Fahrten ins Südtirol (Dolomiten)

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Mit 3 Bildern ( 113—115Von Hans Burckhardt

( Bern ) Der Zauber, den das Wort « Dolomiten » auf den Bergsteiger, insbesondere auf den Kletterer ausübt, ist nur schwer zu erklären. So wie der Falter des Nachts vom Kerzenlicht unwiderstehlich angezogen wird ( wer vermöchte den Grund zu erklären ?), so zieht es den Kletterer in die phantastische Gipfelwelt der Dolomiten. Der Krieg hat manchen Plan einer Reise ins Südtirol zunichte gemacht. Um so grosser ist jetzt die Freude, wenn die Grenzformalitäten und Währungsschwierigkeiten auf ein erträgliches Mass reduziert worden sind, so dass einer Dolomitenfahrt eigentlich nichts mehr im Wege steht. Das hat auch uns drei Bernern eingeleuchtet, als irgendeinem aus Unvorsichtigkeit das Wort « Dolomiten » über die Lippen kam, nachdem die schon lange geplante Reise in das Mont-Blanc-Gebiet wegen der prohibitiven Haltung der französischen Währungspolitiker abgeschrieben werden musste. Innert weniger Tage war unsere Equipe reisefertig, und mit grossem Appetit frass unser Fiat die nahezu 500 Kilometer, die uns von unserem auserwählten Standquartier, Wolkenstein im Grödental, trennten. Es war anfangs Juni, die Klettersaison hatte also eigentlich noch gar nicht begonnen. Das hinderte uns aber nicht, den Führer Alois Mussner in Wolkenstein aus seiner « Villa Oliva » herauszuklopfen und um seine Dienste zu bitten. Seine scheue Frage, ob wir denn schon einmal geklettert hätten, beantworteten wir eher etwas ausweichend, wussten wir doch noch nicht, welche Anforderungen der Stein im Südtirol an den Bergsteiger stellt. Eine kleinere Kletterfahrt am nächsten Tag sollte vereinbarungsgemäss als Prüfung gelten. Eine kaum zweistündige Wanderung über wundervolle Weiden und durch lichten Bergwald führte uns am Vorabend der Prüfung in die Regensberger Hütte ( Rifugio Firenze ) des italienischen Alpenklubs. Wenn z.B. unsere Schwarzegghütte den Namen Klubhütte verdient, dann ist die Regensberger Hütte ein Klubpalast. Ein junges « Deandl » empfängt uns mit der Frage: « Haben S'Durscht, wollen S'a Schnaps? » Nach Überwindung des ersten Schrecks einigen wir uns auf einen ausgiebigeren und nach unseren Begriffen geeigneteren Durstlöscher. Eine grosse Gaststube, kleine, aber saubere Zimmer, ein verblüffend reichhaltiges Nachtessen, dies alles würde in der Schweiz ohne weiteres zum Aushängen eines Schildes « Hotel » berechtigen.

In nächster Nähe der Hütte präsentiert sich die Geislergruppe, eine wilde Zackenreihe, in welcher am nächsten Tage ein Gipfel erobert werden soll. Frühmorgens schon holt uns unser Führer « Loisl » bei der Hütte ab, und schon nach vierzig Minuten Anmarsch sind die steil aus den Alpweiden empor-schiessenden Kalkwände erreicht. In Kletterfinken geht es weiter, beide Seilschaften immer dicht aufgeschlossen, denn wir wollen uns nicht entgehen lassen, auf welche Art ein zünftiger Dolomitenführer seinen Berg anfasst. Nach nicht ganz anderthalbstündiger leichter bis mittelschwerer Kletterei ist der Gipfel der grossen Fermedaspitze erreicht, und Loisl muss uns gestehen, dass er hier noch nie derart habe hinaufrasen müssen. Wir atmen erleichtert auf, denn dieses Zeugnis scheint uns doch zur Annahme zu berechtigen, dass uns Loisl auf einige klassische, grosse Fahrten mitnehmen wird. Wieder auf gleicher Route wie beim Aufstieg wird zurückgeklettert zu unseren Nagelschuhen, direkt hinunter über die Südwand. Es fällt uns auf, wie abhold der Führer dem Abseilen ist. Auch spätere Abstiege bestätigen uns, dass in den Dolomiten üblich ist, solange es irgendwie geht, frei zu klettern. Zum Mittagessen, das wiederum in ein Bankett ausartet, sind wir wieder bei der Hütte, froh und beruhigt in der Gewissheit, dass in den Dolomiten nicht anders geklettert wird als in der Schweiz.

Die zweite Tour führt uns anderntags in die Sellagruppe. Die drei Sellatürme sollen traversiert werden. Das Auto wird beim Sellajochhaus, einem weiteren « Klubhotel » des C.A.I., eingestellt, und diesmal wechseln wir unsere Schuhe sogar schon nach zehn Minuten. Durch die Südkamine wird der erste Turm in Angriff genommen Loisl will offenbar ausprobieren, wieviel unsere Schweizerlungen auszuhalten vermögen. Es gelingt ihm wohl, uns zum Keuchen zu bringen, aber abhängen kann er uns nicht. Wir sind dabei, wenn er im grossen Riss verschwindet, der ein gegen Westen vorgebautes Bollwerk vom Hauptturm trennt. Er stemmt sich in klassischer Kamintechnik empor, mit den Füssen bald an dieser, bald an jener Wand, macht zuletzt einen grossen Spreizschritt und entschwindet unsern Blicken. Dann kommt das Seilende herunter, wir binden den Rucksack daran fest, und auch dieser verschwindet oben über die Kante. Jetzt hat 's auch für uns geschlagen! Leichter, als es von unten aussah, wird diese luftige Stelle bewältigt. Noch einige schwierige Wandstufen, dann stehen wir schon auf dem Gipfel. Wir sind erst achtzig Minuten unterwegs. Grossartig ist von hier der Blick auf die Langkofelgruppe in westlicher Richtung. Die Türme der Fünffingerspitze heben sich scharf vom Himmel ab, und deutlich erkennt man den Schmittkamin, der sich senkrecht durch die Südwand emporzieht, der Weg der Erstbesteiger, die merkwürdigerweise diese Route, die noch heute als eine der schwierigsten gilt, auserwählt hatten. Im Süden glitzert die gewaltige Gletscherflanke des Marmolatamassivs, die nicht ahnen lässt, dass der jenseitige Absturz eine einzige grosse Felswand, die berüchtigte Marmolatasüdwand, bildet. Unser Führer lässt uns nicht lange Zeit, um die Aussicht zu bewundern. Nach unsern Begriffen ist es ein Fussweg, der in die Scharte zwischen erstem und zweitem Turm hinabführt. Man gelangt in wenigen Minuten an den Fuss der Südwestwand, die Loisl als Anstiegsweg für den zweiten Turm auserwählt hat. Der « Weg » führt unmittelbar durch die Wand durch eine Verschneidung, die sich links eines auffallenden, östlich des Gipfels mündenden tiefen Kamins herabzieht. Wie « Ohrengrübler » klemmen wir uns in Ritzen und Spalte, den Tiefblick zu bewundern haben wir gar keine Zeit. Nicht ganz anderthalb Stunden sind verflossen, als wir auf dem zweiten Turm stehen. Wieder ein kurzer Abstieg nach Osten in eine Scharte, einige Meter Quergang in die Nordwand, und dann muss sich auch unser Loisl zu einem Abseilmanöver bequemen. Wir landen auf einem « Balkon », klettern dann weiter hinunter auf den teilweise schneebedeckten Grund einer tiefen Schlucht, aus welcher sich ein Die Alpen - 1948 - Les Alpes30 v1 ,'schönes Spiralband löst, das den dritten Sellaturm in Uhrzeigerrichtung umwindet. Weit gefehlt, wenn wir glauben, den Turm auf diesem so einladend aussehenden Band, dem Bergerweg, erklimmen zu dürfen. Vom Band löst sich schon nach einigen Metern senkrecht durch die Südwand eine Rissreihe, die sogenannte Jahnroute. Innerlich verwünschen wir diesen Herrn Jahn, aber mit jeder Seillänge wird die Begeisterung grosser. Bald verunmöglichen senkrechte gelbe Wände ein Weiterkommen. Ein sehr ausgesetztes schmales Gesimse führt etwa eine Seillänge waagrecht nach links hinaus. Es folgen zwei niedrige, etwas überhängende Stufen, und die nächste Steilwand hat glücklicherweise wieder einen Riss, der bis nahe an den Gipfelabbruch führt. Ein Spreizschritt, ein wenig « Murggsen », das ist uns noch in Erinnerung, und dann waren wir auf den grauen, vom Sellajochhaus gut sichtbaren Platten, über welche in schönem Klettern von Nordwesten her die Turmspitze erreicht wird. Beinahe zwei Stunden hat uns diese Wand gekostet. Und Durst geben diese Südwände! Die Feldflasche wird geleert, das Knäckebrot mit Schokolade-zugabe geniessbar gemacht, und dann folgt die obligate Gipfelzigarette. Zur Belohnung dürfen wir nun den Bergerweg im Abstieg geniessen. Nach knapp dreiviertel Stunden sind wir auf dem Ringband wieder an jener Stelle, wo die Jahnroute abzweigt. Wieder sind wir in der Schlucht zwischen zweitem und drittem Turm, und der harte Schnee gibt uns zu schaffen. Hier würden sich unsere Ordonnanzbeschläge besser eignen als Schnur- oder Stoffsohlen. Etwas besser daran ist Loisl, obschon auch er mit seinen Vibramsohlen nicht ganz glücklich zu sein scheint. Nach einer weitern Stunde haben wir endlich den Ausgang der Schlucht auf die Alpweiden des Sellajochs erreicht. Im Aufstieg ist diese Schlucht, besonders der 10 m hohe, überhängende Kamin ganz am Anfang, das sogenannte « Kirchl », sicher nicht leicht. Etwas unterhalb der Passhöhe suchen wir uns einen Rastplatz, wo wir die reichlich verdiente Suppe kochen. Aber nicht etwa nur Suppe wird serviert, es folgt eine Platte mit « geprägelten » Hörnli, garniert mit Büchsenfleisch, und nachher gibt 's noch Nescafe. Nicht umsonst haben wir dem Ausfuhramt in Bern die Bewilligung zur Mitnahme all dieser Sachen « abgeläschelt ». Loisl staunt, was unser Primuskocher in so kurzer Zeit alles hervorzaubert, und er muss selbst zugeben, dass wir ernst zu nehmende Konkurrenten der Klubwirte des C.A.I. sind, und das will viel heissen.

Für den nächsten Tag schlägt uns Loisl vor, auf das Grödener Joch zu fahren und uns dort am Adangkamin, der direkten Route durch die Südwand der Grossen Tschierspitze, nochmals in reiner Kaminkletterei zu versuchen. Gesagt, getan. Der Wirt des Klubhauses, das natürlich auch dort nicht fehlt, nimmt anderntags unsern Fiat in Obhut, und wir streben der Südwand des auserwählten Gipfels zu. Auch hier ist der Anmarschweg zum Fuss der Felsen keine halbe Stunde weit. Da sind wir uns von der Schweiz her an ganz andere Distanzen gewöhnt. Diesem Adang, der als Erster dem Berg durch diesen Kamin zu Leibe rückte, muss wirklich Bewunderung gezollt werden. Vor vierzig Jahren verfügte man bei weitem nicht über diese Hilfsmittel und diese Technik, die einem das Klettern heute zum Vergnügen machen. Nicht umsonst schildert einer seiner Begleiter die Begehung dieser Route als ein Unter- nehmen, das an der Grenze des von Menschen Erreichbaren liege. Das haben wir allerdings erst hinterher gelesen, als wir im Grödener-Joch-Haus auf unser Bier warteten und unterdessen im goldenen Buch des Adangkamins blätterten. Die Route bietet wirklich schöne und reine Kaminkletterei. Überhänge, die zum Verlassen des Risses und zu Umgehungen zwingen, wechseln mit glatten Stemmkaminen, zum Teil unterbrochen durch eingeklemmte Blöcke, Nischen und schräge Platten. Ein Überhang etwa auf halbem Wege, der früher regelmässig durch menschlichen Steigbaum erklettert wurde, wird heute normalerweise umgangen durch einen sehr exponierten Quergang etwa 20 m links in die Wand hinaus. Durch Anlegen eines Seilgeländers machte Loisl die Sache für uns wesentlich angenehmer. Ein kleiner Riss führt dann schräg rechts aufwärts zu einer überhängenden Stufe, die über eine kurze Gratschneide mit Hilfe von Knieklemme und reichlich viel Armarbeit überwunden wird und wo ein waagrechtes Band wieder rechts in den Hauptkamin zurückführt. Es folgen sich eine ganze Reihe recht heikler Stellen, wo es angenehm gewesen wäre, zu sehen, wie sie der Loisl « genommen » hat. Aber meistens sind die beiden Seile in der vollen Länge ausgegeben, und der Führer ist immer schon hinter dem nächsten Überhang verschwunden, wenn wir nachkommen. Oft haben wir das bestimmte Gefühl, das falsche Bein in einen Riss geklemmt zu haben, und oft gäben wir unser Königreich für einen Griff. Einer der letzten Risse, die Dibonaroute, scheint eine recht nasse und moosige Angelegenheit zu sein. Gerne stimmen wir deshalb dem Vorschlag von Loisl zu, diese Stelle rechts durch die Jahnroute zu umgehen. Nochmals geht 's dann in den Kamin zurück, und noch einmal fehlt es in einem 15 m hohen, oben überhängenden und durch einen Block versperrten engen Spalt an Griffen. Aber dann lassen die weniger steil werdenden Felsen und Schrofen die Gipfelnähe ahnen. Und wirklich sehen wir, wie oben schon eifrig Seil aufgewunden wird, dass also für heute die Kletterei vorbei ist. Ein schöner Weg führt uns in wenigen Minuten zurück an den Fuss der Südwand, deren Durchquerung uns fast volle drei Stunden gekostet hat. Wer verargt da die unschuldige Frage des Laien: « Warum seid ihr denn nicht... ?» Noch war es kaum Mittag, als wir unsere Zeche im Gasthaus, wohin uns der Durst getrieben hatte, beglichen. Wieder trat unser Primuskocher in Aktion, und dann blieb uns noch der ganze Nachmittag für einen Abstecher nach Cortina, dem östlichen Touristenzentrum des Südtirols. An vielen, durch Ereignisse des ersten Weltkrieges berühmt gewordenen Gipfeln vorbei windet sich die Strasse über Pässe hinauf und hinunter, ins Herz der Ampezzaner Dolomiten. Bizarre Felsgestalten, alle mit Namen, die uns aus der alpinen Literatur wohlbekannt sind, geben der Landschaft ein eigenartiges, an Theaterkulissen gemahnendes Aussehen. Es steht ausser Frage, dass uns eine unserer nächsten Dolomitenfahrten hierher führen muss.

Das Wetter, das uns von Tag zu Tag mehr Sorgen bereitet hat, scheint nun wirklich endgültig auf schlecht umgestellt zu haben. Trotzdem wagen wir am nächsten Tag den Versuch, den berühmten Vajolettürmen in der Rosengartengruppe zu Leibe zu rücken. Aber schon bevor wir am Fusse der Türme angelangt sind, schreckt uns ein Gewitter, das in einen Landregen auszu- arten scheint, zurück. Die Türme sind in schwarze Wolken gehüllt. Die Erinnerung an ähnliche Situationen, an nasskalte Wände, Couloirklettereien inmitten von Sturzbächen, steifgefrorene Finger und ähnliche unbeliebte Dinge lässt uns kurzentschlossen die Tour abbrechen und auf den Herbst verschieben. Es bleiben uns noch zwei Ferientage, die gerade ausreichen, um auf unserer Heimfahrt einen Abstecher an den Gardasee einzuschalten. Über Bozen und Trient folgen wir dem Lauf der Etsch, das Wetter wird wieder besser und zeigt uns an der Gardesana die südliche Blumen- und Blütenpracht in kaum zu übertreffender Schönheit. Die Grenzbarriere am Simplon, die wir trotz rasender Fahrt über die Autostraden erst einige Minuten nach Tor-schluss erreichen, zwingt uns zu einem unfreiwilligen Aufenthalt in etwas « bissigen » Betten, bei der Fahrt über den Simplon selbst giesst es am nächsten Morgen wie aus Kübeln. Aber dies alles vermag den grossen Eindruck nicht zu verwischen, den unsere erste Dolomitenfahrt in uns hinterlassen hat.

Einige Worte, auf eine Postkarte gebracht, haben genügt, um an einem Sonntagabend im Herbst unsern bewährten Begleiter Loisl bei Pitscheiders Hotel Post und Hirschen in Wolkenstein auftauchen zu lassen, wo wir unser Programm für die zweite Dolomitenwoche dieses Jahres besprechen wollen. Als erstes möchten wir der Fünffingerspitze, die wir von den Sellatürmen aus schon im Frühjahr bewundert hatten, einen Besuch abstatten. Wir lassen durchblicken, dass ein Aufstieg durch den Schmittkamin das Ziel unserer Wünsche wäre. Wenn wir geglaubt hatten, Loisl werde die Stirne runzeln und uns eher den Daumenschartenweg oder eine andere weniger schwierige Route anraten, so sehen wir uns angenehm getäuscht. Zum erstenmal hören wir vom Kieneriss, einer Route, die ähnlich dem Schmittkamin die Südwand durchläuft, aber diagonal. Dieser Diagonalweg sei noch viel schöner als der Schmittkamin, der uns übrigens kaum mehr viel zu bieten vermöchte. Gesagt, getan! Am Montagmorgen fahren wir wieder zum schon bekannten Sellajochhaus, lassen alles Unnötige im Auto und streben dann dem Einstieg an der Südwand zu. Der Weg führt zuerst über saftige Weiden, zwischen grossen, eckigen Felsblöcken hindurch, die dieser Gegend den Übernamen « Steinerne Stadt » eingetragen haben. Zur Rechten der mächtige Block des Langkofels und zur Linken die nicht minder imposanten Wände des Plattkofels, nimmt sich das in der Mitte liegende schroffgezackte Gebilde der Fünffingerspitze recht zierlich aus. Je näher man aber kommt, desto eindrucksvoller wird diese Südwand. Trotz schärfstem Tempo ( aufgenötigt durch die « Konkurrenz », eine Dreierpartie, die Gleiches im Schilde führt wie wir ) erreichen wir den Einstieg erst nach einer Stunde. Und es hatte doch von unten so nahe geschienen. Schnell die Schuhe gewechselt, einen Apfel in die Tasche versenkt, einige Haken und den Hammer umgehängt, und los geht 's. Das Wettrennen haben wir gewonnen, wir steigen als erste ein, und nicht wir, sondern die andern werden die Steine auf den Kopf kriegen. Wir sind eben Menschen-freunde, aber jeder ist sich selbst der beste Freund.

Der Einstieg in die Wand ist der gleiche wie für den Schmittkamin. Aber schon nach wenigen Metern muss längs einer schmalen Leiste nach links gequert werden zum Beginn des eigentlichen Kienerisses. Wohl finden die Fingerbeeren Halt, aber die kleinen Unebenheiten im Fels sind mit feinem Sand gefüllt und müssen immer erst ausgeputzt werden. Der Quergang liegt versteckt hinter einer Felskulisse, die zuerst überklettert werden muss, und wir begreifen sehr gut, dass es Partien gegeben hat, die, ohne es zu wollen, den ganzen Schmittkamin durchklettert haben, immer auf der Suche nach dem Übergang zum Diagonalriss. Der Riss selbst ist anfangs sehr eng. Eine Anleitung zu seiner Begehung ist schwer zu geben. Rechter Arm, rechtes Bein drinnen, nach vier Metern umwechseln, rechtes Bein an die Wand stemmen, ganzer Körper im nun etwas breiteren Riss usw. Man zwängt sich hinter verklemmten Blöckchen durch, überlistet Überhänge, durchspreizt Kamine und ist jedesmal froh, wenn eine kleine Schottersohle Gelegenheit zum Ausruhen bietet. Allerdings darf man an solchen Stellen die Füsse nur behutsam aufsetzen, will man nicht eine ganze Steinlawine und wenige Augenblicke später ganz weit unten einen kräftigen Protest auslösen. Wir verstehen zwar kein Italienisch, glauben aber jeweils den Inhalt des Redestroms, der von den Wänden widerhallt, erraten zu können. Gelegentlich glaubt man sich an eine Hausfassade versetzt, die direkt unter dem Dachvorsprung zu umklettern ist. Die obere Wand ist meist überhängend, stellenweise auch der Riss, dort wo er jeweils eine weitere Wandstufe durchzieht.

Schneller als angenommen, sind wir an die etwa 30 m messende gelbe Schlusswand und dann in die Scharte des Südgrates zwischen Mittel- und Goldfinger gelangt, von wo man den grossartigen, in der alpinen Literatur so viel gerühmten Tiefblick über die Nordwestwand hinunter geniesst. Eine kurze Gratpartie, durch den Schusterriss ( eine der schwierigsten Stellen der Tour ) über die letzte Gipfelwand, und dann stösst man auf leere Konservenbüchsen, Schokoladepapiere und sonstige Zeugen dafür, dass hier die höchste Fingerspitze erreicht ist. Wir sind nicht die ersten Schweizer, die in dieser Saison hier oben sitzen. Vor wenigen Tagen haben sich einige Zürcher im Gipfelbuch eingetragen.

Die drei Stunden Kletterei in der Südwand haben uns die Kehlen tüchtig ausgetrocknet. Nur Loisl ist so glücklich, noch einen Apfel hervorholen zu können. Wir andern hatten schon viel früher vor dem Durst kapituliert, wenn 's auch meistens nur zu einem einzigen Bissen langte, bevor der Apfel jeweils infolge irgendeines Missgeschicks in die Tiefe sauste, verfolgt von sehnsüchtigen Blicken und nicht sehr salonfähigen Worten.

Für den Abstieg wird die Normalroute durch die Daumenscharte gewählt. Ein schneller Blick in den Schmittkamin, dann geht 's durch die berüchtigte Eisrinne einige Seillängen in die Nordwand hinunter ( die Eisrinne ist allerdings diesmal fast vollständig ausgetrocknet ), dann folgt ein kleiner Quergang, ein Abseilmanöver über die Wand, vor welcher der berühmte Stabeier seinerzeit im Aufstieg kehrt machte, und dann, von der Daumenscharte an, über wenig interessante Platten und Schrofen zurück zu unseren Rucksäcken, die wir etwa fünfeinhalb Stunden allein gelassen haben. Wir sind uns darüber einig, dass diese erste Exkursion, nach unserer siebzehnstündigen Autofahrt des Vortages, eine nahrhafte erste Platte war.

Erheblich früher als am ersten Tag wartet Loisl am nächsten Morgen vor dem Hotel. Das Wetter sieht schlecht aus, und schon glauben wir, Zwergkönig Laurin, der Herrscher über den Rosengarten, wolle uns auch diesmal den Zutritt zu den Vajolettürmen verwehren. Über das Sellajoch, das wir im dichten Nebel überqueren, fahren wir ins jenseitige Fassatal, durch das verschlafene Dörfchen Canazei dem Weiler Mazzin zu, wo laut unserer Landkarte ein Strässchen oder doch mindestens ein breiter Weg abzweigen soll, auf dem man ein gutes Stück in das Vajolettal gelangen könnte. Also warum denn zu Fuss gehen? Aus Sicherheitsgründen fahren wir mit Vollgas über die erste Holzbrücke. Sie hat gehalten. Die Dorfbewohner betrachten das vierrädrige Vehikel, das so gar nicht in diese Gegend passt, mit kritischen Blicken. Bis dahin waren es höchstens Motorräder gewesen, die gelegentlich Bergsteiger ins Seitental hineinbrachten. Wir versuchen es trotzdem. Jedenfalls hatten wir eine erhebliche Höhendifferenz hinter uns, als uns ein tiefes Bachbett Halt gebot, weil die Brücke weggeschwemmt war. Ob wir weniger Herzklopfen hatten, als wenn wir die Strecke zu Fuss zurückgelegt hätten, bleibe dahingestellt. Es gab manche brenzlige Situation. Der Anstieg zu den Vajolettürmen gab auch so noch zu schwitzen genug, der Vortag steckte uns doch noch etwas in den Knochen. Die Wolkendecke lag jetzt gerade hoch genug, um die Türme in ihrer ganzen Höhe freizulassen. Wir wagten Loisl nicht zu fragen, ob man die Route schon sehen könne, über die er uns zu führen gedenke. Es war vielleicht besser so.

Als erster kommt der Winklerturm an die Reihe. « Der berühmteste der Vajolettürme, unvergleichlich kühner Felsbau, von allen Seiten äusserst schwierig », heisst es im Routenführer. Wir verlassen unser Rucksack- und Schuhdepot mit geschulterter Seilpuppe, obschon die Einstiegstelle zum Winklerriss schon ein gutes Stück in der Südwand oben liegt. Erst dort wird angeseilt, und wir schenken leider der fachmännischen Anfertigung der Knoten etwas zu viel Interesse, so dass Loisl unsern Blicken schon entschwunden ist, bevor wir uns bewusst werden, dass die für diese ersten schwierigen 8 m angewendeten Kniffe unserer Aufmerksamkeit entgangen sind. So versucht denn jeder, sobald er an die Reihe kommt, auf seine Art, unter Ächzen und Keuchen, diesen Riss zu meistern. Ein frischer Blumenstrauss, der wohl durch Freundeshand in eine kleine Felsnische gelegt wurde, erinnert daran, dass hier eine Bergfahrt ihr unglückliches Ende nahm. Durch recht schwierige Kamine, wovon der letzte von einem Überhang gekrönt ist, gelangen wir in die östliche Gratscharte und von dort noch einmal durch eine kaminartige Verschneidung über eine sehr schwierige Stelle zum Gipfel, zwei Stunden nach Aufbruch vom Depot.

Durch einen kräftigen Sprung scheint man den Gipfel des Stabelerturmes, des mittleren der drei Vajolettürme, erreichen zu können. Und doch trennen uns anderthalb Stunden angestrengte Kletterarbeit von ihm. Allerdings bietet der Stabeierturm bedeutend weniger Schwierigkeiten als der Winkler- oder gar der Delagoturm, der dritte im Bunde. Einzig dem Spreiz- schritt über die Stabeierscharte, von der glatten Wand des Winklerturmes an die hier nicht minder griffarme Flanke des Stabelerturmes, und gleich darauf dem 30 m langen, am Anfang überhängenden Kamin ist ein etwas höherer Schwierigkeitsgrad zuzusprechen.

Noch einmal liegt der nächste Gipfel zum Greifen nahe vor uns, diesmal der Delagoturm, der schwierigste der drei südlichen Vajolettürme. Mit gemischten Gefühlen steigen wir über die Nordseite des Stabelerturmes in die Delagoscharte ab, hat uns doch der Winklerturm schon tüchtig zu schaffen gegeben, und nun soll der Delago noch schwieriger sein. Wir sind schon sieben Stunden unterwegs, seitdem wir unser Auto stehen liessen, viereinhalb Stunden dauerte bis dahin die Kletterei. Von der Delagoscharte geht es vorerst über abwechslungsreiche Stufen und Platten einige Seillängen recht flüssig vorwärts. Aber dann kommt eine grosse Pause. Man hört Karabinerhaken einklinken, das Seil läuft nur noch zentimeterweise aus, und wir haben das bestimmte Gefühl, dass uns der Überhang, unter welchem wir warten, ein sehr nahrhaftes Wandstück verdeckt. Es ist der ebenso berüchtigte wie berühmte Pichlriss. Nicht der Riss als solcher ist schwierig, denn man kann gar nicht in ihm klettern, er wäre zu eng dazu, sondern die ihn begrenzende Kante, auf welche man hinausgedrängt wird und die an einer Stelle leicht überhängend ist. Mit Armen, die wie Waschlappen an uns hängen, und mit butterweichen Knien stehen wir schliesslich doch alle auf dem Gipfel. Es ist uns keine lange Ruhe gegönnt, möchten wir doch rechtzeitig bei unserer Karre sein, um nicht bei Nacht die halsbrecherische Autofahrt ins Tal hinunter unternehmen zu müssen. Fünfmal hintereinander lassen wir die ganze Seillänge durch unsere Sitzschlingen gleiten, nur kurze Zwischenstücke werden in der Südwand frei geklettert. Erst jetzt werden wir uns richtig bewusst, wie hoch die senkrechten Wände waren, in denen wir uns während der letzten sieben Stunden bewegt haben. Dankbar drücken wir Loisl die Hand für diese wirklich einzigartige Kletterfahrt. Wenn wir lesen: « Eine der berühmtesten und schönsten Dolomitklettereien überhaupt, äusserst schwierig und ausgesetzt, langwierige und verwickelte Felsfahrt », so scheint uns an dieser Charakterisierung nicht viel abzuändern zu sein.

Nachdem wir spät am Abend in unser Standquartier zurückgekehrt sind, glauben wir für den nächsten Tag eine Ruhepause verdient zu haben, besonders weil als nächste Kletterfahrt die Schleierkante der Cima della Madonna in der Palagruppe auf dem Programm steht. Am Nachmittag verlassen wir zusammen mit unserem Bergführer Alois Mussner das Grödental, machen einen Abstecher nach Bozen und fahren dann über den Costalungapass, beim idyllischen Karersee vorbei, hinüber ins Fassatal. Zur Linken grüssen uns die schon wohlbekannten Spitzen der Rosengartengruppe und vor uns, etwas verschleiert durch die grössere Distanz, die Marmolata, deren Südwand, in der Silhouette gesehen, beim Betrachter einen leichten Schauer auslöst. Der Rollepass empfängt uns mit strömendem Regen. Die grossen Gipfel, die Cima della Pala, die « das Matterhorn der Palagruppe » genannt wird, sind in dicken Nebel gehüllt. Wie uns dann der ortsansässige Bergführer, den wir in San Martino di Castrozza auserwählt haben, noch die Führertaxe für die iatiirüÖ 1 .FAHRTEN INS SÜDTIROL ( DOLOMITEN ) Schleierkante mitteilt, sind wir nahe daran, wieder umzukehren. So viel zu bezahlen, um unter Umständen an der Schleierkante garstiges Wetter, nasse Felsen, vielleicht sogar Schnee anzutreffen, scheint uns nicht zu lohnen. Aber unser Optimismus siegt. Der Führer, er heisst Scalet, hat in seinem kleinen Häuschen ein sauberes Nachtquartier für uns alle, so dass wir uns zum Abmarsch, noch vor Tagesanbruch, nicht noch besammeln müssen. Scalet führt uns vorerst durch dichten Wald, über offene Weiden, durch breite Bachrunsen an den Fuss eines Steilhanges, wo wir glauben, er werde nun das Tempo etwas massigen. Aber weit gefehlt! Nicht umsonst gilt er im Winter als gefürchteter 50-km-Langläufer. Keuchend und schwitzend heften wir uns an seine Fersen. Beim Schuhewechseln gesteht er uns, und wir bezweifeln es keinen Moment, wir hätten soeben eine Rekordzeit gelaufen. Nun befinden wir uns also am Fusse der berühmten Schleierkante, im Begriffe, wohl die klassischste aller Dolomitenfahrten in Angriff zu nehmen. Das Wetter ist nicht gut, Nebelschwaden verdecken die nächsten Berggipfel, es könnte jeden Moment zu regnen beginnen. Aber der Fels ist noch trocken, unsere Kletterschuhe greifen gut, so dass wir uns vorläufig keine unnötigen Sorgen machen. Wir sind alle fünf am gleichen Seil, wozu allerdings zu bemerken ist, dass es aus zwei Stücken zusammengesetzt ist und insgesamt 95 m misst. Auf jeden Fall geht es oft sehr lange, bis der hinterste Mann, Loisl, den vordersten wieder einmal zu Gesicht bekommt.

Die ersten Steilstufen werden im Eiltempo genommen; wir Schweizer, die doch an eine strenge Seildisziplin gewohnt sind, haben oft Mühe, in dem Gewirr von Seilschlingen die richtige auszugeben oder einzuziehen. Schon bald stehen wir am Fusse des ersten Kantenpfeilers. Der Riss, der sich von hier bis zur Scharte des Pfeilers emporzieht, ist unzweifelhaft die schwierigste Stelle der ganzen Tour. Zum Stemmen ist der Riss zu eng, zum Verklemmen des Körpers ist er anfangs zu weit. Griffe oder Tritte sind äusserst rar, und zu alledem kommt noch die Stelle, wo es in der Routenbeschreibung heisst: « nun noch schwieriger nach rechts hinaus und über die fast 20 m hohe, senkrechte, zum Teil überhängende Wand zur Scharte. » Jedenfalls ging dort jedem von uns eine Zeitlang der Atem aus. Von jetzt an ist es nur noch die enorme Exponiertheit, die als Schwierigkeitsfaktor gezählt werden kann. Der Fels ist ideal fest und griffig, und Scalet setzt wieder Dampf auf. Nach einigen Seillängen stehen wir in der Scharte des zweiten Kantenpfeilers. Diese Scharte muss überspreizt, besser gesagt « überfallen » werden. Die Fusse an der einen Wand, lässt man sich mit den Händen an die andere Wand fallen. Ein kitzliger Moment! An der Gegenwand muss man den Griff erwischen, dann ist man gerettet. Wie unser Loisl, von Statur klein, diese Stelle gemeistert hat, ist uns noch jetzt ein Rätsel. Es folgt noch ein kurzes Stück in dieser senkrechten, schwierigen Wand, dann führt ein schräger Kamin in leichter Kletterei zum Gipfel der Cima.

Im letzten Teil der Kante fiel Schnee, wir waren froh, am Morgen « ge-rekordert » zu haben, an der Kante war jede gewonnene Minute kostbar. In dreieinhalb Stunden haben wir am Fünferseil den Aufstieg bewältigt. Für eine Zweierpartie nannte man uns als normale Zeit fünf Stunden. Stolz schreiben wir unsere Namen auf einen Zettel und legen diesen zu den andern in die kleine Blechschachtel, die im Steinmann steckt. Wir verstehen jetzt Leo Maduschka, den berühmten Dolomitenkletterer aus München, der in sein Tagebuch schrieb: «... ein Genuss, wie 's keinen zweiten mehr gibt; Riss und Wand recht schwer. Dann: nie extrem, aber immer nervenerregend luftig. Ganz unglaublich; es gibt sicher kein Gegenstück zu dieser Kante! » Die Kälte und das Schneegestöber lassen uns nicht lange auf dem Gipfel verweilen. Für den Abstieg wählen wir die « Normalroute », die nach unserem Dafürhalten sicherlich auch im Aufstieg nicht jedermanns Sache ist. Eine Reihe von Abseilstellen, meistens in freier Fallirne, verkürzen die Abstiegszeit wesentlich. Allerdings nicht sehr zur Freude von Loisl, dessen Kletterhose hier endgültig draufgeht, was natürlich die schon ohnehin vorhandene Antipathie gegen diese Art von Abstieg nicht gerade verringert. Der Schneefall geht über in Regen, und wir sind froh, kurz nach Mittag wieder unter das schützende Dach von Scalets Haus in San Martino schlüpfen zu können. Die Kleider und Schuhe sind durchnässt, aber das Gefühl, das höchste Ziel jedes Dolomitenfahrers erreicht zu haben, erfüllt uns mit solcher Wärme, dass wir uns dieser äusserlichen Dinge: nicht mehr achten.

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