Geschichtliches über das Lötschenthal

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Prof. Dr. G. Meyer von Knonau ( Section Uto ).

Geschichtliches über das Lötschenthal Von In der langen Reihe künstlerischer Beigaben zu unserem „ Jahrbuche " steht gewiß in allererster Linie das prächtige Bild der Aussicht auf das Lötschenthal, welches aus der zusammengefaßten Arbeit ehrwürdiger Veteranen unserer Vereinigung erwachsen und dem letztjährigen Bande beigegeben worden ist. Sicherlich mußte die Lust, diesen Theil des Hochgebirges kennen zu lernen, durch den Anblick des Kunstblattes noch mehr geweckt werden, wenn der Wunsch schon ohne das rege gewesen war. Dazu kommt, daß gerade dem im Vordergrunde des da entrollten Gebirgsbildes liegenden Uebergange des Lötschenpasses in hohem Grade geschichtliche Bedeutung zukommt, so daß die Begehung desselben schon länger in meinem Plane lag. Allerdings zählt der früher so wichtige Paß jetzt zu den auffallend selten gewählten Anni. Der Verfasser sprach über dieses Thema vor der Section Uto am 16. Januar 1885.

Pfaden des Grenzkammes zwischen Bern und Wallis. Wer einen bequemen Weg sucht, wird sich für die Uebersteigung der westlich nahe liegenden Gemmi entschließen. Hochgebirgsgängern dagegen bieten der großartige, aber allerdings historisch unwesentliche Petersgrat oder die noch kühneren Pässe der Wetterlücke oder des Schmadrijoches eine starke Anlockung. So ist denn der Lötschenpaß seiner frühern Wichtigkeit in der Gegenwart fast entledigt, obschon versichert werden darf, daß derselbe, wie er einerseits völlig gefahrlos ist, anderentheils solche starke Zurücksetzung durchaus nicht verdient.

Wenn nun hier der Versuch gemacht werden soll, das Lötschenthal auch noch vom Gesichtspunkte des Historikers zu würdigen, so ist allerdings von vorn herein zu sagen, daß das Lötschenthal in der Geschichte des Landes Wallis eine überwiegend passive Rolle spielt. Seine hauptsächliche Wichtigkeit liegt, geographisch wie historisch bemessen, in dem Umstände, daß dasselbe das einzige größere, selbständige nördliche Seitenthal des Rhonethaies ist und daß ihm dadurch und durch den von ihm ausgehenden Lötschenpaß die Aufgabe der Vermittlung eines Teiles des Verkehres von Wallis nach dem Berner Oberlande zufällt oder wenigstens zufiel.

Die Geschichte des Lötschenthales ist, wo die Quellen für dieselbe zu fließen anfangen, mit der Geschichte des Dynastenhauses von Thurn auf das Engste verbunden. Es ist sehr wahrscheinlich, daß diese mächtigen Herren, welche den Namen von dem Thurme — Thurm von Majoria— führten, welchen sie zu Sitten als Inhaber des Meier-Amtes des Bischofes inne gehabt, die Besiedelung des Thales in 's Werk gesetzt haben. Man kann sich eine Vorstellung davon machen, wie die deutsch redenden Colonisten durch die wilde Lonzaschlucht hinauf drangen, dann von Ferden aufwärts den Wald ausschlugen, um in der jetzt so lieblichen Thalsohle dem wilden Bach, den drohenden Runsen die kleinen Felder abzuerobern und dann allmählich auch die grünen Höhen vor den Gletscherrändern zu ersteigen, ihr Vieh hier zur Weide zu treiben. Mit Ausnahme etwa des Namens Ferden, welcher Ort ja übrigens noch an dem möglicher Weise schon früher begangenen Lötschenberg-Passe selbst liegt, weisen die Ortsnamen überall auf deutschen Ursprung: von Kippel — dem Platz der Kappelle — über Wiler, Laubegg, Tennmatte, nach dem dreifach abgestuften Ried — über Ried liegen Oberried und Weißenried auf den höheren Staffeln — bis nach Blatten, nach Kühmatt und zur Gletscherstaffel zuoberst im Thal.

Aber überall sind es Urkunden von Gliedern des Hauses Thurn, welche die ersten Nennungen für das Lötschenthal darbieten.

Die Pfarrkirche des Thales, welche im zweituntersten der Dörfchen, zu Kippel, steht, erscheint zuerst 12331 ) genannt, wo Freiherr Gerold von Thurn ( iMeyer von Knonau.

dieselbe der Abtei Abondance ( in Savoyen ) überträgt, mit allen Rechten und allem Zugehörigen; einzig behält sich der Schenker die Vogtei über diese Kirche von „ Lyehc ", wie der Ort heißt, vor. Erst viel später, 1531, hat dann der Bischof von Sitten die Kirche um 400 Gulden losgekauft. Allein * noch führt der Pfarrer von Kippel zur Erinnerung an jenes frühere Verhältniß den Titel Prior, und jährlich entrichtet er dem Bischof den Werth von 5 Pfund.

Es ist bekannt, daß das deutsch redende Oberwallis im Mittelalter eine geradezAi staunenswürdige Coloni-sationskraft entwickelt hat. Pommât und die deutsch redenden Thäler am Monte Rosa, beträchtliche Gebiete; in Graubünden und Vorarlberg, wo noch heutzutage Walser ihres Walliser Ursprunges sich rühmen, aber auch ansehnliche Theile des Berner Oberlandes haben ihre Bevölkerung vom Wallis her empfangen. So sind auch von der Lonza hinüber nach der Lütschine Lötscher gezogen, wie ja das Lütschenthal, oberhalb Zweilütschinen an der Straße nach Grindelwald, noch heute an die Lötscher erinnert. Aber außerdem blieben diese Leute auch mit dem Hause Thurn in enger Verbindung. Denn erst 1346 verkaufte Peter von Thurn an das Kloster Interlaken für 300 Gulden löthigen der „ Bätzier Friedhof " erinnere in seinem Namen noch daran—, so ist das sehr unsicher und wohl abzulehnen, i'urrer möchte auch das allerdings uralte und sehr merkwürdige Volkslied: „ Unterwäldner fürwahr bis ins Waldschiederthal! Holoba! Holoba !" hiemit in Verbindung setzen; aber auch das ist unsicher, und dazu fiele ja dieses Lied in seiner Schlacht-schilderiing in das Baldschiederthal, nicht nach Lötschen.

Goldes, des Gewichts von Florenz, seine Leute, genannt „ die Lötscher, " und diese saßen zu Gimmelwald, zu Mürren, Lauterbrunnen, Trachsellauinen, Sichellauinen, zu Amerten und sonst in der Pfarrei Gsteig, noch andere „ Lötscher " aber auf Planalp und in der Pfarrei Brienz. Man sieht: es gibt Nachkommen von Lötschern an Straßen des Weltverkehres, weit über das einsame Thal hinaus, an welches man zuerst bei diesem Namen denkt.

Indessen stand das eigentliche Lötschenthal selbstverständlich in noch viel ausgesprochenerer Abhängigkeit von dem reichen freiherrlichen Hause im Rhonethal.

Derjenige Freiherr Peter, welcher vermuthlich am Ende des XIII. Jahrhunderts über dem Dorfe Gestelen unterhalb Raron die Gestelenburg erbaute, nennt uns 1305 in einem Lehenbrief eine Alp des Lötschenthals, die Hockenalp, welche dem darüber ragenden Hockenhorn den Namen gegeben hat. Als 1350 ein anderer Peter von Thurn, des eben Genannten Enkel, derjenige, welcher 1346 jenen Verkauf an Interlaken vollzog, sein Testament aufstellte, da gab er seinem ältesten Sohne Anton zum Voraus, vor dem demselben gleicher Weise mit seinen zwei Brüdern zukommenden Theile, neben seiner Burg zu Gestelen die Täler Lötschen, Chauson ( St. Niklaus ) und Praborgne ( Zermatt ), so daß also gerade Lötschen in allernächster Verbindung mit dem Hauptfamilienbesitz erscheint. Doch eben zwischen diesen drei Brüdern einerseits und dem Bischof von Sitten, Witschard Tavelli, anderntheils waren aus verschiedenen Ursachen heftige Zwistig- keiten ausgebrochen, unter welchen auch die Lötscher zu leiden hatten. So hören wir aus einem Schieds-sprüche des Grafen von Savoyen von 1368, daß die Brüder gegen den Bischof als Klagepunkt vorbrach-ten, dieser sei mit seinen Leuten feindselig in das Lötschenthal eingebrochen, habe da viele Menschen getödtet und Häuser — in der für uns unglaublichen Zahl von 1012 — mit aller Habe verbrannt. Aber der gefällte Spruch brachte keinen dauernden Frieden, und der älteste der Freiherren, Anton, suchte durch eine furchtbare Gewaltthat sich endlich Luft zu machen.

Dieses entsetzliche Verbrechen, dessen Folgen weithin das Land Wallis erschütterten, brachte nun auch den Lötschenthalern eine durchgreifende Aenderung ihrer Lage.

Auf einem südwestlichen Vorsprunge der Bergterrasse von Savièse, welche die malerische Hauptstadt des Wallis nordwärts hoch überragt, liegen die ausgedehnten Trümmer der bischöflichen Burg Seta ( Château de la Soie ), an welche sich, wie in zahlreichen ähnlichen Fällen, ein Städtchen als Vorburg anlehnte. Ueber das schöne, abwechslungsreiche Berggelände mit seiner reichen Vegetation gelangt man von der stattlichen Kirche von Savièse her zu dem schroffen Hügel, welchen noch ein Thor und geringe Reste von Thürmen bekrönen. Von der weit vorgeschobenen Ecke bietet sich eine prächtige Fernsicht dar, besonders thalabwärts, sowie durch die Schlucht von Conthey hinauf in das enge Thal der Morge, dem Sanetschpaß zu. Auf dieser Festung, welche 1209 als bischöfliche Grenzburg gegen die gleich jenseits Geschichtliches über das Lötschenthal.0 der Morge thalabwärts beginnenden savoyischen Besitzungen errichtet worden war und die mehreren Bischöfen als gewöhnliche Aufenthaltsstätte diente, weilte Bischof Witschard, als er am B. August 1375 — dieser Tag scheint als derjenige der Blutthat durchaus festzustehen — durch seinen freiherrlichen Gegner in grauenhafter Weise zum Tode gebracht wurde.

Die Bewohner von Savièse wissen noch den Vorfall in sagenhafter Weise zu erzählen: — der Bischof habe mit seinem Hofcaplan in einem Zimmer, oder in der Hauskappelle, auf der kühlen Nordseite das Brevier gebetet, als auf Anton's Befehl die Knechte hereinbrachen, den Bischof packten und sammt seinem Begleiter aus dem Fenster in den Abgrund warfen. Der Bischof fiel auf einen abschüssigen Felsen, stürzte dann tiefer in eine ebene Wiese und blieb da liegen. Leute, die im Felde waren, fanden ihn noch lebend; sie hoben ihn auf und wollten ihn nach dem nahen Dörfchen Chandolin tragen. Aber als sie ihn am Ende der Wiese wieder absetzten, um ihm bei einem kleinen Brunnen das blutige Haupt zu waschen, starb der Bischof. Zum Andenken an diesen Tod stecke nun ein Jeder, welcher an diesem Brünnlein trinke, ein hölzernes Kreuzlein in die Erde, so daß stets deren viele Hunderte da stehen. Der Brunnen heißt danach der Kreuzbrunnen ( Fontaine des croix ).

Diese Frevelthat rief im Wallis einen allgemeinen Sturm hervor. Während des Bischofs Leiche mit großer Trauer beigesetzt wurde, ballte sich schon nach acht Tagen das Volk der Zehnten des obern Landes bewaffnet zusammen, um sich für den Mord des Un- schuldigen zu rächen. Zwar rüstete sich der Verbrecher gleichfalls und trat mit adeligen Bundesgenossen den Wallisern entgegen. Doch an der Brücke von St. Leonhard, oberhalb Sitten, unterlag er in einem blutigen Treffen, und die Walliser legten sich nun vor seine Burg Gestelen, und nachdem lange darum gekämpft worden war, zerstörten sie endlich diesen festen Platz ' ). Allein es scheinen — das Einzelne dieser Dinge, besonders in der Zeitfolge, steht nicht fest — doch mehrere Jahre über dem Kampfe, welcher immer größere Ausdehnung annahm, verflossen zu sein.

Die oberen Zehnten, welche den Kampf gegen Anton von Thurn siegreich durchgeführt, blieben nach « einer Vertreibung im gemeinsamen Besitze ihrer Eroberung, und so war auch das Lötschenthal, freilich nicht im gleichen Rechte stehend, dem entstehenden Freistaate des Wallis angeschlossen. Schon gleich im Jahr 13ts-I — so lehrt uns Justinger's Berner Chronik — war das Thal deßwegen durch einen Angriff bedroht. Die Berner hatten ihren Bund mit dem Grafen Amadeus VII. von Savoyen erneuert und waren durch denselben verpflichtet, dem Grafen gegen die Walliser in dessen heftigem Kriege beizustehen. So zogen die Berner „ uf Gandegg ", das will sagen auf den Lötschenpaß, um auf diesem Wege in das Wallis einzufallen. Doch die Walliser hatten die Höhe besetzt und verwehrten es den Gegnern, über das Ge- birge zu kommen. Immerhin vermochte der Graf dadurch, daß die besten Leute der Walliser hier oben ihr Land gegen die Berner hüten mußten, Sitten zu gewinnen, während er bei der Anwesenheit der auf den Bergen stehenden Vertheidiger zu Sitten gegen die Stadt wohl nichts hätte ausrichten können.

Aber auch sonst scheinen, wenigstens nach halb sagenhaften Versicherungen der Lötscher, Versuche des Herrn von Thurn gemacht worden zu sein, sich von der Nordseite her der Walliser Besitzungen wieder zu bemächtigen. Knechte des vertriebenen Gebieters seien noch oft hereingedrungen, denen sich die Thalbewohner jedes Mal widersetzten, bald auf der Paßhöhe, wo man noch in neueren Zeiten Ueberbleibsel von Waffen gefunden habe, bald in der Tiefe, wann der Feind bis dahin vorzudringen vermochte. So sei eine Truppe ob dem Kastler, also gleich unter dem diesseitigen Absturz des Gletschers unter der Paßhöhe, erschlagen worden, eine andere dagegen, als sie schon gegen das Rhonethal vorgerückt, viel tiefer, in der Thalschlucht oberhalb Gampel. Von diesem Zusammenstoße berichten die Lötscher: — die Berner drangen in 's Thal herab, und nun gaben die Lötscher einem Bettler einen Brief in den Sack an die Leute von Gampel und Steg — also an die Bewohner der Dörfer rechts und links der Lonza, wo dieselbe die Fläche des Rhonethals erreicht —, um dieselben zu warnen. Während nun die Gampeler und Steger thalaufwärts rückten, die Lötscher dagegen dem abwärts ziehenden Feinde folgten, bekamen sie denselben in die Mitte und erschlugen ihn eine Stunde oberhalb Gampel an dem Orte, welcher seither „ die Gräber " heißt.

In allen diesen Geschichten spielt der Lötschenpaß als Uebergang von der Nordseite des Gebirgs her seine Rolle; aber eine noch viel wesentlichere Stelle nimmt der Paß etwa ein Menschenalter später in der Geschichte des Walliser Landes ein.

Schon waren, in rasch auf einander folgenden Bündnissen, 1416 und 1417, die Gemeinden des obern Wallis ewige Verbündete von drei eidgenössischen Orten, von Luzern, Uri und Unterwaiden, geworden, und zugleich hatten sie auch an italienischen Eroberungen ihrer Verbündeten Antheil gewonnen, als ein innerer Streit im Wallis ausbrach und den heftigsten Krieg hervorrief, in welchen auch Bern abermals verwickelt wurde. Gerade wegen jener Betheiligung an den italienischen Fragen war der mächtigste Herr des oberen Wallis, der Freiherr Witschard von Raron, als Bundesgenosse von Savoyen von den Wallisern auf das Erbittertste angefeindet. In dem sogenannten Aufstand der Matze hatten die Gemeinden sich gegen ihn erhoben, und sie suchten nun Anlehnung an ihren Verbündeten in den Waldstätten. Andererseits aber war der aus dem Wallis vertriebene Freiherr im Burgrechte mit Bern, so daß er die Hülfe dieser mächtigen Stadt anrufen konnte. Die Verwendungen der Berner blieben fruchtlos, und so griffen sie zu den Waffen ' ). Zuerst im Herbst 1418 führten Freiwillige aus dem Berner Oberland einen Ueberfall auf Sitten durch und gaben die Stadt den Flammen preis. Dann aber kam es 1419 zu mehreren neuen Zusammenstößen. Weit mehr, als diejenigen bei Ulrichen und an der Grimsel, oder die erneuerten Kämpfe landabwärts bei Sitten, beschäftigt uns hier das in den August— auf den 9. und 10. Tag des Monats — 1419 fallende Ereigniß auf der eisigen Höhe des Lötschenpasses.

Der Zeitgenosse Justinger selbst mag uns in seiner anschaulichen Weise erzählen, wie es an der Grenzscheide zwischen Gasterenthal und Lötschenthaldamals zuging. Es ist da zuerst erwähnt, wie die Walliser den Leuten von Hasle ein erstes Mal sechs- hundert Schafe und zwanzig Pferde und dann nochmals siebenhundert Schafe wegnahmen. Hernach fährt er folgendermaßen fort:Solich frevel und unrecht die von Bern verdros, und meinden, daz an den Wallisern ze rechen. Und besanten ir Oberlender, mit den si eines zoges ze rate wurden. Also zugent die von Bern und hundert von Friburg, hundert von So-lottorn, darzu die von Thuno, Undersewen, Inder-lappen, Frutingen, Esche, Ober- und Nidersibental, alle mit ir paner, uf sant Laurencien abent; daz volk man schätzte für fünf thuseng man. Also sante man rösch knechte für an die huoten, die daz Wild Elsigki innamen. Also zoch man in Gastron uf sant Laurencien tag fruo uf den Schönenbül. Da öugten sich die von Wallis mit II panern an Gandeg, und luffen muot-willer und scliarmiitzten mit den Wallisern. Da wart ein Walliser erschossen, und von Bern ein ptisterknecht erworfen, hies Hensli Türler. Nu hetten die Walliser, so in den huoten lagen, gern getegdingot mit den von Bern, die daz Wild Elsigkin inne hatten, und tri ben si laug mit tegding umb. Am lesten wolten sich die gesellen von Bern, es waren Oberlender, an ir tegding nlit keren, und griffen die Walliser an, wie vu ir waz, und gewunnen inen die huoten ab und jagten si ab Gandeg und namen die huoten in. Also zoch man uf den gletscher und lag man da die nacht. Und also heiße der tag gewesen waz, also bitter kalt waz die nacht und wart großer frost gelitten von kelti und ungewitter. Aber die von Lötschen, do die Sachen, daz si uberherrot waren, und man si gewiist haben wolt, do vielent si an gnad, also daz si des ersten lmldoten in den Worten: wes man die andern von Wallis wiste, des solten ouch si gewiset sin; und brantschatzoten sich selben also: wolte man irren ze fierte sin, daz soit denen stan von Frutingen, beiden von Siebentalen, Eschy und Inderlappen. Uf denselben zog beliben wol fünf Walliser tot, erstochen und erschossen. Aber der von Bern teile bleip nieman, demie der vorgenant Türler. Alsus zoch man wider heim ".

Die fernere Geschichte des weitschichtigen Raron-handels, welcher eine Zeit lang geradezu auch zur Störung der eidgenössischen Beziehungen zwischen Bern und den Bundesgenossen der Walliser zu führen drohte, beschäftigt uns hier nicht, wo ja nur diejenigen Abschnitte der Walliser Geschichte zu behandeln sind, in welchen das Lötschenthal eine Stelle findet. Seit der Verjagung der Freiherren von Thurn standen, wie wir wissen, die Lötschenthaler unter der Botmäßigkeit der zum Siege gelangten fünf oberen Zehnten des Wallis. Schon aus dem Jahre 1380 liegt nun ein bemerkenswerthes Zeugniß über die neu gestalteten Rechtsverhältnisse vor, eine am 21. September zu Gampel niedergelegte Erklärung zwischen den Abgeordneten der Gemeinden Leuk, Varen und Ersch, also den Vertretern des Zehntens Leuk, auf der einen, und den Abgeordneten ) der Gemeinschaft der Leute des Lötschenthalesvallis de Liechu — auf der anderen Seite. Weil der Bischof von Sitten seit dem Kampfe um die Burg Gestelen Anspruch an die Güter und Rechte der Freiherren von Thurn erhob, handelte es sich in erster Linie nunmehr um die Anerkennung dieser Ansprüche. Die Lötschenthaler versicherten, dem bischöflichen Tische, ebenso wie den Leuten der Gemeinde Leuk und des Zehntens, treu gehorsam sein zu wollen. Dann vergaben sich Leuker und Lötscher gegenseitig alle geschehenen Gewaltthaten und versprachen sich Hülfe gegen Jedermann. Die Lötscher haben eidlich versprochen, niemals wieder ihren früheren Herren — denen von Thurn — irgendwie, wenn sie etwa bewaffnet wiederkehren sollten, zu gehorchen « der irgend welchen Beistand zu leisten, ebenso wenig dem Grafen von Savoyen, sondern vielmehr gegen diesen den Leukern zu helfen. Ferner soll, wenn etwa in Zukunft die Burg Gestelen irgendwohin außer den Besitz des bischöflichen Stuhles fiele und dann der neue Herr des Schlosses gegen die Leuker Krieg erhöbe, diesem keine Hülfe geleistet und nichts zum Kaufe gegeben werden. Ein jeder Theil soll auf seinen Grenzmarken und Bergen Pässe und Wege bewachen; doch sollen die Leuker für den Fall, daß die Lötscher zu schwach wären, bis zum Kreuze — da ist wohl die Höhe des Lötschenpasses gemeint — Wache halten. Im Kriege ziehen die Lötscher unter dem Panner von Leuk, wie sie das schon früher unter den Herren von Thurn gewohnt waren. Alle drei Jahre sollen diese Eide erneuert werden.

Aber mit der Erstarkung der Volksfreiheit in den ersten Decennien des XV. Jahrhunderts griffen die Zehnten gegenüber dem Bischof, zumal da derselbe dem verhaßten Hause Raron angehörte, ein Neffe des Freiherrn Witschard war, immer weiter um sich. Die Walliser nahmen jetzt die ehemaligen Güter der Herren von Thurn zu eigenen Händen, zwar mit der Erklärung, dem Bischof die Treue halten und die geschuldeten Dienste leisten zu wollen. Doch auch gegenüber einem neuen Bischöfe, welcher 1418 an die Stelle des vertriebenen Wilhelm von Raron gesetzt worden war, griffen 1420 die fünf Zehnten keck zu und machten von sich aus den Lötschern Vorschriften. Ohne den Bischof forderten sie Abgaben, Dienstleistungen, Gefälle an Geld, Getreide, Butter, wie sie solche den Herren von Gestelen zu geben gewohnt gewesen waren, da nun Alles ihnen zugefallen sei, für das, was das Land Wallis an Leuten und Gütern im Kriege gelitten habe. Erst 1526 kam es mit dem Bisthum zu einem Ausgleich über die früheren Güter der Herren von Thurn, und zwar so, daß wieder, wie in jenem Vertrage von 1380, die Vertreter des Zehntens Leuk für die anderen Zehnten einstanden. Die Eigenschaft der fraglichen Güter als Kirchengüter wurde nunmehr anerkannt; dagegen nahmen die fünf Zehnten überall von allem Besitzthum oberhalb des Flusses Morge zwei Drittheile der gesammten Einkünfte, während der letzte Drittheil dem Bischof und dessen Tisch bleiben sollte. Ferner wurde ausgemacht, daß die Zehnten den Castellan von Gestelen wählen sollten, worauf der Bischof nach Empfang des Eides der Treue denselben bestätige: ja, für den Fall, daß die Gemeinden wäh- 2 rend eines Monats die Wahl versäumten, stand das Wahlrecht dem Bischof selbst zu.

Es ist wohl zu verstehen, daß in den Lötschern, in diesen Jahren des kräftigsten Gedeihens der Volksfreiheit im Hauptthale und den südlichen Nebenthälern des oberen Wallis, der Wunsch rege wurde, gleichfalls zur vollen Freiheit sich durchzuringen. So vernehmen wir, daß die Entrichtung von Einkünften, die Erfüllung von Diensten gegenüber den regierenden Zehnten geweigert wurde, daß die Lötscher es beschwerlich und lästig fanden, gleich wie durch Edelleute beherrscht zu werden. Um dieser Zwietracht zu steuern und für die Zukunft eine sichere Ordnung zu erzielen, wurde am 19. Juni 1430 zwischen den fünf Zehnten und dem Lötschenthale ein Vergleich abgeschlossen, welcher dann auch später wieder bestätigt wurde und in der Hauptsache bis zum Ende der Abhängigkeitsverhältnisse bestehen blieb.

Die Hauptpunkte dieses Vergleiches sind die folgenden. Die Lötscher sollen auf alle Zeit alljährlich auf St. Martinstag 46 Pfund, 13 Schilling und 4 Pfennig entrichten, und zwar an den Zehnten Leuk 10 Pfund, an die Gemeinschaft der Pfarrei Raron 3 Pfund, 6 Schilling und 8 Pfennig, an den Zehnten Visp 10 Pfund, an den Zehnten Brieg ebenso viel, an die Gemeinschaft der Pfarrei Mörel so viel wie an Raron, an den Zehnten Goms 10 Pfund. Ebenso aber sollen sie jetzt 1430, für dieses eine Mal, 500 Gulden geben zum Ersatz für die in der letzten Zeit nicht geleisteten Dienste. Sonst werden ihnen alle unter zahlreichen Titeln aufgeführten Abgaben und Dienst- leistungen, welche durch die Zehnten als Nachfolger der Freiherren von Thurn von ihnen gefordert werden könnten, von nun an für alle Zukunft erlassen sein. Die Thalleute sind gehalten, mit ihrer Kriegsmacht zur Verteidigung des Vaterlandes den Zehnten gehorsam zu folgen. Bei inneren Zwistigkeiten dürfen die Lötscher nicht Partei nehmen; sondern sie sollen vermitteln, andererseits aber gegen den schuldig befundenen Theil mit ihrer Kriegsmacht helfen. Alle Lötscher über vierzehn Jahre verpflichten sich eidlich, so, wie andere deutsche und welsche Landsleute, dem Lande gut und getreu gesinnt zu sein. Das Meieramt endlich bleibt der Thalschaft mit den bisherigen Rechten und Umständen, und man kennt von 1438 den ersten Namen eines Meiers von Lötschen, des Nikolaus Ruteier. In diesem Jahre nämlich behauptete Raron, daß die Mannschaft von Lötschen unter die Fahne von Raron gehöre. Mit dem XVI. Jahrhundert heben die Schilderungen des Walliser Landes in den allgemeinen Darstellungen der eidgenössischen Gebiete an, und da findet dann auch stets beim Wallis das Lötschenthal seine allerdings bescheidene Erwähnung. Sebastian Münster hat bekanntlich in seiner „ Cosmographia " 1544 die Schweiz und vorzüglich das Wallis besonders ausführlich behandelt, und er kennt auf der rechten Thalseite zwischen dem „ Grimßlenberg " auf der einen, Gemmi und Sanetsch auf der anderen Seite den Lötschenberg als einen Paß, wo in einzelnen Jahren viele Menschen durch Lawinen umkommen. Der Aufmerksamkeit, welche Johannes Stumpf auf seiner Reise durch das 20 Meyer von Knonau.

Wallis im gleichen Jahre 1544 auch dem Lötschenthal geschenkt haben muß, da er 1547 in seinem großen Werke desselben eingehend gedenkt, ist hier nicht von Neuem Erwähnung zu thun, nachdem im letztjährigen Jahrbuche der Schweizerreise dieses Zürcher Gelehrten eine Abhandlung gewidmet worden ist 1 ). Aber noch eine zweite Zierde zürcherischer Wissenschaft hat kurz darauf seine Studien dem Wallis zugewandt, der 1576 verstorbene Josias Simler, Professor der Theologie und Verfasser des durch zwei Jahrhunderte durch ganz Europa in zahlreichen Auflagen und vielfachen Uebersetzungen verbreiteten Handbuches „ De Republica Helvetiorum ". Derselbe veröffentlichte unter vorzüglicher Ausnützung des von ihm mit Recht hoch gelobten Stumpf 1574 eine dem Bischof von Sitten gewidmete „ Descriptio Vallesnu " in zwei Büchern, von welchen das erste Topographie und Naturschilderung, das zweite die Geschichtserzäh-lung enthält. Im Ganzen im Anschlüsse an Stumpf, führt Simler am Ende des Abschnittes über den Zehnten Raron das Lötschenthal auf und erwähnt da auch die Gefährlichkeit des Lötschenberges und das Vorhandensein der Bleibergwerke.

In diese gleichen Jahre, in die Mitte des XVI. Jahrhunderts, fällt ein nochmaliger Versuch der Lötscher, ihre politische Lage zu verbessern, und zwar dieses Mal im Zusammenhange mit einer allgemeineren Bewegung im Lande. Wegen eines französischen Bünd- nisses von 1549 war gleich nach Dreikönigstag 1550 im untersten Drittel des Zehntens Raron, eben in Gestelen und Lötschenthal, ein Aufruhr ausgebrochen. Die Gesteier und Lötscher zogen von Dorf zu Dorf, Federn auf den Bitten und angebrannte Tannäste in den Händen, mit Stieren, denen Schellen angehängt waren ( von diesen „ Trinkein " erhielt das Ereigniß den Namen des „ Trinkelstierkrieges " ). In Raron zwangen sie den Fähnrich und den Trommler, sich ihnen anzuschließen, und dann wuchs thalabwärts die Schaar, indem der Sturm bis nach Savièse erging. Alle Gemeinden erhoben die Panner, standen unter den Waffen und schädigten einander. Deutlich spielte der französisch-spanische Gegensatz mit hinein; denn indem überhaupt die oberen Zehnten mehr den Spaniern zuneigten, trug man nun die Matze, das Zeichen des Aufruhrs, den Gönnern Frankreichs von Haus zu Haus. Erst die Vorstellungen vom Boden der eidgenössischen Nachbargebiete, besonders von Bern, brachten größere Ruhe; allein es dauerte bei dem gegenseitigen Mißtrauen bis Ende März, ehe es einem zu Visp abgehaltenen Landrathe gelang, ein neues Friedensbündniß abzuschließen.

Zu Visp brachte der Zehnten Raron die Frage vor, ob man- nicht auch die Leute von Gestelen und Lötschen zur Besiegelung des Friedens berufen solle, da sie einen Theil des Zehntens ausmachten; aber die vier mitregierenden Zehnten verneinten das, weil die Gesteier und Lötscher Unterthanen seien. Immerhin erlaubten sie, weil die Boten von Raron bemerkten, daß die Lötscher einen tapferen Fähnrich gegeben hätten, daß dieser sein Leben lang das Fähnlein tragen dürfe: doch solle beim Auszug aus dem Lande ein Fähnrich aus den übrigen zwei Dritteln des Zehntens gewählt werden. Ferner wurde dem Castellan von Gestelen die Untersuchung und Bestrafung der beim letzten Aufruhr betheiligten Gesteier und Lötscher übertragen, der Art, daß der Meier von Lötsehen die dortigen Cebelthäter bis zum rothen Graben bringe und dem Castellan zur Bestrafung überliefere. Denn, so hieß es, diese Leute seien so eid- und pflichtvergessen gewesen, daß sie bei ihrem Zuge bis nach Sitten mit Trinkelstieren, Hahnenfedern, Tannästen und andern Rüstungsstücken in großer Zahl wider ihre Herren und Oberen in gefährlicher und grausamer Weise sich erzeigt hätten, so daß man wohl hätte schließen mögen, sie wären gesinnt, Gewalt zu gebrauchen. So blieben denn die Lötscher in ihrem Unterthanenverhältniß, und bestimmte Einschränkungen wurden noch außerdem ausdrücklich betont, so daß von Frankreich ihnen kein Jahrgeld zukommen solle, weil sie so sehr gegen die Capitulation waren, und daß das Jagdrecht ihnen abgesprochen wurde.

Seit der Reformation war nun aber das Lötschenthal durch seine Lage an der Walliser Nordgrenze auch ein Grenzgebiet gegen die andersgläubige Landschaft des Berner Gebietes geworden. In Zeiten confessioneller Kriege konnte es sich deßwegen um den Schutz der Grenzen handeln, und wenigstens zum Jahre 1656, als Zürich und Bern gegen die katholi- sehen fünf Orte im Kriege lagen, ist es bezeugt, daß die Lötscher ihre Grenzen besetzten, also am Lötschenpasse Wache hielten, und dennoch auch zum Landescontingente Hülfe sandten.

Andererseits jedoch diente der Lötschenpaß in diesem XVII. Jahrhundert gleichfalls noch für den Verkehr vom Berner Oberland nach dem Rhonethal, und es ist am Ende desselben von Seite der bernerischen Obrigkeit mit Ernst dafür gesorgt worden, daß der Paß auf der Nordseite verbessert werde. 1696 schenkte einer der von der Berner Regierung Beauftragten, Ulrich Thormann — neben ihm war ein von Graffenried bethätigt — den Thalleuten von Gasteren jene große Bibel, welche noch heute ehrfurchtsvoll zu Seiden oben im Thale bewahrt wird und bei den seltenen vom Pfarrer von Kandergrund abgehaltenen Gottesdiensten zur Anwendung kommt. Üebrigens spielte eben diese Frage der Anlegung einer besseren Straße über unseren Paß eine ganz wesentliche Rolle in öffentlichen Verhandlungen jener Jahre.

Weil die Erneuerung des Bundes zwischen den sieben katholischen eidgenössischen Orten auf der einen Seite, dem Bischof und Domcapitel, sowie den sieben Zehnten der Republik Wallis anderentheils nahe bevorstand, interessirte man sich auf Conferenzen der katholischen Kantone, welche zu Luzern, zu Wäggis und anderwärts oder während der gemeineidgenössischen Tagsatzung zu Baden 1696 und 1697 abgehalten wurden, in vorzüglichem Grade für diese Angelegenheit, und dabei verflochten sich egoistische Erwägungen der verschiedensten Art, confessioneller, politischer, 2iMeyer von Knonau.

commercieller Färbung, ganz merkwürdig mit einander. Man erwog: — da Bern unter dem Vorwande des Verkehrs mit Domo d' Ossola, nebst Anlegung eines Magazin » zu Thun, den alten verfallenen Paß über den Lötschenberg für die Ballen und die Kaufmannsgüter, unter Anwendung großer Unkosten, wieder von Neuem auf-thue und vermehre, auch auf der Höhe ein Gebäude aufgeführt habe, das man dermalen zwar erst noch Sust nenne, so sei das um so bedenklicher anzusehen, weil Bern ohnehin alle in das Wallis führenden Pässe, die Furca ausgenommen, inne habe: es sei also zu befürchten, daß die Absicht vorwalte, auf den Fall eines Krieges Ober- und Unterwallis von einander zu trennen. Den Waldstätten lag es jedoch auch sehr am Herzen, daß Bern augenscheinlich durch diese Oeffnung des Passes über den Lötschenberg seinem Versprechen, den Verkehr über Luzern zu beleben und den Gotthardpaß in Aufnahme zu bringen, zuwider-handle. Im Wallis selbst war man gleichfalls besorgt, weil Bern ohne Begrüßung des Landes Wallis diese Sache begonnen habe, und so wurde ernstlich berathen, ob es dem Vaterlande thunlich oder unthunlich sei, zumal da bei dem neuen Straßenbau auf der Lötschen-berghöhe auch das Gebiet der Republik Wallis selbst verletzt worden sei. Anfangs meinten zwar etliche Zehnten, dieser Paß könnte, wenn das dem Vaterlande unschädlich geschehen möchte, wohl zugelassen werden, in Betracht, daß dadurch viel Geld in das Land Wallis kommen könnte.

Bei der Bundeserneuerung zu Altorf, am 6. November 1696, legten nun die Walliser-Boten die Sache Geschichtliches über das Lötschenthal.2.> den sieben Orten vor. Diese fanden, Wallis habe sich mit allen Mitteln zu wehren und durch etwa von der „ schlauen calvinischen Listigkeit vorgespiegelte Vortheile " nicht bethören zu lassen, wie sie in den Vorschlägen der Postunternehmer, Kaspar von Muralt von Zürich und Beat Fischer von Reichenbach von Bern, den katholischen Orten überhaupt entgegen gebracht würden. Als im folgenden Jahre 1697 vollends aus einem Schreiben von Wallis an Uri, vom Juni, hervorging, daß Bern innerhalb zehn Tagen mit der Durchfuhr über den Lötschenpaß anzufangen beabsichtige, daß sich aber Wallis diesem Unternehmen widersetzen werde und Bern wegen seiner Absichten interpellirt habe, so empfahl eine andere Conferenz zu Luzern den Wallisern, die Vollendung der Straße auf dem diesseitigen Gebiete zu verhindern, da ja wahrscheinlich nur die Absicht vorliege, den Unglauben nach dem Wallis zu verbreiten und den Zweck des 1696 geschlossenen Bündnisses der katholischen Orte mit dem sonst so wohl geschlossenen Lande zu vereiteln. Eine neue Conferenz im December 1697 befaßte sich wieder sehr einläßlich mit der gesammten Angelegenheit und behandelte besonders auch die dabei zwischen Bern und Wallis zu Tage getretenen abweichenden Ansichten über die Landesgrenze, ob dieselbe oben auf der Wasserscheide bei der Schneeschmelze, oder aber unten, Bern also zum Nachtheile, bei der Balm, anzusetzen sei. So mußten schließlich die bernerischen Unternehmer, obschon sie noch im Frühjahr 1698 nach eingegangenen Mittheilungen Arbeiter suchten, von ihrem Werke abstehen, und wo wir zum nächsten Mal, 1708 und in den folgenden Jahren, vor dem confessionellen Kriege von 1712, in eidgenössischen Abschieden den Namen des Lötschenpasses finden, ist das der Fall in geheimen Verabredungen der katholischen Orte für den Fall des Krieges, wegen der Verbindung derselben mit dem Wallis. Denn da ist neben der Gemmi und dem Rawilpaß und Sanetsch weiter westlich, dem Grimselwege östlich, überall auch vom Lötschenberg, für einen eventuellen Einfall in das Frutiger-Land, die Rede.

Indessen schloß das nicht aus, daß dessen ungeachtet noch 1739, wie aus einer einzelnen Verfügung hervorgeht, Säumer sich des Lötschenberges bedienten: der Castellan von Gestelen hat in diesem Jahre Gewicht und Fuhrlohn gesetzlich zu bestimmen. Sobald aber, schon seit 1736, der Weg über die Gemmi durch Sprengung von Felsen gangbarer gemacht und verbreitert worden war, mußte, weil dieser südwärts auf das immer besuchtere Heilbad von Leuk ausmündete, der Lötschenberg-Paß an Wichtigkeit verlieren, so daß derselbe nicht mehr unterhalten wurde und dem jetzigen Verfalle sich näherte1 ).

Die mehrfachen „ Staats- und Erdbeschreibungen "

der Eidgenossenschaft aus dem XVIII. Jahrhundert bringen nun auch wieder Kunde vom Lötschenthal, die allerdings überwiegend mager und zumeist übereinstimmend ausfällt1 ). Sie kennen es als einen Bestandtheil des eigenthümlich in zwei erheblich von einander getrennte Stücke zerfallenden Zehntens Raron. Dessen oberer Theil, der Drittel Mörel, zwischen dem Zehnten Goms oberhalb und dem Zehnten Brieg auf der unteren Seite, ist durch die Breite dieses letzteren von den zwei unteren Dritteln geschieden. In diesen letzteren liegen, auf der Nordseite der Rhone, eben Raron selbst und Gestelen, und nordwärts unser Lötschenthal. Die demselben entströmende Lonza bildet die Westgrenze gegen den Zehnten Leuk, so daß also Gampel schon zu diesem und nicht mehr zu Raron gehört.

Schon stand, wie die gesammte alte Eidgenossenschaft der dreizehn Orte und ihrer Zugewandten, auch das Land Wallis nahe vor dem gewaltsamen Abschluß der Jahrhunderte alten Staatszustände, und schon begann im französisch redenden Unterthanenlande, im Unter-Wallis, die durch die französische Revolution genährte, auf die Aufstellung der Menschenrechte sich stützende, allerlei Neuerungen anstrebende Gesinnung sich Luft zu machen: — da kaufte durch Zahlung einer im Verhältniß großen Summe Geldes, in der Höhe von tausend Thälern, der unterste Drittel des Zehntens Raron, eben das Lötschenthal, von der Herrschaft der fünf oberen Zehnten sich gänzlich frei. Ein Peter Sigen war mit diesem Jahre, nach einem Peter Lehner, Meier von Lötschen geworden. Dieser Rechtsact trug sich in demselben Jahre 1790 zu, während dessen Dauer zu Monthey die erste Revolution ausbrach, der dann, nach der gewaltsamen Unterdrückung, in den nächsten Jahren weitere Bewegungen folgten. Mit Recht betont der Geschichtschreiber des Wallis, wie auffallend dieses zeitliche Zusammentreffen sei, daß die Lötscher sich arm gekauft hätten, ohne Ahnung der nahe bevorstehenden Staatsumwälzung, welche auch ihnen, nur acht Jahre später, die Freiheit umsonst gebracht haben würde.

Bekanntlich wurde während des Verlaufs der hel-veltischen Staatsumwälzungen der helvetische Kanton Wallis schon 1802, unter dem Namen einer selbständigen Republik, von der helvetischen Republik abgetrennt, dann aber dieses Scheingebilde durch den Kaiser Napoleon 1810 dem Kaiserreich einverleibt. In seinem neuen Namen, des Département du Simplon, lag die Ursache der Veränderungen klar ausgesprochen: der Kaiser wollte seine neue Militärstraße nach Italien zur unmittelbaren Verfügung haben. So war denn die Bergkette zwischen Gasterenthal und Lauter-brunnerthal nördlich und dem Lötschenthal südlich die politische Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich geworden, und man kann sich leicht vorstellen, wie nun ein verwegenes Schmugglergewerbe sich über die beeisten Pässe erstreckte.

In diese Jahre der Zugehörigkeit zu Frankreich fällt die Abfassung eines eingehenden beschreibenden Werkes über das Wallis, von einem gebornen Walliser, Dr. Schiner. Dieses französisch geschriebene Werk eines Arztes verräth eine gute Beobachtungsgabe und bietet auch die erste ausführlichere Schilderung des Lötschenthals. Der Verfasser hält den sehr schmalen Weg von Gampel aufwärts zwischen den beiden gewaltig hohen Bergketten für mitunter gefährlich für dem Schwindel unterworfene Leute; ebenso ertheilt er dem Wege nach der Schweiz, in das Frutigerthal, also dem Lötschenpaß, das Prädicat eines recht bedenklichen Ueberganges. Das Thal selbst, dessen einzelne Orte er aufzählt, scheint ihm reich und gut bevölkert und die Bevölkerung selbst geschickt und thätig. Das Thal sei fruchtbar, habe reiche Berggegenden und biete den Bewohnern alle Lebensbedürfnisse, abgerechnet Wein und Salz. Die Einwohnerschaft, abgeschlossen und von ihren Nachbarn abgetrennt, wie sie sei, unterscheide sich von den übrigen Wallisern, bei Männern und Weibern, durch die Größe, stolzen Gang, gerade Haltung. Man ziehe viele Pferde und Ziegen im Thale auf und mäste auch zahlreiche Schweine und Kälber, was die Bedingung eines ziemlich bedeutenden Handels sei; ebenso tausche man Butter gegen verarbeiteten Hanf aus. Endlich macht der Arzt noch eine medicinische Bemerkung. Er glaubt, daß die damals häufig bei der Jugend zu Tage tretende Krätze daher rühre, daß die Eltern ihren Kindern fast nur Käse ohne Brod zur Nahrung reichten, und zwar schon früh Morgens und mehrmals nach dem Essen. Infolge dieser Nahrung, die oft sehr stark gesalzt sei, könne das Blut nicht anders als eine gewisse Schärfe und salzige Zusammenziehung gewinnen, und daraus entstehe jene Krankheit, besonders wenn bei der Nahrung das Brod, welches die Schädlichkeit der Käsekost hebe, gänzlich fehle.

Mit dem Sturze Napoleon's hörte die Grenzscheide über der nördlichen Thalwand wieder auf; doch war dadurch das Lötschenthal noch keineswegs seiner Abgeschiedenheit entzogen. Wie im ersten Decennium unseres Jahrhunderts Ebel in seiner „ Anleitung die Schweiz zu bereisen " von dem Thale und seinen vier bis fünf Dörfern als von einer ganz abgeschiedenen und von der übrigen Welt unbesuchten Gegend gesprochen hatte, so wandte auch noch im dritten Jahrzehnt der fleißige Marcus Lutz in seinem viel benutzten „ Handlexikon " dieselben Worte zur Charakteristik des Thales an. In lebhaften Worten hat ferner der Solothurner Naturforscher Hugi in seinen 1830 erschienenen „ Naturhistorischen Alpenreisen " aus einander gesetzt, was für ein Aufsehen er mit seinen acht Trägern am Thalbache zwischen Eisten und Blatten erregte, so daß ein altes Mütterchen das Kreuz schlug und möglichst schnell vorbei eilte. Zu Kippel, wo bei dem Pfarrer Herberge gesucht werden mußte, wurden die Fremden erst nach langer Be- rathung mit den Nachbarn in das Haus gelassen. Doch sogar noch in der Mitte des Jahrhunderts, als der wackere gewesene Provincial des Capucinerordens, P. Sigismund Furrer, sein lobenswerthes Buch über das Wallis herausgab, glaubte er in der 1852 veröffentlichten Statistik bezeugen zu sollen, das Thal werde außer wegen der seit 1846 wieder betriebenen Eisen- und Silberminen von Fremden wenig besucht. Etwas anders war es doch schon 1859 geworden, wo Weilenmann auf dem Wege zu seinem so anschaulich geschilderten Nachtquartier am Gletscherstaffel, bei seinem einsamen Marsch über den Petersgrat, drei vom Lötschenthal kommende Engländer mit ihren Führern traf.

Vollends seit den letzten Jahren und seit die wackeren Gebrüder Sigen zu Ried ihr Gasthaus eingerichtet, hat nun das Lötschenthal in den Sommermonaten aufgehört, ein verloren abgeschiedener Winkel der Alpen zu sein. Wie die Berge ringsum bestiegen und in zahlreichen Schilderungen in die alpine Litteratur eingetragen worden sind, so hat auch die Aufmerksamkeit mit Recht sich der eigenthümlichen Bevölkerung des schönen Thales zugewandt, welche eine solche Würdigung sehr wohl verdient. Besonders hat der vorzüglich bewanderte Verfasser des nicht genug zu lobenden 1882 erschienenen Itinerariums, Dr. von Fellenberg, eine vortreffliche Schilderung dem Lötschthaler und seinen Eigenthümlichkeiten gewidmet, nachdem er schon früher eine der Schauspiel-Auf-führungen gewürdigt hatte, wie sie von Zeit zu Zeit ( >2 Meyer von Knonau.

im Thale veranstaltet werden1 ). Aber noch andere neuere Besucher haben neben Gletschern und Bergen auch den Menschen ihren Antheil gegönnt und da und dort eine Notiz niedergelegt. So wäre es denn, um so mehr, als bei einem so kurzen Aufenthalte doch ein eingehendes Studium außer aller Möglichkeit liegt, verwegen, aber auch unnütz, hier etwa eigene Beobachtungen der Art niederlegen zu wollen2 ).

Dagegen mag noch nachdrücklich auf eine Seite des Wesens der Lötschenthaler hingewiesen werden. Mit vollem Rechte haben die gelehrten und kundigen Herausgeber des schweizerdeutschen Idiotikon dem Dialekt unseres Thales in ihrer Tabelle der speciellen Ortsbezeiclmungen — es sind drei für das Wallis, außerdem noch Goms und Visperthal — eine eigene Rubrik und Signatur zugetheilt. Denn die Sprechweise .besonders der älteren Leute ist eine im hohen Grade eigenthümliche und unterscheidet sich wesentlich von derjenigen des Rhonethaies. Schon wenn man bei der Frage nach der Zahl der Jahre von einem braven Alten ' ) die Antwort erhält, er stehe im „ achtund-sibenzigosten " Jahre, klingt diese volle Form wie eine sprachliche Antiquität in das Ohr. Es ist deßwegen sehr verdienstlich, daß die zwei wackeren geistlichen Herren, Pfarrer Tscheinen und Domherr Ruppen, welche 1872 „ Walliser-Sagen " sammelten und herausgaben, unter den Dialektstilcken dort auch zwei kürzere Erzählungen aus unserem Thale aufnahmen. Sie versichern, diese Repräsentationen der Volkssprache überhaupt besonders ihren Freunden in Zürich zu Liebe berücksichtigt zu haben, die in das seltsame „ Wallis-Dtitsch " sich verliebt hätten. Den Herausgebern des Idiotikon sind also mittelbar die von Pfarrer Lehner zu der Sammlung beigesteuerten beiden Stücke zu verdanken, welche ich nachfolgend dem anmuthigen, aber viel zu wenig bekannten Büchlein entnehme.

Das lidend Chinali im Todbett.

( Z. 1. ) En Mal hei in Letsch'n — uf weller Huob weiß i nimme — es jung 's Ehvolchli es Chleis Chindli uber-chon, und das si nen z'Tod erchranket, hei nid chenne bessren und nid chenne sterb'n. Der ehalt Todtusch weiß ( Z. 5. ) si mu wie Erbis über ds'G'sichtli inegetrolut. Wie's seflig lang in letzten Züg'n g'sin si und derEr hieß Joseph Tanast: ein Jakob Tanast war schon 1564 Meier von Lötschen.

3 Gottu und du Gotta und Nachbuir'n und sust d'Stuba volli Lit mu hei well'n uisbeitun, so säge eswelïs: weg'n well'm ät das uschuldig Chind eso lid'n mieße. Z. 10. ) Daruf säge d'r Vat'r, einmal schinert-weg'n seile 's nime lidu, und duo si 's ohoich schidig un uf-um'rutsch g'storb'n. Es Zitlin dernah si 's d'r Muott'r erschin'n und hei dra g'offnbarut, daß 's nuch e halb Stund flir d'n Vat'r im Fägf'iir hei mieß'n lid'n, eh iZ. 15 ) wan daß 's hei chönn'n in Himm'l chon. So wisse mu nie, für well 's d' uschuldigu Chindlin mieße lid'n, und seile keis säge: Für mich bruicht 's de nit hie und nit da z'lid'n: das ist Gott aleinigu bikannt.

Erläuterungen. Zu Z. 5: „ sei ihm wie Erbsen... gerollt ". Z. 8: „ ihm zu Ende warten wollten ". Z. 8: „ so sage irgend einer ". Z. 9: „ wohl ". Z. 11 u. 12: „ sei es auf oinmal im Seheiden und mit einem Schlage gestorben ". Z. 13: „ ihr geoffenbart ".

Das sonderbare. Gemschthier.

( Z. 1. ) ünderdanna daß seh'diseh'm Chind uf'd'n Tod gibeitut heind und d'Lit, wie 's geid, mit enandern gidorfut, so säge e Jäger, er hei oich einesti g'hört erzäll'n, daß e Jäger im Baldschiederthal hei well'n tZ. 5. ) z'ener Gemschu schieß'n. Ds'G'wehr versäge-mu und wie'r uifg'seh, so si-mu ditz Thier under d'n Oigu weg chon, er wisse nit wie. Es si denn en bösche Jäger g'sin und gitroff'n hätt'r scha g'wiß und endlich. Na e Schupli Jahr'n gange dische Jäger bis iZ. 10. ) z'Meiland. Us em aschoiwlich'n Huis riefe-mu e hibschi, weslichi Froiw embrab und thie-mu Wisch-tung, z'ihraz'chon, und frege'ni, ob^er schia nid b'chenne; schi si oich im Wallis g'sin. Nenei; daran chenn'er schich eimal gar nid gën, versetzte dra dische, und dito ( Z. 15. ) fäsch'-mu duo an zäll'n. Da'sch eso e jungi Schgoitsa es Meitschi si g'sin, hei'sch allerlei Bigeb'n-heite g'les'n: was für es donnerschierigs netts Lebe ds'Chiejer-, Hieter- und Jägerlebe wä, und eso settig 's; und was hei'sch z'thuon, und wüüsche vor em alt'n ( Z. 20. ) Wibli: we'sch grad chönnti en Gemscha si, de welti'sch d'Jäger recht z'm Narr ha und spring'n und lustigi si und über ali Gänder fahr'n. Und was bi-gegne dra? Di vermaladrat Hara, das alt Wibug'sicht, si e rechti Heiin g'sin und die hei-scha ohoich in es ( Z. 25. ) Gemschthier vérwandlut, bis daß dri Jäger uf schia gizahlet hei. Entgange'sch-mu, so chennesch mum heim ga Mamsell si, und sust hei'sch denn d'n Lohn für ihra fiirgeb'n Wüüsche D'r dritt'n, wa uf schia gizahlet, si er g'si — aber, es hei schätz-esch oich ( Z. 30 ) nid sell'n sin — noli gang'n si's-dra denn afa uferschammt, und dana b'chenne schi ihn. Settig Gemache git 's es deich'n keinu melilirläuterungen. Zu Z. 2 u. 3: „ gewartet und... mit einander gesprochen haben ". Z. 7 u. 8: „ ein vorzüglicher Jäger ". Z. 8: „ gewiß und sicherlich ". Z. 9: „ Nach einer Anzahl Jahren ". Z. 10 u. 11: „ aus einem ansehnlichen Haus... stattliche Frau hinunter und gebe ihm ein Zeichen ". Z. 13 u. 14: „ darauf könne er sich nun einmal gar nicht besinnen ". Z. 14 u. 15: „ und da fange sie an, ihm zu erzählen ". Z. 15 u. 16: „ daß sie so ein junger Springinsfeld von Mädchen gewesen sei ". Z. 17: „ was für ein verteufelt nettes Leben ". Z. 19 u. 20: „ und nichts ( Gescheidteres ) habe sie zu thun gewußt, als daß sie vor einem alten Weiblein'wünsche ". Z. 22: „ über alle Felsen-brüche fahren ". Z. 23: „ die vermaledeite Hexe ". Z. 24:

36 Meyer von Knonau. Geschichtliches ii. d. Lötschenthal.

„ ein« rechte Zauberin gewesen".Z. 30 u.31: „ nahe gegangen sei es ihr denn schon unverschämt ". Z. 32: „ gibt es — so ist zu denken ".

Indem wir hiemit auch unsererseits von dem Lötschenthale Abschied nehmen, kann das nur mit dem Wunsche geschehen, daß es wieder und wieder unserem Club gelingen möge, solche Landschaften in den Mittelpunkt seines Arbeitsgebietes zu rücken, welche derart durch Großartigkeit und Anmuth ihrer Natur, wie durch die Eigenart ihrer Bewohner die allgemeinste Aufmerksamkeit verdienen.

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