Erste Gehversuche in den Ostalpen

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Von Rudolf Ryser

( Bern ) « Da drunten gehn S'über die Brücke und dann drüben im Wald alleweil hinauf; ist immer markiert, da können S'nicht fehlen. » — Das ist klar. Das ist gut. Wir sind draufhin munter losgezogen. Drüben im Wald haben wir nur zweimal einen falschen Weg eingeschlagen, dieweil von einer Markierung nicht eine Spur zu sehen war. Das hat uns jedesmal eine Viertelstunde gekostet, und da es schon nach 4 Uhr ist und wir noch 1500 Meter zu erklimmen haben bis zur Hütte, so zählt es immerhin. Auf die Karten ist auch nicht viel Verlass, denn der Kartograph hat den Weg wohl auch einfach nach dem Rezept: « alleweil hinauf » eingezeichnet. Oder wir sind einfach von unserer Landestopographie ein wenig zu sehr verwöhnt.

Nun, wir haben dann den richtigen Weg gefunden mitsamt der Markierung. Die freilich wäre nun entbehrlich, denn der Pfad teilt sich nicht mehr in den nächsten vier Stunden. So steigen wir denn sachte bergan mit den üblichen Hüttenweggedanken. Das wäre also unser erster Anstieg in den Ostalpen. Im einzelnen ist alles gleich wie bei uns daheim; die vertraute Vegetation, dieselben Zonen, die man langsam durchschreitet. Doch das Bewusstsein, dass wir mit jedem Schritt Neuland — Neuland für uns — betreten, versetzt uns in erwartungsvolle Spannung.

Jetzt sind wir doch schon ein Stück höher. Da steht auch ein Haus, noch in den Tannen drin, doch mit schönem Blick ins Tal. Die « Alpenrosenhütte » muss das sein. Fenster und Türe sind hermetisch verschlossen.

« Sie haben doch gesagt, dass oben die Hütte offen ist und ein Hüttenwart dort? » « Ganz oben, ja. » Wir trampen weiter. Eine Stunde ist längst vorbei. Sagt denn der Kamerad nichts von HaltEr sagt nichts. Der Sack ist heillos schwer. Man braucht eben doch allerlei für eine Woche. Das Zelt aber hätte man vielleicht doch zu Hause lassen können? Wenn's jedoch mit der offenen Hütte ebenso stimmt wie mit der Wegangabe?

Jetzt muss ich halt selbst eine Rast vorschlagen. Dort bei der nächsten Biegung.

« Was meinst zu einem Halt? » « Hab's auch gerade sagen wollen. Vielleicht noch bis zu jenem Absatz, der so in der Sonne liegt. » « Oder dort, wo man in die Mulde hineinsieht. » « Gut so. » Nach einer weiteren halben Stunde jedoch rasten wir dann trotzdem. Man sieht hinein in die Mulde. Das ist ein Tal voller Geröll. Kein Baum, kein Gras, kein Wasser, nur Steine. Die Gedanken wandeln auf absonderlichen Wegen, indem man versucht, sich vorzustellen, wie viele Menschenalter es brauchte, um den Fels so zu zerstückeln, und wie lange es dauern wird, bis auch die letzten Bastionen verschwunden sein werden, die jetzt noch ihr Haupt zum Schutt herausheben.

Es geht dann weiter, hinein in diese Steinwüste. Es könnte so weitergehen bis zum Kaukasus oder Hindukusch, es wird dort wohl nicht viel anders sein. Vorerst aber müssen wir auf den Sattel dort hinauf, wo man weitersehen wird. Man sieht weiter. Weder Kaukasus noch Hindukusch, wohl aber in purpur-perlmutterfarbenem Abendglanz und wie einen Götterthron die Eiskuppe, die wir morgen zu besteigen hoffen: den Ortler. Und auf einer Felskanzel, an der Schlüsselstellung zu seinem Zugange, unser heutiges Ziel: die Payerhütte, noch respektabel hoch über uns!

Doch hier, unweit von uns, als Zwischenetappe die « Edelweisshütte ». Es scheint jemand da zu sein, die Türe steht weit offen. Und davor ein Stuhl, ein hölzerner Stuhl ganz einsam. Siehe, es sitzt einer darauf und grinst uns an. Aber man sieht ihn nicht, es ist der Berggeist. Wir treten herzu und sehen: die Türe steht nicht etwa offen, sondern sie ist einfach nicht mehr da. Drinnen ein wüstes Durcheinander von Stroh, kaputten Möbeln, Blechgeschirr — PuhMan weiss aus den Sagen, dass es auf dem Meere Geisterschiffe gibt, die unbemannt herumsegeln bis zum jüngsten Tag. Dies hier scheint etwas wie eine Geisterhütte zu sein.

« Meinst du gewiss, dass ein Hüttenwart oben ist? » « Sie haben 's doch gesagt. Und wir haben ja unser Zelt. » « » Die Sonne ist längstens untergegangen. Der Weg schlängelt sich einen Moränenhang hinauf. Moränen sind auf der ganzen Welt gleich: steil und endlos, und sie befinden sich immer dort, wo der Rucksack besonders nachhaltig zu drücken beginnt. Hinter uns liegt als heller Klotz im dunklen Grau die Gespensterhütte mit dem seltsamen Stuhl davor, von oben schaut die andere Hütte über den Felsgrat hinaus, so ganz ohne Räuchlein. Da steht etwas am Weg, ein Gartenrechen, angelehnt an einen Felsblock; wohl zum Unterhalt des Hüttenweges. Mit was für merkwürdigen Requisiten die hier den Anmarsch spicken! Vor uns ist wieder eine Gratschneide, und da steht jemand oben: eine riesenhafte, graue Gestalt. « Tabarettamandl » nennen sie den hier, es ist ein mächtiger Felsobelisk. Klapperstuhl, Eisenrechen, steinerner Gast — glaub 's der Kuckuck, dass früher einsame Wanderer im Gebirge von Geistern genarrt sich glaubten!

In der Scharte angelangt erblicken wir eine Erscheinung, die uns Müdigkeit und Spannung vergessen lässt: am jenseitigen Horizont steigt eben fahl- gelb und ungeheuer gross die volle Scheibe des Mondes empor, hinter Bergen, die wir nie zuvor sahen. Mag es der Kaukasus sein! Der Mond, doch so sehr weit entfernt, er ist uns hier das Vertrauteste in der unbekannten, fast feindseligen Umgebung. Ihn sieht man auch zu Hause, vom Hohtürli aus zum Beispiel, wo sie jetzt ein mächtiges Haus haben, ein Hotel schier, das aber ganz sicher offen wäre. Warum muss man sich denn auf Abenteuer einlassen? Aber wir haben es ja so gewolltWenn man nur nicht so sehr müde wäre! Und dann ist es auch bemerkenswert kalt, sind wir doch bald auf 3000 Meter Höhe.

« Wir können das Zelt schon irgendwo im Windschatten aufschlagen. » « Ja. Aber hätten wir nur Wasser bei uns. Hier auf dem Grat wird man 's weit herholen müssen. » « Werden's halt vom Gletscher heraufholen. » Diese Geisteseinstellung war gut. Jetzt stehen wir nämlich vor der Hütte, die uns das letzte Wegstück lang immer durch Felsköpfe der Sicht entzogen gewesen ist. Denn siehe da: auch die Payerhütte hat « offene » Fenster und Türen, sogar mit schwarzen Russfahnen darüber, durch die Öffnungen sieht man die Sterne blinken und einen Rost verkohlter Sparren in den Himmel hineinstechen.

« Psst — was ist das? » Mm — mm — mm —, das ist das Pochen des eigenen Herzens. Sssss — das ist der Wind, der um die Mauerkanten bläst. Doch da — ein schauriges, langgezogenes Ächzen! Wir blicken uns gegenseitig an, aber in der Dunkelheit sieht keiner, was der andere für ein Gesicht macht. Will denn das spukhafte Zeug in dieser Gegend kein Ende nehmen? Und wieder: « Züi — jäh —. » Unter der moralischen Hilfe von mehreren massiven Kraftausdrücken tun wir ein paar Schritte vorwärts und schauen uns um. Eine lose herunterhängende, zerfetzte Blechrinne, die im Winde an der Mauer entlangscheppert, ist es, die uns genarrt hat! Beide lachen wir verlegen, so wie man eben lacht, wenn man sich 's nicht anmerken lassen will, wie sehr froh man ist. Froh, weil etwas Unbehagliches seine schlichte, natürliche Erklärung fand.

Ist dies die eine Erleichterung, so folgt gleich die nächste. Der Freund ruft: « Licht! » Dieses eine Wort hat für mich denselben Klang wie etwa für Xenophons Söldner jenes lapidare: « Das Meer! » nach ihrem endlosen Wüsten-marsch, oder das ähnliche, wenngleich anders tönende: « Land! » von Colum-bus'Mastkorbspäher nach Überquerung des Ozeans. Jene beiden Ausrufe sind in die Geschichte eingegangen, haben freilich für eine sehr grosse Zahl von Menschen eine wesentliche Bedeutung gehabt. Aber im Vergleich zum Licht sind doch eigentlich Festland und Ozean sekundäre Dinge. Im Augenblick zwar versage ich mir solche Spekulationen, indem ich vielmehr über mich selber spotte: Wie würde man 's denn machen im Kaukasus oder Pamir, wo man doch so gerne einmal hingehen möchte, wo es kein Licht gibt und keine Hütten? Jedoch keine Hütte ist besser als eine ausgebrannte, rechtfertige ich mich, und man würde sich eben ganz anders einstellen, man könnte es gemütlicher nehmen usw. usw.

Doch da ist also Licht. Wo? Nun, hinter der Ruine, uns bisher verborgen, befindet sich die richtige Hütte, ein grosses Berghaus vielmehr! Das andere war bloss eine « Dépendance », vor sechs Monaten abgebrannt. Es braucht nun noch drei mit reduzierter Zielsicherheit an die erleuchtete Scheibe des obern Stockwerkes geworfene Steinchen, bis das Fenster und — nach Rede und Gegenrede — auch die Türe uns geöffnet wird.

Drinnen ist Wärme und Geborgenheit; wir erfahren wieder einmal mehr die Bedeutung jener Ur-Errungenschaften aller Zivilisation, von Dach und Feuer, in elementarer Form. Alles ist wie sonst: warmes Wasser und Zubereiten des Nachtmahls, sachliche Fragen nach Route und Verhältnissen, dann bald das Aufsuchen des Lagers. Hier freilich wird uns nochmals Neues geboten: es gibt Zweibettenzimmer, eine Einrichtung, welche offenbar in den Hütten des weiland Deutsch-Österreichischen Alpenvereins verbreitet ist, wie wir später erfahren sollen. Aber ob Bett oder Heulager — auch hier kreisen die Gedanken und Erinnerungen an die jüngst vergangenen Stunden mit den Erwartungen des morgigen Tages bald in wolkigen Wirbeln durcheinander, bis sie der Schlaf verwischt. Das war unser erster Tag in den ( Malpeli.

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