Gesäuse-Rosskuppenkante

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Von Max Niedermann

Mit I Bild ( 95Wattwil ) Von Wiener Bergkameraden hatten wir schon viel über herrliche Kletterfahrten in den wilden Ennstaler Alpen, den Bergen in der schönen Steiermark, vernommen. So reifte in uns der Wunsch, die Berge, die sie Gesäuse nennen, selber kennenzulernen.

Wenn man, von dem Klosterstädtchen Admont herkommend, in die von der wilden Enns durchflossene Gesäuse-Schlucht hineinfährt, so stösst man dort, wo die Schlucht sich zu einem riesigen Kessel öffnet, auf die Wirtschaft zur « Bachbrücke ». Die Szenerie übertrifft selbst die kühnsten Erwartungen. Aus der schwarzen Schlucht zieht sich ein dunkler, von schneeweissen Wildwasserkaren durchzogener Bergwald bis an den Fuss einer an die 1000 Meter hohen, über fünf Kilometer langen, fast ungegliederten Felswand, wie ihresgleichen wenige zu finden sind. Einzig die Laliderer-Wand im Karwendel bietet einen ähnlichen Anblick, wenn sie sich auch nicht mit dieser Riesenmauer messen kann.

Rechts zweigt das von Steilwänden eingerahmte Seitental nach Johnsbach ab. Dort befindet sich der Friedhof, in dem unzählige Bergsteiger, denen die Gesäuseberge zum Schicksal geworden sind, ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Links leitet eine malerische Holzbrücke über die schäumende Enns zum Bahnhof Johnsbach.

Wenn man von der Bachbrücke ca. eineinhalb Kilometer der Hauptstrasse entlang Gstatterboden zu marschiert, stösst man auf einen Wegweiser, der den Weg zur Haindelkarhütte anzeigt. Dieser führt uns, rechtshaltend, über ein Wildwasserkar in den dichten Bergwald, verengt sich dann aber bald zu einem Fusspfad, der mit Steinmännchen gut markiert ist. Diesem folgend, erreicht der Wanderer in einer Stunde die Haindelkarhütte, die wie ein Adlerhorst inmitten von Legföhrengestrüpp liegt und von einem riesigen Felsblock überdacht ist. Sie ist unbewirtschaftet gleich unseren SAC-Hütten. Sie besitzt einen kleinen Raum für den Hüttenwart und einen grössern für Touristen, der Aufenthaltsraum, Küche und Schlafzimmer zugleich ist. Die Hütte übt gerade durch ihre Einfachheit einen Reiz aus, der uns sofort heimisch werden lässt.

Etwas länger dauert es schon, bis wir uns in der felsigen Umgebung zurechtfinden: Planspitze, Peterschartenkopf, Rosskuppe, Dachl, Höchtor, Haindlkarturm, Festkogel, Ödsteinkarturm und der grosse Ödstein bilden eine gigantische Felsmauer von erdrückender Wucht. Wie der Wilde Kaiser im Nordtirol das Hausgebiet der Münchner und Innsbrucker Klettergilde ist, so ist das Gesäuse das Klettergebiet der Wiener. Unter den vielen Kletterwegen gibt es hier wie dort solche, die weit über den Rahmen lokaler Bedeutung hinausragen. Sie sind ein begehrtes Ziel der erlebnissuchenden Bergsteiger. Sei es die Grösse der Aufgabe, die besondere Schwierigkeit des Weges oder die reiche Geschichte einer solchen Wand, jedenfalls sind es Unternehmungen, die durch ihre Besonderheit bekannt geworden sind. Die klassischen Touren im Gesäuse, wie Hochtor-Nordwand, die Reichenstein-Nordwand, die Ödstein-Nordwestkante usw. haben, trotzdem sich die Klettertechnik beträchtlich verbessert hat, auch nach unsern heutigen Begriffen nichts an Ernst und Grösse eingebüsst. Diese Wege sind immer eine gewaltige Aufgabe, denn die Wertung einer solchen Felsfahrt im Gesäuse kann nicht allein auf Grund der technischen Schwierigkeiten erfolgen. Es ist das Gesamte mitbestimmend: die Höhe der Wand, die Länge der anstrengenden Kletterstellen, die objektiven Gefahren wie Steinschlag und Witterungsumbruch.

So waren z.B., wie uns der Hüttenwart erzählte, an Pfingsten 1949, als ein Witterungsumbruch Schneefall und starken Temperaturfall brachte, 26 Bergsteiger in den Wänden, die in der nachfolgenden Nacht in den Felsen biwakieren mussten. Sechs von ihnen fielen dem Unwetter zum Opfer.

Die Erkletterung der Rosskuppenkante im Jahre 1925 leitete den letzten Abschnitt in der Erkletterungs-Geschichte der Gesäuseberge ein. Der Rosskuppenkante folgten dann weitere, alles extreme Bergfahrten. So die Rosskuppen-Nordwand, die Festkogel-Nordver-schneidung und die berüchtigte Dachl-Nordwand.

Die Bewältigung dieser Neutouren bedeutet Bergsteigen im extremsten Sinne. Kilometerlange Wandfiuchten, eine ununterbrochene Folge von schwersten Kletterstellen, selten einige, die frei zu erklettern sind. Von Meter zu Meter sorgfältiges Suchen und Prüfen. Die unheimliche Ausgesetztheit erfordert restlose Beherrschung der modernen Seil- und Klettertechnik. Die Schwierigkeiten müssen teilweise als hart unter der Grenze des Möglichen bezeichnet werden.

Die Bergspitzen auf der gegenüberliegenden Seite des Tales färben sich langsam rot, als ich von meinen Kameraden wachgerüttelt werde. Wie ich dann zum Brunnen stolpere, um mir den Schlaf aus den Augen zu waschen, tritt die Rosskuppenkante schon plastisch und kühn aus der düsteren Felsenwucht der Dachl- und Hochtor-Nordwand heraus, zu der wir eine Stunde später ansteigen. Die Sonne sendet bereits ihre ersten Strahlen ins Tal. Nach anderthalbstündigem Anstieg erreichen wir den Fuss der Kante.

Hansi Frommenwiler und Willi Moser bilden die erste Seilschaft, Migg Scherrer und ich die zweite. Die Kletterei wird sofort sehr anregend. Schöner, steiler Fels, von kleinen Überhängen durchsetzt, aber sehr griffig, führt zum eigentlichen Ansatz der Kante. Nach zwei Seillängen haben wir die erste Traverse erreicht. An einem gutsitzenden Haken hängt eine Seilschlinge, die man gerne benützt, um eine etwas weiter unten liegende Platte zu gewinnen. Auf kleinen Tritten und an Griffen querend, erreicht man einen festen Standhaken.

Schwierig nach links hochkletternd, gelangen wir alsbald zur Schlüsselstelle, den bekannten Rissreihen. Während Hansi, von Willi gesichert, mühsam mit Trittschlinge und Seilzug sich über eine Plattenwand zum sogenannten Heinriss hocharbeitet, habe ich Zeit, die uns umgebende Felsenlandschaft zu betrachten. Sie ist von einer Wildheit, die ihresgleichen sucht. Eine Felsenlandschaft von erdrückender Wucht und Grösse! Einsamkeit und Wildheit im wahren Sinne!

In unmittelbarer Nähe erhebt sich die Dachl-Nordwand. Ungegliedert und lotrecht fällt die viele hundert Meter hohe Plattenflucht in die dunkle Tiefe. Doch wurde auch sie bezwungen, nachdem mehrere Durchstiegsversuche scheiterten.

Der Winkel zwischen der Rosskuppenkante und der Dachl-Nordwand ist wohl der wildeste Winkel im ganzen Gesäuse. Er bildet eine einzige, überhängende, plattige Verschneidung, die berüchtigte Todesverschneidung. Auch durch sie hatten Verwegene einen Weg erkämpft, der allerdings mit Klettern auch im schärfsten Sinne kaum mehr etwas gemeinsam hat. Keinen Meter frei zu klettern, nur Schlosserei in Trittschlingen und Seilzug.

Von oben ruft Hansi in seinem originellen Flumser Dialekt, Willi könne nachkommen. Nicht lange geht es, und schon verschwindet dieser oben im Heinriss. Nun muss ich die Schlüsselstelle in Angriff nehmen. Wahrlich, die nun folgenden Kletterstellen haben es in sich. Hier wehrt sich die Kante mit ihrer ganzen Kühnheit. Den ersten Haken hätte ich! Hell klingend schnappt der Karabiner ein. Trittschlingen anhängend und mich darin aufrichtend, ertaste ich den zweiten Haken. So geht es höher, langsam aber gleichmässig, immer durch wechselseitigen Zug mit den Doppelseilen, von Migg am Fels gehalten.

Der Heinriss ist eine glatte, stumpfwinklige Verschneidung, deren Nahtstelle in einer Die Alpen - 1954 - Les Alpes16 schmalen senkrechten Spalte liegt. Einen Fuss und eine Faust darin verklemmend, komme ich hoch. Da ruft Hansi mir zu, ich müsse links über die Platte zur Kante, er hätte dort einen Haken stehen, den müsse ich wieder ausschlagen. Der erste Versuch, die Kante zu gewinnen, misslingt, der zweite ebenfalls, denn die Platte ist vollständig glatt, nirgends ist die geringste Unebenheit zu finden. Ich bin schon zu weit oben im Heinriss. « Wenn du deinen Nagel wieder willst, so wirf mir dein Seilende herunter », rufe ich Hansi 2x1. Und schon gleitet das Seil, an dem ich mich festhalten und zum Haken hinüberpendeln kann. Der Haken ist im Nu heraus-gehämmert. Und nach einigen Kletterzügen stehe ich oben bei meinen Gefährten. Hochoben jauchzt Willi, der sich seinen Weg durch einen von Überhängen verbarrikadierten Riss erzwungen hat.

« Nachkommen », ruft er. Während Hansi mit seinen Finken weiterklettert, nehme ich Migg nach. Um Zeit zu gewinnen, damit wir den Anschluss an die vor uns steigenden Kameraden nicht verpassen, kommt er an den Seilen hoch, was allerdings auf die Länge einige Kraft voraussetzt, denn Kletterseile sind keine Schiffstaue! Doch nicht lange dauert es, und aufatmend steht er bei mir.

Ich steige in den nächsten Riss ein, dessen Überhänge mir ebenfalls tüchtig zu schaffen machen. Doch scheint er mir leichter als der Heinriss.

Die nächste Seillänge führt schräg links, sehr ausgesetzt längs der Kante einer riesigen, abgespaltenen Platte zu einem guten Standplatz.B.is jetzt war der Weg nicht zu verfehlen. Er ergab sich eindeutig aus dem Felsengelände. Hier scheint er aber an verschiedenen Stellen gangbar. Ein kleiner Steinmann markiert zwischen zwei Felspfeilern die Führe, kaum hand-gross. Tief unter uns steht die Haindelkarhütte, unter dem Riesenblock halb versteckt, inmitten der Legföhrenfelder. Blendendweisse Schuttkare liegen zwischen den Föhrenwäldern, deren Grün in der Sonne aufzuleben beginnt. Wildwasserbäche rauschen, für uns nur noch dumpf hörbar, in die Gesäuseschlucht.

Der Fels wird etwas leichter, vergibt aber trotzdem nichts von seiner wilden Wucht. Über steile, feinkörnige Platten klettern wir aus der dunklen, schattigen Tiefe auf einen hellen, sonnigen Plattenwulst, wo die bekannte Hangelleiste ist. Unter mächtigen Überhängen, die jegliches Durchkommen verwehren, finden wir einen fingerbreiten, quer nach rechts ziehenden Spalt. Etwas ausgesetzt, aber sehr genussreich, ist diese « Hanglerei ». Zwischen den Beinen hindurch sehe ich tief unten im Tale die Wirtschaft zur « Bachbrücke », wo wir unsere Motorräder haben. Ich verspüre bei diesem Anblick Durst, der sich in artige Erinnerungen an des Wirtes Töchterlein, die schöne Lore, mischt.

Nach der Hangelleiste kommt griffiger Fels, der geradewegs auf der Kante hochleitet. Nach etlichen Seillängen führt ein langes Band in die Nordflanke der Rosskuppe, worauf ein dunkler Kamin wieder auf die lichte, sonnenbeschienene Kante führt. Über plattigen, ausgesetzten Steilfels erklimmen wir in mehreren Seillängen den Gipfel.

Ein Händedruck, ein Bergheil, und schon hasten wir hinüber zur Peternscharte, denn der Himmel hat sich überdeckt. Aus gewitterschwangeren Wolken zucken die ersten Blitze, von tief rollenden Donnern begleitet.

Nach einer Viertelstunde erreichen wir die Peternscharte. Die weisse Wand des Hochgewitters nähert sich bedenklich rasch. Unser Weg führt eine Steilrampe hinunter ins Hain-delkar. Volle 800 Meter unter uns liegt der Einstieg zur Rosskuppenkante, die uns, von hier aus gesehen, wieder plastisch und kühn entgegentritt.

Mit dem eintretenden Platzregen erreichen wir die Hütte. Das Gewitter hatte längere Zeit den Grat nicht zu übersteigen vermocht. Unser Glück, denn nun giesst es herunter, wie es nur in den Bergen vorkommen kann!

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