Herbstliche Traversierung der Engelhörner

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Von Robert Schönbächler

Mit 4 Bildern ( 123-126Zürich ) Als ich das erste Mal in den Engelhörnern neben meinen Lucendro-Klubkameraden vom Froschkopf aus bei prachtvollem Wetter Gipfelschau halten durfte, fiel mir jene Gipfel-reihejenseits des Ochsentals auf, die sich vom Gemsensattel her in nördlicher Richtung nach den bekannteren Simelistöcken hin zieht. Immer noch gegenwärtig ist mir der Blick auf die senkrecht erscheinenden, nur spärlich durchfurchten Plattenwände und die winzigen sich bewegenden Punkte von Seilschaften, die sich alle über die oberste Gratkante von Süden nach Norden bewegten. Und als ich an jenem Sonntagabend den begeisterten Gesprächen dieser Kameraden lauschte, nachdem sie vom Simelisattel her wieder in der braungebrannten Engelhornhütte eingetroffen waren, richtete sich in meinem innersten Wunsch-Schatzkästlein ein leuchtendes Plätzchen ein, auf dem die sechs Gipfel der Mittelgruppe, in ihrer Süd/Nord-Reihenfolge: Gemsenspitze, Klein Engelhorn, Mittel-, Ulrich-, Gertrud- und Vorderspitze, immer und immer wieder aufglänzen sollten.

Meine nächste Engelhornbegegnung liess mich infolge ungünstiger Witterung von der vorgesehenen Tour über die Mittelgruppe nochmals abbringen, ermöglichte aber trotzdem eine sehr hübsche Besteigung in der Westgruppe, die Tannenspitze. Wiederum hatten Augen und Gedanken nach der Mittelgruppe gezielt, bis dass sie prächtig gelang:

Höher und höher arbeitet sich mein Kamerad durch die oberste, kaminartige Rinne zum Gemsensattel hinauf. Als Vordermann leistet er beim Bewältigen des hier an die 50 cm hoch liegenden Neuschnees Schwerarbeit. Doch nicht nur in dieser ausgesprochenen Nordlage hat letzterer sich angesammelt. Auch auf dem Urbachengelhorn, den Bergen ums Gauli und dem Wetterhorngipfel liegen neue weisse Pelzchen. Ja selbst bei den Prinzen ob dem Teufelsjoch vermag des letzteren Wärme der schon früh diesen Herbst herabgetanzten Engel-federchen nicht mehr Herr zu werden. Noch besorgteren Blickes verfolgen wir jedoch die Nebelwalze, die vom Oberland her bis über Hühner- und Bächlistock drückt. Imposant und zugleich mahnend wirkt auf uns das dort sich im Gang befindliche Spiel zwischen dem daherziehenden Nebel und den immer wieder zum Vorschein kommenden Felsen. Angesichts der prächtig gestuften und überdies sonnenbeschienenen Felsen des Südgrates der Gemsenspitze ist es uns aber ein leichtes, aufsteigende Bedenken wegen eines möglichen Wetterumsturzes abzutun. Wir erinnern uns auch des Wetterberichts von gestern, der für ein paar Tage « schönes Wetter bei leichter Bise » vorausgesagt hatte. Obschon uns klar ist, dass von nördlichen Winden keine Rede sein kann, beurteilen wir das Wetter mindestens vorläufig als gut, zumal es nach der Richtung des Brünig sonnig ist. Ja schliesslich geraten Emil und ich in jenes gefährliche Einander-Überbieten mit Herausfinden von nur vage oder überhaupt nicht vorhandenen Schönwetterzeichen, bis wir uns durch den Anblick der Wolkenwalze im Rücken wieder in die Wirklichkeit zurückfinden und uns sagen müssen, dass das Wetter doch alles andere als sicher zu bewerten sei.

Prächtige Felsen, wohltuender Sonnenschein und eine gute Verfassung bringen uns behende weg vom Gemsensattel, und als wir mit Erreichen der Gemsenspitze sozusagen die ganze Gratlinie der Mittelgruppe vor uns sehen, spricht 's in meinem Innern, und wohl auch, bei meinem Kameraden: « Hut muesch sie mache. » Durch eine Reihe von kurzen Kaminen und über Stufen gelangen wir auf das Klein-Engelhorn, auf dessen Gipfelplatten wir erstmals Neuschneeflecken antreffen. Dem Gipfelbuch entnehmen wir, dass vor 10 Tagen ein Meiringer Bergführer mit einer Touristin als letzte Partie vor uns die Mittelgruppe überschritten hatte. Nebelfetzen steigen schon vom Urbachtal, dessen Matten und Heimetli wir eben noch bewunderten, zu uns herauf, und wie Emil die letzten Abseilvorbereitungen oberhalb des Sattels vor der Mittelspitze trifft, umstreicht uns auch schon dichter « Dampf ». Noch spricht aber die Sonne ihr gewichtiges Wörtchen mit* denn schön erwärmte und gutgriffige Felsen lassen uns im Aufstieg zur Mittelspitze einen kleinen Überhang, dann zwei von Menschenhand einzementete Röhren als Sicherungsmittel und unmittelbar nachher die uns gestreckt vorkommende Gipfelschneide erreichen. Wenn auch die Oberländer Wolkenfront inzwischen bedenklich näher gerückt ist, die Ulrichspitze, unser Ziel zur Mittagsrast, betreten wir noch mit Sonnenschein nach Überwindung eines der gutgestuften Kamine von der Urbachfianke her.

Während wir unsern einfachen Znüni essen, vernebelt sich die imposante Umgebung, und bald verstummt auch unser Gespräch über die noch vor Augenblicken sichtbar gewesene Kingspitz-Nordostwand. Noch schien es uns kaum möglich, dass Hermann Steuri mit Gefährten im Jahre 1938 erstmals einen Aufstieg durch diese steile, stark durchschluchtete und doch wieder nur fein geritzte Flanke mit ihren furchterregenden Plattenschüssen fand.

Im Abstieg zum Sattel Ulrichspitze-Gertrudspitze müssen wir uns erstmals wegen des daliegenden Neuschnees ernsthaft in acht nehmen. Tadellos ist der Fels aber wieder auf der gegenüberliegenden, von der Sonne offensichtlich länger beschienenen Flanke zur Gertrudspitze, deren untersten gelblichen Überhang wir schon von weitem ins Auge fassen. Obschon wir uns noch in den ersten Nachmittagsstunden befinden, treibt uns dunkel hereinbrechender Nebel zu grösserer Eile an. Unsichtbare, überraschend über unsern Köpfen daherbrausende Düsenjäger, die wohl vom nahen Militärflugplatz Meiringen/Unterbach aufgestiegen waren, lassen uns auf eine Wetterbesserung hoffen. Wir geben uns indessen keinen Illusionen mehr hin. Mit « Hochdruck » überqueren wir den gut sichtbaren, rechter Hand sich befindenden Kamin oberhalb der gelblichen Felsen und schaffen uns über die rechte Kante zur Schulter unmittelbar neben der Gertrudspitze hinauf. Gleichzeitig fallen Tropfen, langsam verschwindende dunkle Spuren von Hosenknopfgrösse auf den verwitterten Kalkfelsen hinterlassend. Wie wir die Gertrudspitze passieren, beginnt es sogar heftig zu rieseln. Bei den folgenden Platten im Abstieg nach der Vorderspitze hängen auch wir eine Abseilschlinge zu den bereits vorhandenen, ziehen unser Seil durch und gleiten so schnell als möglich, das Seil quer über den Bauch nehmend, den Körper möglichst rechtwinklig gegen die glitschig gewordenen Platten anstemmend, vornüber in die Tiefe.

Haben die Schwierigkeiten bei normalen Wetterverhältnissen nun ein Ende, so sehen wir jetzt den feinen Regen in Schneefall übergehen, dies angesichts der noch vor uns liegenden 700 m Höhendifferenz bis zur Engelhornhütte. Noch ist es anfänglich nur ein- Rieseln, das bald aufzuhören scheint. Mit der Ankunft auf der Vorderspitze, unserer letzten zu überwindenden Graterhöhung, schliesst sich der tiefliegende dunkle Wolkenkranz jedoch vollends, und Nebel beginnen sich überall festzukrallen. Der grosse Simelistock, fortan unser Richtungspunkt, taucht nur noch hin und wieder auf. Zudem liegt die ganze, vor uns liegende Nordflanke, durch welche wir unsere Abstiegsroute zu legen haben, unter einer nassen, 10-20 cm hohen Schneedecke. Wir entschliessen uns, einem noch einigermassen aperen Felsgrätchen direkt Richtung Simelisattel zu folgen. Wohl möchten wir springen und in Sätzen hinunterturnen, allein die nassen Felsen, der daliegende schwere Schnee, der Nebel, der wieder in einen ausgiebigen Regen übergehende Schneefall, nicht zuletzt unsere zum Teil schon arg mitgenommenen Kletterschuhe und ein leichtes Frösteln verbieten uns das. Ganz langsam, einer nach dem andern, steigen wir ab, erreichen unter grossem Zeitaufwand den Simelisattel und finden glücklich die Wegspuren, die uns nach der Richtung des Ochsentales führen.

Mittlerweile ist es schon Abend geworden, als ein kräftiger Westwind das Regengewölk wenigstens für kurze Zeit etwas lichtet und trocknend durch unsere Kleider fährt. Haben wir das im vortrefflichen Führer erwähnte Felsenloch zwischen der ersten und zweiten Steilstufe im Abstieg vom Simelisattel gut gefunden, so passiert uns kurz darauf ein arger Verhauer, als wir zu viel nach links halten und in steil abstürzende Plattenschüsse geraten. Wir erfahren, dass uns unser sonst den ganzen Tag sehr gut arbeitender Spürsinn just in dem Moment im Stiche gelassen hatte, als wir glaubten, der Route sicher zu sein. Die Nacht schickt bereits ihre ersten Schatten voraus, wie wir einen rostigen Mauerhaken mit einer fadenscheinigen Abseilschlinge oberhalb einer glatten, ca. 10 m hohen Platte entdecken. Unglaublich, wieviel Mut in solcher Situation ein so angerostetes Ding auszustrahlen vermag, sagt es uns doch, dass hier auch schon andere falsch gegangenen sind und, wie wir annehmen, mittelst Abseilens den Ausweg gefunden haben. Mit dem Kletterhammer prüfe ich den Sitz des vorgefundenen Hakens - wir können ihm vertrauen. Dem Drängen meines Kameraden, neben dem Partieseil doch auch zusätzlich das Reserveseil durch die von uns neu angebrachte Abseilschlinge zu ziehen, gebe ich schliesslich nach, auch ich verspreche mir einen möglichen Zeitgewinn. Meine Ahnung, die zusammengeknoteten Seile wegen der Nässe und der Lage der etwas zu kurzen Abseilschlinge nur mit Mühe einziehen zu können, bewahrheitet sich dann aber leider 30 m weiter unten. Trotz Anwendung aller erdenklichen Kniffe gelingt es uns nicht, die beiden Seile herunterzubekommen. So « hisse » ich mich nochmals hinauf zum Haken, ziehe dort das Seil soviel als möglich auf eine Seite, seile am verbleibenden Doppelseil hinunter und bin mit meinem Kameraden froh, jetzt unsere Seile einziehen zu können.

Wie wir die noch vor uns liegenden, besser gegliederten Felsen nach den weiteren Abstiegsmöglichkeiten abschätzen, gewahren wir zu unserem nicht geringen Erstaunen zwei Männer, die durchs Ochsental in unserer Richtung aufsteigen. Wir fragen uns, was das wohl zu bedeuten hat, und in Gedanken mache ich mir schon Vorwürfe, die Tour am Morgen trotz des drohenden und dann auch eingetroffenen Wetterumbruchs mit meinem Kameraden fortgesetzt und dadurch bei allfälligen Beobachtern im Tal eventuell Anlass zu Befürchtungen gegeben zu haben Glücklicherweise stellt es sich aber nach dem Ausstieg aus den Felsen heraus, dass es zwei liebe, junge Kameraden der Sektion Uto sind, die, am Mittag in der Engelhornhütte eingetroffen, uns noch kurz vor dem Nebeleinfall auf der Ulrichspitze beobachteten, und unsere Rückkehr in die Hütte längst erwartet haben. Herzlich begrüssen wir die Kameraden, die sich so sehr um uns sorgen, worauf wir gemeinsam im Lichtschein der von ihnen mitgebrachten Petrollaterne nach der sonst verlassenen Engelhornhütte absteigen.

Hier kann mein Kamerad seine « Finken » grosszügig zum Brennholz legen - kein Schuhmacher würde sie ihm mehr flicken können. Strapaziert sehen auch unsere Gesichter aus, und wohltuend wirkt der von den Kameraden gespendete Tee. Das inzwischen endgültig regnerisch gewordene Wetter gebietet uns, nochmals eine Nacht in der nach dem Umbau geräumig erstandenen Engelhornhütte zu verbringen, worauf wir am Morgen früh, nach nochmaligem stillen Dank an unsere zurückgebliebenen Kameraden, in die Tiefe zur Kaltenbrunnensäge eilen.

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