Herbst in Sörenberg

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VON WALTER GROSSENBACHER, LANGENTHAL

Miti Bild ( 37 ) Wer Sörenberg hört, denkt an stiebende Skiabfahrten im schneesichern Gelände desHundsknubels, wo sieben Drahtseile abfahrtshungrige Skifahrer in die Höhe hissen. Sicher denkt er dabei auch an die dort betriebene modernste Alpwirtschaft, das heisst an Viehställe, die neben einer Musikbox eine pickfeine Herren- und Damentoilette aufweisen. Der Einfluss solcher Unterkünfte auf das Alpvieh wurde bis jetzt leider noch nicht untersucht, dagegen eignen sich solche Ställe gut zur Bewirtschaftung hungriger und durstiger Skifahrer, und da eine gewisse Desinfektion ratsam scheint, fliesst der « Träsch » in Strömen. Dass jedoch diese Mehrzweckställe mit einer Schnaps-Pipeline ausgerüstet sein sollen, scheint nicht den Tatsachen zu entsprechen.

So weiss denn jeder, dass, wenn nirgends mehr Schnee liegt, ganz sicher Sörenberg prächtige Abfahrten bietet, und er wird bei Gusti Bieri zur Schwarzenegg auf der Schwand und weiter in den bewährten Wirtschaften des Dorfes den einheimischen « Köhli » finden, der jedoch gar nicht schwarz, sondern eher durchscheinend ist wie chinesisches Pergament. Und je durchsichtiger er ist, um so rassiger die Abfahrt.

Wer allerdings von Sörenberg im Sommer oder sogar im Herbst spricht, der stösst auf mitleidvolles Lächeln. Ob mit Recht? Wir wollen sehen!

Über grünen Weiden, bunten Ahornen und dunkeln Fichtenwäldern ragt im Westen ein urzeitliches, nacktes Felsgebilde in die Höhe, wie es in der ganzen Schweiz nicht zu finden ist: die Karrenfelder der Schrattenfluh. Ihre höchste Erhebung, den Hengst ( 2093 m ), kennen wir bereits vom Winter her, bietet er doch bei etwa vierstündigem Aufstieg ab Hirsegg im Frühling eine der genussreichsten Abfahrten dieses Gebietes.

Im Herbst wollen wir den Aufstieg romantisch gestalten: Von der Schlundhütte ( 1479 m ), wohin seit kurzem ein schmales Autosträsschen führt, wandern wir zur Alp Klus(etwa 2 V2 Stunden ), und schon stehen wir im Glanz der Berner Alpen. Den nahen « Böli » ( 1864 m ) umschweben drei Adler, die in seinen Flühen ihren Horst besitzen. Sofern wir dazu ausgerüstet sind, machen wir einen Abstecher in die vor kurzem entdeckte Höhle auf der Südostseite des « Böli »: Es soll sich um die grösste Berghöhle der Schweiz handeln. Noch sind jedoch die « Neuenburger » an der Arbeit und haben die riesigen Gänge in die Eingeweide der Schrattenfluh noch nicht völlig erforscht.

Wir wollen jedoch ans Licht, und zur Freude der Kinder steigen wir auf steilen Wegspuren über die Ostkante des Schibegütsch, überqueren den Grat und verschwinden in alten militärischen Stellungen auf der Südseite des Schibegütsch. Der Laufgang führt uns zum ehemaligen « Kemiloch », das vom Militär durch ein künstliches Kamin erweitert worden ist und worin eiserne Leitern etwa 30 m in die Höhe und zu einer alten Artilleriestellung auf der Ostseite führen. Nun haben wir die Höhe schon fast erreicht, und auf einem guten Weglein erreichen wir den Gipfel des Schibegütsch ( 2040 m ). Obschon uns der Ausblick über die senkrechten Wände ins Kemmeribodenbad und in die nahen Berner Alpen schon genug des Lohnes für die Tour entrichtet hat, wandern wir in etwa eineinhalb Stunden angesichts der Berner Alpen auf gutem Weg über die Gräte hin zum Hengst ( 2093 m ), und nun kommt der zweite Clou der Tour: Durch die wilden, weg- und steglosen Karrenwände hat der Verkehrsverein einen Abstieg gut markiert, der uns an die wilden Felsszenerien der Wildwestfilme erinnert. Der Mann, der diesen Abstieg fand, muss den Faden der Ariadne in Händen gehabt haben. Völlig ohne Übersicht steigen wir durch kleine Schluchten, über bizarre Felsgrätchen und geneigte Karrenfelder, die wie Gletscher zu begehen sind, und landen schliesslich am Eingang einer Höhle, in welche wir noch zum Vergnügen der Kinder ( wenn wir das nötige künstliche Licht bei uns haben ) einen Abstecher machen. Aber schon sind wir nach etwa eineinhalbstündigem Abstieg wieder im Schlund, wo wir unsere Benzinkutsche besteigen. Die ganze Tour ist ein Ausflug in die Einsamkeit und damit zu uns selber, umgeben von bizarrer, fremdartiger Natur, mit Ausblick auf die Firne des Berner Oberlandes, und wir fallen zurück in romantische Knabenträume und blicken dabei hinauf zu den Silberfirnen, die uns Symbol für unser Alter sind.

« Aber », wird der Mauerläufer sagen, « da ist ja kein Wort von Schwierigkeitsgrad, und mit einer solchen Sirup-Tour missbraucht man die kostbaren „ Alpen°-Seiten! » Nur Geduld! Gehen wir vom Hengst weiter gegen Norden, übersteigen die tiefen Karrenschründe der Hächlen ( 2092 m ), so gelangen wir an den Fuss von vier Zähnen, die wie ein Sägeblatt den Schrattengrat unterbrechen. Es sind die Hefti- oder Hächlenzähne ( 1970 m ). Man erreicht sie auch direkt ab Hirsegg ( 2Y2 Stunden ) oder über den Strick von Flühli her. Hier an diesen etwa 50 m hohen Zähnen mit glattauf-strebenden Wänden herrscht munteres Treiben. Wir verbinden uns mit dem Seil und schalten auf den zweiten, ja sogar den dritten Gang. Unzählige Routen, mit oder ohne Überhang, einige künstlich und die meisten frei, führen über den säubern Schrattenkalk, kleingriffig oder auch gutgriffig durch Felsenfenster, Kamine, Schluchten, Bänder, Abseilstellen usw. auf diese Spitzen, immer im Anblick der Berner Riesen und des Dorfes Sörenberg. Wie ich, am Seil des gewichtigen Luzerner Grossrates, auf Zahn III und der kleinen Hächlennadel stehe, da vermeinen wir ein leises Schwanken der Spitze zu verspüren; vielleicht ist daran die zuvor eingenommene « Stärkung » schuld. Da wir jedoch schon stark an Seilbahnen gewohnt sind, macht sich Alex den Jux: er wirft wie ein Cow-boy das Seil vom dritten auf den vierten Zahn, befestigt es, und schon pendeln die zweibeinigen Bergameisen in Sitzschlinge und im Karabiner über dem 30 m tiefen Abgrund. Auch so kann man Berge besteigen!

Von den Heftizähnen, hinter dem Dorf Sörenberg, sieht man einen wilden Talabschluss: die Wände des Giswilerstockes. Bequem, wie wir eben im Zeitalter der Motorisierung sind, tun wir den « Tiger in den Tank » und fahren die neue Panoramastrasse auf die - nach oft gehörter Meinung -schönste Alp in unserem Voralpengebiet, die Jänzimatt ( 1643 m ). Nach halbstündiger Wanderung über den Alpbogler steigt ein munteres Grätchen auf die Schafnase ( 2014 m ). Eine leichte Kletterei im ersten Gang führt uns auf die Krete und über den fast senkrechten Wänden bis zum Krinnenpass ( etwa l1^ Stunden ). Wieder winken uns die Silberfirne der Innerschweiz und des Berner Oberlandes, und die Gemsen springen grundsätzlich nur in Rudeln herum, denn wir sind im Bannbezirk.

Wie aber wäre es mit den Wänden? Sintemal Alex das stolze Abzeichen eines Bergführers auf der Brust trägt, sehen wir uns diese näher an. Da ich persönlich jedoch keine Vorliebe für den Schlosser-beruf habe und unsere Zeit zu knapp bemessen ist, steigen wir in die erschlossene Route vom Krinnenpass über die Südwestkante. Wohl, da herrscht ein anderes Klima als in den handlichen Heftizähnen. Knirschend schalten wir in den vierten Gang. Die Sache beginnt mit einem 80 m hohen, fast senkrechten Felssturz, dessen Fuss in wenigen Minuten vom Krinnenpass erreicht wird. Den Tourenführer haben wir im Auto liegen lassen, und ich habe nur die ( falsche ) Erinnerung, der Einstieg sei etwa 10 m links von der Krete des Krinnenpasses. Richtig, dort ist ein ausgeprägtes Kamin, aber wie Alex einsteigt, wird er derart nach aussen gedrückt, dass er ohne Eisen nicht hinaufkommt Also heisst es, anderswo suchen, und richtig, direkt unter dem Überhang steigt von links ein schmales Felsbändchen zur senkrechten Südwestkante, die kleingriffig überlistet werden kann Ein Haken gibt den sehr notwendigen moralischen Halt. Die Kante wird jedoch bald unmöglich, und es geht wieder links in eine Rissfolge mit neuer Hakensicherung. Doch auch diese ist plötzlich zu Ende. Es folgt nun eine sehr heikle Traverse in die Wand nach links mit drei weitern Haken, die in schöner Kletterei wieder zur Kante und auf den Gipfel der Krinnenfluh ( oder Rossfluh, ca. 2080 m ) führt. Zeitbedarf etwa eineinhalb Stunden ab Krinnenpass.

So, nun hoffe ich, sei auch der Maueramateur befriedigt, und wir haben einen möglichst hellen « Köhli » verdient, sitzen zusammen mit dem komponierenden und jodelnden Verkehrsvereins-präsidenten, dem ungekrönten König des Marientals, und nehmen mit Überraschung wahr, dass nicht nur Berg und Schnee von Sörenberg uns warm werden lassen, sondern auch die dortige Bevölkerung, die, einfach geblieben, den Gästen ihrer Berge eine freundschaftliche Aufgeschlossenheit ohne jede Servilität entgegenbringt.

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