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Freiheit-Hundstein

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

Ein Kletterparadies.

Mit 3 Bildern und 3 Skizzen.Von Paul Schafflüljel.

Das Gebiet: Wer kennt es, das herrliche Gebiet der Freiheit und des Hundstein, dieses Juwel im Kranze prächtiger Kletterberge des Alpstein?

Immer wieder müssen wir staunen über das Bild, das sich dem aufmerksamen Wanderer von der Bollenwies aus bietet. Zu Füssen der stille, schwarzgrüne Spiegel des Fählensees. Auf der einen Seite wuchtet die ungegliederte Masse des Roslenfirstes. Doch zur Rechten stürmt es empor, aus dem Grunde des Sees scheint es zu wachsen, himmelhoch. Kühne Felsnadeln, ein zerhackter Felskamm, und darüber thront erhaben wie eine Silberburg « unser » Kletterreich: Freiheit-Hundstein!

Einst Modeberg par excellence, ist es stille geworden um seine altersgrauen Felsmauern. Wohl erhält der prachtvolle Doppelgipfel noch regen Besuch von harmlosen Sonntagswanderern. Doch die meisten ziehen vorbei auf der Heerstrasse, die vom Appenzellerländchen hineinführt zum Säntis und Altmann, vorbei an einem stillen Erdenwinkel, der seine Geheimnisse nur dem aufschliesst, der sich furchtlos an seine jähen Flanken wagt. So kommt es, dass wir im Gebiet nur zwei « Kategorien » von Bergsteigern treffen: die Scharen von beschaulichen Wanderern oder lärmenden Jochbumm-lern, die sich auf dem begrünten Bötzelsattel zu konzentrieren pflegen, und eine kleine Auslese extremer Felsgänger, die an luftigen Kanten oder nackten, prallen Felswänden ihren Tatendurst stillen. Vielleicht begegnest du auf der Südseite selbst ein paar Jungen, hörst helle, metallene Hammerschläge und weisst, die neue Zeit hat Einzug gehalten im Revier. Eine Anfängerklasse oder die grosse Masse der Allerweltsturisten, mit denen die Kreuzberge so reich gesegnet sind und die zum grossen Vergnügen der Beteiligten oft stundenlange Stockungen heraufbeschwören, fehlt hier vollständig. Für sie ist hier kein Betätigungsfeld, denn fast ohne Ausnahme hängen « die Trauben sehr hoch! » Es ist eigentlich interessant, dass die meisten der sehr schwierigen Routen in diesem Teil des Alpstein schon ziemlich alt sind, gehen doch fast alle Erstbegehungen auf die Vorkriegszeit zurück. Es herrschte damals hohe Zeit des Felskletterns. Dann trat eine Pause ein. Einige unentwegte, zähe Appenzeller und St. Galler haben aber die Tradition gewahrt, und wer heute etwas gelten will, der muss diese trutzige Burg über ihre unnahbarsten Flanken bestiegen haben. Und hier holt sich die bergtatfrohe Jugend das Rüstzeug und den letzten Schliff für « ihre » Ziele.

Der Weg: Für uns Toggenburger ist das Freiheitgebiet allerdings nicht gerade am Weg. Der nächtliche Aufstieg zum Rotsteinpass kann für werk-tagsmüde Knochen zur schweren Busse werden. Doch jede Serpentinen-schinderei nimmt ihr Ende, und der Gasthauswirt hat für mittlernächtliche, wankende Gestalten einen herrlich duftenden Kaffee und ein weiches Heulager bereit. Bis in den späten Sommer hinein wird es vom Rotsteinpass eine spritzige Abfahrt gegen die Meglisalp hinunter über schmutzigen, holperigen Firnschnee geben. Es braucht schon sehnige Gelenke, den ganzen Steilhang hinab durchzustehen. Ein scharfer Aufstieg noch zum Bötzelsattel, und bald künden frohe Jauchzer vom Widderalpsattel her, dass die Freunde vom Appenzellerland schon da sind. Am stillen, tannenumsäumten Sämbtisersee vorbei sind sie hier heraufgestiegen zu unserem Treffpunkt und zum Ausgangspunkt für die Fahrten im Freiheitgebiet: Widderalpsattel.

Freiheit-Nordwand.

Über öden Schutthalden bäumt sie sich auf, nackt, plattig, mit splittrigen Wülsten. Wohl ist die Kletterei nicht so schwer, wie es die abweisende Flucht erraten liesse. Doch muss man erstens den Weg finden, sonst verrennt man sich unrettbar in trügerischen Gesimsen und Rissen, und zweitens ist das Gestein so unglaublich brüchig und abwärts geschichtet, dass es stets eine ernste Fahrt bleiben wird.

Von ganz rechts her schleichen wir — wie die schwarze Katze auf der Dachtraufe — auf einer ausgeprägten Rampe in die Wand hinaus. Der Fels fordert volle Aufmerksamkeit, denn an ein zuverlässiges Sichern ist kaum zu denken. Unter dem abschüssigen Band biegt sich die Wand einwärts, darunter lauert der bleiche Schutt. Auf schlechten, abhaldigen Leistchen tasten wir uns immer weiter hinaus, die Fussgelenke weit abgedreht, wie das die Eisgeher tun. Nicht Kraft braucht es hier, sondern feines, ruhiges Gehen. Lockere Moospolster erhöhen den « ungetrübten » Genuss. Eine plattige Felsnase bietet wohl die grösste Schwierigkeit. Ganz aussen am Rande heisst es einige Schritte absteigen. Nun aufgepasst! Ist man zu hoch, tasten die Finger vergeblich nach Rauhigkeiten, ist man aber zu tief, fördert selbst beharrliches Scheuern der Sohlen keine Tritte zutage. Zwei rostige Haken leisten treffliche Dienste. Man atmet erleichtert auf, wenn man in einem kleinen Kessel wieder anständig stehen kann. Nun gerade hinauf in feuchtnassen, splittrigen Verschneidungen, die Spürnase dicht am Fels. Es geht immer irgendwo. Nach einigen Seillängen erreicht man einen Rasenplatz. Die Wand legt sich etwas zurück, wird gangbarer. Zusammen stürmen wir aufwärts, hinaus aus der kalten Mauer, um die fahle Nebel kriechen. Bald haben wir uns gründlich verrannt, stehen vor herausdrängenden, riesigen Blöcken und doch redet keiner von sichern noch umkehren. Ich sehe sie heute noch, die zwei zappelnden Beine, die durch die Luft ruderten, während der Freund schon über dem Überhang ächzte. Ein Wunder, dass wir uns durchfanden. Nach vierstündiger Kletterei reichen wir uns beim Steinmann froh die Hände.

Freiheit-Westgrat.

Ein herrlicher, kühner Weg, diese Westkante. Sie ist wohl der Inbegriff schwieriger, feinster Kalkkletterei und ist technisch selbst schwersten Wegen in den Kreuzbergen ebenbürtig.

Aus der tiefen Gratscharte zwischen der Freiheit und den Türmen wächst diese Schneide ungeheuer luftig und unnahbar hinauf ins Blaue, eine Himmels- leiter en miniature. Und die Kletterei ist einzigartig. Zuunterst zwei Absätze, jeder an die 15 Meter hoch, senkrecht, betonglatt. Darüber gefurchter, griffiger Fels. Ein Götterweg.

Eigenartig beklommen stehen wir in der Scharte. Nach Süden fällt hier der Block ohne jeden Halt wohl hundert Meter ab, und nach dem ersten Schritt aus der sichern Scharte hat man das prickelnde Gefühl, auf einem Kirchturmdach zu kleben. Mit einem weiten Spreizschritt schwingt sich der Freund nach rechts an die Kante. Tastend gleiten die Finger über den Fels. An kleinsten, aber soliden Griffchen turnt er behutsam hoch. Etwas auf der Südseite findet sich verborgen ein bäumiger Halt. Dann wieder an die glatte Kante, und noch sehe ich den Hosenboden und zwei weisse Strümpfe auf dem Absatz verschwinden. Gut gesichert trete ich, innerlich zitternd, den luftigen Gang an. Katzenhaft schmiegt man sich an den Fels, um sich nur Luft und zwischen den Beinen den Blick ins Bodenlose.

Die zweite Steilstufe « gehört » mir, so haben wir es abgemacht. Während die erste noch spärliche Haltepunkte freigibt, glaubt man sich da wirklich mit seinem Latein zu Ende. Schon nach den ersten Metern zeigt ein tiefsitzender Haken seine Tücke, und wie der Karabiner endlich einschnappt, lässt sich das Seil nicht nachziehen. Dann aber hängt der Körper wie eine graue Spinne nur an Finger- und Zehenspitzen an der senkrechten Rippe. Fiebernd spähen die Augen nach Rauhigkeiten. Ein winziges Trittchen bricht plötzlich weg. Lähmend rast der Schreck bis unter die Fingernägel, der überlastete Fuss fängt leise an zu beben. Ruhig, ganz ruhig! beschwichtigt der Kamerad. Und es geht! Wie erlöst fassen die Hände um die kantige Ecke, und ausgepumpt ruhe ich auf der kleinen Kanzel.

Was jetzt noch folgt, ist ein Schwelgen in griffigem, eisenfestem Kalkfels. Stets hart auf der Kante streben wir hoch. Der Blick über den schauerlichen Nordwestabsturz erhöht den Reiz dieser ausgesetzten Stelle. Leichtfüssig wie die Grattiere setzen wir schlussendlich über die obersten Blöcke hinweg, die ohne Mühe zum Vorgipfel hinüberleiten. Hier fällt die atemraubende Spannung stückweise von uns ab und macht befreienden Juchzern Platz. Kletterherz, was willst du noch mehr!

Freiheittürme von Osten nach Westen.

Westwärts schliesst sich an das Freiheitmassiv der zersägte Felskamm der Türme an. Das Gestein ist sehr lose, von Rasen durchsetzt, von Sturm und Wetter zerfressen. Und trotzdem lieben wir es, über diese luftige Mauer hinwegzuturnen, hoch über der Heerstrasse. Herber Geruch des Berggrases schwellt die Lungen, fast übermütig juchzen und singen wir unser Berglied.

Begehung von Ost nach West! Das grosse Gegenstück zum Freiheitwestgrat. Vielleicht noch schwerer und ausgesetzter. Zuerst in solidem Fels direkt neben der Gratschneide hinauf. Doch gebieterisch wird man in die abschüssige Südflanke hinausgedrängt. Im Zickzack führt der Hanf hinauf zu meinem Gefährten, der in unmöglicher Stellung an losen Grasschöpfen hoch oben in den Platten klebt. Das Seil kann er kaum mehr einziehen, die Reibung zwischen den Karabinern ist zu gross. Nach zwei knappen Seil- FREIHEIT-HUNDSTEIN.

Freiheittürme vom Freiheitwestgrat.

längen haben wir dieses schwierigste Stück unter uns, und froh sind beide, als wir den sichern Grat bei einer kleinen Kanzel zurückgewonnen haben. Im Abstieg seilt man sich an dieser Stelle frei über die Kante ab. Eine lotrechte Platte wird in einem fingerdünnen Riss überlistet. Weiter oben setzt uns ein Überhang mit ganz unglaublichen Griffen in helle Begeisterung. Nichts hält uns mehr zurück, froh raufen wir uns durch Gras und Blumen zum Gipfel des Ostturms hinauf.

Fast zu lange halten wir Gipfelrast auf dieser einsamen Warte, so lange bis uns die Lust vergeht, den Westturm zu besuchen. Am doppelten Seil fahren wir hinunter in die klaffende Lücke zwischen den beiden Türmen. Es gehört zur Tradition, dass sich hier der Strick trotz vereinter Kraft und unter Aufbietung des ganzen Wortschatzes nicht herunterziehen lässt. Eine Knacknuss bleibt auch der Aufstieg zum westlichen Turm. Griffe gibt es in Überfluss, doch selten einen, der nicht wackelt. Zwar währt der harte Strauss mit dem bösartigen Element nur eine Seillänge, dann ist auch dieser Gipfel erreicht. Der Abstieg nach Westen führt über leichte Schrofen in den Sattel gegen den Fählenschafberg.

Freiheit-Südwand.

Wie ganz anders ist die Südseite! Hier enthüllt das Gebiet erst seine intimsten Reize. Über der jähen Grasflanke der Fählenwände bauen sich märchenhaft schön die Silberwände der Freiheit und des Hundstein auf.

Von dem Massiv abgesprengt, weist die elegante Felssäule des « Roten Turms » mit ungestümer Geste zum Himmel. Ganz still ist es auf der Südseite. Der Zugang zu diesem Paradies ist zwar nicht so einfach. Zwischen beiden Freiheittürmen findet sich ein Durchschlupf. Ein heikler Stemmkamin leitet in die abschüssige Grasflanke hinunter.

Wenn der erste Reif gefallen ist, wenn auf der Nordseite wohl schon der erste Schnee den nahen Winter kündet, ist die Zeit da, der Freiheit-Südwand einen Besuch abzustatten. Sie gilt mit Recht als Ideal der klassischen und schönen Kletterfahrt. Wehe dem, der diesen prächtigen Aufstieg mit künstlichen Mitteln verunzieren solltet Durch Brennesseln und verdorrten Rittersporn springen wir hinüber zum Einstieg, und bald spreizen und stemmen wir drei in wechselndem Rhythmus höher. Reibeisenrauher, hervorragender Fels lässt die richtige Stimmung aufkommen. Warmes Sonnenlicht flutet über das helle Gestein, während der Fählensee unter kaltblauen Dunstschleiern sich auf den Winter rüstet. Im Gipfellot klimmen wir höher, jeder an einem andern Ort, in der Meinung, die rassigste Fährte gefunden zu haben. Kaum gelingt es, die beiden Kameraden zu einem Photohalt zu bewegen. Vom nahen Gipfel hören wir schon Stimmen, da geraten wir zu weit nach rechts. In einem waagrechten Spalt, der gerade den Kopf und den halben Oberkörper aufnimmt, winden wir uns mit wurmartigen Bewegungen hinüber. Besonders der baumlange Ernst mit dem Rucksack weiss nicht, wo er seine langen Glieder verstauen soll. Ein tragikomischer Anblick. Wie haben wir gelacht über unsere neue « Kopf-sicherungstechnik », als wir uns beim Steinmann die Hände schüttelten!

Der Rote Turm.

Einen Steinwurf von der Hundstein-Südwand entfernt schiesst unvermittelt ein trotziger Felsturm zum dunkeln Himmel empor. Wie ein riesiges Kirchturmdach fällt dieser nach Süden ab und scheint erst auf dem Grunde des Fählensees zur Ruhe zu kommen. Das ist der Rote Turm.

Als junge Gipfelstürmer warben mein Freund Paul Hell und ich um diese spitze Nadel. Wir wussten um das Geheimnis, das sie wie ein grauer Schleier umwebte. Schon war sie einmal bestiegen worden. Im Herbst 1913 fanden die beiden St. Galler Hans Lucchetta und Emil Ruesch in unfassbarer Kühnheit mit primitiven Hilfsmitteln den einzig möglichen Weg auf seine Spitze. Fast zu schwer waren die Schwierigkeiten gewesen, zu gross der Einsatz zu diesem Wagnis. So fiel der Rote Turm der Vergessenheit anheim, beherzte Felsgänger warnten uns Junge vor diesem Unternehmen.

Wir aber standen nun in der winzig kleinen Scharte. Den Kopf zurückgelegt, starrten wir den Grat hinauf. In den Fingerspitzen prickelte leise das Blut, gebieterisch zum Erlebnis drängend. Also drauf! Mit unendlicher Vorsicht schob sich Paul die brüchige Kante hinauf. Steine polterten herunter und sprangen in weiten Sätzen dem Fählensee zu. Das Genick schmerzte vom Hinaufsehen, und so folgte ich dem Spiel einiger Mauerläufer, die so mühelos an der gelbgefleckten Wand auf- und niedergaukelten. Das Seil war aus, und immer noch hatte der Freund keinen Stand. Ein paar Meter FREIHEIT-HUNDSTEIN.

stieg ich nach, und bald kündete helles Singen, dass oben der Haken festsass. Innerlich zitternd kauerten wir dann kurz angebunden unter dem gelben Überhang, der ein weiteres Vordringen auf der Gratkante verunmöglichte. Um einen Sockel herum querten wir in die Westflanke hinaus. Was nun folgte, war ein Aufwärtsklimmen ohne System und Klasse. Auf handbreiten Leistchen verspreizt, die Finger in feuchten Moospolstern verkrallt, mitunter prasselnde Steinsalven, so ist mir diese schwere Seillänge haften geblieben. Abenteuerlich gewundene, verrostete Eisenstifte erinnerten uns an die tollkühnen Erstbesteiger. Bei einem winzigen Schärtchen gewannen wir wieder den Grat, und über grobe Blöcke turnten wir vollends dem Gipfel zu. Da sassen wir zwischen dunklem Grün und knallroten Beeren und liessen die herbstliche Sonne auf unsern Pelz brennen. Fast schaudernd schweifte der Blick zum Fählensee hinunter, wo wir unser Spiegelbild zu sehen glaubten. Menschlein, klein wie Ameisen, bevölkerten den Weg. Uns gegenüber, auf der Nordseite, bäumt sich eine gewaltige Wand auf. Die weit herausgewölbten Bäuche flimmerten wie polierter Marmor. Doch in der Mitte eine Riesenverschneidung, die tief hinunterreichte, bis zu dem sperrenden Wulst: Hundstein-Südwand!

Unser Gipfelglück war allerdings nicht ganz echt.

Wie ein schwarzer Schatten Südwand des Hundstein und Roter Turm.

stand darüber der bevorstehende Abstieg. Wir kannten damals das Abseilen nur so aus den Büchern, und doch mussten wir den Weg zurück, den wir gekommen waren. Mit gemischten Gefühlen hockten wir wieder im Gratschärtchen und zogen das Seil durch den vorhandenen Ring. Zu unserm Schrecken drohte dieser unter den prüfenden Hammerschlägen völlig in dem geborstenen Block zu verschwinden. Die Probe ergab aber, dass er für uns noch halten konnte. Mit müden Armen pendelten wir über der gähnenden Tiefe. Der kurze Quergang an die Kante zurück machte uns schwer zu schaffen. Noch halb am Seile hängend, versuchten wir uns an den Grat zu ziehen. Das Seil hatte aber die tückische Gewohnheit, stets einen halben Meter zurück-zuschnellen, sobald wir den dürftigen Stand erwischten und den straffen Hanf entlasteten. Nach zwei vollen Seillängen erreichten wir wohlbehalten Die Alpen — 1939 — Les Alpes.31 die sichere Scharte. Die Spannung wich erst wieder von uns, als wir lang ausgestreckt zwischen blauem Eisenhut an der Sonne lagen und beglückt den kühnen Grat hinaufblinzelten. Ernst und feierlich wie ein treuer Wächter stand er über uns, der Rote Turm.

Hundstein-Südwand.

Unser erster Versuch landete bei strömendem Regen am Fusse der Wand. Schlotternd kauerten wir in einer Nische. Ein Sturzbach rauschte über die triefenden Überhänge zu unserer Rechten. Nasskalte Nebelschwaden wogten ums Gewand und verhüllten den Weg, dem unser Sehnen galt.

Doch wir kamen wieder. Es war am 8. August 1937, einem blitzblanken Sommertag. Kein Mensch war auf der Südseite, nur Manser Franz, der Schafhirte, hütete drüben am Fählenschafberg. Blauer Morgendunst lag über dem Tal, als wir zum schweren Gang rüsteten. Eine wohl zehn Meter hohe, glatte Felsstufe trennt uns vom untersten Ende der riesigen Einkerbung, die trichterförmig die Südwand durchreisst. Ein feiner Riss bietet die einzige Angriffsmöglichkeit. Zwei Meter geht es noch, dann fährt der erste Haken in den Spalt. Das Seil wird eingehängt, und mit kräftigem Zug von unten arbeitet sich mein Freund um halbe Körperlänge hoch, die schmiegsamen Sohlen fest an die glatte Platte gepresst. Nur so gelingt es, dem Riss Meter um Meter abzugewinnen. Gleichgewichtssinn und Reibungswiderstand der Klettersohlen sind das ganze Geheimnis dieser schweren Stelle.

Dort, wo sich der Riss im Überhang verliert, leitet ein weiter Spreizschritt nach rechts an einen brüchigen Sockel. Behutsam, wie auf Eiern, meistert Paul dieses ungemütliche Stück. Die gleitende Seilschlange verrät, dass das Hindernis überwunden ist. An solchen « technischen » Stellen kommt dem Zweiten oft die schwerere Aufgabe zu. Rucksackbeladen mühe ich mich in fragwürdiger Stellung, die verbogenen Eisen aus dem widerspenstigen Element zu hämmern. Kraft sparen, heisst die Devise. Doch schlaff fällt der Arm herunter und beinahe misslingt mir der weite Schritt. Über einen steilen Rasenfleck erreichen wir die Verschneidung — in Wirklichkeit eine Plattenwand, die um 70° geneigt hoch hinauf zum Gipfel zieht. Drei Seillängen arbeiten wir uns über diese rasendurchsetzte Steilflanke hinauf. Ein unerwarteter Riss erleichtert stellenweise die schwere Kletterei und bietet solide Sicherung. Leicht nach rechts haltend führt unser Weg durch einen drohenden Überhang auf gangbareres Gelände. Auf einer Rasenbank gönnen wir uns kurze Rast. Tief unter uns grüsst der Rote Turm herauf, und der Manser Franz, der uns sicher unentwegt durch sein Fernrohr beobachtet hat, quittiert unser Juchzen.

Der Ausstieg zum Gipfelgrat ist wieder von der hervorragenden Festigkeit, wie man sie von der anspruchsvollen Kletterfahrt verlangt. Ungebändigte Entdeckerfreude wird in uns wach, wie wir diese herrlichen Stufen und Risse unter uns lassen. Etwas östlich des Gipfelsignales gelangen wir auf den begrasten Felskamm. Geräuschvoll verschwindet unser « intimes » Handwerkzeug im Rucksack. Ein paar Sätze noch über zahmen Grat, und das Ziel ist erreicht.

FREIHEIT-HUND STEIN.

" Wunschlose, glückliche Gipfelstunde! Schneeweisse Sommerwolken türmen sich über dem Altmann. Ewig wechselndes Schattenspiel zieht über das Land und die Berge. Wir schauen und träumen. Barfuss, unsern sterbenden Klettersohlen einen letzten Aufschub gewährend, stelzen wir steifbeinig die Nordschlucht hinunter. Schmutzige Altschneereste und ausgesucht scharfkantiges Geröll würzen diesen Büssergang. Über uns ragt wieder die Freiheit-Nord-wand, wir sind zurückgekehrt. Der knurrende Magen ist besänftigt, die Rucksäcke sind gepackt. Wir nehmen Abschied. Juchzer geleiten meine Freunde zum Widderalpsattel und hinaus ins Appenzellerland.

Ich aber steige nochmals hinauf zur Scharte zwischen den Freiheittürmen. Rechts auskneifend schlage ich mich auf unwegsamen Schuttbändern nordseits zum Sattel zwischen den Türmen und Fählenschafberg durch. Lange sitze ich noch bei Franz, unserm stillen Beobachter. Er freut sichHundstein-Südwand, immer, wenn wir ihn mit einem Besuch beehren, und in seinem Beutel aus Ziegenfell steht eine Flasche frische Geissmilch.

Wer den Alpstein in seiner ganzen Pracht und Stille erleben will, der komme mit auf den weiten, einsamen Weg zum Zwinglipass. Mit grossartigem Tiefblick wandert man über den welligen Graskamm des Fählenschafbergs dem Altmann entgegen. Leuchtende Blütenkelche säumen in seltener Pracht den Pfad. Bergdohlen segeln durch die Luft, an den Hängen weiden Schafe. Noch einmal kehrt das Auge zufrieden zurück zu den silbergrauen Zacken, Zinnen und Wänden.

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