Grindelwald, Wiege der experimentellen Gletscherforschung

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VON R. F. RUTS CH ( BERN )

Louis Seylaz hat im Oktoberheft der « Alpen » * auf die Verdienste von John Playfair hingewiesen, der schon 1802 den Transport der erratischen Blöcke ins Mittelland und Juragebirge durch die Gletscher zu erklären versucht hat. Playfair ist allerdings von der Quartärforschung nicht vergessen worden; das schönste Denkmal haben ihm wohl Penck & Brückner gesetzt, die ihre klassische Monographie über die Alpen im Eiszeitalter 2 « James Geikie, dem Verfasser von The great ice age, dem Landsmann von John Playfair » gewidmet haben.

Mit Recht weist Seylaz darauf hin, dass in der Schweiz die erste richtige Deutung des Transports der Findlinge oder « Geissberger»3 nicht von Wissenschaftern, sondern vom Bergbauer und Gemsjäger Pierre Perraudin gefunden wurde.

Eigenartigerweise sind auch die ersten, selbstverständlich noch sehr primitiven Experimente zur genaueren Untersuchung der Gletscherbewegung von einem Grindelwaldner Ziegenhirten durchgeführt worden. Das dürfte in der Geschichte der Gletscherforschung bis jetzt kaum bekannt geworden sein, weshalb hier kurz darüber berichtet sei.

1787 hat B. Fr. Kuhn 4 im Höpfner'sehen « Magazin für die Naturkunde Helvetiens » einen « Versuch über den Mechanismus der Gletscher » veröffentlicht, der grundlegende Beobachtungen über Entstehung und Zusammensetzung des Gletschereises und seiner Bewegungsvorgänge enthält. In dieser Arbeit findet sich folgender Hinweis ( S. 125 ):

« Ein Hirtenknabe von ungefähr 15 Jahren hütete im Jahr 1773 nahe an dem obern Grindelwald-Gletscher seine Ziegen. Er hatte von dem damals sehr schnellen Fortschreiten der Gletscher und den daherigen Besorgnissen der Anwohner reden gehört, und mit unter selbst die Annäherung desselben gegen die benachbarten Gegenstände wahrzunehmen geglaubt. Seine Neugierde trieb ihn, dieses Phänomen etwas näher zu untersuchen. Er mass zu diesem Ende die Entfernung eines aus der Erde hervorragenden Felsblockes von dem Gletscher aus, und bemerkte die Distanzen allemal nach der Länge seines Stockes mit einem Steine. Er besuchte nun diese Merkzeichen täglich, und sah eines nach dem andern unter dem Eise verschwinden. Innerhalb wenigen Tagen lag der Gletscher zart an dem Felsblocke selbst; den nächsten Morgen war er bis auf die Mitte desselben und noch den nemlichen Abend war er ganz vom Eise bedeckt. » Damit dürfte der 15jährige Hirt aus Grindelwald der erste gewesen sein, welcher die Bewegung der Gletscher durch ein einfaches Experiment zu beweisen versucht hat.

Allerdings berichtet L. F. Ramond in seiner Übersetzung der Briefe von William Coxe 5, dass auf Veranlassung des Herrn Hennin, Ministre de France in Genf, Tannen in die Spalten der Gletscher des Faucigny gesteckt worden seien, um mit Hilfe dieser Marken die Gletscherbewegung zu messen.

1 Seylaz, L. ( 1961 ): Ein vergessener Vorläufer der Gletschertheorie. « Die Alpen » 37/3: 197-201. Penck, Albr. & Brückner, Ed. ( 1901/09 ): Die Alpen im Eiszeitalter, 3 Bde, Leipzig, Tauchnitz.

3 Das Wort « Geissberger » für erratische Blöcke aus Granit entstammt der Volkssprache und wird auch heute gelegentlich noch von unseren Bauern gebraucht. Es ist sehr alt. Herr Dr. Rob. Marti-Wehren war so freundlich, mich auf eine Notiz im Staatsarchiv Bern aus dem Jahre 1641 aufmerksam zu machen, wonach für die Pfeiler des Käflg-turms « noch mehr Geissbergergstein » erforderlich sei.

4 Bernard Friedrich Kuhn, 1762 als Sohn des damaligen Pfarrers in Grindelwald geboren, Jurist, Justiz- und Polizei-minister im helvetischen Grossen Rat, starb 1825 in der Irrenanstalt in Avenches. Vgl. B. Studer, Geschichte der physikalischen Geographie der Schweiz 1863: 454.

5 « Lettres de M. William Coxe à M. W. Melmoth sur l' état politique, civil et naturel de la Suisse », seconde partie. Paris ( Belin ) 1781, Seite 114.

4 Die Alpen - 1962 - Les Alpes49 Aus diesem Versuch gehe hervor, dass die Gletscher ungefähr 14 Fuss im Jahre vorrückten. Ramond bemerkt dazu:

« Cette vitesse est énorme, et l'on sent qu' une tendance aussi décidée auroit les plus terribles effets, si elle étoit la même à toute les hauteurs, et si différentes causes ne se réunissoient pour la contrarier; mais il n' est pas possible que cette loi soit universelle: elle doit varier suivant la pente et la direction des vallées de glace; enfin, suivant la pression des amas supérieurs, et la direction de cette pression. » Die Lettres von Coxe sind 1781 erschienen, das Experiment in Grindelwald ist also aller Wahrscheinlichkeit nach früher und sicher in völliger Unkenntnis der Versuche im Faucigny erfolgt.

Die Reaktion der Fachwelt auf diese Feststellungen war durchaus nicht nur positiv. Von keiner Seite ist der Gedanke eines Vorrückens der Gletscher so scharf und überheblich abgelehnt worden wie von dem Tübinger Professor Dr. Wilhelm Gottfried Ploucquet in seinem Büchlein « Über einige Gegenstände in der Schweiz » 1.

Hören wir, wie Ploucquet die Versuche unseres Grindelwaldner Hirten beurteilt:

« Auf die Auctorität eines Hirtenknaben also, die auf so vielen Seiten suspect ist, baut man Systeme? oder glaubt wenigstens eine Stütze des Systems daran zu finden! Ich will von der Unzuverlässigkeit des rohen Versuches, von dem möglichen Irrthume in den Steinen und Merkzeichen, von dem möglichen Selbstbetruge des von der Sage eingenommenen Knabens nichts sagen, ich bemerke nur, dass in andern oft sehr wichtigen Sachen solche junge Schäcker den Leuten, um sie noch mehr zu ängstigen, oder sich über sie lustig zu machen, etwas aufgebunden haben, und wer wollte sich noch auf solche Zeugnisse verlassen? » Die Zeit hat nicht Herrn Ploucquet, sondern dem Hirten in Grindelwald recht gegeben, dessen Name wohl für immer verborgen bleiben wird.

1 Ploucquet, W.G. ( 1789 ): « Über einige Gegenstände in der Schweiz ». Tübingen ( Heerbrandt ). Ferner: Bloesch, E. ( 1894 ): B. F. Kuhn. Neujahrsbl. Hist. Ver. Kant. Bern 1895:1. Breit, R. ( 1950 ): B. F. Kuhn. Schlem-Schriften 65, Innsbruck ( Wagner). de Beer, G.R. ( 1953 ): B. F. Kuhn's investigations on glaciers. Annals Sci. 9/4: 323.

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