Flugunfall in den Alpen

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Von Walter Mittelholzer.

Am 28. März 1922 reiste ich in einer kalten, sternenklaren Nacht mit dem Gotthardexpress nach Mailand. Südwärts der Alpen war bereits der Frühling eingezogen. An einem wundervollen Morgen führte ich meine ersten Probeflüge mit gut arbeitender Maschine aus. Nach herzlicher Verabschiedung von italienischen Fliegerkameraden startete ich um 11 1/2 Uhr wohlgemut nach Norden in der sicheren Voraussicht, den Flughafen Dübendorf in spätestens einer Stunde erreicht zu haben. Alle Voraussetzungen für ein gutes Gelingen waren gegeben. Das Wetter geradezu ideal, und die Konturen der Alpen zeichneten sich so klar und rein vom Firmamente ab, dass ich jede Spitze der heimatlichen Berge schon kurz nach dem Abflug erkennen konnte 1 Nach zwanzig Minuten war ich schon 3500 Meter hoch über dem Tessintal und flog nun in der Richtung Greinapass nach Norden. Als ich bald darauf mich 4500 Meter hochgeschraubt hatte, sah ich plötzlich ein ausgedehntes Nebelmeer sich bis auf diese Höhe nördlich der Alpen nach Westen und Osten ausbreiten. Sogar das Tödimassiv, die höchsten Gipfel der Ostalpen, waren mit Wolken zugedeckt, und nur im Nordwesten ragte gleich einem spitzen Felsenriff das Finsteraarhorn darüber hinaus in den dunkelblauen Himmel.

Was tun? Zwei Möglichkeiten waren gegeben. Vorsichtigerweise umkehren und unter der Nebeldecke den Weg nach Norden suchen, und war dies nicht möglich, in Bellinzona landen, um dort auf eine bessere Wettersituation zu warten. Doch ich entschied mich in meinem jugendlichen Übermut zu einer zweiten, gefährlichen Lösung, nämlich in geradem Kompasskurs hoch über dem Wolkenmeer nordwärts weiterzufliegen, bis ich mich nach meiner ungenauen Berechnung ( ich verfügte nicht über Instrumente, um dies sicher feststellen zu können ) ungefähr über dem schweizerischen Mittelland befinden musste. Dann gedachte ich durch die Wolken hindurchzustechen in der Voraussetzung, dass tiefer unten sicherlich sich nebelfreie Schichten befinden müssten. Leider war es in jener Zeit nicht möglich, innerhalb einiger Stunden eine telephonische Verbindung von Italien nach der Schweiz zwecks Wetter-beratung zu erhalten. Bei dieser Überlegung nahm ich ohne weiteres an, dass ich mit einer unveränderten Wetterlage seit den letzten zwölf Stunden rechnen könne, was sich jedoch dann leider als verhängnisvoller Irrtum herausstellte.

So nahm ich nach Uberfliegung der Tessinerberge die Richtung auf die Medelseralpen zu, deren Schneekuppen allein noch im Norden aus den Wolken emporragten. Die Mittagsstunde sah mich in 5000 Meter Höhe, über mir die tiefblaue Glocke des unendlichen Himmels, unter mir ein einziges Wolkenmeer. War es ein Wunder, dass ich in dieser unheimlichen und toten Weite der Einsamkeit allmählich gegen ein Gefühl der Unsicherheit anzukämpfen hatte? Doch ehe diese leisen Schatten des Zweifeins in mir Platz zu greifen vermochten, schüttelte ich sie in vollem Bewusstsein ihrer Gefährlichkeit von mir ab. Genau auf den Kompass achtend, flog ich nach Norden in der Annahme, nach 25 Minuten über dem obern Zürichsee mich zu befinden. Doch ein tückischer Feind — der heftige Gegenwind, der in solchen Höhen sogar stärker sein kann als die eigene Flugzeuggeschwindigkeit — drohte meine Berechnungen umzustossen. Entschlossen, nun durch die Nebeldecke durch-zustossen, stelle ich meinen Motor ab. Noch habe ich das höhnische Pfeifen und Singen des Fahrtwindes in den Drähten meines Vogels im Ohr, als er tiefer, immer tiefer in den bodenlosen Abgrund schwebt. Mein Aneroid zeigt 4500 — 4000 — 3500 — 3000 Meter an. Ein Schneetreiben setzt ein und verhüllt bald jegliche Sicht. Nach einer Minute Gleitflug hat mich das Gleichgewichtsgefühl verlassen, und ich fühle mich wie trunken im Wesenlosen taumelnd. Da, plötzlich, taucht ein dunkles Etwas vor mir auf und verschwindet wieder. Eine schwarze Felswand, wie von Geisterhänden aus dem Grau hervorgezaubert, flitzt vorbei. Die oft bewiesene Erfahrung, dass in solchen Momenten wirklicher Lebensgefahr sich in Bruchteilen von Sekunden das ganze Leben vor dem geistigen Auge zu einem klaren Bilde zusammendrängt, überkommt in diesem Augenblick auch mich. Gestalten, die mir am nächsten stehen, tauchen blitzartig vor mir auf, sie sind zum Greifen nahe vor mir. Sollte es wirklich keinen Ausweg aus diesem Chaos geben? Nun hatte ich den Beweis, dass die grössten Feinde der Flieger Nebelbildung und Schneestürme sind. Plötzlich schiesst aus dem Nebelgrau eine hellschimmernde, weisse Fläche auf mich zu. Instinktiv ziehe ich am Höhen-steuer — da! ein markerschütterndes Krachen, der Apparat schlägt heftig auf — dann Totenstille!

Wie lange ich bewusstlos dalag, weiss ich heute noch nicht. Ist's Traum oder Wirklichkeit? Befand ich mich nicht vor wenigen Minuten im blühenden Garten Italiens? Verwundert schaue ich mich um. Wie bin ich nur auf einmal in diese einsame Schneewüste geraten? Und immer weiter und weiter fällt Flocke um Flocke, ein weisses Leichentuch über die stille, einsame Gebirgsgegend webend, von der ich nur einige unbestimmte Umrisse und tiefer unten die ersten, vereinzelten Wettertannen zu erkennen vermag. Wo ist mein Flugzeug? Ich entdecke es plötzlich etwa 100 Meter über mir an der steilen Schneehalde, zerschmettert und flügellahm. Erst jetzt schliesst sich die Kette meiner Erinnerung, gewahre ich den furchtbaren Ernst meiner Lage, und mit dieser Erkenntnis ist auch mein Plan schon gefasst. Es gilt vor allem, das Tal zu erreichen, ehe die eisige Nacht mit ihren Gefahren mich überrascht. Beim Versuch, mich aus der Schneeumklammerung zu befreien, empfinde ich jetzt erst einen brennenden Schmerz im rechten Knie. Gleichzeitig rieselt über Stime und Wangen unaufhörlich Blut, doch überzeuge ich mich, dass die Augen unverletzt sind. Ein Auftreten auf dem rechten Fuss erweist sich wegen der Schmerzen als unmöglich, und so muss ich mich entschliessen, auf dem Rücken, mich mit den Händen abstossend und stützend, den steilen Schneehang hinunterzurutschen. Offenbar sind hier riesige Massen Schnee in kurzer Zeit gefallen, denn während der letzten Nacht, in der mich der Gotthardschnellzug nach Mailand brachte, war der Himmel noch klar gewesen. Als Skiläufer war ich mir bewusst, auf einem äusserst lawinengefährlichen Hang zu stehen, was sich bald durch das dumpfe Krachen langsam rutschender Schneemassen bestätigte. Mit zunehmender Geschwindigkeit donnerte der wachsende Lawinenstrom zu Tal. Mit Händen und Füssen wehrte ich mich verzweifelt gegen die Schneewogen, um nicht verschüttet oder eingeklemmt zu werden. Willenlos rolle ich auf die nächste, vom Sturm sehr mitgenommene Tanne zu, kann beim harten Anprall eben mit Aufbietung all meiner Kräfte noch ihren Stamm umklammern und bin — zum zweiten Male gerettet!

Auf der wie mit einer Walze bearbeiteten Lawinenbahn rutsche ich nun mühelos hinunter zur Alp, um eine der dort hingestreuten, primitiven Hütten zu erreichen, wo ich hoffe, die Nacht verbringen zu können. Doch auch dies muss erst erkämpft werden, denn ihre Türen sind verschlossen, und erst nach langen, schmerzvollen Anstrengungen gelingt es mir endlich, mich durch ein Fenster hineinzuzwängen. Unterdessen war die Nacht hereingebrochen, und in dem Hüttendunkel vermochte ich nicht, die Hand vor den Augen zu sehen. Ein Königreich für ein Streichholz! Kriechend und tastend wie ein Blinder durchsuchte ich die Alpküche, in der sich wohl Holz in Hülle und Fülle für ein wohltuend wärmendes Feuer vorfand, aber erst, als meine Geduld am Reissen war, das Schwefelhölzchen. Es flammte auf — und erlosch. Nochmals angestrengtes Suchen mit demselben Erfolg. Ein erneutes Aufflackern von Streichholz und Hoffnung — dann endgültige Finsternis. Langsam schlichen volle dreizehn Stunden bis zum Morgen dahin, die ich mit sich steigernden Schmerzen am dick angeschwollenen Knie auf dem nassen, kalten Steinboden der unwirtlichen Hütte verbrachte. Angestrengt dachte ich darüber nach, in welche Gegend mich das Schicksal wohl verschlagen haben mochte.

Endlich schimmerte fahles Morgenlicht durch die trüben Scheiben. Draussen hatte es aufgehört, zu schneien. Durch die Löcher des Hüttendaches blinzelten vereinzelte Sterne in meine Einsamkeit. Mit Mühe und Not gelangte ich auf demselben beschwerlichen Wege durch das Fensterloch wieder ins Freie und vermochte, mich augenblicklich zurechtzufinden. Die weiss überzuckerten Berge des Krauch- und Sernftales, deren Konturen sich scharf von dem wolkenlosen Himmel abhoben, waren mir in allen Einzelheiten von früher her gut bekannt. Bei dieser Entdeckung fiel alle Mutlosigkeit von mir, und eine unbändige Kraft und Lebensfreude strömte durch meinen geschwäch- ten Körper. Vergessen waren die Schmerzen meiner Wunden, die quälende Ungewissheit über den Ausgang meines Schicksals, denn nun hegte ich keinen Zweifel mehr, heute noch menschliche Hilfe zu erlangen. So machte ich mich, mit der rechten Hand auf einen Hirtenstock gestützt, hinkend und tief im Schnee einsinkend, auf den Weg über die untere Riesetenalp abwärts. Es würde zu weit führen, wollte ich jede Einzelheit der Beschwerden und Hindernisse dieses Leidensweges eingehend beschreiben. Mit immer mehr « absterbenden » Fingern, schmerzenden Wunden, vor Kälte und Hunger der Erschöpfung nahe, schleppte ich mich durch den Schnee, in immer knapper werdenden Abständen ausruhend. Oft überfiel mich dabei ein kurzer, von angenehmen Träumen kulinarischen Inhaltes umgaukelter Schlaf, aus dem mich immer nur der Wille zur Selbsterhaltung und das wachsende Bewusstsein der Gefahr wachrüttelte. Wie eine Fata Morgana schwebte mir ein gedeckter Tisch, eine durchwärmte Gaststube und ein Bett vor, in dem ich endlich mein gebrochenes Knie ausstrecken konnte. Endlich rückten die Häuser von Matt, vom Mondlicht umflossen, in greifbare Nähe und damit die Erfüllung meiner Träume. Wie ein Gespenst starrten mich die beiden Saaltöchter des kleinen Bahnhof-Gasthauses an, als ich in voller Fliegeraus-rüstung, den Sturzhelm über dem blutüberströmten Gesicht, zur Mitternacht-stunde in den Lichtkreis der Lampe trat. Ich verpflichtete sie, von meinem Unfall kein Aufheben zu machen, da ich doch am andern Morgen mit dem ersten Zug nach Zürich weiterfahren wolle. Doch vieles sollte anders kommen — drei Monate lang musste ich das Bett hüten, laborierte an erfrorenen Fingern und an dem Kniegelenk herum, das einen Längsbruch am Oberschenkelknochen aufwies, bis ich wieder soweit hergestellt war, dass ich meinem geliebten Fliegerberuf nachgehen konnte. Dieser schwere Unfall setzte meinem ungestümen Draufgängertum einen recht heilsamen Dämpfer auf, ohne aber meine Begeisterung zu hemmen. Nie war ich mir klarer bewusst, dass dem Flieger nur dann ein dauernder Erfolg beschieden sein kann, wenn seine gesammelten Erfahrungen, durchsetzt mit der unbedingt nötigen Dosis Vorsicht, die Gewähr für ein Gelingen gegeben haben.

Anmerkung: W. Mittelholzer hat unter Mitarbeit von Hans Kempf im Verlag Orell Füssli in Zürich das lebhaft erzählende, mit prachtvollen Flugaufnahmen geschmückte Buch « Alpenflug« herausgegeben, worauf wir auch an dieser Stelle gerne hinweisen.

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