Finsteraarhorn-Südostgrat

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Von Otto Paul Schwarz.

Unter den « Neuen Bergfahrten in den Schweizeralpen » ist im IV. Band der « Alpen » 1928 eine « erste Begehung des ganzen Südostgrates von der Gemsenlücke zum Gipfel des Finsteraarhorns » erwähnt. Rudolf Wyss hat im 22. Jahresbericht des A.A.C.B.ern jene Bergfahrt vom 4. August 1927 in ein paar knappen Sätzen beschrieben. Das ist in alpinen Zeitschriften bisher die einzige Mitteilung über die prächtige Fahrt geblieben. Am 30. und 31. August erschien in den « Basler Nachrichten » ein Aufsatz, der jenes Bergerlebnis eingehender schilderte, freilich nicht in der Absicht, dem Leser eine klare und übersichtlich gegliederte Wegbeschreibung zu geben. Mit Spannung warteten der Schreibende sowie die Schriftleitung der « Alpen » auf eine « Monographie des Königs der Berner Alpen », die Oskar Hug in Zürich im Anschluss an die von ihm ausgeheckte Tur zu veröffentlichen versprochen hatte. Er war der berufene Mann dazu, denn er hatte seit Jahren die stattliche Literatur über dieses an landschaftlichen Reichtümern und bergsteigerischen Genüssen unerschöpfliche Gebiet durchstöbert und schliesslich entdeckt, dass die Gratwanderung von der Gemslücke zum Gipfel noch nie in ihrer ganzen Länge ausgeführt worden war. Mit einer Teilaufgabe zur Schaffung eines neuen Clubführers betraut, wandte sich Hug mit dem heimlichen Plan an Rudolf Wyss in Bern, der gerne zusagte, obwohl wir beide gerade zu jener Zeit im Strahlegg-gebiet allerlei nachholen wollten, was uns der regenreiche Sommer 1926 vereitelt hatte. Schliesslich kam für mich die unerwartete Einladung zustande, zunächst dem Finsteraarhorn einen Besuch abzustatten und erst nachher durch das Agassizcouloir zur Strahlegghütte und damit in den Bannkreis der Schreckhörner zu gelangen.

Die Tur glückte und bildete fortan eine kostbare Erinnerung, die ich oftmals beim Betrachten der zahlreichen Photographien bis in die Einzelheiten auffrischte. Dabei erwachte jeweilen die Hoffnung, in den « Alpen » einmal die plastische Schilderung meines schreibgewandten Clubgenossen in Zürich zu finden. Der aber, vom Strudel beruflicher Tätigkeit erfasst und durch vermehrte familiäre Pflichten gebunden, verzichtete schliesslich auf die geplante « Monographie », worauf die Redaktion der « Alpen » die bedauerliche Absage in eine überraschende Einladung an meine Wenigkeit umwandelte, auf dass jene Fahrt vom 4. August 1927 in den Annalen des S.A.C. festgehalten werde. Diese Aufforderung erfolgte in der Zeit, da die Sektion Oberhasli zur Meiringer Clubwoche einlud, in deren Programm die Besteigung des Finsteraarhorns über den Südostgrat aufgeführt ist. « So sei 's drum », sagte ich mir, « eventuell vermagst du ein paar Clubkameraden Hinweise in Wort und Bild zu geben, die sie zur Teilnahme an der für den 18. Juli 1930 geplanten Tur ermuntern. » * Als ich vor drei Jahren am Tage der Bundesfeier in Grindelwald eintraf, lautete die Wetterprognose wenig günstig. Der folgende Tag bescherte den Tälern und den Gestaden des Thuner- und Brienzersees unerhörte Gewitterregen, den Höhen reichlichen Schnee und den « sprungbereiten » Alpinisten bittere Enttäuschungen. Über Nacht vermochte eine frische Bise den Berner Oberländerhimmel zu säubern, so dass ich mit Rudolf Wyss am 3. August im ersten Züglein voller Zuversicht auf das Jungfraujoch hinauf fuhr, von wo wir schon um 9 Uhr in ziemlich scharfem Tempo bei aufhellender Witterung den Aletschgletscher hinunterzogen. Und siehe da, die Mittagssonne brannte uns tüchtig auf den Pelz, als wir die Konkordiahütte erreichten und mein Fuss nach einem Unterbruch von acht Jahren erstmals wieder über die Schwelle des gastlichen Refugiums trat. Der alte Rotbart Rubi ist noch immer der gleiche; mit fester Hand und stillem Brummen hält er Ordnung in der praktisch umgebauten Hütte, die heute mehr von « Durchreisenden » als von zünftigen Bergsteigern besucht wird. Oskar Hug erwartete uns hier mit seinem jungen Schwager F. Übersax aus Zürich. Am Nachmittag brachen wir gemeinsam auf, um über die Grünhornlücke nach der neuen Finsteraarhornhütte zu zügeln. Auf dem 3305 m hohen Schneesattel liessen wir die Freunde vorausgehen, und während Ruedi Wyss in den nahen Felsen seinen geologischen Wissensdurst stillte, braute ich in einem Schneeloch mit Hilfe von Meta einen köstlichen Tee. Dann versenkten wir uns mit dem Feldstecher in die Einzelheiten der mächtigen, turmgeschmückten Grate des Finsteraarhorns, das sich in majestätischer Behäbigkeit vor uns zum stahlblauen Himmel reckte. Es dürften wohl 8—9 Stunden vom Rothornsattel ( Gemslücke ) bis zum Gipfel sein. Bei einem Pfeifchen wurde vor der schwach besetzten Hütte der Angriffsplan noch einmal besprochen, und dann versank ein jeder in die überwältigende Schönheit dieses Erdenwinkels. Längst deckte die Gletscher ringsum der Schatten bleierner Dämmerung, und leblos, doch trotzig, standen die kalten Riesenmauern ringsum; nur hoch oben in den Gipfelfelsen des grossen Horns glühte das Sonnenlicht und umspielte schwärmerisch den verwaisten Steinmann.

Ungesorgt legten wir uns um 9 Uhr schlafen. Um 2 Uhr weckte uns der Hüttenwart, und eine halbe Stunde später schmausten wir vier am reichlich gedeckten Tische. Um 3 Uhr knüpften die beiden Zweierpartien Hug-Übersax und Wyss-Schwarz die Seile und traten im Schein der Laternen auf den harten Firn, vom eisigen Schweigen einer sternklaren Nacht umfangen. In gemächlichem Tempo folgten wir einer Spur, fanden nach einer Stunde in den aperen Felsen ein ausgetretenes Weglein, das über die Gemslücke zur Oberaarhütte weist. Um 440 Uhr legten wir in der Einsattelung die Säcke ab, stärkten uns mit Brot, getrockneten Früchten und einem Schlucke Tee. Im Osten begann die erwachende Sonne die hochhängenden Wolken zu röten. Zwischen den tintenfarbenen Kulissen des Oberaarhorns und des Oberaar-rothorns hindurch erkannten wir in der Ferne die matt schimmernden Gipfel des Gotthardgebirges und der Tessineralpen.

Auf unserm Rastplatz hatten vor mehr als einem Jahrhundert die ersten Bezwinger des Finsteraarhorns eine äusserst notdürftige Hütte errichtet. Rudolf Meyer, der 21jährige Student der Medizin und Naturwissenschaften ( 1821 Professor an der Kantonsschule Aarau ) hatte hier am 15. August 1812 mit den Oberhasler Führern Arnold Abbühl und Kaspar Huber und den beiden Wallisern Alois Volker und Joseph Bortis eine kalte Nacht überstanden und war am 16. August « wohl versehen mit Schutz- und Trutzwaffen gegen erwartete Gefahren, mit Stricken, Alpenstöcken und Fusseisen » aufgebrochen, um vom Studerfirn her ungefähr gegen die Mitte des langen Grates einen Flankenstoss auszuführen. « Immer steiler », erzählt Meyer, « wurde die Schnee- und Gletscherwand am Felsen, der senkrecht zum Himmel emporsteigt. Dem Kühnsten nach, traten wir in seine Stufen, den Arm tief im kalten Schnee eingrabend, um den unsichern Fusstritt zu unterstützen. Wo der Gletscher nackt war, hieben wir Tritte für Hand und Fuss und befestigten ein Seil um den Leib, welches der erste hielt, wenn der wanke Tritt uns wich. Weniger schüchtern kamen wir auf dem Felsen fort, wo man sich nicht auf den trügerischen Schnee verlassen musste. Sechs Stunden lang waren wir mühsam nun hinaufgeklettert an dieser Riesenwand; um Mittag nahte der eine Gipfel des Gebirges, da wölbte sich dem ganzen Grat nach der Gletscher über den Abgrund hinaus, gegen uns zu. Mit grösster Anstrengung konnten wir auch diesen erklettern und kamen so auf die Höhe. Noch als ein schwarzer Felsen ragte der höchste Gipfel vor uns empor und raubte die Aussicht nach Norden. Es war 1 Uhr nachmittags. Ich, als der Schwächste unter ihnen, blieb hier müde liegen; die andern aber, mutiger, unaufhaltbar, eilten wieder abwärts auf dem Gebirgsgrat und erkletterten mühsam einen höheren Felsen. Auf diesem letzten Gipfel wollte keiner vorangehen.

Gletscher lag auf dem nackten Felsen und zwischen beiden sah man durch eine Lücke hinab auf den Finsteraargletscher. Der Oberhasler Abbühl kletterte angebunden und von den andern gehalten über diese hohle Eishaube und zog die andern nach. Jetzt war der höchste Gipfel besiegt. Es war 4 Uhr. Drei Stunden wurden gebraucht, diesen Weg zurückzulegen, welchen man glaubt in einer Viertelstunde zu machen. » Ob die Führer wirklich den Hauptgipfel erreichten, ist noch heute eine Streitfrage, die wir an dieser Stelle nicht zu entscheiden helfen möchten. Es ist interessant genug, zu erfahren, dass die denkwürdige und kühne Unternehmung in jenem Jahre versucht wurde, da die Söhne der Berge zu Tausenden im napoleonischen Heere nach Russland marschierten und an der Beresina in bitterer Kälte den Tod fanden. Mittlerweile änderten sich nicht nur die kriegerischen, sondern auch die bergsteigerischen Kampfmittel und « Techniken », und man ist versucht, zu folgern, dass bei mancher Bergfahrt an den persönlichen Mut und die Kraft des Mannes heute geringere Anforderungen gestellt werden als ehedem.

In jeder Beziehung vortrefflich ausgerüstet, verbringt der Alpinist heutzutage auch in abgelegenen Gebirgsgegenden die Nacht vor einer beabsichtigten Hochfahrt in ziemlich bequemer Clubhütte, studiert anhand ausgezeichneter Karten, Beschreibungen und Fliegerbilder die Anmarschwege zum erhabenen Ziele, zu dem nur selten unbekannte Gefahren und Schwierigkeiten den Weg versperren. Wenn aber einmal neue Pfade betreten werden sollen, so erhöht sich der Reiz einer Tur, und darum betrachteten auch wir in der Morgendämmerung des 4. August 1927 die mächtige Plattenwand, mit der der Südostgrat des Finsteraarhorns bei der Gemslücke sich jäh aufwirft, mit eigentümlichen Gefühlen der Spannung und inneren Erregung. Nach kurzem « Kriegs- Südostgrat des Finsteraarhorns.

Obere Skizze: Westseite, nach Photo von der Grünhornlücke. Untere Skizze: Ostseite, nach Photo vom Oberaarhorn.

Erklärung: 0 = Gemslücke ca. 3370 m ( ab 5 Uhr1 = über dem Plattenschuss; 2 = Punkt 3597 T. A.; 3 = Schneesattel; 4 = Rastort; 5 = unterer oder 1. Turm; 6 = Gratlücke, nach rechts ( östl. ) ausweichen; 7 = mittlerer oder 2. Turm; 8 = oberer oder 3. Turm; 9 = Vorgipfel ca. 4150 m; 10 = Spitze des Finsteraarhorns 4275 m ( an 17 Uhr 30 ).

rat » erhielt Hug als Initiant des Unternehmens den Vortritt und versuchte um 5 Uhr halblinks, gegen Westen, auf anfänglich gut gestuften Platten die Riesenburg zu stürmen. Wyss blieb indessen nicht müssig, packte frontal an und gewann, auf fingerbreiten Schichtköpfen balancierend, einem Risse entlang ein paar Meter Höhe, querte auf einem schmalen Band nach links, riss sich an zugfester Platte abermals in die Höhe und hatte damit die erste Seillänge erkämpft. Wir andern folgten auf dem « Schlüsselwege », gelangten alsdann, von links nach rechts allmählich ansteigend, auf eine schuttbedeckte Schulter und standen 550 Uhr nach leichter Blockkletterei auf dem ersten Grathöcker ( Punkt 1 ). Wir folgten ohne besondere Mühe dem plattigen Grat, bis er an markanter Stelle ( etwa Mitte zwischen P. 1 und P. 2 ) jäh aufsprang und untern Führer Wyss auf den Posten rief, der, um der Idee der direkten Uberkletterung des Grates treu zu bleiben, von einem möglichen Ausweichen in die rechte Flanke strikte absah, den Stier bei den Hörnern packte und sich über zahllose Türmchen, Plattenschüsse, scharfe Einschnitte und schmale Felsenbrücken unentwegt vorwärts arbeitete. Um die Hände bei dieser exponierten Kletterei frei zu haben, wurde der Pickel in den Rucksack gesteckt, so dass man auch das sehr lang gefasste Seil besser handhaben konnte. Mittlerweile stieg die Sonne am wolkenlosen Himmel höher und höher und gestattete mit ihrem verschwenderischen Lichte interessante Momentaufnahmen, die besonders Hug ausgezeichnet gelangen, wie die wenigen, dem Aufsatz beigegebenen Proben zeigen. Beinahe eine Stunde kletterten wir auf dem schwach ansteigenden Zackenkamme, von dessen nördlichem Ende ( P. 2 ) wir einstimmig die sonnigen Felsen jenseits des unter uns liegenden breiten Firnsattels ( P. 3 ) als ersten Rastort für ein währschaftes z'Nüni bezeichneten. Ein gut Teil der Höhe, die wir über gigantische Felsentreppen mühsam erreicht hatten, mussten wir im Abstieg über eine steile Firnhalde preisgeben. Der schon fest gewordene Neuschnee des 2. August ersparte uns am stotzigen Hang das Stufenschlagen und brachte uns deshalb einen erklecklichen Zeitgewinn, den wir zinstragend in eine von 815 bis 9 Uhr dauernde Pause anlegten, in der wir uns auch die landschaftlichen Genüsse nicht versagten. Wir wähnten, in etwa vier bis fünf Stunden am Ziel sein zu können, denn die nächsten Abschnitte verrieten keine allzu grossen Schwierigkeiten, und zudem erreichten wir bald einmal den Punkt, von dem aus die einstmals in der Ostflanke und etwas nördlicher auch in der Westflanke angestiegenen Partien den Grat schon begangen hatten.

Zur Orientierung über den weiteren Verlauf der Tur betrachte der Leser die vom Oberaarhorn aus aufgenommene Photographie des langgestreckten Südostgrates, und er wird oberhalb des eben genannten, breiten Gletscher-hangs zwischen Studerfirn und Gratschneide ( Gegend ungefähr P. 3597 im T. A. ) und dem Vorgipfel drei namentlich in der Seitenansicht gut erkennbare, durch leicht bogenförmige Einsenkungen getrennte Türme finden, die wir als den unteren ( 1. ), mittleren ( 2. ) und oberen ( 3. ) bezeichnen.

Der zunächst zu erklimmende Turm ( P. 5 ), den wir nach einer Stunde ( 10 Uhr ) bezwungen hatten, wies ziemlich schwierige Stellen auf. Zuweilen ging es so steil hinan, dass der aus dem Rucksack ragende Pickelschaft an überhängende oder stark ausladende Platten stiess und einen just in dem Augenblick unsanft zurückwies, als man sich mit einem letzten Ruck auf ein neues Piedestal schwingen wollte. Im Abstieg zur Gratlücke ( P. 6 ) half das Seil namentlich den Zuletztgehenden über die Nordfassaden einzelner Zacken hinunter. Jenseits der ausgesprochenen Gratkerbe standen wir 10 45 Uhr plötzlich vor der jähen, scheinbar ganz grifflosen Südostwand des mittleren Turmes ( P. 7 ) und schüttelten bedenklich die Köpfe, während der unerschrockene Spitzenmann nach der Art eines Mauergeckos die schroffe Gneiswand nach winzigen Rissen und dürftigen Haltepunkten abtastete und wirklich ein paar Meter anstieg. Beim Gelingen der im Grunde doch zu riskierten Krax-lerei hätten wir andern mit reichlichen Seilhilfen wohl zu folgen vermögen, aber Vernunft- und Zeitgründe drängten uns bald in die Bruchfelsen der rechten Flanke, wo allerdings schon nach einer oder zwei Seillängen das selten gehörte Wort « ausgeschlossen » dem Munde des Führers entfuhr. Also dennoch nach links auf den Grat in mühsamem Stemmen und Klimmen. Eine heisse Stunde war zerronnen, und mit Wohlbehagen stellten wir fest ( von P. 7 ), dass der Grat zum oberen ( 3. Turm = P. 8 ) von langen Firnrücken unterbrochen war. Hatten wir bisher mit Ausnahme von Gemslosung keinerlei Spuren früherer Begehungen des Grates, dafür aber viele schöne Kristalle entdeckt, so fanden wir auf dem Rastplatz, für den der Höhenmesser 3750 m notierte, eine Flasche und eine verrostete Büchse, auf deren Boden wir unsere Namen einkritzten. Es war Mittagszeit, heiss und windstill. In der Tiefe zur Rechten und zur Linken trollten Turisten den nahen Clubhütten zu, und vor der alten Finsteraarhornhütte sonnten sich Bekannte, die den nahen Gipfel vor Stunden betreten hatten. Gegen 1 Uhr erreichten wir in flüssigem Tempo den oberen Turm, dessen Felsen uns wenig aufhielten, und dann strebten wir, endlich merklich an Höhe gewinnend, dem Vorgipfel zu. Nach rechts hinunter verfolgten wir die zerklüfteten Felsrippen, die aus der Richtung vom Oberen Studerjoch gegen uns aufstanden. Wenig unterhalb des Vorgipfels trafen wir an die vielsagende eherne Tafel mit der Aufschrift: « PRO MEMORIA Rudolf von Tscharner, 15. Juli 1924. » Der erst 23jährige, leidenschaftliche, oft mehr als kühne Bergsteiger stürzte hier in die schauerliche Ostwand ab; vier Jahre später erreichte der unerbittliche weisse Tod auch seinen Seilgefährten Wüthrich.

Obwohl wir in den beiden letzten Stunden recht zügig vorgerückt waren, erreichten wir den Vorgipfel erst um 15 Uhr. Massiv, klotzig und streng erhob sich vor uns die Spitze des Finsteraarhorns, 4275 m. Ein wilder, oftmals schlanker Grat und ein steiles, schneedurchzogenes Couloir trennten uns noch vom Ziel, zweifellos das anstrengendste Wegstück, das wir auf einen durchaus berechtigten Vorschlag hin am zusammengeknüpften Seil mit etwa 15 m Abstand von Mann zu Mann überwinden wollten. Man übersieht vom Vorgipfel, etwa 4150 m, die Strecke nur zum Teil, da der Grat auf- und abwärts führt, sich in einem Bogen nach rechts krümmt und manchmal kulissenartigen Charakter hat. Die Beschreibungen der Kletterschwierigkeiten weichen stark voneinander ab wie die Zeiten, die von den Partien benötigt wurden. Nach seiner Tur vom 15. September 1876 schreibt Cordier, der zuvor die Aiguille Verte auf neuem Wege bezwungen hatte: « Cette dernière heure a été pour moi la plus émouvante que j' ai passée jamais dans les Alpes. » Sein erster Führer, Jakob Anderegg, stellte auf dem mühsam eroberten Gipfel kurz und bündig fest: « Einmal genügt! » J.P. Farrar, der mit C. Blezinger für den letzten Abschnitt etwas mehr als drei Stunden brauchte, berichtet: « Bald wird der Grat zur überhängenden Schneeschneide, bald wilder Felsgrat mit senkrechten Felszähnen. Kniend, sitzend, kriechend oder mit den Fingern uns oben an der Gratschneide haltend und mit den Knien auf der Seite des Grates vorwärts rutschend —, so ging es von jetzt ab fast ohne Unterbrechung fort bis kurz unter der Spitze. » Bei einem späteren Besuch des Gipfels von Norden her bekannte der erste Führer der genannten Partie, die inzwischen das Weisshorn von Zinal aus erstiegen hatte, dass das letzte Stück des Südostgrates des Finsteraarhornes eine seiner exponiertesten, wenn nicht die schlimmste seiner Klettereien gewesen sei. Georg Hasler, der am 20. September 1902 gegen den Vorgipfel abstieg, schildert wie folgt: « Turm auf Turm wurde überklettert, was bei dem guten Gestein eine wahre Lust ist. Die Felsen sind nirgends sehr schwierig, sondern gerade so, dass ein mittlerer Kletterer sein helles Vergnügen hat. » Ich zweifle aber nicht daran, dass ein jeder von uns, die wir unter bester Führung bei denkbar schönstem Wetter und in vortrefflicher körperlicher Verfassung die Strecke vom Vor- zum Hauptgipfel in zweieinhalb Stunden überwanden, stets mit gebührendem Respekt von diesem einzigartigen Erlebnis sprechen wird. Es war das Feld treuester Kameradschaft, wo sich jeder nur unter sorgfältigster Sicherung bewegte und sich unter den wachsamen Augen der Gefährten über entschieden exponierte Gratkanten schob, wo Zurufe nachhalfen, wenn der natürliche Instinkt Hand und Fuss nicht zu den besten Griffen und Tritten leitete. Endlich, um 1630 Uhr, standen wir zu Füssen der turmhohen, mausgrauen « Wand », an deren Fuss sich linkerhand die berüchtigten steilen « Platten » anschmiegen, deren oberstes Stück, etwa 3 oder 4 m, mit einer bloss 10 cm dicken, halbfesten Schneeschicht bedeckt war. Von einem Felsenhorst aus gesichert, stampfte Wyss eine Seillänge ( 15 m ) über ein zierliches, zu beiden Seiten sehr steil abfallendes Schneegrätchen bis an den Fuss der Wand, von wo aus er unter Sicherung des Berichterstatters die horizontale Querung der etwa 6 m breiten Platte versuchte, dieweil Hug und Übersax das heikle Manöver verfolgten und zugleich nach fallenden Steinen Ausschau hielten. Durch Wegräumen der trügerischen Schneeschicht gelangte der Führer bis über die Mitte der Platte, und wenig fehlte, ein solider Griff nur, ein einziger zuverlässiger Haltepunkt für den linken Fuss und das « Spiel » wäre gewonnen. Ein kurzer Sprung könnte wohl zum nächsten Ziele, zur topfebenen Plattform am rechten Rand des enggeschnürten Couloirs führen. Aber nicht Spiel und Sprung, auch nicht Mauerhaken noch Seilring durften in jener kritischen Situation den Erfolg bringen, sondern nur der Rückzug zum Schneegrätchen und ein behutsames Absteigen zum untern Teil der Platte, von wo durch Verstemmen der Füsse in einer klaffenden Felsspalte Meter um Meter bezwungen wurde und die ausgestreckte Rechte endlich die erwähnte Plattform erreichen konnte. Der Zweite folgte auf dem gleichen Wege, während der Dritte und der Vierte ohne Umweg direkt zu uns stossen konnten. Wenn bei andern Verhältnissen schuhtiefer, festgefrorener Schnee die Platte bedeckt, so wird die für uns recht heikel gewesene Stelle niemand aufhalten, dafür dürfte jedoch die Überwindung des anschliessenden Couloirs mehr Zeit kosten, als dies bei uns der Fall war. Das gebleichte Seil, das am 24. September 1898 von vier Führern am rechten Rande der tiefen Rinne befestigt worden war, berührten wir nicht, da der kaminartig enge Riss so ausgeapert war, dass wir auf bequemen Tritten emporsteigen und endlich nach links in freilich ziemlich brüchiges Gestein ausweichen konnten. Beinahe eine Stunde hielten Platte und Couloir uns vier in ihrem Banne, bis wir nun glücklich über einen schneebedeckten Grat und leichtes, felsiges Terrain geschlossen dem Steinmann zustrebten und zu dessen Füssen die Rucksäcke legten, die uns nach mehr als zwölf Stunden etwas lästig geworden waren, um so mehr, als wir den Säcken seit geraumer Zeit weder Trank noch Speise hatten entnehmen können. Es war 1730 Uhr. Kräftig schlug da Hand in Hand, und alle dankten wir unserem Ruedi Wyss, dessen unvergleichliches Können und vorsichtiges Wägen und Wagen den seltenen Sieg ermöglicht hatten. Einen « Donnerschlag », den mir ein Grindelwaldner Meitschi aus den Restbeständen des Augustfeuerwerkes mitgegeben hatte, entzündete ich in diesem Momente, auf dass sein wuchtiges Rollen dem Vater unseres jüngsten Begleiters in der Clubhütte unten verkünde, dass wir wohlbehalten das Ziel erreichten. Eine kostbare Viertelstunde verweilten wir auf dem Gipfel und genossen das einzig schöne Panorama. Die Beschreibung der herrlichen Aussicht darf ich mir an dieser Stelle füglich ersparen, kennen sie doch die vielen, die über den leichten Nordwestgrat auf die Spitze des Horns gelangten, das am 19. August 1828 von den Führern Leuthold und Währen des Solothurner Professors Franz Joseph Hugi bezwungen worden. Der « Herr » musste mit verrenktem Fusse in dem später nach ihm benannten Sattel, 4089 m, liegen bleiben und überliess dem Basler Studenten R. Sulger das Vergnügen, am am 6. September 1842 als erster Turist den stolzen Finsteraarhorngipfel zu betreten.

In unschwieriger Kletterei turnten wir ziemlich rasch den Blockgrat hinunter, in dessen Westflanke ich mit einigen Kameraden im August 1919 vor bittrer Kälte geschlottert hatte. Jetzt war auch der Abend des unvergleichlich schönen Hochgebirgstages so milde, dass wir im Hugisattel eine viertelstündige Rast einschalteten und nur bedauerten, den geplanten Abstieg zum Agassizjoch der vorgerückten Stunde wegen aufgeben zu müssen. Es war auch so genug. Der Tag hatte uns reich beschenkt. Schon umgaukelten hochgetakelte Wolkenschiffe einzelne Nachbarberge. In unheimlicher Tiefe glitzerte zur Rechten das breite Finsteraarjoch, von dem sich der mächtige Eisabbruch und der wuchtige Gletscherstrom in das Dämmerlicht der Strahlegg ergossen. Zwischen den dunkeln Riesenkulissen des Mettenbergs und des Eigers hindurch drang das Auge hinaus ins grüne, leuchtende Vorland und ergötzte sich an den zartblauen Silhouetten ferner Bergketten. In diesen erhabenen Augenblicken steigert sich die Bewunderung zur Andacht, und der Abstieg ins Tal kostet den Bergfreund grosse Überwindung.

Wir ergriffen um 1830 Uhr Sack und Seil und trotteten im weichen Schnee den aus der Tiefe emporsteigenden Schatten entgegen. Nach einer Stunde standen wir glücklich vor der Clubhütte und schauten dankbar hinauf zum Steinmann auf dem finsteren Horn, über dessen Spitze eben der letzte Sonnenstrahl hinwegglitt.

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