Hermann Walser: Zur gegenwärtigen politisch-geographischen Stellung der Schweiz

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In einem sehr kleinen Dossier, überschrieben „ Unparteiische Zeitungsartikel aus dem Weltkrieg ", bewahre ich unter meinen Papieren die wenigen Dokumente auf, die in der Hochflut der parteiischen, patriotisch-chauvinistischen Propagandaliteratur der Kriegführenden und der nur nach einer Seite Neutralen sich selbständig zu behaupten wußten als rari natantes in gurgüe vasto. Das beste Stück in dieser Sammlung ist unstreitig Walsers Broschüre. Denn sie entstammt der Feder eines berufenen Richters; ihre Beweisführung ist streng wissenschaftlich und verrät einen kühlen Kopf bei einem warmen Herzen. Dazu kommt eine hinreißende Darstellungsgabe, welche das kernig Erfaßte mit den schlichtesten Worten wiedergibt, die wahre Eleganz, wie man sie einst Caesars Commentarien nachrühmte. Ich weiß mir, um meine Meinung klar zu machen, kein anderes Mittel, als einige der Hauptsätze Walsers zu wiederholen: „ Die biologische Lehre vom Konkurrenzkampf der lebenden Geschöpfe um den nicht vermehrbaren planetarischen Lebensraum wirft ein grelles Licht auf die Geschichte der Völker und Staaten. Dort wie hier ein Ringen um Erhaltung der Sippschaft, in welchem eine Verbindung roher Kraft und listiger Anpassung den Sieg davonträgt.Die Gegenwart erleidet die fürchterlichste Auslösung des um den Lebensraum gehenden Staatenkonflikts, die die Geschichte je gesehen hat.Es sind fast lauter geographische Motive und Ziele, um die es sich handelt, hier im Ausdehnungs-, dort im Erhaltungsdrang. " Über die Stellung des schweizerischen Staates innerhalb dieses Konfliktes bemerkt Walser, nachdem er dessen kleine Grundmacht, die durch günstige Verkehrslage mehr als durch Ausdehnung der Nähr fläche bedingte Wertigkeit unseres Natur- gebieten, den auch militärisch, trotz mancher Schwächen, nicht ungünstigen Verlauf unserer Grenzen, wie sie seit einem Jahrhundert festgelegt sind, und die hohe landschaftliche Schönheit unserer Heimat hervorgehoben hat, daß „ die Schweiz als binnenländischer Kleinstaat gerade noch ein Territorium von lebensfähigem Wuchs sei ", dem aber nichts mehr abgeknappt werden dürfe ( „ der Verlust jedes einzelnen Hunderts von Quadratkilometern an Flachland würde die Schweiz empfindlich treffen " ). Dann charakterisiert er das Wesen unseres S t a s t s v o 1 k e s nach seinen politischen Einrichtungen und seinen völkischen und sprachlicheu Differenzen, die eine innere Einheit des Nationalbewußtseins und damit ein Recht auf Existenz inmitten anders gearteter Großstaaten nicht ausschließt. Gerade hier findet Walser goldene Worte: „ Unsere politischen Institutionen machen völkische Erlösungsmedi-kamente unnötig.Geographisch, ethnographisch und politisch zugleich betrachtet, kann die Schweiz gar nichts anderes sein als eine internationale Grenzmark zwischen einem Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien. " Und umgekehrt,: „ Die Schweiz ist ein deutsch-französischer Verbindungsstaat oder sie ist nicht ", und ebenso: „ Die Alpenschweiz ist deutsch-romanisch italienisches Verbindungsland oder sie ist nicht. " Und wie Kundgebungen eines Propheten mutet es uns an, wenn wir lesen: „ Vielleicht gerade aus der Erkenntnis, daß alle Völker schließlich denselben harten und grausen Naturgesetzen unterworfen sind, schöpft die Menschheit eines Tages neu den Glauben, daß sie zur Menschlichkeit bestimmt ist ", oder: „ Eine friedesuchende, für die Kultur des Erdteils heilsame Neutralität aufrecht zu erhalten, ist für unsern Kleinstaat der einzige Ruhm, den er in dieser schweren, großen Zeit erstreben kann.BedaMion.

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