Hochtourenwoche Oisans 1955

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Mit 2 Bildern ( 181, 182Von Dory Mattenberger

( Uster ) Namen wie Meije, Barre des Ecrins, La Grave, Briançon und so weiter waren mir aus der alpinen Literatur bekannt. Oft hatte ich schon davon geträumt, in das Wunderland des Dauphiné zu fahren. Doch allein wollte ich nicht hin - und so schien sich dieser Wunschtraum vorläufig nicht zu verwirklichen.

Durch einen Zufall erfuhr ich, dass der Schweizerische Damen-Skiklub die vorgesehene Hochtourenwoche in diesem Gebiet durchzuführen gedenke, und das Glück war mir hold: ich wurde eingeladen, als Gast mitzukommen.

Über Genf-Grenoble, wo wir unsere Privatautos zurückliessen, fuhren wir an einem strahlenden Aprilsonntag in einem uralten Autobus durch eine herrliche Berglandschaft über Bourg d' Oisans, am gestauten Lac de Chambon vorbei, nach dem kleinen Bergsteiger-dörfchen La Grave ( 1450 m ), am Fusse der Meije gelegen. Es war Zwischensaison, ein einziges Hotel war geöffnet, und in diesem Hotel waren wir die einzigen Gäste, was wir restlos genossen, speziell als es galt, Auslegeordnung zu machen, um unsere Säcke umzupacken, da wir vorerst nur eine Nacht in der Höhe verbringen wollten.

In La Grave erwartete uns der junge Führer Guy Pène aus Briançon, der zu Fuss über den Col du Lautaret gekommen war, da auf unserer Seite noch ziemliche Schneemengen die Paßstrasse bedeckten. Die Schattenhänge auf der Meijeseite, die mit ihren imposanten Felswänden das Tal dominiert, waren noch bis auf den Talgrund schneeweiss, war doch in der vergangenen Nacht, nach vier niederschlagsfreien Wochen, Pulverschnee gefallen.

Der erste Hüttenanstieg ist immer etwas mühsam, und wir waren froh, als wir gegen Abend nach einem dreistündigen Aufstieg im Refuge E. Chancel ( 2450 m ) ankamen, wo wir vom Hüttenwart und seiner Frau gut verpflegt wurden. Es hatten an diesem Sonntag oberhalb der Hütte Fallschirmabsprünge stattgefunden, so dass die Hütte auch ohne unsere avisierte Ankunft bewirtet gewesen wäre. Le Râteau ( 3803 m ) und La Meije ( 3974 m ) waren unterdessen bedeutend näher gerückt, doch in ihrer ganzen Schönheit konnten wir sie erst am folgenden Morgen bewundern, als wir über den Glacier de la Girose zum Dôme de la Lauze ( 3669 m ) aufstiegen und die gewaltige Felsbastion ständig vor unseren Augen hatten. Irgendwie ärgerte es uns ein wenig, dass es Winter war und man mit diesem Berg nicht nähere Bekanntschaft schliessen konnte. Dafür entschädigte uns eine herrliche Abfahrt vom Gipfel des Dôme de la Lauze, der einen ersten umfassenden Einblick in die wilde Gebirgswelt des Dauphiné gewährte, konnten wir doch eine Höhendifferenz von 2200 Meter in gutem Pulverschnee und nachher im Sulzschnee hinunterschwingen, direkt unter den steilen Meijewänden, die uns hin und wieder kleine Lawinengrüsse sandten.

Das Mittagessen wurde bereits wieder im Hotel in La Grave eingenommen, und den Nachmittag verbrachten wir auf der Hotelterrasse, wo wir uns etwas « braun rösten » liessen, während wir immer noch staunend diese romantische Bergwelt vor uns bewunderten. Auch der folgende Tag verlangte von uns keine grossen Anstrengungen, fuhren wir doch per Taxi auf der Strasse des Col du Lautaret bis zur Schneegrenze, von wo wir gemütlich zum Refuge de l' Alpe ( 2096 m ) aufstiegen. Das Wetter war immer noch strahlend schön, und die steilen Berge, welche das enge Tal überragen, machten einen überwältigenden Eindruck.

Damit war jedoch das Bummelleben zu Ende, und unser Führer demonstrierte dies sehr eindrücklich, indem er für den Mittwoch die Tagwache gleich auf 3 Uhr früh ansetzte, was bewirkte, dass von uns sieben zwei den Streik ankündigten und weiterschliefen. Offen gestanden fühlten auch wir uns nicht allzu glücklich, als wir « mitten in der Nacht », bei einer sibirischen Kälte, gleich zu Anfang einen gefrorenen Hang hinunterbalancieren mussten. Ein funkelnder Sternenhimmel wölbte sich über uns, während wir stundenlang über den ziemlich flachen Glacier de la Plate des Agneaux bergauf- und bergabglitten, bis wir endlich am Fusse der Steilhänge anlangten. Noch ein Stück stiegen wir mit geschulterten Ski hinauf, bis wir in der Sonne den verdienten « Znünihalt » einschalteten. Und dann wurde weitergestiegen, die Hänge waren sehr steil, und die Ski drückten schwer auf unseren « zarten » Schultern. Als der Führer einfach kein Einsehen haben wollte, entschlossen wir uns - ohne ihn - im aufgeweichten Sulzschnee eine schöne Aufstiegsspur anzulegen. Viel später trafen wir wieder zusammen, beide Teile etwas erschöpft, und setzten den Weg gemeinsam fort, die letzte halbe Stunde unter Zurücklassung der Ski und angeseilt, da auf den Graten trotz der wochenlangen Schönwetterperiode noch ausgesprochen viel Neuschnee lag.

Um 11 Uhr 30 drückten wir uns auf dem Gipfel der Grande Ruine ( 3765 m ) die Hand und staunten einmal mehr die wilden Gesellen an, die sich rings um uns aufbauten. An Grossartigkeit und Steilheit lässt sich das Dauphiné oder speziell die Oisans nur mit dem Wallis vergleichen, nur sind die meisten Skianstiege hier noch steiler. Sehr beeindruckt waren wir auch von dem Aufstieg zum Col Emile-Pic, der für den übernächsten Tag vorgesehen war. Innerlich schüttelten wir uns ein klein wenig!

Die Abfahrt belohnte uns für die vergossenen Schweisstropfen des Aufstiegs. Nach Herzenslust konnte man schwingen, und immer hatte es noch mehr Steilhänge. Nach einem kurzen Langlauf und einer mühsamen Gegensteigung waren wir nach 2 Uhr beim Mittagessen in der Hütte.

Für den nächsten Tag war eine Bummeltour auf den Pic Nord des Cavales vorgesehen. Damit man aber nicht verweichlicht werde, setzte unser Führer die Tagwache auf 4 Uhr an. Und dieser Tag bescherte uns alles, was man sich im April im Hochgebirge wünschen kann: einen nicht zu langen Aufstieg ( vier Stunden ), ein ideales Gelände ( ausgenommen ein Stück, wo die Ski über Eis getragen werden mussten ), eine ausgiebige Rast im Windschatten des Col, eine kleine Felskletterei für Liebhaber, eine traumhafte Aussicht, eine herrliche Abfahrt im richtigen Moment und zum Schluss ( wie materialistisch !) ein gutes Essen in der Hütte, wo wir bereits um 12 Uhr wieder eintrafen.

Der Nachmittag sah uns immer vor der Hütte, denn wir konnten uns einfach an diesen steilen, in der Sonne glitzernden Wänden und Hängen nicht sattsehen! Und dabei waren wir die einzige Partie im ganzen Gebiet, und die Hütten waren nur bewirtet, weil wir uns dieserhalb mit allen Hüttenwarten rechtzeitig in Verbindung gesetzt hatten. Wir kamen uns wie Entdecker vor, besonders, als wir nach eingehendem Studium der Hüttenbücher befriedigt feststellten, wie selten alle diese Gipfel im Winter Besuch erhalten. An diesem speziellen Nachmittag waren wir jedoch noch anderweitig beschäftigt, galt es doch, alle Vorbereitungen für die morgige grosse Traversierung zu treffen, und die bestanden darin, alles Überflüssige aus unseren Rucksäcken zu entfernen, dasselbe zu verpacken, den Hilfskoch mit vielen guten Worten und einigen hundert Francs zu überreden, dass er damit nach La Grave ( nächste Poststelle ) pilgere, damit das Paket an unser Hotel in Grenoble gesandt werde. Wir hatten Erfolg, wenigstens insofern, als die Sache spediert wurde, was nachher geschah, bleibt für immer unklar; fest steht nur, dass das Paket erst zehn Tage nach uns, nach unmöglichen Irrfahrten in der Schweiz eintraf - nachdem wir unser Hab und Gut längst als verloren angesehen hatten!

Früh ging man schlafen, bis auf zwei Unentwegte, die in der Küche lange und aus- giebig dem Glühwein zusprachen, was sie am andern Morgen bei der Tagwache um 3 Uhr büssen mussten, brachten sie doch die Augen einfach nicht auf. Abmarsch um 4 Uhr, zuerst den gefrorenen Hang hinunter, dann Ski an die Füsse und Langlauf, dann Ski auf den Rucksack, da nun ein langer, beinahe « überhängender » Aufstieg über Lawinenschnee begann, durch Felsen, über gefrorenes Gras, durch steile Schneehalden und was es sont noch für Variationen gibt. Dazu war es bitter kalt, was wir allerdings erst realisierten, als wir um 8 Uhr 50 den ersten Verpflegungshalt einschalteten und immer noch tief im Schatten standen, während uns gegenüber die Gletscher der Grande Ruine bereits vom Sonnenlicht überstrahlt waren. Trotz dem steilen Hang, der nun folgte, befahl unser Führer: « Ski anziehen », was wir zum erstenmal ohne Begeisterung ausführten. Und richtig: zehn Minuten später erwiesen sich die Steilheit des Hanges und der tiefe Neuschnee stärker als wir. Also: Ski ausziehen und tragen. Allmählich wurde der Glacier des Agneaux doch etwas sanfter, und der zweite Versuch, mit den Ski zu steigen, gelang. Die Sonnenstrahlen erreichten uns, und unsere Stimmung stieg sichtlich, parallel mit dem Höhenmesser. Die letzten Hänge vor dem Col Emile-Pic ( 3491 m ) mussten die Ski nochmals geschultert werden.

Wir waren begeistert, endlich - es war 11 Uhr 30 - oben angelangt zu sein, und verzichteten leichten Herzens auf den noch im Programm vorgesehenen Pic de Neige Cordier ( 3612 m ), der eine riesige Wächte aufwies, denn ein kalter Wind machte beinahe das Stehen unmöglich. Rasch flüchteten wir zu Fuss etwa 100 m tiefer, wo wir uns zu einem ausgedehnten Lunch im Windschatten niederliessen, während unsere Blicke von den stolzen Gipfeln der Barre des Ecrins gefesselt wurden. War das eine Pracht: glitzernd, wuchtig, steil! Wir waren überwältigt! Zu unseren Fussen lag der lange Glacier Blanc, von dem uns nur noch ein paar Steilhänge trennten, die wir kurz nachher voll auskosten konnten, wenn auch der Schnee etwas zu stark aufgeweicht war.

Die Cabane du Glacier Blanc ( 2500 m ) ist ein grosser Steinbau, hauptsächlich für Sommerbetrieb eingerichtet. Der Hüttenwart war kurz vor uns eingetroffen und verpflegte uns wundervoll; aber es war ausgeschlossen, die Räume richtig zu heizen. Solange die Sonne schien, waren wir draussen, nachher verkrochen wir uns unter die Decken, und während der Mahlzeiten kuschelten wir uns um den kleinen Ofen im riesigen Aufenthaltsraum.

Der folgende Tag war wieder für eine sogenannte Bummeltour reserviert, um uns für die grosse Tour vom Sonntag nicht zu ermüden. Aber trotzdem musste um 4 Uhr 30 aufgestanden werden. Es war noch kälter als an den vorhergegangenen Tagen. Wir hüllten uns ein wie für eine Nordpolexpedition und froren uns beinahe Mund und Nase ab, währenddem wir schön in Kolonne gleichmässig unsere Ski über den Glacier Blanc schoben. Kurz nachdem die Sonne uns erreicht hatte, flaute auch der Wind ab, so dass wir am Fusse des Roche Faurio, unserem heutigen Ziel, nach zweieinviertel Stunden einen Verpflegungshalt einschalten konnten. Es verschlug uns zwar beinahe den Appetit beim Betrachten der steilen Hänge der Barre des Ecrins, die sich direkt vor uns erhob, und deren eine Gipfel unser morgiges Ziel darstellte. Und das sollte ein Skiberg sein? Qui vivra, verra...

Nachdem wir uns aller unnötigen Hüllen entledigt hatten, nahmen wir die Steilhänge in Angriff - die Ski natürlich wieder auf dem Rücken - und erreichten eine gute Stunde später über einen hübschen Grat den Roche Faurio ( 3730 m ), wo wir uns zu einer ausgiebigen Gipfelrast niederliessen. Der Blick in eine uns noch unbekannte Gegend öffnete sich vor uns: la Bérarde mit seinen malerischen Hängen lag vor unseren Augen. Doch die flimmernden Steilhänge des Dôme de Neige des Ecrins zogen unsere Aufmerksamkeit magnetisch an!

Zur Abfahrt fand unser Führer noch ein paar steilere Hänge als diejenigen des Aufstiegs, überhängend nannten wir sie, und dort fuhren wir allerdings sehr sorgfältig zutal, respektive zu unserem Kleiderdepot, und dann in möglichst raschem Tempo über den etwas zu flachen Gletscher zur Hütte zurück.

Zur Feier des Sonntages wurde die Tagwache auf 3 Uhr 30 angesetzt. Wieder schoben wir unsere Ski in grosser Kälte über den Glacier Blanc. Um 7 Uhr 40 wurde am Fusse unseres Berges der erste Halt eingeschaltet. Die Sonne wärmte uns, ein strahlender Himmel wölbte sich über uns, wie immer, und nun begann der grosse Aufstieg. Zuerst durch den Gletscherabbruch, dann in forciertem Tempo unter der Abbruchstelle durch. Dann folgte windgepresster Schnee, was ausserordentlich mühsam ist. Wir hatten ungefähr die halbe Höhendifferenz hinter uns und schalteten einen Schnauf- und Photohalt ein. Die Ski wurden schon längst auf den Rucksäcken oder den Schultern getragen. Es war streng und wurde immer strenger, der Schnee war tief, aber der Hang wirklich zu steil, um die Ski anzuziehen. Eine grosse Spalte durchzieht den Gletscher. Wie hinüber? Nach einigem Suchen entdeckten wir eine schmale Brücke. Für diese etwas kitzlige Passage zogen wir die Ski an, doch dann entschlossen wir uns, sie nun zu deponieren, denn es wurde allmählich auch für die Abfahrt zu steil, besonders bei dem wechselvollen Schnee.

Glücklich, ohne dieses ewige Gewicht auf den Schultern, stiegen wir weiter. Der Bergschrund wurde überklettert - immer ohne Seil. Bald waren wir froh, nach dem vielen Schnee, etwas Fels unter den Fussen zu spüren. Es folgte ein letzter Grat, wo nun doch noch für die letzten 50 m angeseilt werden musste, und unser Traum war erfüllt: wir standen auf dem Dôme de Neige des Ecrins ( 4015 m ), einem der beiden Viertausender der Oisans. Überglücklich drückten wir uns die Hände. Der Blick schweift in die Runde, überall hat es nun Bekannte, die Berge in der näheren Umgebung erscheinen uns schon wie alte Freunde. Das gar zu Strenge hat sich verloren.

Die kurzen Sonntagsminuten auf hoher Warte verflogen viel zu rasch, und schon wurden wir in den Abstieg dirigiert. Grat, Bergschrund, Spalte, unfreiwillige Rutschpartien ohne böse Folgen, sorgfältiges Kolonnenfahren, nochmals Eis, und schon war der sanfte Gletscher erreicht. Wir beeilten uns, die Hütte zu erreichen, musste doch eine Teilnehmerin heute noch nach Hause zurückkehren, ins Tal fahren, den Abendzug nach Grenoble erreichen, und dann mit dem Auto die Nacht durchfahren, um am Morgen früh in Lausanne die Arbeit aufnehmen zu können.

Unser Bedarf war gedeckt, d.h. immer mitten in der Nacht aufzustehen, und wir streikten! Erst um 7 Uhr 30 war Abmarsch, doch nach einem zweistündigen Aufstieg, die Ski auf dem Rücken, war unser heutiges Ziel schon erreicht. Wir hatten den Col Jean-Gau-tier erstiegen und bewunderten auf der andern Seite ein Tal mit Bäumen und Wiesen. Noch ein letzter, langer Blick zu unseren in den blauen Himmel ragenden Gipfeln, und dann begann die letzte Abfahrt, die infolge stark verblasenen Wechselschnees gar nicht leicht war, vor allem weil die Steilhänge in Felspartien ausmündeten. Doch auch dies ging vorüber, und dann lud der idealste Sulzschnee, leicht wie Samt, zu einem lange dauernden Schwingen ein. Die Luft wurde milder, die verschiedenen Hüllen konnten ausgezogen werden, die Spur führte zwischen Lärchen hindurch, über murmelnde Bächlein, der Wind wehte ganz sanft und über allem lachte ein tiefblauer Himmel des Südens - bis wir plötzlich auf der Dorfstrasse von Mônetier-les-Bains standen. Wir hatten mit einer einzigen Abfahrt eine Höhendifferenz von 2000 m überwunden und befanden uns nun, Ende April, plötzlich mitten im Frühling. Auf der Sonnenseite waren die Hänge bis weit hinauf aper, nur das Tal du Grand Tabue wies noch eine zusammenhängende Schneedecke bis zur Autostrasse auf.

Wir zogen die Ski aus, lachten, waren übermütig und genossen die Wärme und die milde Luft nach zehn Tagen Hochgebirge. Nach einer sehr ausgiebigen Rast fuhren wir per Taxi nach Briançon, dieser Stadt mit den düstern Befestigungen, nahe der italienischen Grenze, dann mit Zug über Gap-Veynes nach Grenoble, wo wir gegen Mitternacht eintrafen. Am nächsten Tage erreichten wir mit den Autos die Heimat wieder, reich und glücklich, hatte uns doch das Dauphiné eine Reihe grosser Erlebnisse geschenkt.

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