Gauli — gefährdete Urlandschaft im Grimselgebiet

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Andreas Burri, Luzern Heinz Wäspi, Winterthur

1 Blick von der linken Talseite auf den oberen Bereich des Gletschervorfeldes, das durch die im Hintergrund sichtbare Ufermoräne des Gletscherhochstandes von 1850 begrenzt wird. Formschön präsentieren sich die Rundhöckerflur sowie die Seen und Sanderflächen.

Ein Blick auf die Geschichte des Gauligletschers Herabstürzende Eisblöcke, herunterkol-lernde Steine, tosendes Schmelzwasser, darin schwimmende Eisbrocken: Wir stehen auf 2150 m ü. M. vor dem eindrücklichen Tor des Gauligletschers und meinen, Zeugen des Zurückschmelzens der Eiszunge zu sein. Der Gletscher ist bereits bis in grosse Höhen ausgeapert.

Drehen wir das Rad der Geschichte um 140 Jahre zurück, so sehen wir eine bis auf etwa 1800 m in die Steilstufe unterhalb des heutigen Mattenalpsees herabhängende Zunge. Die Eisausdehnung in der Grössenordnung von 1850, ein sogenannter Hochstand, wurde in den vergangenen 10000 Jahren, seit dem Ende der letzten Eiszeit, mehrfach erreicht oder sogar noch leicht übertroffen.

Zwischen den Hochstandsphasen schmolz der Gauligletscher zum Teil wieder bis in heutige Lagen und weiter zurück. Gestützt wird diese Vermutung durch zahlreiche Funde von im Moränenmaterial unmittelbar vor der heutigen Gletscherzunge eingebetteten Arvenstämmen. Eine Probe davon wurde am Geographischen Institut der Universität Zürich mit Hilfe der sogenannten Radiokar-bon- oder 14C-Methode auf 3970 ± 85 Jahre vor 1950 datiert ( uz-1445 ). Offensichtlich waren die klimatischen Verhältnisse vor etwa 4000 Jahren so günstig, dass im Bereich der heutigen Gletscherzunge Arven wachsen konnten.

Die Gletscherausdehnung um 1850 ist im Gelände vor dem Gauligletscher manchenorts noch deutlich auszumachen. Besonders an der Nordwest- und Nordflanke des Hien-dertelltihorns hat sich der Kamm einer mächtigen Ufermoräne, die damalige Eishöhe nachzeichnend, sehr formschön erhalten ( Bild 1, S.69 ). Von zwei kleineren Resten abgesehen, ist die Ufermoräne auf der steileren linken Gletscherseite der Erosion zum Opfer gefallen und heute nicht mehr sichtbar. Allerdings lässt sich dort deutlich ein fast nackter, 1850 unter Eis gelegener Fels von einem darüberliegenden, grösstenteils mit alpinen Rasen bedeckten Bereich trennen. Beidseitig werden die Umrisse des 1850er-Hochstandes gegen Nordosten - in Fliessrichtung des damaligen Gletschers — zunehmend undeutlicher und verlieren sich in der Umgebung des Mattenalp-Stausees.

Unberührte Sanderflächen mit verflochtenen Flussarmen und Schmelzwasserseen prägen die erst seit wenigen Jahrzehnten vom Gauligletscher freigegebene Landschaft.

Vor der Silhouette des Verbindungsgrates zwischen Ritzlihorn und Schaflägerstöck zeigen sich die gletscherzuge-wandten Seiten der Rundhöcker mit ihren feinpolierten Gesteins-flächen.

Prächtige Kleinbiotope sind der Schmuck der buckeligen Rundhöckerflur. Die leuchtendweissen Blütenköpfe des Scheuchzers Wollgrases scheinen mit ihrem Spiegelbild gleichsam zu verschmelzen.

Die seit 1850 vom Gauligletscher freigegebene Landschaft, das Gletschervorfeld, möchten wir im vorliegenden Bildbericht vorstellen.

Die vier Bereiche des Gletschervorfeldes Das Vorfeld gliedert sich in vier Bereiche:

( 1 ) eine Rundhöckerflur; ( 2 ) eine gletschernahe Auenlandschaft mit Gletscherseen und Sanderflächen; ( 3 ) einen Abschnitt der Wasserfälle und alten Entwässerungsrinnen; ( 4 ) alpine Rasen.

Im folgenden soll nun jede dieser vier im Gelände nicht scharf trennbaren Einheiten kurz charakterisiert werden.

Die Rundhöckerflur Auf dem höchsten Niveau des Gletschervorfeldes ist eine ausgedehnte buckelige Rundhöckerflur ( 1 ) entstanden, deren markante Ausprägung mitunter auch durch die Geologie bestimmt ist. Das Gauli liegt nämlich im sogenannten nördlichen Altkristallin des Aarmassivs. Diese Zone zeichnet sich aus durch eine komplizierte Serie von Gneisen, Schiefern, Amphiboliten und Migmati-ten sowie durch eine von Südwesten nach Nordosten laufende Schieferung.1 So ist leicht einzusehen, dass der Gletscher und seine Schmelzwasser das Tal parallel dazu -im Sinne des geringsten Widerstandes -ausgeschürft haben. Dementsprechend sind sämtliche Rundhöcker von länglicher Form und in der Richtung von Südwesten nach Nordosten orientiert. Sie alle zeigen einen markanten Gletscherschliff ( Bild 2, S.70 ). Deutlich sind oftmals eine feinpolierte glet-scherzugewandte und eine von Spaltenfrost überprägte, rauhe gletscherabgewandte Seite zu unterscheiden. Zwischen oder auf den einzelnen Rundhöckern lassen sich zahlreiche stehende Gewässer entdecken. Diese Kleinbiotope bieten Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten wie zum Beispiel Kö-cherfliegenlarven, Wasserläufer, Grasfrö-sche oder Scheuchzers Wollgras ( Bild 3, S.70 ).

1 Es ist uns in diesem Rahmen nicht möglich, detaillierte Erläuterungen zur Geologie abzugeben. Interessierten seien die folgenden beiden ( nicht nur für Fachleute verständlichen ) Publikationen empfohlen: Labhart, T. P. ( 1983 ): . Hallwag, Bern; Labhart, T. P. ( 1983 ): ( Geologie der Schweiz ). Hallwag, Bern.

Die gletschernahe Auenlandschaft Die hochalpine Auenlandschaft ( 2 ) der Seen und Sanderflächen ( Bild 4, S.70 ), zwischen der ausgedehnten Rundhöckerflur und dem heutigen Gletscher gelegen, ist geprägt durch das lebendige Miteinander von Vorgängen des Gletschers ( glazialen Prozessen ) und des fliessenden Wassers ( fluviatilen Prozessen ): Im Bereich der Gletschertore und der Grossen Seen, einer Gruppe von meist langgezogenen, auf unterschiedlichen Niveaus angeordneten stehenden Gewässern, befinden sich gletschernahe Kies- und Sand-schwemmebenen ( Sanderflächen ) mit typischen Ablagerungsstrukturen. Sie sind Zeugen von hohen niederschlags- und tempera-turbedingten Unterschieden in der Wasserführung des Gaulibaches. Eine kleine, vor dem linksseitigen Gletschertor gelegene Sanderfläche zeigt beispielsweise prächtige trockengelegte Rippeln und eine nach der Grösse erfolgte Sortierung der Geröllkompo-nenten ( Bild 5, S. 72 ).

Die heutige Gletscherzunge liegt in einer ausgeprägten Mulde, so dass sich die Schmelzwässer einen seitlichen, auf die orographisch rechte Talseite weisenden Abfluss schaffen mussten. Zwischen der beschriebenen Sanderfläche vor dem linken Gletschertor und den Gletscherrandseen befindet sich eine Gruppe von Stirnmoränen, deren einzelne Wälle durch die Wirkung des Gletschers zusammengestaucht wurden.

Im Bereich der Seen und Sanderflächen, einem Abschnitt mit dauernden Umgestaltungen durch die ständig wechselnden Wassermassen, ist die alpine Pioniervegetation besonders eindrücklich entwickelt. Von einzelnen Arten in Gletschernähe wie z.B. dem Bewimperten Steinbrech, dem Bleichen Klee, dem Braunen Klee, dem Alpen-Lein-kraut oder Fleischers Weidenröschen verdichtet sich die Vegetation mit zunehmender Distanz vom Eisstrom bis zu geschlossenen alpinen Rasen. Im Bereich der Grossen Seen ist eine prachtvolle streifenförmig angeordnete Ufervegetation mit Scheuchzers Wollgras, anderen Sauergräsern und Weidenarten ausgebildet.

Wasserfälle und alte Entwässerungsrinnen Der Bereich der Wasserfälle und Entwässerungsrinnen ( 3 ) besteht im wesentlichen aus einer rundhöckerdurchsetzten Steilstufe von etwa hundert Höhenmetern und vermittelt den Übergang von der Rundhöckerflur ( 1 ) zu den alpinen Rasen ( 4 ). Eine ganze Reihe von grösseren und kleineren, heute nicht mehr wasserführenden ehemaligen Entwässerungsrinnen gliedert die Stufe in mehrere Teile. Diese Rinnen wurden vermutlich bereits unter dem Gletschereis von Schmelzwasserbächen in den Fels eingefressen. Der heutige Gaulibach überwindet die ausgeprägte Gefällstufe am orographisch rechten Rand in drei nebeneinanderliegenden kaskadenartigen Wasserfällen ( Bild 6, S. 73 ). Die Erosionskraft dieser stiebenden Fälle hat im untersten Drittel der Felsstufe ein Querband zu einer Rinne umgewandelt, durch welche die faszinierenden Kaskaden miteinander in Verbindung stehen.

Alpine Rasen Der Bereich der alpinen Rasen ( 4 ) zwischen der beschriebenen Steilstufe und dem Mattenalpsee ist geprägt durch eine Schluchtstrecke und durch im Sommer als Rinderweide genutzte alpine Rasen auf langgezogenen Rundhöckern. Inmitten dieser Rasen sind zahlreiche Moorseelein eingebettet. Im untersten Teil der Flussstrecke ist die Schlucht besonders eindrücklich. Auskolkungen und eine grosse Tiefe deuten auf die gewaltige Erosionskraft des Gaulibaches hin. Im Mattenalpsee schüttet der Bach ein kleines, vogelfussähnliches Delta auf. Der Mat-tenalp-Stausee, im August 1950 fertiggestellt, bildet das brüske Ende dieser vom Menschen unbeeinflussten Landschaft. Hier hört der Gletscherbach auf; seine Wassermassen werden, von einer sehr bescheidenen Restwassermenge abgesehen, in einem unterirdischen Stollen ins Haslital abgeleitet. Unterhalb der Staumauer - ein trauriges Bild - liegt das Bachbett fast völlig trocken und lässt kaum mehr etwas erahnen von den gewaltigen Schmelzwässern, die dem Gauligletscher entströmen.

Problematisches Kraftwerkprojekt Leider ist nun aber heute auch das beschriebene, oberhalb des Stausees gelegene Gebiet, ein einzigartiges Gletschervorfeld, bedroht: Die Kraftwerke Oberhasli AG ( KWO ) planen im Rahmen ihres Grossprojektes die Errichtung einer 8 m hohen Sperre im Gauli. Sie würde in der Talenge oberhalb der Wasserfälle gebaut und somit das Landschaftsbild der ausgedehnten Sanderflächen und der Grossen Seen stark beeinträchtigen sowie die Kaskaden trocken-legen. Das im oberen Gauli gefasste Wasser würde in einem unterirdischen Stollen dem projektierten Stausee zugeleitet. Am Teilprojekt Gauli, und nicht nur an diesem, wurde von verschiedener Seite schärfste Kritik geübt, was die KWO zur Prüfung von Projektänderungen veranlasste. Eventuell sind die Anpassungen bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrages offiziell. Sie sehen vor, dass die Gauli-Fas-sung unterhalb der Wasserfälle zu liegen kommt, was jedoch noch immer einen starken Eingriff in dieses intakte Landschaftsbild bedeutet, zumal auch während der Bauphase mit erheblichen Störungen zu rechnen wäre.

Eine einzigartige Landschaft Die buckelige Rundhöckerflur des Gauli, die einen grossen Teil des Gletschervorfeldes ausmacht, darf in ihrer Geschlossenheit und in ihren Dimensionen zu Recht als einzigartig für die Schweizer Alpen bezeichnet werden. Reiche Schmelzwässer, bis hinunter zum Mattenalpsee noch durch keinen menschlichen Eingriff verschandelt, formen urtümliche Sanderlandschaften und grossartige Kaskaden, wie sie hierzulande wegen der beinahe umfassenden Wasserkraftnutzung kaum noch vorkommen. Im Bericht des Gewässerschutzamtes des Kantons Bern, enthalten in der

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