Falkenturm-Traversierung

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Von Otto Gerecht.

Mit 1 Bild.S.A.C. und W. A.C.

Der Familie der Spannörter, welche dem Talabschluss von Engelberg den Stempel aufdrücken, gehört auch der Falkenturm oder Kleinstes Spannort an. Durch eine tiefe, schmale Scharte von der Masse des Kleinen Spannorts getrennt, fällt der Falkenturm nach allen Seiten in schroffen, senkrechten Felswänden ab. Seine bis jetzt sehr seltene Besteigung erfolgte aus der Scharte zwischen dem Kleinen und Kleinsten Spannort durch die meistens vereiste Nordwand. Hier hatten wir wieder einmal einen Berg mit nur einem einzigen Weg auf seinen Gipfel, und dazu führen dessen Spuren noch durch eine von der Sonne verachtete Wand. Dem abzuhelfen hatte ich mir seit langem geschworen und dabei an die sonnige und trockene Südwand gedacht. Doch Jahre gingen ins Land, das Falkenturmprojekt schien uns zu klein, zu nichtig, als dass wir einen von unseren kostbaren Bergsonntagen dafür opfern wollten. Doch der Felsturm lehrte uns Opfer bringen, Opfer an Mut und Tatkraft, viel mehr als mancher grosse Berg. Er hemmte für eine Woche unsern Siegeslauf und sorgte dafür, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Und das war gut so!

Wieder war es Herbst und die Berge steckten schon im weissen Kleid des Winters. Früh hat er seinen Einzug gehalten, dieser Winter. Viel zu früh für unser noch immer gespicktes Bergsteigerprogramm, das nur noch einen zweiten Versuch am Falkenturm gestattete. Der erste Versuch vor acht Tagen ertrank in den vielen Neuschneemassen. Es war ein Schlauch par excellence: von 3 Uhr früh, in stockdunkler Nacht, bis 9 Uhr, also 6 Stunden, spurten wir, oft bis über die Hüften im haltlosen Pulverschnee schwimmend, von der Spannorthütte bis auf die Südseite des Kleinsten Spannorts. Die von der Oktobersonne beschienene Wand troff vor Nässe. Trotzdem stiegen wir ein und erkämpften uns in harter Kletterarbeit einen Weg bis zum Westgrat. Dann mussten wir zum Rückzug blasen. Erst spät abends, es war schon wieder Nacht, langten wir, todmüde ob der langen Schneestampferei, im Talboden an.

Am 9. Oktober 1937 waren wir wieder unterwegs, bereit, die Scharte vom letzten Sonntag auszumerzen. Schon im Tal waren wir frecher; mit abgeblendeten Lichtern fuhren wir durch Engelberg und bis zur Herrenrüti. Verbotene Früchte...

Die Alpen — 1941 — Les Alpes.9 Schweigsam schleppten wir unsere schweren Säcke, beladen mit dem Rüstzeug des modernen Kletterers und einer grossen Beige Brennholz, hinauf zur Spannorthütte. « Chömmed er scho wieder », ertönte es aus dem Innern des raucherfüllten Raumes. « Was händ er vor? » — « Nume nid gsprängt, mached ihr zerscht, dass mer öppis gsehd », war unsere Antwort. Die vier anwesenden, uns bekannten Bergsteiger hatten natürlich schon im Hüttenbuch gestöbert und unsere Eintragung vom letzten Sonntag gesehen.

Der schöne Herbstabend war mild. Wir sassen noch lange beisammen vor der Hütte und erzählten aus unserem freien und stolzen Bergvagabundenleben, von Fahrten über und unter der Erde. Mein Kamerad Sepp Wechsler musste von « seiner Wand » berichten, der Schlossberg-Südwestwand, die in gewaltigen Platten und Säulen unweit der Hütte emporstürmt. 1936 hatte er zusammen mit Dany Gianora der riesigen Felsmauer einen neuen Durchstieg abgetrotzt.

Immer extrem: letzten Sonntag um 3 Uhr, heute um 7 Uhr verlassen wir die Klause. Bis unter den letzten Steilhang vor der Schlossberglücke haben wir Begleitung, dann schwenken wir rechts ( südlich ) ab und queren den Gletscher unterhalb des Grossen Spannorts. Das Joch gleichen Namens lassen wir links liegen, umgehen die südwestliche Ecke des Kleinsten Spannorts und erreichen um 9 Uhr die Scharte zwischen Falkenturm und einem Felszahn ( P. 2952 ). Wieder schweifen unsere Blicke durch die 200 Meter hohe, senkrechte Wand. Drei grosse Kamine durchreissen sie und geben der glatten Kalkmauer Struktur. Die Felseinschnitte enden oben alle in Überhängen und kommen für einen Versuch nicht in Frage. Wir wählen deshalb wieder unsere Route vom letzten Sonntag, als Einstieg einen Riss links vom ersten grossen Kamin. Einige Meter geht es gut, dann schliesst ein unüberwindlicher Überhang den Riss oben ab. Links hinaus müssen wir, in die glatten, abwärtsgeschichteten Platten. Vorsichtig gehe ich ans Werk, schlage zu meiner Sicherung einen Haken ein und taste mich langsam um die Kante.Verflucht! der Fels drängt mich hinaus; also Hand aufs Herz, und mit einem weiten Spreizschritt stehe ich in der Wand. An spärlichen, schlechten Griffen klimme ich noch einige Meter empor. Unter einem Überhang finde ich Stand und lasse Seppel nachkommen. Jetzt ist mein Kamerad an der Reihe.Verbissen kämpft er mit dem Überhang. Langsam, Zoll um Zoll drückt er sich höher, bis er meinen Blicken entschwunden ist. Weiter oben hilft ihm unser Abseilhaken. Noch einige brüchige schwere Wandstufen, und wir stehen gegen 11 Uhr wieder auf dem Westgrat. Zum zweitenmal! Jetzt beginnt Neuland. Werden wir den abschreckenden Gipfelaufbau bezwingen können?

Einige Seillängen verfolgen wir noch den Grat, dann müssen wir wieder in die Südwand. Das Gestein wird schlecht, alles ist lose. Wir dürfen nur auf Druck klettern, um uns mitsamt dem Kalkscherbenhaufen eine Luftreise zu ersparen. Etwa 20 Meter über uns scheint der Gipfel zu sein, aber wie hinauf kommen? Ein überhängender Kamin trennt uns noch von unserem Ziel. Wechsler, der wieder führt, wir wechselten nach jeder Seillänge in der Führung — bemüht sich schon seit einiger Zeit, um den Wulst unter sich zu bringen. Vergebens, seine Kraft reicht nicht mehr dazu aus. Er muss wieder zurück. Mit den letzten Kräften kann er noch einen Haken schlagen und sich wieder zu mir abseilen.

Bis unter das Dach habe ich es wesentlich leichter, habe ich doch durch den Haken Seilzug von oben. Von unten sah die Stelle harmloser aus, jetzt begreife ich Seppel, der trotz aller Anstrengungen nicht weiter konnte. Aber wir müssen hinauf, so knapp unter dem Gipfel darf es keine Umkehr mehr geben. In den Haken klinke ich meine Selbstsicherung ein und richte mich langsam auf, versuche mich am kurzen, straffen Seilstumpen möglichst hoch zu schieben und über dem Felswulst noch einen Stift einzutreiben. Bange Minuten verstreichen. Wird der so schwer auf direkten, waagrechten Zug belastete Haken mein Gewicht auch aushalten? Weit oben sehe ich ein feines Ritzli. Noch mehr muss ich mich strecken, jeder Zentimeter ist wichtig. Endlich sitzt ein kurzer, dünner Haken, und ich kann mich am gesicherten Seil ausruhen. Über dem Bauch wird der Kamin etwas weniger steil, ist aber immer noch glatt und grifflos. Noch wenige Meter und wir standen um 1 Uhr 30 auf dem Gipfel des Falkenturms, dieses einsamen Berges, der so selten Besuch empfängt.

Am liebsten würden wir wieder den gleichen Weg zurück abseilen, denn die Nordwand ist stark vereist und in Kletterschuhen und ohne Pickel sicher sehr heikel. Aber wir wollen unser geplantes Unternehmen, die Traversierung, auch zu Ende führen. Mit äusserster Vorsicht klettern wir die verglaste Rinne hinab. Der Kletterhammer muss oft als Pickel dienen und kleine Kerben ins schwarze Wassereis ritzen. Auf schmalen Felsleisten queren wir aus der unfreundlichen Nordwand in die Ostscharte und stapfen im tiefen, weichen Schnee hinunter auf den Rossfirn.

Der Aufstieg war schwer, gewiss weit schwerer als auf der vorhandenen Route, und doch, ich freute mich königlich über unsern neuen « Weg » zum Gipfel. Wir haben etwas in die Sonne gerückt, dachte ich mir beim Abstieg durch die kalte, unwirtliche Nordwand, und wenn es auch nur eine Route auf den Falkenturm ist, so ist es nun doch ein Weg in der Sonne.

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