Früher Morgen im Wallis

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Mit 3 Bildern ( 69—71Von Sandro Stork

( Bad König/Odw. ) Jeder frühe Morgen in den Bergen hat seine eigene, spannungsgeladene, erregende oder ernüchternde Atmosphäre.

Der Aufstieg zur Hütte am Tag vorher ist nicht immer frohes, sorgenfreies Wandern. Der Rucksack mit Proviant und Ausrüstung drückt, und immer wieder stellt man sich die bange Frage: Wie wird morgen das Wetter, wie werden die Aufstiegsverhältnisse sein?

Dann folgt eine Nacht, die einem auf hartem Lager trotz aller Hüttenromantik nicht ganz die Ruhe gibt, deren der Körper vor einem anstrengenden Tag so sehr bedarf. Kaum glaubt man sich endlich etwas hinübergedöst, da ist es schon Zeit zum Aufstehen. Die nun folgende Stunde ist unbestritten die bitterste während der ganzen Zeit der Hochtour, diese Stunde vor Sonnenaufgang, die den letzten Vorbereitungen für den Aufstieg dient.

Beim schwachen Schein einer Kerze oder einer Taschenlampe « fahrt » man erschauernd in die ausgekauften Kleidungsstücke und tastet mit klammen Fingern noch einmal den Rucksack nach, ob auch alles gut verstaut ist und nichts Wichtiges fehlt. Dann steigt man, etwas unsicher in den Beinen und zitternd vor Kälte und innerer Spannung, die steile Stiege zum Aufenthaltsraum hinab. Dort unten wenigstens ist es schon gemütlicher. Im Flackerlicht des Herdfeuers und der Petroleumlampe tanzen die Schatten der Rucksäcke und Pickel über die rohen, unebenen Wände, während draussen, vor dem kleinen Fenster, noch tiefes Dunkel die Gipfel, Zinnen und Grate umhüllt.

Ich hege immer grosse Bewunderung für die Hüttenwarte, die jeden Morgen, noch ehe der erste Tourist schlaftrunken sein Lager verlässt, bereits den Tagesraum in einen etwas freundlichen Zustand versetzen und überdies meist gute Stimmung verbreiten. Mit wohlgemeinten Ratschlägen und Hinweisen beseitigen sie ebenso manche Unsicherheit wie mit erstaunlich sicheren Wetterprognosen. Beim anregend dampfenden Tee überwindet man schliesslich die Essensunlust und erleichtert die mitgebrachten Vorräte.

Dann tritt man wohlgerüstet in das neblige, taufrische Dämmern des Morgens hinaus. Oft überrascht uns ein zauberhafter Anblick der noch etwas verhangenen Gebirgswelt, oft auch warnt uns eine weite Fernsicht über die scharfen Konturen schattenhafter Bergkulissen hinweg vor einem Wetterumschlag.

Es ist nicht leicht, jene unwirkliche, geisterhafte Atmosphäre im Photo festzuhalten; wenn die Aufnahme gelingt, wird sie durch ihre wunderbare Tiefe eine der liebsten Erinnerungen an die Ferienzeit sein.

Ich denke gern an jenen Morgen zurück, als wir im Anstieg zum Nadelhorn in der Mischabelgruppe die weite Fläche des Hochbaiengletschers kurz vor Sonnenaufgang über- schritten, zur Linken die mächtig hochschiessende Eiswand der Südlenzspitze, zur Rechten die markante Viertausender-Dreiheit von Fletschhorn, Laquinhorn und Weissmies, die sich scharf, greifbar nahe fast, gegen den hell strahlenden Himmel abhoben. Nur über dem Weissmies schwebte waagrecht eine dunkle Wolkenplatte - noch harmloser Vorbote eines Nachmittagsgewitters.

Oder ich erinnere mich an den Aufstieg zum Allalinhorn. Der Weg führte über die spaltenreiche, in weitem Halbrund ausschwingende Fläche des Hohlaubgletschers - im ersten Sonnenschein glitzernder Firn, das Erlebnis eines Tagesanbruchs inmitten der unberührten Eiswelt!

Dann war da jener Morgen hoch droben am Matterhorn an der eng an den Berg geschmiegten Solvayhütte, in der wir aus dem Unwetter des Tages zuvor eine sichere Zuflucht gefunden hatten und nun doppelt freudig die Sonne begrüssten. Von dem winzigen Platz vor der Tür blickten wir hinüber zu den spitzen Riesen der Mischabelkette, Täschhorn und Dom, und am Dom sollten wir dann einen besonders eindrucksvollen Frühmorgen erleben. Dichter Nebel empfing uns vor der Hütte und wollte lange nicht weichen. Plötzlich aber brach für wenige Minuten der Schleier vor uns auf und gab einen überwältigend schönen Blick auf die formvollendete Pyramide des Weisshornes frei, das über den Wolken schwebend gleichsam vom Boden losgelöst schien.

Oder jener Sonnenaufgang ist mir gut im Gedächtnis, den wir auf dem Monte-Rosa-Gletscher miterleben konnten. Über einer arktischen Landschaft von Schnee und Eis mit riesigen Hängegletschern trafen die ersten Strahlen das Breithorn und den Pollux und vergoldeten ihre Zinnen und Schneegipfel. Über alles aber schob sich eine gefährlich aussehende schwarze Wolkenfront und verstärkte noch das Unwirkliche der Szene.

Es sind nicht nur die Gipfelerlebnisse, deren Eindrücke uns unvergesslich sind. Gerade die Minuten des Überganges der Nacht zum Tag schenken uns Bilder, die sich uns durch ihre einzigartigen Licht- und Schattenwirkungen besonders tief einprägen.

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