Frühjahrskletterei

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Roland Ravanel, Argentière

Im Mai halten wir uns in Chamonix auf, wo der Frühling kommt und geht, je nach Witterung. Es schneit... Wo wollen wir klettern?

Im Börnes-Massiv, in Solaizon mit seiner überaus steilen Leschaux-Wand, werden wir uns für die grossen Touren am Mont Blanc vorbereiten.

Dieser obere Leschaux-Steilhang, den man von der Strasse aus, die Findrol und Bonneville verbindet, gut sehen kann, hat von mir schon vor Jahren einmal Besuch bekommen und verdient es, auch noch meinen italienischen Freunden vorgestellt zu werden. Cozimo Zapelle, der Begleiter des berühmten Bergführers Walter Bonatti anlässlich der Winter-Erstersteigung der Grandes Jorasses, und Giorgio Bertone, ein Führer für anspruchsvolle Touren im Fels und hervorragender Kletterer, werden mit von der Partie sein...

Wir verlassen unser flaches und in Nebel getauchtes Hochtal, um von Thuet aus in die Sonne hinaufzufahren, die mit ihren morgendlichen Strahlen soeben Brizon überflutet, dieses am Andey-Nordhang gelegene Dörfchen mit seinen typischen roten Ziegeln, mit seiner Vergangenheit...

Schon hier steht die Zeit still. Nachdem wir das in die steilen Felsen unmittelbar oberhalb Bonneville gehauene Strässchen hinter uns haben, kurven wir ein bewaldetes Tal mit ausgedehnten Wiesen, diesen heutigen wie einstigen Lebensquellen, bergan. Zuoberst Solaizon, die letzte Begegnung mit dem Leben auf einer der Sonne und dem Wind ausgesetzten Hochterrasse, weit offen nach Süden und Norden zwischen den herrlichen Abhängen des Andey und den Kalkausläufern des Leschaux. Ein ausgedehntes Plateau.

Es ist Mai, und immer noch liegt Schnee da und dort; er bedeckt zur Linken den abgerundeten Rücken der Leschaux-Felsen und ziert noch diese prächtigen Gefilde zur Rechten, hinter dem Dorf, einer richtigen Alpsiedlung, erbaut aus dem Material, das aus der Umgebung stammt und sich darum auch harmonisch ins Gelände fügt und eine gewisse Wärme ausstrahlt. Der strenge Charakter dieser altertümlichen, Wind und Wetter ausgesetzten Alpsiedlungen wird durch diese von angeordneten, vom Wind geschliffenen und von der Sonne getrockneten Kalksteinen befestigten Schindeldächer gemildert. Es sind diese alten, behäbigen und heimeligen, im reinen Baustil der Gegend erhaltenen Holzbauten, die von der Geschichte des Dorfes und seiner Bewohner erzählen, die hier im Sommer wie von alters her hausen.

Wir stellen die Wagen im Dorf ein und durchqueren die Hochfläche in südlicher Richtung. Die Flora ist hier im Sommer aussergewöhnlich reichhaltig. « Eine überaus vielfältige Flora », erfahre ich später von einem namhaften Botaniker, nachdem er diese Fluren weisser Anemonen und verschiedener Enziane gesehen hat, wo die langstieligen gelben Enziane, denen man nicht allenthalben begegnet, ihre Blüten stolzer als alle andern in die Höhe recken.

Die kleinen Wildhühner schreien im Wald des Andey, um den herum ein geübtes Auge phantastische Arabesken eines trunkenen Skifahrers im derben Maienschnee auszumachen glaubt.

Im Geröllfeld, wo der Weg, welcher am Fuss des Felsabsturzes entlang führt, seinen Anfang nimmt, pfeifen die Murmeltiere und verkriechen sich dann wieder in die Erdlöcher.

Hoch lebe der Frühling!

Der Wind schlägt einem ins Gesicht, wenn man das Band erreicht. Der obere Steilhang schwingt sich Zoo Meter hoch auf, ist zum Teil mehr als senkrecht und erinnert mit seinen Höhlen und Fichten, die den Frühling verkünden, an die Meeralpen, so sehr ist er der Sonne zugewandt.

Eine prächtige Gemse nimmt Reissaus, als wir um eine Ecke biegen, von wo aus wir das grünende Tal der Borne, die zu unsern Füssen rauscht, überblicken. Eine untere Steilstufe trennt uns von ihm und unterstreicht noch das'Gefühl der Ausgesetztheit, das wir im Verlauf unserer Besteigung empfinden.

Wir kommen zu unserem Fels mit seinen Löchern, seinen Rissen, weissen Platten, seinen Verschneidungen und seinen Pfeilern... seinen gelblichen Überhängen zurück. Da gibt es verschiedene Kletterrouten, auf einer Breite von gut zwei Kilometern mindestens fünfzehn, und die interessantesten sind die ersten, die man antrifft, eröffnet um i960 herum. Wir möchten heute gerne die Collégiens-Führe machen. Ohne zu zögern, greift Giorgio den von der ersten Seillänge abdrängenden Riss an, um 35 Meter weiter oben Stand zu nehmen. Cozimo steigt seinerseits ein, und zehn Minuten später geben wir uns alle drei auf einer sehr luftigen Plattform ein Stelldichein.

« Welch herrliche Kalkkletterei! » ruft Giorgio aus.

« So was kann man wenigstens Klettern nennen; da lässt sich üben; verflucht harte Sache! » Und Cozimo beteuert: « Wie in den Dolomiten oder den Grignes! » Diese Feststellungen lassen mich guten Mutes in einem abdrängenden Riss, rechts von einer Fichte, von der man sich nicht vorstellen kann, wie sie hier gedeihen konnte, vorrücken. Links bietet sich eine Höhlung als Standplatz an. Während sich unten auf dem Geröllfeld zwei 1Französisch-schweizerische Route in den Leschaux-Felsen ( Haute-Savoie ) 2Auf dem Gipfel der Leschaux-Felsen Photo: Jacques Jenny, Genf 3Kletterei in den Leschaux-Felsen Photos: Roland Ravanel, Argentière weisse Helme bewegen, entdecke ich die Ebene von La Roche, ja glaube ich sogar in der Ferne, hinter dem Andey, den Genfersee zu erkennen.

Der Kalkfels ist wirklich herrlich! Giorgio ist wieder an der Spitze; katzenhaft bewegt er sich aufwärts, seine Fingerspitzen in die Oberfläche des Gesteins einkrallend. Ich sehe von unten seine Füsse, seine Vibramsohlen, die von der Wand abstehen, als ob ihre Spitzen mit Saugnäpfen bewehrt wären. Er wirkt wie ein Seiltänzer, der seine Nummer zum besten gibt.

Entdeckerfreude lässt unsere Mienen erstrahlen. Bei der nächsten Seillänge packt mich eine unbändige Lust, die Schwierigkeiten in einer so wilden Umgebung zu überwinden. Ein Haken dringt in einen Riss ein, ein Karabiner klinkt ein, und das Seil, das den Menschen mit dem Material verbindet, hängt zwischen meinen Beinen, leise im Rhythmus der Brise schwingend.

Die Wand wird noch steiler, und der Kletterer führt seinen Spitzentanz über dem grauen Grund des Geröllfeldes aus. Er wendet sein Klettermaterial an, wählt seine Führe. Er spannt seine Fäden wie ein Spinnennetz, um sich dann nach vierstündiger intensiver, aber herrlicher Kletterei auf dem weiten Plateau von Leschaux einzufinden.

Blick und Schritt wenden sich alsdann gen Norden und Richtung Abstieg nach Solaizon, diesem Paradies unserer Kalk-Voralpen, dieser aussergewöhnlichen Siedlung, wo es herrlich wäre Ski zu laufen anstatt einen langen Weg und eine Kletterei zu machen, wie wir es eben taten.

Bergdohlen staunen über unsere Anwesenheit und stechen in den Abgrund, uns aus unserer Träumerei zurückrufend. Ein Windstoss fegt den Bargy und den Jaluvre im Osten frei. Mit kräftigen Armzügen geht es weiter, und dann verlassen wir das vielgeliebte Gelände, fliehen auf das Plateau.

Übersetzung R. Vögeli

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