Erlebtes und Geschautes aus dem Reiche der Gemsen

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der Gemsen.

Von Hans Kempf.

In der Gemse verkörpert sich die Freiheitsliebe in ihrer ungehemmtesten Auswirkung. Das lässt sie die notvollsten Entbehrungen des rauhen Gebirgs-winters ertragen. Ihre zähe Natur ist gegen Witterungseinflüsse schier unempfindlich. Ebenso tapfer verhält sie sich gegenüber Verwundungen. Mit zerschossenem Beine flüchtet die Gemse noch sehr rasch, und wenn sie vor dem Jäger keinen Ausweg mehr findet, stürzt sie sich lieber mit todesver-achtendem Sprung in die Tiefe als in die Hände ihres Verfolgers. Dieser unbändige Freiheitstrieb ist in solcher Stärke wohl keiner anderen Tiergattung eigen. Wenn sich andere Wildtiere an die Gefangenschaft gewöhnen, kommt das die Gemse äusserst schwer an. Es ist nur noch ein Schatten von dem zu sehen, was sie in der Freiheit ist. In der Gefangenschaft verliert die Gemse ihre besten Eigenschaften, weil ihre Sinnes- und Muskelorgane nicht mehr durch die von aussenher geforderte Übung geschärft und gestrafft werden. Ihr ausserordentlich feiner Geruchssinn und die erstaunlich behende Beweglichkeit gehen der gefangenen Gemse so gut wie verloren. Diese Schutz-eigenschaften werden im Tierparkgehege überflüssig, da hier keine Kugel des Jägers ihr Dasein bedroht. Ihr ganzer Organismus, der vornehmlich auf die Witterung der Lebensbedrohung eingestellt ist, was ihn beständig in voller Spannung hält, verändert sich hinter dem Tierparkgitter so sehr, dass ihr Wesen wie gelähmt erscheint. Ihre Bewegungen sind träge, sind schleppend. Ihr Gebaren zeigt eine krankhafte Mattigkeit; es ist, als wäre sie von zehren-dem Siechtum befallen. Die Freiheit ist 's, die ihr fehlt und die man ihr weder mit gutem Futter noch mit künstlich hergerichteten Miniaturfelsen ersetzen kann. Zu ihrer ersten Lebensbedingung gehört eben die absolut ungefesselte Bewegungsfreiheit. Die Gemse muss in wilder Flucht über Stock und Stein hinwegsetzen, muss den Weit- und Hochsprung im Gefelse wagen können. Die Elastizität ihrer Glieder ist die Folge ihres täglichen Gebrauchs im offenen Gelände und wird bedingt durch die mannigfaltige Bodengestaltung des Gebirges. Schon nach wenigen Tagen des Wurfes steht das Gemszicklein bereits wacker auf den hohen Beinen und folgt dem Muttertier mit federnden Sprüngen.

Nur eines ist bei den Gemsen nicht gleich gut ausgebildet wie z.B. der Geruchssinn oder das Gehör; es ist die Sehkraft. Da die Natur bei der Entwicklung der Organe immer diejenigen Teile bevorzugt, die in erster Linie für die Lebenserhaltung und Gefahrerkennung in Frage kommen, so ist die Gemse mit der ihr eigentümlichen feinen Nase ausgerüstet. Sie wittert den Jäger lange bevor sie ihn eräugt. Das Geruchsorgan kommt in der Beanspruchung vor den Augen in Betracht; es ist ihnen überlegen. Das will jedoch nicht heissen, dass die Sehschärfe bei den Gemsen minderwertig sei; sie ist einfach dem Riechvermögen untergeordnet. Der Grad ihrer Leistungsfähig-VIIIli keit wird von der Lebensgewohnheit, wird vom Bedürfnis und der Umgebung bedingt. So sind beim Adler, der die Beute aus grosser Höhe erspähen muss, die Augen in der Vorrangstellung, während beim Hasen es die langen Ohren sind, weil sie die lebenswichtigen Zuträgerdienste des Gehörs verrichten.

Will man sich vom Leben der Gemse einen richtigen Begriff machen, so muss man ihr droben im Gebirge nachgehen, das ihr leidenschaftlich geliebter Tummelplatz ist. Da gibt es manch seltene Begebenheit zu erleben, manch prächtige Szene aus dem Leben des scheuen Bergwildes zu erschauen, was in den nachstehenden Kapiteln in aller Kürze zur Schilderung kommen soll.

Die musikalische Junggemse.

An einem nebligen Morgen befanden wir uns zu hinterst im Suldtal, im Lattreienkessel. Da wir auf den Wegzug des Nebels warteten, um unsere Bergtur ausführen zu können, lagerten wir uns auf einem Grasplätzchen, das inmitten eines Geröllhanges grünte. Wir hielten fleissig Erkundigungs-ausschau nach dem Wege, soweit es der Nebel zuliess. Da bemerkten wir zu unserer grossen Überraschung auf einem Steinblock, der keine 20 m von uns entfernt war, ein Gemsen Jungtier, das ob unserer Nähe nicht die geringste Furcht zeigte, sondern eher voller Neugierde war. Dieses Verhalten war merkwürdig, wenn man die angeborene Menschenscheu der Gemsen bedenkt. Wir befanden uns allerdings im Bannbezirk, und es mochte die jagdlose Zone dem Gemswild eine gewisse Zutraulichkeit beigebracht haben. Wir hielten uns stille, um das possierliche Jungtier möglichst lange beobachten zu können. In etwas grösserer Entfernung stand oben auf dem Geröllhang das Muttertier, das alle Bewegungen ihres fürwitzigen Kindes genau überwachte. Nun — es konnte ihm nichts geschehen, wir waren ganz harmlose Leute, die Alt-gemse brauchte sich nicht zu ängstigen. Ich hatte eine Mundharmonika in der Tasche, es wunderte uns, wie sich die Junggemse bei den Klängen verhalte, ob sie fliehen werde oder ob die Töne in gleicher Weise anlockend wirken und gerne gehört werden, wie es bei den Ziegen der Fall ist. Leise fing ich zu spielen an und ging allmählich in grössere Tonstärke über. Wir waren nicht wenig erstaunt, die Gemse ob den für sie doch ganz gewiss ungewohnten Klängen nicht fliehen zu sehen. Im Gegenteil, sie legte die Ohren spitz nach vorne, wie um besser hören zu können, gerade wie wir es tun, wenn wir zum gleichen Zwecke die Hände an die Ohrmuscheln legen. Sie drehte das Köpfchen bald nach rechts, bald nach links, bewegte sich aber sonst gar nicht. Stecken-steif standen ihre Glieder auf dem Steinblock, das Gesicht voller Aufmerksamkeit dahin gerichtet, wo die Töne herkamen Das Tier musste offenbar Gefallen an der Musik finden, was mir nicht wenig schmeichelte, denn eine Gemse hatte ich bis jetzt noch nie als Zuhörerin gehabt. Aber auf einmal durchschnitt ein zischender Pfiff die Luft. Die Junggemse machte sofort kehrt und hüpfte in schnellen Sätzen zum Muttertier hinauf. Der Warnungspfiff kam von ihm, es mochte der musikalischen Unterhaltung doch nicht recht trauen, darum rief es die Gemskitze in die mütterliche Obhut zurück. Die beiden richteten ihre verwunderten Blicke noch eine Weile nach uns, dann entfernten sie sich rasch aus unserer Nähe.

-i.1 /:.* Gemsentäuschung.

Droben im Graubündischen war 's. Wir kamen vom Piz Linard, den wir unter der Führung des alten Guler, eines passionierten Gemsjägers, bestiegen hatten. Bei der Rückkehr querten wir im Spätnachmittag einen Schneehang, der sich gegen das Süsertal senkte. Schon lange hatten die scharfen Jäger-augen Gulers im Talgrund Gemswild erspäht, das von unseren ungeübten Augen nicht wahrgenommen wurde. Er machte uns besonders auf einen schwarzen Punkt unten auf dem Schnee aufmerksam mit dem Bemerken, es sei ein junger vom Rudel versprengter Bock. Wohl sahen wir den dunklen Flecken auf dem Schnee, vermochten aber darin die Gestalt einer Gemse nicht zu erkennen. Und doch war es so, wir wurden schon in der nächsten Viertelstunde davon überzeugt. Guler bewies es, indem er die Gemse mit folgender Jägerlist zu uns herauflockte. Er ordnete an, dass einer hinter dem andern auf allen Vieren über den Schnee kriechen solle, was von unten gesehen, den Anschein eines sich bewegenden Tiertrupps erwecke. Die Täuschung hatte vollen Erfolg. Der junge Bock kam wirklich heraufgestiegen und näherte sich uns, allerdings sehr behutsam, bis auf ganz kurze Distanz. Da blieb er argwöhnisch stehen und stutzte, er musste offenbar seiner Sache nicht mehr ganz sicher sein. Das Misstrauen schlich sich in die Tierseele. Wir hielten den Atem an. Nur Guler, in seiner Jagdleidenschaft, murmelte leise in seinen struppigen Bart: Dummes Tier, wenn ich jetzt die Büchse hätte, dann... was folgen würde, wussten wir. Aber statt der Büchse hatte ich einen Photoapparat bei mir, bei dem das Losdrücken kein Todesopfer fordert. Unvermerkt richtete ich das Objektiv auf den seltenen Gegenstand und war im Begriffe zu knipsen. Doch, wie unauffällig die Handbewegung auch geschah, das Tier hatte sie im gleichen Momente bemerkt, und hui! sprang es in überstürzten Sätzen den Schneehang hinab. Die Wirkung des die Tierseele erfassenden Schreckens, als der Begriff Mensch in ihr Bewusstsein trat, kam in der rasenden Flucht eindeutig zum Ausdruck. Von dem photographischen Versuche trug ich leider nur ein langes Nachsehen davon.

Bauchtief im Schnee.

Mühsam schlurften meine Skier den schwer verschneiten Bergwald hinan. Eine frische Lage Schnee war über Nacht gefallen, die Spur ging tief, die meine Bretter furchen mussten. Kein Laut war hörbar, kein Lebewesen zeigte sich. Nur mein Schnauf keuchte durch die weisse Stille, und der Hauch meines Atems flatterte wie ein dünnes Nebelräuchlein von den Lippen weg. Selbst die Meisen, die sonst auch im Winter noch lebhaft im Geäst herum-vagabundieren, gaben keinen Ton von sich. Zuweilen wollte mich aber dünken, es ginge das knirschende Seufzen der Bäume, die unter der drückenden Schneelast wie gebeugte Greise mit hängenden Armen dastanden, durch den Wald. Die gleiche tonlose Stille umgab mich draussen an den freien Schneehängen, auf die ich nun hinausglitt. Hier verrieten mir zahlreiche Wildfährten, dass sich doch noch mancherlei Leben regt, trotz der hohen Schneedecke, die alle Wege, alle Pfade unter sich begrub. Bei den Heuschobern zeigten sich einige Reh- und Gemsspuren. Hier erwischen die Hungernden immer einige Abfallbüschel, die beim Heuschlitteln zurückbleiben. Auch zwischen den offenen Fugen der Hüttenwände gibt es ein paar Halme des würzigen Futters herauszurupfen. Die Ration ist freilich sehr karg und genügt keineswegs, das Knurren des Magens zu besänftigen.

Bei den letzten Alphütten angekommen, querte ich den Schattenhang und fuhr auf die Sonnseite hinüber. Da — welche Überraschung! Plötzlich stand ich einer Schar Gemsen gegenüber. Die gegenseitige Verblüffung war gross. Bei mir löste sie eitel Freude aus, bei den Gemsen jedoch Furcht. Sie nahmen Reissaus, aber die Flucht war äusserst mühsam. Der Schnee war pulverig, er trug nicht, die Gemsen sanken bauchtief ein, arbeiteten sich aber jedesmal energisch wieder heraus. Die Anstrengung war hart, doch schienen ihre Sehnen noch viel härter zu sein. Keines der Tiere erlahmte, keines blieb zurück, sie folgten einander eng aufgeschlossen. Zuweilen verschnauften sie ein bisschen und äugten zu mir hinüber, um sich zu vergewissern, ob ich etwas gegen sie vornehmen wolle. Das lag ganz und gar nicht in meiner Absicht, obschon ich ihnen mit den schnellen Skiern den Weg leicht hätte abschneiden können. Dadurch würde ich nur neue Verwirrung unter die Tiere gebracht haben, die schon genug gepeinigt waren durch die unsäglich schwere Schneespurerei. Eher hätte ich ihnen helfen mögen, die böse Arbeit leichter zu gestalten.

Steil aufwärts spurten sie den Pfad, um auf der kürzesten Strecke die nahe Kammhöhe des Schneehanges zu erreichen. Es war schier unfassbar, mit welch zäher Ausdauer sie sich emporarbeiteten. Mit allen Vieren schnellten sie sprungweise vorwärts, als wären ihre Gelenke mit Stahlfedern versehen. Die scharfen Kanten der Hufe verhinderten jedes Ausgleiten oder Rückwärtsrutschen. Es wollte mich dünken, Herz und Lungen müssten bei dieser Schinderei balde ausgepumpt sein und müssten in kurzem vor Erschöpfung versagen. Kein Mensch hätte ein solches Tempo bergaufwärts auszuhalten vermocht. Der Schnauf wäre ihm vorher ausgegangen. Wenn ich geglaubt hatte, die Tiere müssten nach solch'unerhörtem Kraftaufwande gänzlich abgehetzt auf der Kammhöhe ankommen, so musste ich meinen Irrtum rasch einsehen. Ohne Ermüdung zu zeigen, setzten sie, oben angelangt, die Flucht unaufhaltsam fort. In ihrer dunklen Winterbehaarung hoben sie sich gut vom weissen Schneegrunde ab, ich konnte sie in den Augen behalten, bis ich nur noch kleine Punkte sah, die wie bewegliche Tupfen über den Schneegrat hinliefen.

Spieltrieb unter Bewachung.

Frühtags stieg ich in die wilden, einsamen Fründen, jene spärlichen Grastriften am Fusse des Fründenhorns, hoch über dem Öschinensee gelegen. Ich war auf der Gemspirsch, jedoch ohne Büchse. Nur die Augen sollten das Wild erjagen, nicht die Kugel. Hinter Steinblöcken legte ich mich auf die Lauer. Oberhalb meines Verstecks leuchteten breite Schneereste in der Morgensonne, und gegenüber schwang sich der begraste Höcker, die sogenannte « Zürcherschneide », gegen die Felsen des Fründenhorns hinan. Dieser begrünte Felssporn trennt den Öschinen- vom Fründengletscher und gibt den Gemsen würzige Weide. Eifrig hielt ich mit dem « Spiegel » Umschau und hatte das Glück, ein ganzes Rudel des scheuen Gebirgswildes zu entdecken. Es waren Jungtiere dabei, die unter der Obhut der wachsamen Muttertiere sich auf dem blinkenden Schneepodium gar munter tummelten. Ein ergötzlicher, seltener Augengenuss wurde mir zuteil, der mich den unbequemen Geröllboden, auf dem ich lag, ganz vergessen liess. Voller Übermut gebärdeten sich die Jungen. Sie jagten einander auf und ab, hin und her und vollführten dabei die wunderlichsten Bockssprünge. Zuweilen setzten sie sich auf die hintern Läufe und vollführten eine überaus drollige Rutschbahn auf dem Schneehang. Der Spieltrieb ist bei allen Jungen in der ganzen Tierwelt der gleiche, und doch mutet er uns beim Wilde, das wir selten zu Gesicht bekommen, ganz anders an. Die Alten schauten dem launigen Spiele still verwundert zu und dachten vielleicht an ihre eigene Jugendzeit, wo sie es ebenso toll trieben. So un-gesorgt konnten sie jetzt nicht mehr sein, denn die Erfahrung der Jahre lehrte sie, beständig auf der Hut zu sein, und zwar auch in der friedlichsten Früh-morgenstille. Sie liessen sich durch den Überschwang der Lebensfreude ihrer Jungen nie ganz aus der Beobachterstellung drängen. Der mütterliche Instinkt betraute sie eben mit der fürsorglichen Überwachung ihrer von Gefahr noch nichts wissenden Lieblinge. Lange erfreute ich mich an dem munteren Treiben, als irgendwo in der Nähe ein Stein durch die Bergstille polterte. Das Geräusch liess die Gemsen aufhorchen, es musste ihnen verdächtig vorkommen, ein schneidendes Pfeifen aus den Nüstern wurde vernehmlich; es war das Signal zum jähen Abbruch des Spiels auf dem Schnee. In sausender Kavalkade galoppierte das Rudel davon, die Jungen hart hinter den Muttertieren einher. Auf einem Grasbande raste die besessene Flucht der « Zürcherschneide » entlang, und da, wo der Felssporn gegen den Öschinensee abstürzt, setzten die Tiere zu unglaublichen Sprüngen an. Ich hielt es nicht für möglich, dass die Jungen nachzufolgen vermöchten. Aber eines nach dem andern spannte die Sehnen und kletterte die Steilstufen mit erstaunlich kecken Sprüngen hinan. Sie waren bereits gut geschult durch das Beispiel der Alten. Oben auf dem Rücken des Felshöckers angelangt, halsten sie, nach Gemsenart, neugierig in die Tiefe, um die Ursache zu eräugen, die sie in die Flucht gejagt. Die Tiergruppe mit den zierlich gehörnten Köpfen, die so voller Neugierde von dem hohen Felspostamente herunteräugte, war ein einzigartiger Anblick.

Gestörte Mittagsruhe.

Unter einer Felsenbalm, wo sie während der Mittagshitze zu Schatten gegangen waren, überraschte ich ein Rudel Gemsen. Sie lagerten friedlich wiederkäuend in der Felsenkühle und genossen die Rast mit stillem Behagen. Ich duckte mich schleunigst nieder, um die Ruhe der Tiere nicht zu stören. Sie mussten aber meine Nähe doch schon bemerkt haben, denn alle erhoben sich wie auf Befehl. Ich wusste aus Erfahrung, dass es für die beunruhigten Tiere nun kein Bleiben an dem Orte mehr gab, auch wenn ich mich mäuschenstill hielt. Da wunderte es mich, welche Wirkung ein Pfiff von mir auf die Tiere haben würde. Gedacht, getan! Schrill hallte es den Felswänden entlang und mitten in die Gemsgruppe hinein. Als wäre eine Büchsenkugel zwischen ihre Beine gefahren, stoben sie auseinander. In gestrecktem Galoppe rannten sie über einen Schuttkegel hinweg, dann stürzten sie sich in eine Steilrunse hinab, dass mich dünkte, ihre Glieder müssten in Stücke zerschellen. Im Nu kamen sie jenseits wieder heraufgerast. Eine Felsstufe von zirka 10 m Höhe sperrte ihnen jetzt den Ausweg. Sie stürmten besinnungslos drauflos. Und wieder dünkte mich, sie müssten alle miteinander die Köpfe einrennen an der Felsenmauer. Ein gehörnter Knäuel machte sich sprungbereit. Das erste Tier kam bis in die Mitte, kehrte um, es vermochte die höhere Stufe nicht zu erreichen. Die andern machten ebenfalls kehrt. Da schrillte mein Pfiff noch einmal hinüber. Das schien den Tiersehnen vermehrte Spannkraft gegeben zu haben. Mit unerhörter Bravour setzte das Leittier neuerdings zum Sprunge an, und es gelang ihm diesmal, mit einem einzigen, wuchtigen Anlaufe das Wändchen zu erklettern. Das war für die anderen das ermutigende Beispiel, dem alle mit dem gleichen Elan folgten. Es war, als hätten die Tiere beschwingte Glieder. Eine Felsennase schob sich vor, hinter der sie im Gewirr des Geklüftes verschwanden. Herab-polternde Steine, gelöst von den Gemshufen, gefährdeten meinen Standort, ich musste fliehen. Das war vielleicht die Rache der Gemsen, dass ich sie in ihrer mittäglichen Verdauungsruhe gestört hatte.

Tragisches Ende.

Auf einer Streiferei über hohe Alpweiden, die sich hart an einen vielfach zerschürften, von Grasbändern durchzogenen Gratzug lehnten, stiess ich unversehens auf eine frische Gemsenleiche, die mit einer Bauchschusswunde im Auslauf einer ausgetrockneten Bachrunse lag. Es war ein schweres, kapitales Tier, das hier an der nicht sofort tödlich wirkenden Wunde elendiglich verendet sein musste. Wer mochte die Gemse angeschossen haben, und wieso lag sie da unten und nicht oben auf den Grastriften des Gratabhanges Ich legte mir den traurigen Hergang so zurecht: Der Schuss kam aus der Büchse eines Schleichjägers, der sich nicht getraute, in die Nähe der bewohnten Alphütten hinabzusteigen, um das angeschossene Tier zu suchen. Ein Bauch-schuss bringt einer Gemse noch lange nicht den sofortigen Tod. Als sie angeschossen wurde und der Knall von oben kam, flüchtete sie sich mit den brennenden Schmerzen im Leibe abwärts. Aber sie konnte dem Tode nicht mehr entrinnen, der nun einmal tief in ihren Eingeweiden stak. Ihre Kräfte ermatteten und gingen hier unten, zwischen Berghang und Alpweide, zu Ende. Die Erlösung von ihren Qualen war jedoch keine rasche.Vom Wundfieber gepeinigt versuchte sie, wieder auf die Beine zu kommen Halb-aufgerichtet, knickten die Glieder dann gänzlich zusammen, sie vermochten den todesschwer gewordenen Körper nicht mehr zu stützen. Hart schlug der Kopf gegen das Steinkissen, es war aus mit ihr. So lag sie in der Runse, die erstarrten Glieder wie zum Sprunge gespreizt, der Kopf nach der Höhe gerichtet und desgleichen die verglasten Augen, als hätten sie vor dem Ende noch einmal das Gebirge erschauen wollen, mit dem ihr Leben in leidenschaftlicher Liebe eins gewesen war. Für den Wilderer ging die Beute verloren, was einigermassen einer Sühne gleichkam für den an der Gemse begangenen Frevel.

Die Schicksalstragik verfolgt die Gemse weit mehr als alle anderen Wildtiere. Das hängt mit ihrem hohen Standorte zusammen. Die Gebirgswelt mit ihren wilden Naturereignissen, ihren vernichtenden Ausbrüchen der Elementargewalten, wie Lawinensturz, Steinschlag, Rufen und Hochgewittern, bringt das Leben der Gemsen in viele Gefahren. Dazu kommen noch die Bedrohungen durch das Raubzeug der Lüfte sowie die Kugeln der Jäger und Wilderer, so dass vielerlei an ihrer Gefährdung mitwirkt. Und vielleicht sind es gerade diese Umstände, die dem Wesen der Gemsen den geheimnisvollen Nymbus geben. Ihre unüberwindliche Menschenscheu, die Schwierigkeit der Hochjagd und die verwegenen Wildererstücklein tragen dazu bei, dass so viel Sagenhaftes umgeht im Volksmunde über das schnellfüssige Grattier.

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