Gemsfayrenstock im November

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Mit 2 Bildern ( 159, 160 ).

Von H. R. Conrad

( Zürich, Sektion Uto ).

Linthal — ein schöner Herbstnachmittag geht zu Ende. Am Kilchenstock steigen die Schatten, das Gold des Sonnenlichtes allmählich verdrängend. Mit geschulterten Ski steigen wir den jähen Alpweg hinauf, der über Fätsch-berg nach Alpberg und zur unteren Kammeralp führt. In den Schatten des Waldes, wo Schneereste das dürre Laub belasten, lauert der Frost. Kurze Zeit ergötzen wir uns am Schauspiel des Fätschbachfalles, aus dessen Fels-schacht das Wasser stiebend emporgewirbelt wird. Auf den Wiesen von Fätschberg zeichnet Rauhreif die sonnengeschützten Flächen ab. Langsamen Schrittes steigen wir weiter durch den Wald.

Die Dämmerung kommt, die Zeit der Heimkehr. Die Bauern schreiten zu Tal und ziehen hinter sich ein Bündel Reisig oder einen Strunk nach.

Ausblick vom Gemsfayrenstock gegen Nordwesten ( links Nebelmeer über dem Reusstal und darüber Gitschenstock, Isentalerberge; Bildmitte Schächentaler Windgälle, Kaiserstockgruppe, Niederbauen-stöcke; Fronalpstockkette und Rigi; Vordergrund Glattenstockkette; Hintergrund Jura ).

159/160 - Fotos H. R. Conrad *

Ausblick vom Gemsfayrenstock

gegen Nordosten: Grat des Kammerstockes, dahinter das Linthtal; im Hintergrund die St. Galler- und Appen-zelleralpen.

Art. Institut Orell Füssli A. G. Zürich 6210 BRB 3. 10. 39 Die Alpen - 1942 - Les Alpes _ I'Sie vertrauen den Berg der Nacht anund uns. Steil steigt der Alpweg auf, auf dem gefrorener Schlamm, Laub und verharschter Schnee liegen. Auf Alpberg treffen wir bereits eine zusammenhängende Schneedecke. Kalt blinken die Lichter des Tales zu uns herauf, und die Stimmen der Holzhauer verhallen im Walde. Ein steiler Aufstieg, rechts an der Laui vorbei, bringt uns zu den Hütten der unteren Kammeralp, während der Mond im Osten über die Gräte klettert und den Weiterweg über die Alp erhellt.

Der Kammerstock, der Stammberg Linthals, birgt in seiner Nordflanke ein herrliches Skifeld. Allerdings besteht kein richtiger Ausgang nach unten aus diesem Tummelplatz, was ihn deshalb verhältnismässig unberührt behält. Die Terrassen der Kammeralp werden von den westlich anschliessenden Hängen um Wängi und Orthalden durch eine vom Gipfel des Kammerstockes ungefähr nach Nordwesten verlaufende Felsbarriere getrennt. Wo dieser Grat jäh abbricht, liegt ein Durchschlupf auf schmalem Band.

Gleissendes Licht spielt nun auf den weiten Schneeflächen. Die nächtliche Wanderung wird zu einem frohen Schlendern. Wir geben uns ganz der kindlichen Freude an dieser Herrlichkeit hin. Eine grosse Ruhe bemächtigt sich unser. Angenehm betäubt durch die leise Müdigkeit, steigen wir ohne merkliche Kraftanstrengung weiter, nicht mehr nach der Zeit fragend, die auf dieser Höhe keine Eile hat. Vor der oberen Alp nimmt die Steilheit der Hänge etwas zu. Wir wenden uns hin und her, in gewundener Spur die Kräfte sparend, durch ein Wirrsal von Blöcken und Vertiefungen, passieren den Gratabbruch, uns eng an die Felswand haltend, und dann erreichen wir die Weiden von Wängi. Die Hänge sind hier nicht mehr ganz übersichtlich, wir büssen etwas an Höhe ein; doch bald beginnt wieder die regelmässige Steigung durch die obersten Lichtungen des Waldes bis hinauf zur baumlosen Kanzel von Orthalden. Es ist 9 Uhr abends. Leichte Zirruswolken zieren den Himmel. Zu unserer Rechten liegt im Dunkel die Furche des Urner Bodens und trennt uns von der grimmigen Felswand der Jägernstöcke, deren nach Süden offene Runsen und Bänder nur leicht vom Schnee skizziert sind. Unser Blick geht hinüber zur Senkung des Klausens im Westen, wo das Strassenfädchen in seiner kühnen Kletterei noch sichtbar ist, und links hinauf zu den hell beleuchteten Gipfeln der Claridenstockkette. Morgen führt der Weg uns dort hinauf!

Lange müssen wir suchen, alle Hütten auskundschaften, bevor wir endlich etwas abseits einen kleinen Gaden entdecken, der bis zum Dach mit Heu vollgestopft ist. Nur bei der Tür senkt sich das Heu bis auf etwa 50 cm oberhalb des Bodens. Platz für unsere beiden Schlafsäcke gibt es gerade genug, so dass wir nach einfachem, auf dem Metakocher gewärmten Abendessen in behaglicher Wärme uns dem erfrischenden Schlaf hingeben können, aus dem wir erst im späten Morgen erwachen.

Um 9 Uhr verlassen wir unser Quartier und steigen den kurzen Anstieg zum Fisetenpass hinauf. Hier beim Sattelkreuz grüsst uns bereits die Sonne. Herrlich leuchtet der Talschluss der Fisetenalp! Prüfend streift der Blick die zerklüfteten Felsen am Rotstock und Hergensattel. Nach kurzem Halt gleiten wir über den Nordhang des Gemsfayrens wieder in den Schatten hinein.

GEMSFAYRENSTOCK IM NOVEMBER.

Der Aufstieg über diesen Rücken Fisetenpass-Langfirn gleicht demjenigen über das Kämmerli zur Clarideneiswand sehr stark. Es ist der gleiche Wechsel von engeren Gratpartien mit Hangtraversen und unschwierigen kleinen Felskehlen auf der Westseite. Allerdings kommt man hier nur zweimal auf die Gratschneide, sofort nach dem Fisetenpass und kurz vor der Felswand unterhalb des Langfirnes. Sonst legen wir unsere Spur durch Hänge und ziemlich unübersichtliche Mulden und Verschneidungen. Das Verlangen nach der wärmenden Sonne spornt uns zum raschen Steigen an. Der Ausblick gegen Norden wird immer weiter. Willkommene Abwechslung bietet die Durchsteigung der kurzen Wandstufe unterhalb des Gletschers, welche wir zu Fuss bezwingen. Und dann geht es wieder in weit ausholenden Kehren zum Langfirn hinauf, wo die Verhältnisse alles andere als günstig zum Skifahren sind. Blankes Eis blickt da und dort aus einer Decke wechselnden Schnees, der schon vom Wind bearbeitet ist.

Hier, mitten auf dem Firn, lassen wir unsere Ski zurück und stapfen direkt zum Ostgrat des Gemsfayrenstockes hinauf, an den zwei grossen Spalten vorbei. Auf diesem letzten Hang lacht nun die Sonne, und auf dem Grat grüsst uns die hell beleuchtete Schneewelt aus der Tiefe herauf. Atem-beraubt und geblendet halten wir eine Weile und steigen zum Gipfel hinüber und schauen in das Lichtmeer des Claridenbeckens. Diese Aussicht zu schauen, sind wir gekommen, um den Claridenfirn und seine Gipfel im Winterkleid zu sehen. Überwältigt sind wir vom Anblick dieser Pracht. In strahlender Herrlichkeit brandet der Gletscherstrom von der Höhe des Passes am Bocktschingel vorbei gegen uns zu und gleitet zur Taltiefe zwischen unserem Berg und dem Altenorenstock. Die junge Schneedecke genügt, um die Verlängerung des Gletschers in das Wallental hinüber vorzutäuschen.

Kontraste der Gipfelformen ergeben einen mannigfaltigen und doch harmonischen Reigen am Horizont. Da steht die regelmässige Pyramide des Claridenstockes blendendweiss vor uns, während die finstere, von hier aus viereckige Masse des Tödi im Gegenlicht grollt. Sanftere, in die Länge gezogene Umrisse ragen im Osten auf — die Kuppen von Segnes und Sardona und vom Ruchi, zu dessen jetzt weissen Rücken die Felsen des Selbsanft-massives das dunkle Gegenstück bilden. Hinter dem Claridenpass können wir den anderen grossen Gletscherzirkel von Hüfi ahnen, ragen doch Düssistock, Cambriales und Heimstock über den Schneesattel auf. Im Westen säumt ein schmales dunkles Band die Nebel des Mittellandes — der Jura. Gegen das Weiss des Nebelmeeres zeichnen sich die Schächentaler Windgälle und die Gipfel der Kaiserstockkette scharf ab. Das Nebelmeer wälzt sich träge in das Schächental hinein, während sich Glarus des schönsten Sonnenscheins erfreuen kann. Zwischen uns und seinem noch grünen Tal liegt aber der schwach ansteigende Grat des Kammerstockes.

Wir sitzen eine volle Stunde dort oben — bis uns die Kälte zwingt, den Abstieg anzutreten und an den weiten Heimweg zu denken. In der Aufstiegspur halten wir Abfahrt, die uns so eilig aus dem Hochland hinab in das Tal zurückführt.

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