Holzfunde am Findelengletscher

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Von Emil Hess.

Bei der Ausführung der jährlichen Messungen am Findelengletscher hat Depotchef Maag der Gornergratbahn erstmals im Jahre 1931 am Gletscherende Holzstücke gefunden. Seither wurden jedes Jahr anlässlich der Gletscher-messung weitere Hölzer festgestellt. Die Bestimmung ergab, dass es sich hauptsächlich um Arvenholz handelt. Von 23 untersuchten Holzproben stammen nur 6 von Lärchen. Eine auffällige Erscheinung ist die innere Deformation, welche einige Stücke, infolge des hohen Druckes, dem sie im Gletscher ausgesetzt waren, erlitten haben. Wie gross die auf das Holz einwirkenden Kräfte waren, bleibt unbestimmbar, da sich jede Probe in einem andern Zersetzungsstadium befindet.

Mehrmalige Untersuchungen am Findelengletscher führten zu nachfolgenden Feststellungen.

Der Findelengletscher ist in starkem Rückgang begriffen, im Mittel zirka 20 m pro Jahr ( siehe Aufnahme vom Oktober 1934 ). Die jeweils aufgenommenen Grenzen sind mit Farbe an Blöcken kenntlich gemacht und mit der Jahreszahl versehen, so dass jedermann die Rückbewegung feststellen kann. Man findet schon 150 m unterhalb des gegenwärtigen Gletscherendes die ersten Hölzer, meist kleinere, stark zerrissene, faserige Stücke von 10—50 cm Länge und 5—10 cm Durchmesser. Dieser Fundort entspricht ungefähr dem Gletscherende vom Jahre 1931. Wenn man sich dem Gletscher nähert, stösst man auf immer grössere Mengen Holz, unter denen auch Stücke von bedeutenden Dimensionen zu finden sind. Am gegenwärtigen Austritt des Gletscherbaches, der ziemlich genau in einer Meereshöhe von 2300 m liegt, zeigen sich nicht nur vereinzelte Stücke, sondern bedeutende Mengen, die, zusammengetragen und aufgeschichtet, einige Ster ausmachen würden. Man gewinnt den Eindruck, dass gegenwärtig ein Maximum an Hölzern zum Vorschein kommt und nach abwärts die Zahl rasch abnimmt. Wie sich die Sache nach aufwärts gestaltet, wird sich in den nächsten Jahren, beim weitern Abschmelzen des Eises zeigen. Es ist Holz von den verschiedensten Baum-teilen zu finden. Stämme bis zu 2 m Länge und 32—38 cm Durchmesser liegen neben Ästen und kleinern Stämmchen von 3—8 cm Dicke. Bemerkenswert ist die Feststellung, dass nur wenige Wurzeln, wohl aber Holz der untersten Stammteile und Wurzelanläufe beobachtet wurden und dass Reisig-material und Zapfen fehlen. Vielleicht wurden letztere durch das Gletschereis vollständig zerrieben, so dass sie im Sande fein zerteilt sind und heute nicht mehr festgestellt werden können. Es handelt sich um gesundes Holz, das aber durch weitgehende Auslaugung sein ursprüngliches Gewicht eingebüsst hat. Getrocknet sind die Stücke sehr leicht und zeigen graue Farbe, die von feinem eingedrungenem Schlamm herrührt. Sie sind stark abgeschliffen, oft zu Fasern zerrissen, zeigen durch Steine verursachte Schnittflächen, andere sind nur wenig beschädigt. An einem Arvenast erkennt man sogar noch die Borkenkäfergänge.

Wertvoll für spätere Betrachtungen ist die Beobachtung, dass trotz mehrmaligen Nachforschungen kein Holz im Eise selbst gefunden wurde, sondern dass alles am Austritt des Baches auf der Gletschersohle zutage tritt. Im weitern muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass das Holz nicht auf der ganzen Fläche des vom Eis verlassenen Bodens zu finden ist, sondern nur auf der rechten Hälfte, wo es bis zur Seitenmoräne verfolgt werden kann.

Da sich die nächsten Waldbestände über Grünsee, 500 m westlich vom Gletscherende entfernt befinden, steht man vor einem Rätsel und fragt sich, auf welche Weise das Holz in den Gletscher geraten konnte.

Bevor wir näher auf die Deutung der Herkunft dieser eigenartigen Funde eintreten, wollen wir erst die Bewaldungsverhältnisse der Gegend etwas näher ansehen. Über dem Hotel Riffelalp liegt die obere Waldgrenze bei 2320 m. Die Bestände sind sehr licht und aus Arven zusammengesetzt. Die Lärchen, welche einst ein wichtiges Bestandesglied bildeten, wurden seinerzeit für den Bau des Hotels ausgebeutet. Infolge Weidgangs stellt sich keine natürliche Verjüngung ein, so dass die Bestockung immer lichter wird. Am östlichen Grat von Gugel treffen wir bei 2370 m in den Felsen noch zwei schöne Arven von 10 m Baumhöhe und Durchmessern ( in 1,30 m Höhe ) von 50—60 cm. Bei 2520 m massen wir zwei Bäume von 4 m Höhe und Durchmessern von 30 cm und 24 cm. Arvenkrüppel steigen noch 50 m höher und erreichen bei 2570 m wohl das höchste Vorkommen von Baumwuchs in der Schweiz. Zermatt hat nicht nur die höchstgelegenen Kornäcker von Europa bei 2200 m in Findelen, sondern auch die höchsten Wald- und Baumgrenzen 1 ). Auch unterhalb Rotenboden ist der Wald bis auf 2360 m zurückgedrängt, vereinzelte abgefressene Lärchen erreichen aber die Felsen P. 2516. Gegen den Grünsee klingt der Wald aus, es stehen nur noch vereinzelte Lärchen und Arven. Die höchste Arve, ein stattlicher Baum von 12 m Höhe und einem Durchmesser ( 1,30 m ) von 85 cm, im Herbst 1934 reich mit Zapfen beladen, steht bei 2370 m Meereshöhe.Viele gut erhaltene Stöcke weisen auf eine frühere dichte Bewaldung hin. In den Felsen des Rizzengrates treffen wir Arven und Lärchen bis 2510 m. Der Wald hat also auch über Grünsee früher sicher die Höhe von 2370 m überschritten, denn Exemplare wie die oben beschriebene Arve gehören noch dem Walde an, nicht der Kampfzone. Weiter gegen den Findelengletscher treffen wir über der Moräne zirka 300 m vom Gletscher entfernt noch einige Lärchen von geringen Dimensionen zwischen 2360 m und 2480 m. Ein alter gut erhaltener Arvenstamm von 50 cm Durchmesser bei 2370 m zeugt von früherem üppigem Baumwuchs 2 ).

Die festgestellten Überreste von Bäumen lassen den Schluss zu, dass früher der geschlossene Wald, zusammengesetzt aus Lärche und Arve, bis mindestens 2380 m, wahrscheinlich sogar bis 2400 m hinaufreichte und dass darüber eine licht bestockte Kampfzone sicher bis 2500 m ausgebildet war. Die Gebiete über dem Grünsee waren dicht bewaldet, und ein Waldstreifen zog sich zwischen der jüngsten Seitenmoräne ( 2360 m ) und der Höhenkurve 2500 m dem Gletscher entlang aufwärts. Die Moräne selbst war dagegen nicht bewaldet. Es stellen sich auf diesen jungen Böden gegenwärtig Lärchen und Wacholder ein, die sich aber wegen Viehverbisses nicht entwickeln können.

Durch Weidgang und Übernutzungen ist zwischen Riffelalp und Findelengletscher eine Zone zwischen 2350—2500 m Meereshöhe vollständig entwaldet und in Weide und unfruchtbare Heide verwandelt worden. In unzugänglichen Felsen stehen von dieser ursprünglichen Bewaldung nur noch wenige Zeugen, die mit dem darunterliegenden Wald den Zusammenhang verloren haben. ( Situationsplan. ) Das rechte Ufer des Findelenbaches von Zumstein bis unter den Stellisee war früher auch bewaldet. Es ist anzunehmen, dass sich dem Gletscher entlang ebenfalls ein Waldstreifen, zusammengesetzt aus Lärche, Arve und Fichte, hinaufzog, der die Höhe von 2500 m erreichte. Magere Lärchen bei zirka 2300 m westlich Gründje bilden gegenwärtig den einzigen Baumwuchs an diesem Hang. Hochgelegene Lärchen findet man dagegen in den Felsen über Tufterenalp ( zirka 2400 m ).

Über dem Findelengletscher waren also in frühern Zeiten zwei Waldstreifen ausgebildet, ähnlich wie sie heute noch in der Nähe von andern 1 ) Nach Christ erreicht die Arve im Dauphinégebiet bei 2502 m die grösste Höhe in Europa. ( Das Pflanzenleben der Schweiz 1882. ) 2 ) Rickli gibt als höchste Arvenstandorte in den Waldungen von Riffelalp:

Waldgrenze höchst Exmplare Hotel Riffelalp 2210 m2300 m Grünsee 2300 m2420 m ( Die Arve in der Schweiz, S. 183 ).

Gletschern zu finden sind ( Gornergletscher, Glacier du Trient, Aletschgletscher usw. ). Das Verschwinden dieser Wälder ist auf menschliche Einflüsse zurückzuführen. Übermässige Nutzungen und Weidgang haben den Wald auf seine heutigen tiefen Grenzen zurückgedrängt. Die Bestände des rechten Ufers sind jedenfalls schon vor vielen Jahrhunderten bei der Gründung der Siedelungen von Eggen und Findelen, die ebenso alt sind wie Zermatt selbst, verschwunden. Diese südexponierten, sonnigen Hänge waren für die Landwirtschaft besonders wertvoll. Das linke Ufer dagegen hat seinen Waldsaum später verloren, und heute können wir beim Grünsee den fortschreitenden Prozess seines Rückganges noch verfolgen. Die vielen gut erhaltenen Stöcke über Grünsee sind auf Abholzungen, die vor 50 Jahren ausgeführt wurden, zurückzuführen. Im Jahre 1885 wurde das nötige Holz für den Bau des Findelenhotels und für die Z'Fluhhütten in der Gegend des Grünsees ausgebeutet. Die spärlichen Überreste der Bestände von Grünsee und die stark gelichteten und nur aus altem Holz zusammengesetzten Wälder über dem Weg Riffelalp-Findelen werden langsam eingehen, besonders da diese Gebiete stark beweidet werden und der Wald keinen Schutz geniesst. Wenn die Gemeinde Zermatt nicht Massnahmen trifft zum Schutze der Bestände zwischen Riffelalp und Grünsee, wird der Wald ständig weiter zurückgedrängt, um bis zum Weg ganz zu verschwinden. Damit tritt auch die Verwilderung der Gegend ein. Eine Wiederbewaldung wird später auf gewaltige Schwierigkeiten stossen, heute könnte sie mit Aussicht auf Erfolg mit geringem Aufwand an Geldmitteln bewerkstelligt werden. Geschieht dies nicht, werden spätere Generationen an diesen Hängen eine schlechte, vergandete Alpenheide antreffen.

Ergänzend sei noch darauf aufmerksam gemacht, dass die hohen Waldgrenzen sich nicht nur auf die Gegend von Riffelalp-Findelen beschränken, sondern im ganzen Nikolaital zu finden sind. Talauswärts nehmen sie allerdings etwas ab, liegen aber über Grächen immer noch bei 2350 m und in Jungen über St. Nikiaus bei 2300 m.

Nach diesen Erörterungen gehen wir über zu der Prüfung der Frage, wie das Holz, das gegenwärtig zum Vorschein kommt, in den Gletscher gelangen konnte.

Die Bevölkerung von Zermatt erklärt die Holzfunde mit dem Hinweis auf den im Jahre 1885 stattgefundenen Bau der Alphütten Z'Fluh 2612 m am rechten Gletscherufer. Damals soll das Holz für den Hüttenbau in der Gegend von Grünsee ausgebeutet, an Ort und Stelle verarbeitet und über den Gletscher transportiert worden sein, wobei einige Stücke verloren gingen. Prüfen wir diese Möglichkeit etwas näher, so ergibt sich folgendes:

Im Jahre 1885, als die Transporte ausgeführt wurden, hatte der Findelengletscher eine viel grössere Längenausdehnung als heute, und seine Mächtig-heit war derart, dass man ohne Schwierigkeiten von Grünsee gegen Gründje, von Seitenmoräne zu Seitenmoräne hinüberschreiten konnte. Der Vater von A. Perren in Zermatt, der einzige, der über die damaligen Holztransporte Auskunft geben konnte, sagte denn auch aus, dass der Gletscher gequert wurde und die Transporte sich nicht durch Aufstieg auf dem Gletscher vollzogen, wo sie heute wegen Ungangbarkeit der rechten Seitenmoräne statt- finden müssten. Das älteste Bild des Findelengletschers, das wir in Zermatt finden konnten, stammt gerade aus der Zeit des Baues der Hütten von Z'Fluh und des Hotels Findelengletscher; es zeigt die gewaltige Ausdehnung und besonders die grosse Mächtigkeit der Gletscherzunge. Eine Aufnahme von 1905 zeigt einen erheblichen Rückgang des Eises, und der Unterschied mit dem Zustand von 1926 und 1934 ist ein ganz gewaltiger. Besonders auffallend ist das Schwinden des Gletschers in den letzten zehn Jahren. Nach Bildern von Gyger reichte der Gletscher im Jahre 1926 noch fast bis unter den Grünsee, heute beträgt die Distanz Grünsee—Gletscher 500 m. ( Abb. ) Noch im Jahre 1912 war es nach Maag möglich, vom Gletscher auf die Seitenmoräne des rechten Ufers mühelos hinaufzusteigen, was beim gegenwärtigen Tiefstand erhebliche Schwierigkeiten bereiten würde.

Auch die Kartenaufnahmen der Landestopographie geben interessante Anhaltspunkte über die Abnahme des Findelengletschers. Wir haben den Stand der ersten Vermessung für die Siegfriedkarte, im Jahre 1859, in den Situationsplan eingetragen. Das Ende der Gletscherzunge erreichte damals die Felsen von P. 2164, östlich Findelen; zwischen Grünsee und Gründje betrug ihre Breite 700 m. In den 71 Jahren von 1859 bis zur Neuaufnahme 1930 ist der Findelengletscher ziemlich genau 1000 m zurückgegangen, also durchschnittlich 14 m pro Jahr. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass das Abschmelzen nicht regelmässig vor sich ging und in dieser Periode auch Jahre mit Vorstössen zu verzeichnen sind, so dass das Mittel der Jahre mit Rückzugsbewegung jedenfalls 20 m übersteigt 1 ).

Während heute ein Transport nach Z'Fluh nur durch Aufstieg auf dem Gletscher möglich wäre, konnte damals das rechte Ufer durch Überqueren leicht erreicht werden. Die damalige Übergangsstelle liegt nun aber unterhalb der gegenwärtigen Fundstellen des Holzes. Verlorengegangene Gegenstände müssten daher weiter talwärts zum Vorschein kommen. Auch ist nicht anzunehmen, dass bei diesen Transporten, die wahrscheinlich eher mit Maultieren statt mit Schlitten bewerkstelligt wurden, einige Ster Holz, und zwar un-bearbeites, in Gletscherspalten fielen. Da nach den Angaben damals nur geschnittenes Holz transportiert wurde, so sollten die gefundenen Stücke trotz den durchgemachten gewaltigen Pressungen als Balken oder Bretter erkennbar sein, besonders da einige Hölzer, wie wir gesehen haben, gut erhalten geblieben sind. Nehmen wir nun aber doch an, es sei auch Abfallholz, welches als Brennholz Verwendung finden sollte, über den Gletscher hinauf nach Z'Fluh transportiert worden, und prüfen wir, wie sich Holz, das bei diesen Transporten verloren ging, im Gletscher verhalten hätte.

Da die Firnlinie im fraglichen Gebiet bei mindestens 2700 m liegt, wäre das transportierte Holz auf jeden Fall im Ablationsgebiet abgelagert worden. ( Die Z'Fluh-Hütten liegen bei 2613 m Meereshöhe. ) Auch wenn angenommen wird, das Holz sei in tiefe Spalten geraten, so könnte es kaum bei 2300 m auf der Gletschersohle zum Vorschein kommen, vielmehr müsste es aus dem Eise austreten. Die Annahme, das Holz rühre von Transporten nach Z'Fluh her, erscheint unwahrscheinlich, und wir müssen uns nach andern Erklärungen umtun.

Die Feststellung, dass die vier Alpställe und die zwei Wohnhäuser von Z'Fluh hauptsächlich aus Arvenholz bestehen, gibt uns keine Anhaltspunkte für die Identifizierung der Herkunft des Holzes am gegenwärtigen Gletscherende.

Am nächstliegenden scheint die Annahme zu sein, dass ein Waldstreifen durch eine, Lawine von einem der Hänge auf den Gletscher gefegt wurde und im Eise abwärts wanderte. Prüfen wir diese Möglichkeit etwas näher, so ergibt sich folgendes:

Da der oberste Baumwuchs, wie wir gesehen haben, bis 2500 m reichte, ist anzunehmen, dass Holz nicht höher auf den Gletscher hinauf gelangen konnte. Da es gegenwärtig bei 2300 m erscheint, müsste es im Eis eine Höhendifferenz von 200 m zurückgelegt haben, bei einem Weg von ungefähr 1000 m. Setzen wir die jährliche Bewegung des Gletschers auf 50—100 m, so hätte das Holz den Weg bis zur jetzigen Fundstelle in 10—20 Jahren zurücklegen müssen, wäre somit in den Jahren 1914—1924 in das Eis gelangt 1 ).

Zudem scheint es fraglich, ob Holz, das bei 2500 m oder tiefer auf die Gletscherzunge gelangte, überhaupt zugedeckt worden wäre. Nach den Bewegungslinien des Eises, wie sie für den Rhonegletscher und den Hintereisferner nach langjährigen Messungen erhalten wurden, scheint es ausgeschlossen, dass Holz, das bei 2500 m Höhe auf den Findelengletscher geraten ist, heute auf der Sohle des Gletschers zum Vorschein kommen könnte 2 ).

Da die Strömungslinien ungefähr parallel zur Gletschersohle verlaufen, müsste es zum mindesten aus dem Eise heraustreten.

Es sind also verschiedene Umstände, die gegen die Annahme, dass das Holz durch Lawinen auf den Gletscher transportiert wurde, sprechen.

Eine weitere Möglichkeit wäre die, dass der Gletscher bei einem Vorstoss Waldbestände, die sich während eines Tiefstandes angesiedelt haben, zudeckte, ähnlich wie der Feegletscher vor einigen Jahren Lärchenbestände unter sich begraben hat. Der Umstand, dass wir hauptsächlich Arvenholz 1 ) Dr. Jost mass mit dem Kryozinemeter am Nachmittag des 2. Oktober 1934 eine Bewegung des Findelengletschers pro 24 Stunden von 4,5 cm. Er bemerkt dazu: « Die Geschwindigkeit des Findelengletschers wäre nach der Messung 15—20 m im Jahr, wenn sie wirklich die mittlere Tagesgeschwindigkeit gewesen wäre. Sie war aber bedeutend kleiner ( Jahreszeit, Tageszeit ), und eine Extrapolation auf das ganze Jahr Ist nicht gestattet. Für einen grossen Gletscher, wie der Findelen darf füglich ein Jahresweg von 50—100 m angeschlagen werden. » ( Briefliche Mitteilung. ) Wir möchten auch hier Dr. Jost für das Interesse, das er diesen Studien entgegenbrachte, und für die vielen Ratschläge, die er uns erteilte, den verbindlichsten Dank aussprechen.

feststellten, spricht aber gegen die Annahme einer Überdeckung von lebenden Waldbeständen. Auf den jungen von Gletschern verlassenen Gebieten treffen wir nur Lärchen, niemals Arven. Letztere gedeihen vorwiegend in humusreichen, von andern Holzarten bereits versauerten Böden. Diese Beobachtung kann auf allen jungen Moränen gemacht werden. Am Aletschgletscher sehen wir beispielsweise, dass die innersten, frischabgelagerten Böden nur mit Lärchen und Weiden bestockt sind, zu welchen sich allmählich auch andere Laubhölzer und Fichten gesellen. Erst auf den alten, äussern Moränen tritt die Arve auf 1 ). Am Gornergletscher zeigt sich, dass 5 Jahre nach dem Wegzug des Eises die ersten Weiden erscheinen. Boden, der also im Jahre 1927 noch mit Eis bedeckt war, zeigt heute schon eine üppige Weidenvegetation von Salix hastata, S. purpurea, S. arbuscula, S. daphnoides, S. nigricans. Später stellen sich auch S. helvetica, S. glauca, S. bicolor, S. aurita, S. grandifolia, S. caprea, Dryas octopetala und Betula ein. Diese Weidengesellschaft entwickelt sich während zirka 15 Jahren, dann erscheint die Lärche vereinzelt. Auf Böden, die 1913 noch mit Eis bedeckt waren, treffen wir heute die ersten Lärchen. Sie zeigen ausserordentlich gutes Wachstum und machen Jahrestriebe von 50—60 cm Länge und Jahrringe von 0,5—0,7 cm Breite. Diese jungen Moränen sagen der Lärche besonders zu. Wie lange es dauert, bis sich die Arve ansiedelt und bestandesbildend auftritt oder sogar den grösseren Anteil am Vorrat gewinnt, ist noch nicht bekannt. Jedenfalls handelt es sich um einige hundert Jahre, also eine ganze Lärchen-generation. Die Moräne, die beim Rückzug nach 1820 vom Gornergletscher abgelagert wurde, trägt heute einen 60—70 Jahre alten reinen Lärchenbestand ohne jede Arvenbeimischung. Am Findelengletscher lassen sich leider wegen intensiven Weidgangs keine Beobachtungen über die Bewachsung der Moränen durchführen. Nach Kinzl fehlt auch auf den Moränen des Glacier de Zinal die Arve vollständig 2 ). Er sagt ( S. 316 ):

« Noch viel grösser ist aber der Unterschied gegenüber dem angrenzenden Gehänge, das von kräftigen, dickstämmigen Bäumen bestanden ist, vor allem auch von mächtigen Arven, die auf der Moräne vollkommen fehlen. » Die Annahme, dass der Gletscher Waldbestände überdeckt hat, muss aber nicht nur wegen der Holzartenfrage verneint werden, sondern auch weil keine Stöcke gefunden wurden. Am Aletschgletscher traten beispielsweise an Stellen, die 1920 noch mit Eis bedeckt waren, Lärchenstöcke hervor, die in der Erde verwurzelt sind, also vom Gletscher nur oberflächlich abgerieben, nicht aber entwurzelt wurden. ( Mitgeteilt von E. Eugster, Brig 3 ). ) Bei allen Besuchen am Findelengletscher ist aufgefallen, dass die Holzfunde mehr oder weniger an den Bereich des Gletscherbaches, der allerdings in mehreren Armen aus dem Eise austritt, die zusammen eine Breite von über 50 m ausmachen, gebunden sind. Es muss daher auch die Möglichkeit ins Auge gefasst werden, dass ein Bach aus der früheren Waldzone sich dem Felsen entlang unter den Gletscher arbeitend Holzstücke auf die Sohle führen konnte. Diese Annahme erklärt allerdings die starke mechanische Beanspruchung, welche die Hölzer durchgemacht haben, nicht. Jost schreibt uns aber darüber:

« Es steht nichts im Wege, anzunehmen, dass das Holz in eine Grundspalte gelangte, die sich in der Weiterbewegung zu schliessen suchte und dermassen grosse Pressungen erzeugte. Grundspalten sind beim Übergang vom steileren zum flacheren Teile des Gletscherbettes an der Stelle, wo der Bach in den Gletscher eintritt, denkbar. » ( Briefliche Mitteilung. ) Gegen einen solchen Bachtransport sprechen aber die langen Stammstücke, die gegenwärtig zum Vorschein kommen. Es müsste ein sehr wasserreicher Bach gewesen sein, der diese Holztransporte hätte bewerkstelligen können, und seine Spuren müssten heute noch an den Hängen sichtbar sein.

Wahrscheinlicher scheint uns die Möglichkeit, dass das Holz während eines Tiefstandes des Gletschers auf die Talsohle gelangte und bei einem spätern Vorstoss zugedeckt wurde. Die Transporte können durch Lawinen oder durch Wasser stattgefunden haben. Wahrscheinlicher scheint uns ersteres zu sein. Von welchem Hang das Holz herrührte, kann heute nicht einwandfrei angegeben werden. Der geringe Prozentsatz Lärchenholz liesse auf Bestände des Schattenhanges ( linkes Ufer ) schliessen, indem anzunehmen ist, dass die Wälder der südexponierten Hänge ( rechtes Ufer ) einen grössern Anteil Lärche aufwiesen. Die Lage der Funde auf der rechten Hälfte der Gletschersohle deutet dagegen eher auf Holz vom rechten Ufer hin.

Um sich Rechenschaft zu geben, wann dieses Ereignis stattfinden konnte, sollte die historische Entwicklung des Findelengletschers bekannt sein. Nun wissen wir aber gerade über diesen Gletscher sehr wenig, und es sind in Zermatt keine Aufzeichnungen zu finden.

Nach Kinzl hatte der Findelengletscher seine grössten nacheiszeitlichen Längenausdehnungen in den Jahren 1820 und 1850. Die Tiefstände sind nicht bekannt.

Nach Lütschg 1 ) zeigten die Gletscher des Saastales in den Jahren 1400 bis 1500 einen Tiefstand, dann erfolgte Vorstoss bis 1690. Um 1760 war ein neuer Hochstand, 1811 wieder starkes Schwinden, dann wieder Vorstoss bis 1831 und Rückzug bis 1836. 1842—1855 Anwachsen. 1858—1882 Rückzug usw.

Die beiden Grindelwaldgletscher zeigten den grössten Tiefstand im Jahre 1540, 1602 hatten sie die grösste historische Ausdehnung, 1661—1686 starken Rückgang, 1703 neues Anwachsen, 1720 Abnahme, 1748—1779 Anwachsen, dann wieder Abnahme, 1819 grosse Ausdehnung, die aber die Moränen von 1602 nicht erreichte. 1840—1855 neues Wachsen, aber schwächer als der Hochstand von 1819. Es wird angenommen, dass der Rhonegletscher ähnliches Verhalten zeigte. ( Vermessungen am Rhonegletscher, S. 49. ) Diese Ergebnisse lassen sich allerdings nicht ohne weiteres auf den Findelengletscher übertragen. Immerhin liefern sie uns ungefähre Anhaltspunkte. Sowohl die Saasergletscher wie Grindelwald- und Rhonegletscher zeigten zwischen 1400—1500 einen grossen Tiefstand.

Die Zermatterchronik gibt einige Angaben über die Tiefstände des Zmutt-und Gornergletschers. Vor 600—700 Jahren soll auf dem Übergang des Col d' Hérens, 3480 m, von Zmutt nach Evolene nur wenig Eis vorhanden gewesen sein. Zur selben Zeit reichte der Gornergletscher nur bis unter das Riffelhorn ( ungefähr 2000 m höher als das heutige Ende ).

Es heisst darüber:

« In der Talsohle vor dem Riffelhorn sei so dickes Gesträuch gewesen, dass sich darin die Saumtiere verloren haben, nachdem man ihnen bei der Fuhr ins Augsttal ( Aosta ) die Last abgenommen 1 ). » Diese Angaben beruhen aber auf Sagen und können für unsere Betrachtungen nicht herangezogen werden 2 ).

Wissenschaftlich steht aber fest, dass im Mittelalter, vor 1600, die Schweizergletscher einen Tiefstand hatten, der später nie mehr erreicht wurde. Nach Kinzl scheint aber noch nicht erwiesen zu sein, dass sie damals eine geringere Ausdehnung hatten als heute.

Es wäre also möglich, dass das Holz, das gegenwärtig am Findelengletscher zum Vorschein kommt, während des grossen Tiefstandes vor zirka 500 Jahren aus den Waldstreifen, die sich damals dem Gletscher entlang hinaufzogen, auf die Sohle gelangte. Durch erneuten Vorstoss wurde es dann mit Eis überdeckt und blieb bis heute verborgen.

Von allen besprochenen Möglichkeiten zur Erklärung der Holzfunde scheint uns diese die wahrscheinlichste zu sein. Vielleicht bilden gerade diese Hölzer den Nachweis, dass die Gletscher vor 1600 ebenso tief standen wie heute.

Sie sind also nicht nur für Pflanzengeographen und Forstleute von Bedeutung, indem sie eine frühere Bewaldung über dem Gletscher, wo heute jede Spur von Baumwuchs fehlt, bestätigen, wahrscheinlich können sie auch der Gletscherforschung für die Festlegung der Grenze eines frühern Tiefstandes des Findelengletschers dienen. Nicht zuletzt bieten diese Funde Gelegenheit, Studien über die mechanische Wirkung des Gletschereises durchzuführen.

Es wäre von Interesse, bei andern Gletschern die vom Eise verlassenen Gebiete einer eingehenden Prüfung zu unterziehen, um weitere Beobachtungen ähnlicher Art zu erhalten und die hier gemachten Überlegungen zu prüfen.

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