurück. Langsam entschwindet Hans meinem Blick; nur das langsam hinauf-gleitende Seil zeigt mir an, dass er noch vorrückt. Wie ein Sperber beobachte ich den bedeutungsvollen « Faden », von dem jetzt bereits drei Viertel ausgelaufen sind. Eine Pause entsteht. Keinen Millimeter weiter gleitet das Seil. Muss ganz schön heikel sein da oben!

« Noch fünf Meter! » rufe ich. Keine Antwort. Wahrscheinlich ist er in einer heiklen Lage, dass er nicht antwortet. Dunkle Gedanken jagen durch meinen Kopf: Hoffentlich passiert nichts. Wer würde uns am Westgrat suchen? Im Hüttenbuch haben wir nichts eingetragen. Niemandem in der Hütte haben wir von unserer Tour Mitteilung gemacht. Jene Touristen, die uns in die neue Route abzweigen sahen, würden schon lange wieder fort sein, wenn von daheim eine Vermisstmeldung käme. Blitzschnell durchzucken mich diese Gedanken.Jetzt läuft das Seil rasch einen Meter - zwei Meter vorwärts, dann liegt es wieder still. Eigenartig kommt mir vor, dass mir plötzlich solche Gedanken kamen, wo ich doch fest überzeugt war, dass uns nichts passieren könne.

Was macht er nur oben, dass er nicht vorwärts kommt?

Sekunden werden zu Minuten, wenn das Seil, das meine Hände fest umklammern, keinen Mucks macht. Ein kurzer Blick auf meine Selbstsicherung: Sie ist noch einwandfrei. Zu rufen getraue ich mich nicht, denn wenn mein Kamerad exponiert steht, gibt er sowieso keine Antwort. Endlich wird meine Spannung durch eine Aufwärtsbewegung des Seiles gelöst. Schnell gleitet es jetzt durch meine Finger. Noch zwei Meter -einen Meter. « Halt! » rufe ich, obwohl noch ein Meter Seil hier ist. Nach längerer Pause kommt endlich der ersehnte Ruf: « Nachkommen! » Ich löse die Selbstsicherung und trete an die Wand. Nochmals schweift mein Blick flüchtig darüber, und schon tasten meine Hände nach einem Griff. Sobald beide Füsse auf einem winzigen Absatz stehen, löst sich die eine Hand und greift höher, bis sie wieder einen Halt findet. Drei Meter hoch bin ich gekommen, als mir die Lage hoffnungslos vorkommt. Wo soll ich da noch einen festen Griff finden? Meine Finger klammern sich an einem vorspringenden Steinchen fest. Vermögen wohl die Finger der linken Hand mein Gleichgewicht zu halten, wo doch der Rucksack kräftig nach aussen zieht?

« Ziehen! » rufe ich. Das Seil strafft sich. jetzt sollte ich den Tritt wagen. Oder gibt es nicht links einen etwas besseren Griff? Meine Finger tasten danach.

Nein, nicht besser. Wieder klammern sich meine Finger am alten Punkt fest; doch etwas höher glaube ich einen sichereren Halt zu finden. Wieder nichts!

« Ziehen !» rufe ich zum drittenmal, obwohl das Seil schon straff ist. Und wieder beginnt das gleiche Spiel von vorne. Noch einige Male wiederhole ich meinen Ruf, und doch finde ich kein Zutrauen zu meinen Fingern.

Aber jetzt muss ich es wagen! « Ziehen! » rufe ich abermals. Endlich klappt 's. Mein rechter Schuh hebt sich ab und findet weiter oben wieder einen Halt. Krampfhaft umklammern meine Finger das Steinchen; die rechte Hand löst sich und greift nach einem höher gelegenen Halt.

Noch zwei Züge - und meine Finger umklammern den aus dem Felsen ragenden Eisenstab. Einen Augenblick muss ich verschnaufen, dann hänge ich den Karabiner aus und klettere ohne allzu grosse Schwierigkeiten hinauf zu Hans, der seelenvergnügt auf einem Stein sitzt und die Aussicht geniesst. Froh, diese heikle Stelle passiert zu haben, gönnen wir uns eine Znünipause. Im herrlichsten Glänze ragen die Gipfel der Schreckhörner ins tiefe Blau des Himmels hinauf; rechts hinter dem Mettenberg der Mittellegigrat, der seine spitze, scharfe Kante zum Gipfel des Eigers hinaufreckt. Und wenn wir unsere Blicke senken, lassen sich unter uns der Krinnengletscher und weiter vorn die grosse Eiswüste des oberen Grindelwaldgletschers, von dessen verbröckeltem Abbruch hie und da ein « Krosen » und Krachen zu hören ist, erkennen.

Bevor wir aufbrechen, studieren wir nochmals den Führer. Wir müssen feststellen, dass Turm 3, der noch vor uns liegt, etwas höher und schwieriger sein soll als Turm 2. Der dürfte jedoch nicht unüberwindlich sein, weil dort ja ein fixes Seil angebracht ist. Leicht ansteigend, führt nun der Grat im Auf und Ab weiter. Zeitweise ist er verschneit, aber das macht keine grösseren Schwierigkeiten. Eben geht Hans über eine Schneeflanke und kommt an eine Felswand. Wahrscheinlich können wir dieses Hindernis links umgehen; von meinem Standort aus glaube ich jedenfalls an diese Möglichkeit. Ich bin noch nicht ganz zu meinem Kameraden aufgeschlossen, als mir dieser einen vielsagenden Blick zuwirft. Fragend schaue ich ihn an.

« Ja, den Turm meine ich, und das Seil ist auch da! » Statt aufwärts zu zeigen, weisen seine Finger in den Schnee. Richtig, jetzt erblicke ich ein Stück Hanfseil, das aus dem Schnee ragt. « Also wieder abgerissen? » Hans überlegt nicht lange, und bevor ich recht weiss, was das für uns bedeuten könnte, ist er schon in die Wand eingestiegen. Bald verschwindet er im blauen Nichts über mir; gleichmässig läuft das Seil nach. Noch etwa vier Meter habe ich, als es still bleibt. Gespannt warte ich. Am Horizont tauchen eine Menge kleiner Wölklein auf.

« Nur jetzt kein Gewitter! » denke ich. Wenn jetzt bloss ein kurzer Regen oder Schneefall einsetzen sollte, würden wir in Schwierigkeiten geraten!

So in Gedanken versunken, werde ich durch das schnelle Auslaufen des Seiles jäh in die Wirklichkeit zurückgerufen. Ein Zupfen des Seils bedeutet mir, dass ich nachgehen kann. Ich staune, wie gut ich hier vorwärts komme. Lange nicht so schwierig wie Turm 2 kommt mir dieser hier vor; der Fels ist viel griffiger. Noch ein paar Tritte und Griffe sind zu bewältigen - und ich habe diese Schwierigkeiten überwunden. Wir sind merklich höher gekommen, denn jetzt klettern wir meist über Eis und Schnee. Nun wird die Situation aber wieder etwas heikler, da der Schnee teilweise verwächtet ist, so dass wir aufpassen müssen, nicht zu weit auf diese trügerischen « Gesimse » hinaus-zugeraten. Ein Wächtenbruch würde uns ohne Zweifel 300 Meter tiefer, nämlich auf den Krinnengletscher, befördern. Auf einen solchen Flug verzichten wir aber gerne. Darum: Vorsicht ist die Mutter der Tapferkeit! Jedem gefährlich anmutenden Schneegrat weichen wir in die Nordflanke aus; ein Ausgleiten hier würde uns wiederum eine Fahrt auf den 200 Meter tiefer gelegenen Hühnergutz Gletscher bescheren. Behutsam setzen wir Fuss vor Fuss auf; der Schnee verunmöglicht ohnehin ein schnelles Vorwärtskommen. Schon sechs Stunden sind wir nun unterwegs, und die Wolken, welche vor kurzem noch am Horizont segelten, sind unterdessen beträchtlich näher gekommen. Wir stehen jetzt auf einer Schneekuppe, und vor uns liegt eine grosse, verschneite Scharte. Nach der Form zu schliessen, muss es die « Sichel » sein. Ein spitzer Schneegrat fällt in die ovale Scharte ab und steigt auf der andern Seite wieder steil auf; in die rechte Seite hinaus ragt eine Wächte, links fällt ein Schneehang fast senkrecht ab. Für uns wird dieser Abstieg wie- der zur Mutprüfung. Zuerst traversieren wir rechts in die senkrecht abfallende Wand hinaus, stapfen dann einige Tritte in die Schneemassen und kommen so wieder auf den Grat. Hans macht sich einen guten Standplatz zurecht. Ich beginne vorsichtig in die Scharte abzusteigen. Den Pickel tief in den Schnee steckend, den Schuh rückwärts in den Schnee schlagend, stapfe ich eine Spur in die steile Flanke. Ich darf nicht direkt auf dem Grat gehen, da er verwächtet ist. Nicht immer ist 's mir gemütlich, wenn mein Blick über die jäh abfallende, wie mit einer grossen Walze glattge-drückte Flanke in die Tiefe huscht. Ich fühle mich zwar einigermassen sicher, aber ein eigenartiges Gefühl befällt mich gleichwohl. Sachte, Schritt um Schritt, geht es hinab.

« Noch einen Meter! » höre ich Hans rufen. Das heisst für mich, dass ich in dieser Halde einen guten Standplatz schaffen muss. Um vor einem Wächtenbruch ganz sicher zu sein, mache ich noch einen Schritt zurück. Mein rechter Schuh hackt nun energisch in den Schnee und stampft so eine kleine Plattform zurecht. Jetzt kann ich beide Füsse darauf stellen. Mit ein paar ruckartigen Bewegungen prüfe ich meine Sicherheit. Nun treibe ich den Pickel in den Hang, lege eine Schlaufe des Seiles darum und sichere Hans nach. Meiner Spur folgend, ist er bald bei mir. Um den Standplatz nicht wechseln zu müssen, steigt Hans gleich weiter ab. Vorsichtig setzt auch er Fuss vor Fuss auf. In der Scharte angelangt, fasst er sichern Stand, und ich folge ihm in seinen Tritten nach. Bald bin ich wieder bei ihm. Hans macht einen Schritt vorwärts, und ich beziehe an seinem Standplatz Sicherungsposten, während er vorsichtig aufwärts steigt, den arg täuschenden Wächten seine ganze Aufmerksamkeit widmend. Plötzlich muss er aber doch feststellen, dass er etwas weit hinausgeraten ist. Rasch wird dieser Fehler mit ein paar Schritten in den steilen Hang hinein korrigiert. Wiederum geht er zwei bis drei Meter innerhalb der Krete aufwärts. Mein Blick haftet gespannt an ihm; er registriert jede, auch nur die kleinste Bewegung. Der Grat macht eine kleine Biegung nach rechts. Hans kann nun zurück in die Flanke blicken. Da durchzuckt ihn ein jäher Schreck. Blitzartig reagieren seine Arme, indem sie den Pickel reaktionsmässig weiter innen einrammen. Rasch macht er einen Schritt einwärts, während ich einen Laut wie « Maria, Maria! » zu vernehmen glaube. Schnell klemme ich das Seil fest, so dass es keinen Millimeter rutschen könnte. Nach kurzer Erholungspause geht Hans weiter. Das Seil ist aus, und ich kann nachfolgen. Ich steige in der von Hans getretenen Spur aufwärts; er dirigiert mich aber bald links in den Hang hinein, da seine Fährte über eine ansehnliche Wächte führt. Bald begreife ich die blitzartigen Bewegungen, die er vorhin gemacht hat, denn jetzt sehe ich auch, wo er vorhin durchgegangen ist: Eine Schneezunge von nicht allzu grosser Dicke ragt etwa zwei Meter ins blaue Nichts hinaus. Beim Anblick dieser Spur muss Hans vorhin erschrocken sein und, obwohl er wieder auf festem Grund stand, diese impulsive Bewegung ausgeführt haben.

Immer noch haben wir herrlichen Sonnenschein; die Gewitterstimmung von vorhin hat sich wieder verzogen. Noch haben wir einen steilen Schnee- und Eishang zu erklimmen; Seillänge um Seillänge steigen wir höher. Oben kommen wieder vereinzelt Felsbänder zum Vorschein. Da wir glauben, auf dem Fels schneller und sicherer vorwärts zu kommen, steuern wir dem aperen Fels zu. Erst ist es nicht leichter, auf dem Felsband aufzusteigen, denn dieses ist dachziegelartig geschichtet; doch bald gewöhnen wir uns an die neue Unterlage und erklimmen sicher diese Felsentreppe. Weiter oben gibt 's wieder Schnee. Auf einem verhältnismässig leichten Schneegrat wird der Blick frei hinunter zum Wettersattel; hinter uns führt eine breite, steile Schneehalde hinab zum Hühnergutz Gletscher, und weit unten können wir unsere Aufstiegsspur erkennen. Bei ihrem Anblick schlägt mein Herz freudiger: Elegant zieht sie sich hinauf, bis sie im Felsband verschwindet. Es freut mich, dass ich mitgeholfen habe, diese Spur in die unberührte Natur zu ziehen.

Nun stossen wir im Schnee auf Spuren - ein Zeichen, dass wir dem Gipfel nahe sind. Und wirklich, nach ein paar Schritten erblicken wir den Gipfel des Wetterhorns. Überglücklich schütteln wir einander die Hände und freuen uns selig über die gelungene und sehr schöne Besteigung des Wetterhorns über den Westgrat. Genau vor acht Stunden haben wir die Glecksteinhütte verlassen, und nun geniessen wir hier oben die grossartige Aussicht, ein herrliches Panorama unzähliger weisser Gipfel. Aber die Zeit erlaubt uns nicht, uns dieser Augenweide allzu lange zu erfreuen.

Abstieg! Der Schneehang hinab zum Wettersattel ist stark aufgeweicht, und zeitweise rutscht die oberste Schneeschicht mitsamt uns in die Tiefe. Auf dem Wettersattel setzen wir uns zur Stärkung für den weitern Abstieg.

14.30 Uhr. Wir sind wieder in der Hütte angelangt. Eine Suppe, vom Hüttenwirt gekocht, schmeckt ausgezeichnet. Wir glauben dem Hüttenwart eine neue Mitteilung von den abgerissenen Seilen am Westgrat machen zu können. Erstaunt meint er: « Habt Ihr den Anschlag dort an der Türe nicht gesehenUnd im allgemeinen ist es üblich, vor solchen Touren eine Eintragung ins Hüttenbuch zu machen oder auf alle Fälle den Hüttenwart davon in Kenntnis zu setzen. » Mit leicht rotem Kopf nicke ich ihm verständnisvoll zu und widme mich eine Zeitlang verlegen meiner Suppe. Immer wieder kommt mir dabei unsere nachlässige Eintragung im Hüttenbuch in den Sinn, und ich nehme mir fest vor, in Zukunft jede beabsichtigte Tour pflichtgetreu darin zu vermerken.

Bald brechen wir auf, dem Hüttenweg hinab ins Tal folgend, zurück in die Hetze des Alltags; doch mit uns nehmen wir die bleibende Erinnerung an die herrliche Besteigung des Wetterhorns über den Westgrat...

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