Gran Paradiso

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Mit 4 Bildern.Von Franz Wagner.

Finstere Wolkenfetzen peitschte der Wind ins Tal, durch das die Dora Baltea grauschäumende Fluten wälzte. Dichte Nebelschleier umwehten Burgen und Ruinen auf steilen Felsen, und das düstere Grau hüllte Weingärten und Dörfer ein. In der Bahn erfuhren wir, dass auf den Bergen um Aosta viel Neuschnee läge. Das war nicht gerade aufmunternd. Die Begeisterung wollte in den heftigen Windstössen untergehen. Bedrückend still kam die Nacht zu uns.

Doch am anderen Tage wölbte sich wieder ein lichtblauer Himmel über Savoyen. Hinter zarten Dunstschleiern ragten die Berge mit strahlenden Kronen auf: Grand Combin und Grivola, stolze Firnhäupter, herrliche Berggestalten, aufblühend hinter hellgrünen Rebenhängen und üppig wuchernden Akazien. Sonne lag über unserem Weg, und weit wurde die Welt. Gab es denn vor wenigen Stunden ein graugestimmtes BedrücktseinSo fragte ich mich. Fast wollte ich daran zweifeln. Denn alles überflutend ist die Seligkeit, steht das Feuer des Sonnenrades über den Bergflanken. In unseren Herzen stand der Jubel froher Erwartung. Bald wurden die winkeligen Gassen von Aosta zu eng, der alte Römerbogen verlor seine Sehenswürdigkeit. Ungeduld brachte der Anblick der Berge, und wir sehnten die Fahrt nach Cogne herbei.

Man müsste in einer gemütlich dahinrollenden Postkutsche sitzen und nicht in einem rasenden Omnibus, fährt man durch das Hochtal von Cogne. Die Schönheit der tiefen und engen Talschlucht huschte vorüber wie die bunten Bilder eines Filmstreifens. Und eine mächtige Staubwolke verdarb den Rückblick.

Das schmale Silberband des Grandes Eyvia lag weit unten im dunklen Talgrund. Die kleinen Inseln der Getreidefelder leuchteten aus den Schatten der Bergflanken. An steilen Hängen schleppten einheimische Frauen und Kinder grosse Heuballen und trugen sie in ärmliche Bauernhäuser. Romanische Kirchen erhoben sich aus Dörfern, deren Häuser eng zusammen gebaut sind, als müssten sie sich gegenseitig anlehnen.

Wie im Fluge verstrich die Fahrt. Ehe wir uns so recht versahen, weitete sich wieder das Hochtal und wurde zu einem saftigen Wiesenplan, dahinter sich das gewaltige Firndach des Tribolazione aufbaute. Hochstämmige Lärchen und Fichten begrenzten den grossen Bergkessel, in dessen Mitte das Hoteldorf Cogne steht. Aus einem wetterbraunen Balkengewirr der bäuerlichen Behausungen ragen die kahlen Zweckbauten der Hotels. Ein seltsamer Kontrast! Und er wurde noch auffälliger, als wir einige Menschen betrachteten, die dieses Bergdorf belebten. Neben übermodernen Gästen bewegten sich verkrüppelte Gestalten, die teuerste Kleidung gesellte sich zu den ärmlichsten Fetzen, und unverständlich gewordene menschliche Stimmen gingen im lauten, frohen Scherzen und Lachen unter.

Den Rest des Tages nützten wir noch zu einer kurzen Wanderung ins Val di Valnontey. Wolkenarme, vom Föhn geformt, griffen in das dunkle Blau des Himmels. Immer weiter öffnete sich der Kranz der Berge, immer steiler ragten ihre schrundigen Gletscher auf. Fremdklingende Namen sprachen wir zum ersten Male aus; wir lauschten dem Klange, bis sich der Reiz des Unbekannten daraus verloren und er zum friedlichen Gesang unserer Sehnsucht geworden war.

Aber nicht nur die Berge zwangen uns zu staunender Schau. Unzählige Hauswurzen mit ihren roten und gelben Sternen grüssten aus allen Steinritzen und bevölkerten die Granitblöcke. Fetthennen und Steinbrech, Sonnenröschen und die dunkelblauen Glocken des Eisenhuts säumten den Weg. Ein wahres Blütengeschmeide waren die Wiesen, aus denen der schlanke Türkenbund seine Purpurblüte hob.

In das Dämmerlicht des Tages rauschten die vielen Wasserfälle und Sturzbäche.Von den Hütten stiegen dünne Rauchfahnen auf. Sterne begannen über den bleichenden Schleiern einer kühlen Nacht zu funkeln. Langsam und selbstvergessen wanderten wir zurück.

Die Mühsal eines Weges wird leicht zu tragen, leuchtet einem überall, wohin das Auge zu blicken vermag, die Schönheit der Bergwelt entgegen. So erging es uns beim Aufstieg zu der kleinen Jagdhütte, die in halber Höhe der Punta Erbetet als Stützpunkt für königliche Jagden errichtet worden, seit geraumer Zeit aber auch gelegentlich vom Förster den Bergsteigern zur Verfügung gestellt wird. Das Entgelt ist gering.

Nach dem Dorf Valnontey verengte sich der Talboden immer mehr. Wollblumen wiegten sich um einige Wassertümpel, niedere Lärchen und Zwergkiefern beschatteten unseren Weg, bis nach der Alp Vermiana uns ein breites, mit Schutt und Geröll angefülltes Bachbett aufnahm. Wir überschritten das schmale Rinnsal zwischen blendenden Steinen und verfolgten den Pfad der steil werdenden Bergflanke.

Hatte uns die blütenreiche Flora schon tags zuvor begeistert, nun fand die Freude keine Grenzen mehr. Wir glaubten in einem Bergblumenparadies zu wandern. Steinrosen und Almenrausch, Brünellen, Edelweiss, Berglilien, Aurikeln, Akeleien neben grossen Polstern mit winzig kleinen Sternen bedeckten den Hang. Es war eine Pracht, die kein Ende nehmen wollte.

Und dann standen wir in der Höhe von 2400 m vor unserem « Grand Palais », der steingeschichteten, kleinen Jagdhütte. Sie enthielt alles, was zwei Menschen für ein paar Bergtage brauchten. Unwesentlich war für uns die Einfachheit der Einrichtung. Und es schadete nichts, dass durch das roh-gefügte Plattendach der blanke Himmel lugte. Bergfroh waren unsere Herzen, und in diesem Frohsein blieb das Glück der einsamen, stillen Höhe mächtig.

Hinter dem Tribolazione ballten sich spätnachmittags wieder dichte Wolken, die mich veranlassten, die Vorbereitung für die Besteigung des höchsten Berges dieser Gruppe, des Gran Paradiso, sofort zu treffen. Vom berechtigten Misstrauen gegen die langen Schlechtwetterperioden verleitet, Hess ich der Ungeduld die Zügel schiessen. Unter allen Umständen sollte meine Frau noch bei gutem Wetter ihren ersten Viertausender erleben. Der nächste Tag sollte dazu dienen. Doch diese Ungeduld rächte sich bitter.

Einem guten Rate folgend, markierte ich mir rasch beim späten Tag-licht einen Pfad zu den weithin sichtbaren Steinmännern auf dem Geröllrücken vor dem Tribolazionegletscher. Während sich meine Frau die Zeit mit der Betrachtung friedlich äsender Steinböcke und Gemsen ausfüllte, stieg ich in zwei Stunden zu den beiden hohen Steinsäulen empor.

Eine unendliche Stille umgab mich. Ich schaute die wilden Eiskaskaden am Rande des Gletschers. Die Dämmerung verdunkelte die Spalten, kroch über das blinkende Grün des Eises. Feurig glühende Haufwolken türmten sich über den Bergkronen des Gran Paradiso. Purpurlicht und tiefstes Dunkelblau flössen über die Gipfelwände... In satteren und stärkeren Farben sah ich noch keinen Tag im letzten Lichte untergehen.

Die Schatten der Nacht hatten mich erreicht. Eilig sprang ich zur Hütte hinunter. Beim flackernden Schein einer Kerze sassen wir im niederen Raum, wortlos, den Sturzbächen lauschend, die in der sternenhellen Nacht leise murmelten. Furchtlos zogen Steinböcke um die kleine Hütte.

Kalt fasste uns dann gegen 3 Uhr morgens der Wind an. Im Val di Valnontey schwebten Nebelschwaden, die bald verschwanden. Schnell war der Gang zu den Steinmännern hinter uns, dem sich die Querung des breiten Moränenrückens anschloss. Tief aufgeweicht lag der Gletscherfirn vor uns; wir waren schon etwas spät an der Zeit.

Endlos zu Terrassen gestuft erschien mir der Tribolazionegletscher. Immer wieder täuschte ich mich in der bestimmten Annahme, nach einer Steilstufe am Col de Ape angelangt zu sein. Neuschnee hatte längst den Firn abgelöst. Die Spur wurde knietief. Unbarmherzig brannte die Sonne hernieder. Stunde um Stunde verstrich. Kurz unter dem Col legten wir die erste Rast ein, schauten den weiten Weg zurück und freuten uns an der bereits gewonnenen Höhe. Die Walliser Eisriesen säumten in langer Kette den Horizont und zeigten sich in wunderbarer Sicht. Doch während ich die berühmten Namen aufzählte, entstand in den Tälern dichtes Wolkengebräu. Plötzlich fegte ein heftiger Wind auch Wolkenfahnen über den Bergsaum. Wir hatten kaum Zeit, die schützende Kleidung anzuziehen, da mussten wir uns schon gegen eisigen Sturm anstemmen.

Am Col de Ape 3852 m, von dem aus noch 200 Höhenmeter bis zum Gipfel des Gran Paradiso zu überwinden sind, entwickelte sich der Sturm orkanartig. Sein Brausen verschluckte unsere Zurufe. Im spitzen Winkel standen wir zur Windströmung, um nicht umgeworfen zu werden. Die Sicht beschränkte sich nun auf nur mehr wenige Meter. Trotzdem ging ich unverdrossen die Querung des Roc del Gran Paradiso an. Mit dünner Eisschicht waren die Felsen überzogen, und auch unter der Neuschneedecke war nichts als das harte, spröde Eis zu verspüren. Nur sehr langsam konnte ich das Seil ausgeben. Meine Frau bestand dort unter den ungünstigsten Verhältnissen ihre hochalpine Feuertaufe. Ohne einen Augenblick zu zögern, stieg sie mir in diesem aussichtslosen Kampf nach. Nichts mehr war zu gewinnen als ein sturmumtoster Firngipfel, keine sonnige Rast und weite Schau in die Ferne zu erwarten. Gewiss war, dass eine mächtig ersehnte Stunde uns die Erfüllung aller Wünsche und stilles Bergsteigerglück versagen würde...

DennochEs war ein Aufbäumen gegen eine gewaltige Übermacht, und ein « Sich-nicht-beugen-können » unter dem Zwang einer unaussprechlichen Kraft, die dem inneren Menschen den Befehl gab. Verständlich wird dies nur dem sein, der sich den Bergen aus tiefstem Grunde heraus verschrieben hat. Andere werden es falsch beurteilen.

Noch drei Stunden kämpften wir weiter, Schritt für Schritt, zäh und verbissen. Dann wurden unter doppelten Fäustlingen die Finger klamm und gefühllos. Noch heftiger sprang uns der Sturm an. Und seit dem Beginn der Bergfahrt waren schon elf Stunden verstrichen. Mahnend wuchs der Gedanke eines unfreiwilligen Biwaks in mir. Wohl, ich war gerüstet! Aber ich las im Gesicht meiner tapferen Gefährtin die feinen Spuren der beginnenden Müdigkeit, und in den Augen glaubte ich die Angst vor dieser gefährlichen Nacht zu sehen. Und noch etwas mehr: dieser aussichtlose Kampf drohte ihre junge Bergliebe zu ersticken.

So war es höchste Zeit zur Umkehr. Dies geschah nur etliche Meter vom Gipfel entfernt. Worte fielen mir ein, getragen von einem Gefühl, das nicht weniger erhaben und stolz war als beim freien Aufatmen auf einem Gipfel. Lohn zu finden, wenn Stunden der Mühe verflossen sind, vervollkommt zwar die grosse Freude. Doch über Sieg oder Niederlage hinausgreifend das kleine pochende Herz bezwingen — das vollbringt nur die Liebe selbst. Es war ein anderes Glück, das mir den Sinn der Tat über die Entsagung erhob, deren Bitterkeit daneben stand und mir das Frohe trüben wollte. Das Wesentliche einer Bergfahrt ruht wahrhaftig im eigenen Herzen.

Der Abstieg über den langgedehnten Tribolazionegletscher stellte hohe Anforderungen an unsere Ausdauer. Endlos schien das Wühlen und Stapfen im tiefen Neuschnee zu sein. Die Müdigkeit Hess sich nicht mehr leugnen. Der eisige Sturm frass an unseren Kräften. Endlich erreichten wir wieder die beiden Steinmänner, doch ohne rasten zu können. Regen und Schneetreiben hetzten uns weiter. Mit der späten Dämmerung überschritten wir die Schwelle der kleinen Hütte.

Nun schwieg alles in mir. Der jähe Sturm und die abstumpfende Müdigkeit hatten die Empfindungen mit einer leeren Ruhe überdeckt. Ausgestreckt lag ich auf dem harten Lager und starrte in die Dunkelheit. Gedanken wurden wieder wach. Des sonnigen Bergerlebnisses beraubt, sprachen sie von einer Enttäuschung. In diesem Augenblick wurde mir die Zwiespältigkeit bewusst, die im Innern aufbricht, mussten fromme Wünsche und der ganze Einsatz in einer Entsagung untergehen. Und da wollte ich in einer dumpfen Wut aufbegehren, gegen Grundsätze anstürmen, die ich mir auf schwierigen Wegen zusammengereimt hatte. Wer gewohnt ist, sich selbst zu beobachten, registriert auch diese Tiefpunkte der wechselnden Kurve, die das eigene Leben zeichnet.

Am anderen Tage war ich wieder erstaunt, wie verklärt mir das savoyische Bergparadies, von einem lichtblauen, wolkenlosen Himmel überspannt, erscheinen konnte.Vergessen blieb die Enttäuschung, versunken in der leuch- tenden Feierlichkeit des Morgens. Froh schauten wir zu den Gipfeln hinauf, entrückt der Welt, die tief unter uns lag und nur in verschwommener Ferne wieder auf uns wartete.

Schwere Föhnluft brach in das Tal von Valnontey. Zum Greifen nahe rückte das Urgestein mit feinsten Rissen, Stufen und Bändern, schwarzbraun färbte sich der Fels und dunkel Eis und Firn jenseits des Tales. Eine bleierne Müdigkeit fiel uns an. In der schwülen Luft verbarg sich etwas wie eine Drohung. Flache Wolkenbänke schoben sich in den gewaltigen Kessel von Cogne und blieben regungslos an den Bergwänden hängen.

Fünf Tage noch hausten wir in der weltfernen und stillen Einsamkeit. Unsere regelmässigen Gäste waren die Steinböcke, die sich stets zur gleichen Stunde einfanden und in der Dämmerung sich sogar dicht an die Hütte wagten.

Inmitten dieser Natur vollzog sich unser Dasein in einer grossen Ruhe. Es gab keine Probleme, und unwichtig sah ich manchen Kampf um Vorstellungen oder Meinungen, die sich sonst leicht zu Lebensfragen aufwarfen. Jeder Tag schenkte uns eine eigene Feierstimmung.

Die weissen Kelche der Berglilien grüssten uns zum Abschied, die Brünellen bewegten leise ihre braunroten Kugelköpfe, Edelweiss nickte uns zu, und die rubinroten Sterne der Hauswurzen säumten leuchtend unseren Weg.

Dann hatte uns wieder die Heimat.

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