Erstbegehung der Ulrichspitze-Nordwand in den Engelhörnern

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Von W. Rübenstahl

Mit 1 Bild ( 122 ) Man schreibt den 20. Juni 1943, als wir uns in schwerer Kletterei an der Vorderspitz-Westkante ( vierte Begehung ) emporarbeiteten.

Trotz der Schwere der Kletterei schaut bald der eine oder andere zur Ulrichspitze hinüber, denn die noch unbezwungene Nordwand zeigt sich von hier in ihrer Steilheit geradezu grauenerregend und lässt so die Gedanken an einen Durchstieg fast im Keime ersticken. Nicht so bei uns — in Gedanken waren wir schon dort drüben an der Arbeit und kommen zu dem Entschluss, unsere Kräfte mit dieser jungfräulichen Wand zu messen, hatten wir doch bereits ein sehr hartes Training hinter uns, da wir Sonntag für Sonntag auf schweren Kletterfahrten waren.

Am 7. August 1943 streben wir mit schweren Säcken beladen, d.h. Sepp Wechsler, Willy Rübenstahl, Emil Staubli und Kaspar Muff, der Engelhornhütte zu. Früh am Morgen verlassen wir die Hütte und nehmen Kurs gegen den Simelisattel. Nach Durchkletterung des untersten Kamins biegen wir rechts ab und erreichen einen kleinen Sattel unterhalb des horizontalen Grates, welcher vor der Vorderspitze herabbricht. Hier bilden wir zwei Partien, denn nun beginnt Neuland. Nach einem heiklen Quergang geht es durch den riesigen Plattenschuss zwischen Vorderspitze und Ulrichspitze in normal schwieriger Kletterei immer weiter hinauf, bis der immer steiler werdende Fels unser ungestümes Tempo ein wenig abstoppt, und nach zwei Stunden stehen wir bereits an der Schlüsselstelle, welche sich in senkrechter Steilheit vor uns aufstellt. Rasch geht es mit dem Doppelseil, das bei derartigen extremen Klettereien nötig ist, an die Arbeit, und der Erste beginnt den schweren Gang — und schon saust unerbittlich Haken um Haken in die Wand, und mit Scherensicherung wird der Erste Meter um Meter mit Seilzug, von den andern wirksam unterstützt, langsam in allerschwerster Kletterei höher gebracht, und endlich, nach 30 m Seilausgabe, ertönte der Ruf: « Nachkommen! » Hier auf kleinem Felsvorsprung, der wie ein Balkon aus der Wand herausragt, kurze Rast und Führungswechsel, denn bei einer solchen Kletterei soll nach jeder Seillänge gewechselt werden, so dass keiner zu stark ermüdet wird.

Weiter geht es, zwei Seillängen in etwas leichterer Kletterei, aber trotzdem braucht es pro Seillänge 8-10 Haken, welche zur Sicherung unbedingt notwendig sind. Schon stehen wir ca. 80 m unter dem Gipfel, aber wie jetzt die Wand aussieht, das spottet jeder Beschreibung, denn dieser Gipfelaufbau besteht fast nur noch aus einem Plattenschuss, gespickt mit Überhängen. Aber die Zeit drängt, und weiter geht es nach nochmaligem Wechsel. Ein unüberwindlicher Überhang zwingt uns zu einem ganz tollen Quergang nach rechts, wo sich wieder Haken um Haken in den grauen Kalk frisst, bis wir zuletzt nach Überwindung eines äusserst schweren Überhanges endlich wieder einen Sicherungsplatz finden!

Noch einmal bäumt sich der Fels senkrecht auf, was abermals den ganzen Einsatz erfordert, dann beginnt sich die Wand zurückzulegen, und um 18.45 Uhr drücken wir uns auf dem Gipfel die Hände.

Mit diesem Durchstieg ist in den Engelhörnern die bis jetzt wohl schwerste Fahrt gelungen, und es ist nur solchen diese Tour zu empfehlen, welche die neuzeitliche Felstechnik mit Haken, Seilzügen und Scherensicherung etc. vollständig beherrschen. Für den Durchstieg der Wand benötigt man ca. 9-11 Stunden. An Ausrüstung 35—40 Haken, dito Karabiner und für eine Zweierpartie im Minimum 60 m Seil.

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