Gedanken zum Bergsteigen

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VON HERMANN KORNACHER, MÜNCHEN

Vom Glück der Höhen Sorgfältig legt mein Freund das Seil in gleichgrosse Schlingen und verstaut es dann im Rucksack, der mit weitoffenem Maul neben ihm steht. Seit mehr als einer Stunde sitzen wir nun schon unterm Gipfelkreuz. Die anderen Seilschaften sind bereits abgestiegen. Wir sind allein! Nur ein paar schwarze Bergdohlen treiben ihr Spiel mit dem Abendwind. Die untergehende Sonne wirft flache Dunstbahnen über die Schatten des Tales, das zu unseren Füssen beginnt und sich im grauen Brodem der Ebene verliert. Wir sprechen von Caspar David Friedrich, dem Maler der Romantik. Uns beiden sind seine Bilder wohlvertraut. Sie sind uns Freunde geworden, Abbilder einer höheren Wirklichkeit. Und wir sind es, die 150 Jahre später diese Wirklichkeit noch einmal erleben und schauen. Unendlicher Friede liegt über Gottes weiter Welt.

Wir sind glücklich.

Aber was ist es mit dem Glück, was hat es damit auf sich? Es ist heutzutage so sehr viel vom Glück die Rede. Fast zu viel, wie mir scheint. Das ganze Leben der Menschen scheint vom unermüdlichen Streben nach jenem sagenhaften Glück erfüllt, ja beherrscht zu sein. So recht von Herzen glücklich sein, das möchte jeder. Nur ein ganz klein wenig glücklich sein, wenigstens einmal im Leben! So suchen sie also. Sie suchen überall und immer, rastlos, ruhelos. Und finden doch nichts...

Ist es bei uns Bergsteigern etwa anders? Was ist es denn, was wir dort droben auf den Gipfeln unwirtlicher Berge suchen, in jähen Wänden und auf schwindelerregenden Graten? Alle sind wir auf der Suche nach dem Bergglück. Alle: Jochbummler und Hakenspezialisten, Bergwanderer und Jünger des sechsten Grades. Das Ziel ist stets das gleiche, wenn auch die Wege verschieden sind und die Mittel. Die einen wollen sich das Glück am Berg trotzig erkämpfen, die andern wollen es sich erwandern, und nur die wenigsten sind bereit, es sich ganz einfach schenken zu lassen. Diese sind immer bereit!

Jeder von uns sucht das Bergglück auf seine Weise. Aber keiner hat es je festhalten können, wo es ihm einmal zuteil wurde. So beginnt die Suche wieder von neuem, und das Steigen hat kein Ende. Wir sind immer unterwegs. Ja wir wissen nicht einmal, ob wir überhaupt das Richtige suchen. Denn wer weiss, was dieses Glück eigentlich ist? Wir suchen es gleichwohl in Wänden und Kaminen, in Bergwäldern und auf Blumenwiesen. Ist es wirklich nichts als nur befriedigter Ehrgeiz nach vollbrachter Tat, die Freude an der eigenen Leistung, am Kampf und am Wagnis? Oder ist es die stille Freude an Blumen und Tieren der Bergwelt? Ist es die reife Frucht einer unstillbaren Liebe zur Natur? Was ist denn das Glück, das zu suchen wir ein Leben lang unterwegs sind?

Die Sonne ist unterdessen hinter den Bergen zur Ruhe gegangen. Aus dem Dunkel des Tales kommt die Nacht auch zu uns heraufgestiegen. Ein letztes Leuchten liegt über den Bergen ringsum. Gottes Frieden ist überall. So mag denn wohl das tiefste Glück seinen Ursprung in jenem Frieden haben, der allerorten zu finden ist. Frieden, den wir in einer Zeit der Rastlosigkeit und des Unfriedens gerade und immer wieder in den Bergen suchen. Denn wir hoffen, dass der Schritt vom Frieden der Bergnatur hin zum wahren Frieden des Herzens nicht allzu weit sein möge. Und so wäre das eigentliche Glück nicht Stimmung und jubelnde Freude, sondern vielmehr Frieden, ja auch Frieden über dem Leide. Das Glück und der unsägliche Frieden des Augenblicks, in dem wir ganz in der Gegenwart aufgehen, kein Vorher kennen und auch kein Nachher. Frieden, wenn einmal die hadernden Stimmen des Streits verstummt sind und der Mensch sich in Übereinstimmung fühlen kann mit sich und seiner Umwelt. Frieden, in dem die Harmonie der Schöpfung nicht mehr übertönt wird vom Lärm der Welt und ihrem Leid, wenn die Sorgen des Alltags einmal völlig verstummen und die Angst nicht mehr ihre Stimme zu erheben wagt. Das alles ist wahrer Frieden. Das alles ist wahres Glück.

Immer wieder aber werden uns auf unserer langen Lebenswanderung Augenblicke solchen Glücks zuteil. Es müssen nicht einmal immer die Berge sein, die uns solches Erleben schenken. Denn wie das Glück vielerlei Namen hat, so weiss auch der Friede mancherlei Orte, wo er Einzug halten kann. Die Berge gehören dazu, sie nicht zuletzt!

Nach wagender Fahrt in schwerem Fels halten wir beide, der Kamerad und ich, stille Rast in den Schrofen unweit des Gipfelkreuzes. Wir verstehen uns auch ohne viele Worte, und so unterbricht nichts das übereinstimmende Schweigen am Gipfel. Denn das Bergglück verträgt keine lauten Worte, und nur dem Wissenden neigt es sich zu. So schweifen die suchenden Augen voll immer neuer Sehnsucht hin über das Meer der Berge. Freilich, eine alte Sehnsucht scheint in dieser glückerfüllten Stunde endlich erfüllt, doch hundert neue brechen in unseren Herzen wieder auf. Ja, das Steigen und Schauen, das ist wohl unser bestes Teil. Und wir sehen, wie am fernen Horizont das helle, fast schon grünliche Blau des Himmels mit den nur wenig dunkleren Farben fernster Berge sich mischt. Für kurze Augenblicke scheinen da unsere erdgebundenen Sinne dem Raum und der Zeit entrückt, und zitternd tun sie einen Blick in die Ewigkeit.

Fast abwesend blättere ich dann im zerschlissenen Gipfelbuch, das in einer von vielen Blitzen durchlöcherten Blechhülse steckt. Über viele Namen und Daten gleiten die Augen, über mancherlei Eintragungen, die auf diesen Blättern mit allen möglichen und unmöglichen Schreibwerkzeugen gemacht worden sind. So viele Menschen waren innerhalb weniger Jahre schon hier oben, und das, obwohl doch dieser Berg von keiner Seite her leicht zu besteigen ist. Was sie hier wohl alle suchtenUnd plötzlich nimmt ein schlichter Vers, mit steilen Buchstaben fast hingemalt, die rastlos flüchtigen Augen für eine kurze Weile gefangen: « Viele Wege führen zu Gott, einer über die Berge! » Weiter blättert fast mechanisch die Hand. Da ein bekannter Name, dort eine interessante Notiz... Doch jetzt sind es die Gedanken, die hinterdreinhinken, sie sind an diesem Vers hängengeblieben. «... einer über die Berge! » - Ein feines Wort, das so viel aussagt. Es ist also doch nicht der Weg selber das Ziel, wie sie immer sagen? Was aber ist es dann, das wir rastlosen Wanderer auf einsamen Höhen, auf schweren und schwersten Pfaden suchen? Ist es nicht doch vielleicht im Grunde die Sehnsucht des Geschöpfes, das sich mit dem Schöpfer wieder vereinigen möchte? Und meinen wir nicht eigentlich Gott, wenn wir nach jenem « anderen Land » dort hinter den blauen Bergen suchen? Suchen wir dort die Heimat und den Frieden, nach dem wir ein Leben lang unterwegs sind?

Fragen über Fragen, auf die wir keine Antwort finden. Da werden uns die im Unendlichen sich verlierenden Bergketten zu Brücken in die Ewigkeit. Und der weite Weg, der uns aus dem Dunst der Ebene über die grünen Matten der Vorberge, über Grate und Wände bis hin zu den schimmernden Firnen und Gipfeln führt, er wird uns zum Gleichnis. Besser noch: Ist dies für uns nicht der Weg zu Gott? Nur darum erkennen wir doch in der Schönheit der Natur beiderseits des Weges ein Abbild der einen, der göttlichen Schönheit. Mögen die anderen andere Wege gehen, mögen sie Jammer und Leid darauf finden: unser Weg zu Gott führt über die Berge. Und wenn es rings um uns grünt und blüht, so können wir eben hinter allem immer nur wieder eines Schöpfers unendliche Güte sehen. Während wir kurz vor dem Abstieg noch einmal zum Kreuz am Gipfel hinaufsteigen, rede ich auch zu meinem Freund von diesen Dingen und von dem einen Weg, der über die Berge führe. Ausser einem älteren Mann ist niemand mehr da oben. Wir sind die letzten. Freundlich erwidert der schon grauhaarige Bergsteiger unseren Gruss. Doch dann gibt er uns zu verstehen, dass er den letzten Teil unserer Unterhaltung mitgehört habe. Unwillig über seine Einmischung wenden wir uns ab und wollen endgültig absteigen. Aber da sagt er auch noch etwas von nachgeplapperten Allgemeinplätzen, von Grünschnäbeln, die noch gar kein Urteil hätten und keinerlei Erfahrung. Da ist es uns aber doch zuviel, und der Freund will sich gerade zur Wehr setzen und ihm gehörig über den Mund fahren. Doch er, der dies wohl kommen sah, er beschwichtigt uns und bittet, doch erst einmal seine Geschichte anzuhören:

« Wisst ihr », so fing er an, « genau so, wie ihr eben, habe ich auch einmal gedacht. Freilich, es war dies wohl kaum mehr als ein verschwommenes Gefühl. Eine klare Überzeugung war es nicht. Aber nun war da etwas, wo mir auch die eben von euch geäusserten Gedanken kein bisschen weiterhalfen, etwas, das mir bis zum heutigen Tage noch zu schaffen macht.

Vor vielen Jahren war es, da zogen mein Freund und ich das erstemal im Jahr wieder los, mit Seil und Haken das zu suchen, wonach wohl auch ihr beide da oben unterwegs gewesen seid. Nun, die Knochen waren damals den Winter über keineswegs eingerostet, das stellten wir mit Befriedigung fest, und auch die verzwicktesten Seilmanöver klappten wie ehedem. Es war wirklich eine Lust, im frühlingswarmen Fels emporzuklimmen, und manchmal jauchzten wir vor Freude und Übermut, dass es in den Wänden widerhallte.

Da, es war an einer eigentlich harmlosen Stelle, ich sehe sie noch heute, ich hatte das Seil beinahe ganz ausgegeben. Gleich über mir bot sich ein ausgezeichneter Sicherungsplatz. Dreissig Meter unter mir sicherte, zuverlässig wie immer, der Freund, die Selbstsicherung eingehängt. Nur wenige Meter hatte ich noch zu steigen - da bricht mir unversehens der Tritt unter dem rechten Fuss aus. Blitzschnell krallen sich die Finger an den Fels, ziehen den Körper an die Wand, der linke Fuss findet Halt, und so konnte ich mich gerade noch halten.

Aber der ausgebrochene Felsbrocken poltert kleckernd hinunter, reisst von einem schuttbedeckten Band andere Steine mit und saust im freien Fall über die Kante, unter der mein Freund, den Blicken des Vorangehenden verborgen, wartet und sichert. Ein gellender Warnungsruf! Doch der kommt zu spät, und die Zehntelsekunden, in denen ich auf den Seilruck warte, der wohl auch mich aus dem Stand reissen muss, die werden mir zur furchtbaren Ewigkeit. Das ist das Ende, denke ich noch, das ist das Gericht! Aber ich warte vergebens. Ich rufe - nichts rührt sich, nirgends eine Antwort. Von weit, weit drunten rauscht ein Bach herauf, und über dem Tal draussen flimmert der Dunst.

In fieberhafter Eile kletterte ich die wenigen Meter zum Band hinunter. Kein Zug am Seil, nichts. Das Seil ist locker und gibt nach. Ich schaue, mich weit vorbeugend, über die Kante: Drunten hängt der Freund bewegungslos in der Selbstsicherung. In einem Bruchteil der Zeit, die ich über dieses Stück hinauf benötigte, bin ich bei ihm drunten. Ich rüttle ihn am Arm, dann entdecke ich eine klaffende Wunde am Hinterkopf: Der Freund ist tot!

Einer der fallenden Steine hat ihn erschlagen, ein anderer das gespannte Seil, das mich mit ihm verband, wie mit einem Messer glatt abgeschnitten. Bin ich nun wie Kain, der seinen Bruder erschlagen hat? Oder hat es der Berg selber getan? Ist das der Weg zu Gott?

Nein, nein, es ist nichts mit eurem Gerede, dass hinter allem nur Gottes unendliche Güte zu sehen sei. Ich kann es nicht glauben, wenn da einer behauptet, der Berg sei ihm Freund, oder gar, der Berg lasse mit sich rechten. Unerbittlich ist er und fremd, unendlich fremd. Mit uns gemeinsam aber hat er den Tod. Seht euch doch um, wie alles vergänglich ist. Ja, auch die Berge, die für die Ewigkeit gemacht scheinen! » « Doch seht », und damit rüstete auch er sich zum Abstieg, « wenn ihr so am Gipfel steht und hinausschaut in die Lande, ganz gleich, welcher Gipfel es ist, und wenn ihr euch so nach allen Himmelsrichtungen wendet, immer wird euch das Kreuz im Rücken stehen. Und es ist das Kreuz, das immer im Mittelpunkt steht, nicht der Mensch als das Mass aller Dinge und erst recht nicht irgendein Berg. Der einst am Kreuze hing und den die Menschen auch heute noch und immer wieder ans Marterholz schlagen, dieser eine ist auch der einzige Zugang zu Gott. Er ist die Brücke zwischen der Welt und dem unendlich fernen Gott.

Nicht viele Wege führen hier zu Gott, auch der über die Berge nicht, sondern allein auf dem Wege über und vor das Kreuz findet der Mensch und mit ihm die ganze Kreatur wieder zu seinem Schöpfer zurück. Bis dahin aber dürfen wir gerade in unseren Bergen immer wieder Augenblicke erleben, da wir in all der Schönheit rings um uns, die doch einmal vergehen wird, die Verheissung der ewigen Schönheit spüren. Solche Augenblicke aber sind Gnade.

Drunten im Dorf, da sah ich gestern an einem alten Wegkreuz einen Spruch auf einer schon recht verwitterten Tafel. Und der Vers passt genau zu dem, was ich euch jetzt erzählt habe:

Willst du Gottes Grosse sehn, Musst du in die Berge gehn. Willst du Grösseres noch sehn, Musst du unterm Kreuze stehn.

Ich weiss, ihr werdet das alles wieder vergessen, was ich euch jetzt gesagt habe. Aber überlegt es euch einmal, wohin denn unsere Wege führen. » - Während er diese Worte sagte, war er schon sicher und gewandt die ersten Felsen der im Abstieg meistbegangenen Route hinuntergeturnt. « Und nichts für ungut! » rief er uns zum Abschied noch herauf, die wir uns nun auch auf den Heimweg machten. « Es gibt also doch noch junge Bergsteiger, die auch einmal zuhören können. » « Ein merkwürdiger Mensch », sagte der Freund zu mir und packte das Seil in den Rucksack. « Aber vielleicht hat er doch recht? »

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