Gruss vom Weisshorn

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Gody Gut, Stäfa

Hüttenabend Finale eines hochalpinen Tages. Letzten Überlebenden gleich scheinen wir der Erde entstiegen zu sein, ihrer alltäglichen Enge und ihren Zwängen entflohen, den Gesetzen des Kreislaufes enthoben, um teilzunehmen am Untergehen der Sonne, ihrem entschwindenden Glanz, ihren sterbenden Farben und ihrer erlöschenden Kraft, die zuletzt im Bleigrau des Dunstes versinkt wie in aufsteigender Asche einer verbrannten Erde. Mit der Sonne scheint auch der Sommer seinen Abschied zu geben, uns - für unbekannte Zeit - seine Wärme zurücklassend in kurz gewordenen Tagen. Und in gewisser Nähe steht bereits der Winter, unsichtbar hinter klarer Luft, machtlos zusehend, wie wir in Hemd und Hose und leichtem Pullover dem Schauspiel des Abends folgen. Einem Drohfinger ähnlich, streckt das Rothorn seinen felsig-dunklen Gipfel aus dem wechselnden Farbenspiel in die Unendlichkeit.

Um das Weisshorn aber und um seinen langen Nordgrat ziehen neckische Wolkenschleier, die neben Fels und Schnee auch heimliche Fragen verbergen. Die kalte Hand Das Weisshorn zwischen Sommer und Winter, ein bereits herbstlich gestimmtes Zinal mit leer gähnenden Parkplätzen. Dann dieTracuit-hütte, darin es still geworden ist und die jeden Gast gleich einem König empfängt - sie lassen alle grüssen: jene, die die vielgezackte Messerschneide des Weisshorn-Nordgrates als Erlebnis in ihrem Erinnerungsschatz hüten, wie jene, die bislang nur mit ihren Blicken sehnsüchtig darüber hin gewandert sind.

Zwar ist die Woche zuvor Neuschnee gefallen, aber kein noch so winziger Rest vermochte bis hier zur Hütte der noch immer intensiven Sonneneinstrahlung standzuhalten. Im Gegenteil. Von den oberhalb der höchsten abgegrasten Weiden sich hinziehenden Felsen strömt die wohlige Wärme eines ganzen Sommers zu uns herab. Nur Schafe mit ihrem langen, seidig schimmernden Pelz verbleiben als letzte Lebewesen in dieser sonst völlig verlassenen Welt.

der sich herabsenkenden Nacht löst uns vom Bann der Farbensymphonie und dem Zauber der Entrückung. Der Eintritt in die Hüttenwärme und das tröpfelnde Geplauder der wenigen Gäste empfinden wir als Rückkehr in ein geborgenes Leben.

Aufstieg zum Bishorn Morgens um drei Uhr in der Sommerzeit schaukeln allein unsere beiden Lichter durch eine pechschwarze, mondlose Nacht, nachdem sanft flackerndes Kerzenlicht das einsame Morgenessen begleitet hat. In den Ohren klingt noch die aufdringlich-munter plaudernde Stimme der Schlafgenossin, deren drohender Wortflut - wir wähnten uns allein im Raum - uns nur eilige Flucht hat entziehen können. Zwei, drei gähnende Spalten, schon eher offene Mäuler, säumen die Spur und entlassen uns in die Monotonie des fast schnurgeraden Aufstiegs. Noch vor dem ersten Tagesgrauen erscheint über dem Horizont die ausserordentlich scharf umrissene und fili-granfeine Silhouette der dünnen Mondsichel -ihr ganzes Licht hat sie allein an den Saum des Kleides verschwendet - der Rest ist schwarze Nacht. Die zunehmende Steigung im leicht gefrorenen Schnee ruft nach den Steigeisen -was stets etwelche Probleme mit sich bringt. Dies, weil Steigeisen eigentlich unverrückbar an den Schuhen festsitzen und nicht nach fünf Schritten lose im Schnee liegen sollten - als läge ihr Zweck neben den Schuhen. Aber Bergführer sind an Unzulänglichkeiten ihrer Gäste gewöhnt. Die den Stempel von Martins Improvisationskunst tragende Reparatur übersteht dann auch die Eis- und Felsschwierigkeiten eines langen Tages. Zuletzt das Pech mit dem von der Feldflasche abgesprungenen Dichtungsgummi; ein minutenlanges Suchen wäre lohnend gewesen, weil Tee, der in die Reservewäsche fliesst, für den Durst unwiederbringlich verlorengeht.

Glutrotes Feuer begrüsst uns oben auf der Kuppe des Bishorns: die aufsteigende Sonne. Sie lässt das Meer der aus schwarzem Grund emporstrebenden Gipfel an ihrer Strahlenflut teilhaben, verweist die Dunstschleier in den höheren Norden und verspricht ungetrübtes Geleit durch einen ganzen Tag.

Eine einzige Partie hat seit dem letzten Schneefall den Nordgrat überschritten; ihre Tritte auf- und abwärts hinterliessen das zierliche Bild einer feingliedrigen Perlenkette. So wird der Gang hinunter ins Weisshornjoch zur inneren Vorbereitung; einmal auf das seiltänzerische Gehen entlang der Gratschneide eines doch von recht steilen Flanken gebildeten Firstes und zum andern auf die gleicherweise luftige, wenn auch bis zum Grossen Gendarmen hin unschwierige Kletterei in den anschliessenden Felsen.

Der Grat Im Joch angelangt, ist der zerrissene und wilde Felsgrat dem Auge entrückt, verborgen hinter der weissen, spielerisch-elegant geschwungenen Kammlinie, die sich hoch über uns mit einem Kobaltblau vermählt, wie man es wohl einzig im herbstlichen Wallis jenseits der Viertausendergrenze antreffen mag. Die Zacken unserer Eisen greifen in den festen, jedoch nicht hart gefrorenen Schnee; das gestattet, mit jenem minimalen Kraftaufwand auszukommen, den vom Glück begünstigte Bergführer schätzen, wenn sie ältere Gäste über solche Fährnisse zu führen haben. Auf Punkt 4203, wo das felsige Teilstück der Route ansetzt, steilt sich der Grat dann um so wuchtiger auf. Die Frage, wie diese kantige Nase -allein die Löcher fehlen darin - überlistet werden soll, verstummt aber einstweilen im spitzen Kratzen der Steigeisen auf dem arg zerborstenen Gestein und der Konzentration, die uns diese Passage abfordert. Bereits liegen beträchtliche Schneemengen in allen Vertiefungen zwischen den Blöcken. Widerlich kreischend gleiten die Spitzen bisweilen über den Fels - das Vorankommen unangenehm er- schwerend. Doch mehr wiegt der feste Halt, den die stählernen Zähne im gefrorenen Schnee vermitteln. Sonnenwärme beginnt Körper und Felsen zu entfrosten, nur im Schatten herrscht noch eisige Kälte; die Finger bleiben dankbar für den Schutz der Handschuhe. Den grösseren Teil können wir mit aufgenommenem Seil gemeinsam gehen. Bei zwei kurzen Abkletterstellen bin ich jedoch froh, mich gut gesichert zu wissen. Und dann steht er unmittelbar vor uns, der vielleicht dreissig Meter nahezu senkrecht sich emporschwingende Grosse Gendarm mit seiner eckig auskragenden Nase. An seinem Fuss eine fast ebene Platte, wo wir in Ruhe die Steigeisen lösen; eine steinerne Tafel von angenehmer Neigung, einem Probierschemel in Schuhgeschäften nicht unähnlich - exklusiv einem einzigen Kunden reserviert, nur mit viel mehr Luft links und rechts, aber auch mit sicherer Lehne versehen, falls der Tiefblick Unruhe verursachen sollte.

Martin quert die feingriffig gewordene und mit Schnee verklebte Wand vorsichtig und verschwindet turnend in der von meinem Standort nicht einzusehenden Verschneidung. Langsam nur läuft das Seil durch meine Hände, stille Minuten zurücklassend. Nach dem Einziehen dann der Ruf:

Hat zuvor die Schwierigkeit im Fels noch unsere ganze Aufmerksamkeit erfordert, so befreit nun die vor uns liegende, schlangengleich verschlungene Spur mit dem jetzt schon meist sichtbaren und nur ab und zu wieder verschwindenden Gipfelkreuz die Gedanken aus ihren zwingenden Bahnen. Die Monotonie der Schritte, vorgeschrieben durch den nicht mehr als zwei Sohlen breiten Giebel, lässt die Höhe deutlicher empfinden, die Müdigkeit steigt in die Glieder und die Gedanken kreisen häufiger um das narrende Signal. Dazu melden sich Muskelkrämpfe, die an mangelnde Flüssigkeit erinnern...

Blick vom Bishorngipfel auf den Weisshorn-Nordgrat Photo Mathias Schnyûer Der Weisshorn-Yeti Da unterbricht ein metallisches Klimpern die alpine Stille - irgendwo aus der Westwand muss es stammen. Da, richtig, zwei oder drei Seillängen unter dem Grat kämpft sich ein Mensch die tief verschneite Steilwand hinauf. Wir suchen vergebens nach einem Gefährten am Ende des vor ihm herlaufenden und straff gespannten Seiles - er ist allein. Dabei fixiert er den Rucksack am Standplatz, sucht sich die Route aufwärts, sichert, klettert höher, sichert wieder, bis er schliesslich den Standplatz einrichtet. Nun klettert er am Seil zurück, holt den Rucksack, steigt erneut empor, gleichzeitig die Zwischensicherungen mitnehmend. So durchklettert er die Wand praktisch zweimal. Zwei Biwaks hat er bereits hinter sich, wie er uns am andern Morgen unten in der Weisshornhütte erzählt, nachdem er kurz vor Mitternacht über die Hüttenschwelle getreten ist. Er sei die Tour der Air Zermatt und dem ihn be- handelnden Arzt schuldig gewesen, ihnen, die ihn im letzten Winter aus der Wand geholt hätten wegen Erfrierungen an den Zehen. Nun sei ihm - bei winterlichen Verhältnissen und sommerlichen Temperaturen - die Tour geglückt.

Die vielen Falten in seinem Gesicht, die wirren Haare rundum und die nackten Fusse mit den beiden nagellosen grossen Zehenstum- Auf dem Weisshornjoch. Noch steht die Sonne erst knapp über dem Horizont mein, die an kleine, gebundene Säcke gemahnen, erzählen mehr als seine Worte. Und als er mir am andern Tag eingangs Visp begegnet, wie ein bummelnder Wandergeselle, da scheinen die fröhlich am prallen Rucksack baumelnden Karabiner, Eisschrauben, Hammer und Schlingen allein des Gleichgewichtes wegen dort zu hängen.

Gipfelrast Die Szene hat uns die Zeit verkürzt. Wir stehen auf dem Gipfel. Als wir uns die Hand zum Gruss schütteln, passiert die Sonne eben den Zenit, und wir haben Zeit, den drei Gratlinien nachzublicken, die rund um uns in die Tiefe führen.

Der Schaligrat hält seine Schwierigkeiten unter Schnee und Abstürzen verborgen, und der durchmessene Nordgrat versteckt seinen charakteristischen Wächter hinter dem gutmütigen Schneegrat.

Alle stehen Spalier, die Walliser Regenten -selbst das Matterhorn muss hier ins Glied zurücktreten.

Aber sie präsentieren sich doch alle in ihrer charakteristischen Eigenart und sind von keiner, auch nicht der kleinsten Wolke getrübt und frei von allem Dunst. Jenseits des Monte Rosa gleisst über dem Süden der Smog der Poebene wie mattes Silber, und aus dem tiefsten Südwesten grüsst noch der Monte Viso, den dort blaugrau erscheinenden Dunst weit überragend; eine zierlichere Berggestalt als der mächtige, von schweren Granitfluchten gestützte weisse Dachfirst Europas. Im Norden steigen kleine Kumuliwolken auf und spielen neckisch um die bekannte Silhouette der Berner Alpen.

Abstieg Noch liegt die Wegspur zur Weisshornhütte tausendfünfhundert Meter tiefer, als wir die ebenmässige Treppe der Abstiegsspur am steilen Ostgrat betreten. Auch hier weist der Schnee ideale Festigkeit bis hinunter zum Felsgrat auf. Doch manchmal wird er schmal, auf steilen Flanken mit teils blank glänzenden Eisfeldern thronend. Später, im felsig werdenden Abschnitt, wo viel Schnee zwischen den Blöcken lagert und manche kurze, aber äusserst ausgesetzte und bisweilen nur noch fussbreite Schneekante zu überschreiten ist, wird der Gang kritisch; die südliche, besonnte Seite ist sulzig-ballig, die nördlich-schattige hart gefroren. Rudernde Arme helfen, das Gleichgewicht zu bewahren, und leicht gelockert, sozusagen geläutert, treffen wir auf den wackelnden Abseildorn am Lochmatterturm -er hat unser Vertrauen nicht enttäuscht.

Bald sollten wir diesen jämmerlich zerborstenen Grat verlassen können. Tatsächlich ziehen sich nach dem nächsten Turm ( Punkt 3915 ) Trittspuren in die von Trümmern durchsetzte Südflanke hinaus. Unverzüglich wird der Abstieg zum Ratespiel um Spuren und Steinmännchen, über Schutt und Geschiebe, nasse Felsen und sandbedeckte glatte Platten. Wege und Irrwege schlagen sich spürbar in die Glieder, bis endlich die Spur auf dem Schnee des Schaligletschers das Suchen beendet.

Noch einmal heisst es Steigeisen an die Schuhe schnallen, nochmals über Geröll balancieren. Dann folgt wieder Schnee, und vor dem letzten Felssporn, da schau an, hat ein dünner Wasserfaden sich ein eisiges Rinnsal in den Schnee gespült. Einer kleinen Bobbahn gleich, kurvt das Wasser durch den Kännel, genau so breit, um die Feldflaschen füllen zu können.

Der jetzt sanft geneigte Weg führt uns nach unten, die Stufen werden kleiner, die Anstrengungen nehmen ab. Aus den Tiefen steigen rasch die Abendschatten herauf, drängen das verglühende Licht zu den Gipfeln empor, lassen die Silhouetten der Mischabelgruppe schärfer hervortreten - uns aber und unsere erinnerungsschweren Glieder bergen sie in den Falten der herabsinkenden Nacht.

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