Gletschhorn über die Südostrippe

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Von Carl E. Weber

Am 18. August 1944 abends steigen mein Freund Max Hotz und ich von Tiefenbach an der Furka zu unserer heimeligen Albert-Heim-Hütte. Wir empfinden angenehm, dass besonders nachts unser Ziel in kurzer Zeit erreichbar ist. Am Himmel steht kein Wölklein, aber viele Sterne und eine schmale Mondsichel beleuchten dürftig das Gelände. Der Tiefenbach spendet Kühle, und sein wildes Tosen begleitet unser einsames Gehen. Die Gegend wurde schlecht besucht in diesem Sommer. Schade, denn gerade hier finden der Anfänger und der anspruchsvolle Kletterer so viele Möglichkeiten. Der Galen- oder Tiefenstock, das Gletschhorn, die Winterstöcke, Dammazwillinge und Blauberge bieten genussreiche Besteigungen, die in allerbester Erinnerung bleiben. Ganz besonders belohnen der Galenstock und der Tiefenstock mit wunderbarer Aussicht. Vom Wallis her grüssen alte Bekannte: der Monte Rosa, die Mischabelgruppe, das Weisshorn, ja bei klarer Sicht kann man den Grand Combin und selbst den Mont Blanc erkennen. Das Berner Oberland präsentiert seine besten Vertreter: Schreckhorn, Lauteraarhorn und Finsteraarhörner.

Betrachtet man von der Hütte das Gletschhorn, so scheint es unerklärlich, dass beinahe ausschliesslich sein Südgrat begangen wird. Als direkten Aufstieg haben wir schon früher die Südostrippe beachtet, die laut Urnerführer bisher nur im obersten Drittel erklettert wurde. Am 16. Oktober 1938 ist es uns dann gelungen, den Grat von dem unteren südlichen Firn durch einen sehr steilen, von Steinschlag gefährdeten Kamin auf seiner Mitte zu erreichen, und wir haben dann die Rippe bis zum Südgrat verfolgt. Krieg und Mobilisation liessen uns hernach das Gletschhorn vergessen.

Die Südostrippe wächst aus einer gewaltigen Felsbastion empor, ist in ihrer Mitte tief eingeschnitten und vereinigt sich unterhalb des Gipfels mit dem Südgrat. Früh am Morgen steigen wir, der Wasserleitung folgend, zum Fusse dieses Bollwerkes, das dem Angriff überall mit mächtigen Plattenschüssen trotzt. Nach eingehendem Suchen finden wir aber die « schwache Stelle » und damit auch den Einstieg. In den unteren südlichen Felsen gelangen wir zu einem 5 Meter hohen Absatz, der schwierig zu erklettern ist. Von hier führt eine steile Rinne mit gutgriffigem Gestein nach ca. 80 Metern auf « das Dach des Gebäudes ». Über schrofige Bänder erreichen wir die Südostrippe, die sich sehr steil aufrichtet und bis zur Scharte keine leichte Kletterei verrät. Hinab zum Einschnitt wird man ohne Abseilen kaum durchkommen, aber leider verfügen wir nicht über genügende Seillänge. Wir weichen dem Grat auf seiner Nordseite aus und müssen bald erfahren, dass wir sicher den schlechteren Teil gewählt haben. Denn hier queren wir steile, sehr griffarme Felsen und sind froh, das nördliche Couloir zu erreichen, das uns bald hinter den Gratturm führen sollte. Doch wehe, das feine Gestein bietet überhaupt keinen Halt, und so bleibt nichts anderes übrig, als auf den brüchigen seitlichen Felsen einen Weg zu suchen. Von der Scharte blicken wir in den südlichen Kamin, in welchem wir vor sechs Jahren den Aufstieg erzwungen haben, und sind ob seiner Steilheit höchst erstaunt. War es wirklich möglich, denken wir beide! Von hier geht es äusserst luftig über fast senkrechte Felsplatten, und bald finden wir die Stelle, von wo Max Liniger und E. Aemmer am 13. Juli 1919 den letzten Drittel der Südostrippe als Erste begangen haben. Es folgt anregende Kletterei in prächtigem Gestein bis zur Vereinigung mit dem Südgrat. Der Gipfel selbst bietet keinerlei Schwierigkeiten mehr. Für den Abstieg wählen wir den Südgrat, der uns auf bekanntem Wege wieder zur Hütte führt.

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