Hüttengeister

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Von Erika Jemelin

( Bern ) Wenn die Tage länger werden, die Haselstauden voll dicker Knospen stehen und im Tiefland des Frühlings grüne Schleier zu wehen beginnen, packen Martin und ich jeweils den Rucksack und ziehen in die kleine, dunkelbraune Hütte auf tiefverschneiter Alp. Noch sind dort oben die Nächte kalt und winterlich herb der Wind. Aber plötzlich und wie von ungefähr wird man auch hier vom Frühling angerührt. Man begegnet ihm in der wärmern Tönung des Horizontes, in einer flüchtigen Wolke, die beschwingt, wie dies nur im Lenz möglich ist, von dannen zieht, oder in einem übermütigen Sonnenstrahl, der grosse runde Löcher in den faulen Schnee frisst und drüben, am Bergkamm, wo es immer zuerst zu grünen beginnt, die ersten schmalen Krokusse hervorzaubert. Und wenn man besonders gut aufpasst - und dazu hat man da oben Zeit genug -, hört man unter dem Schneepelz den Bach murmeln und glucksen, und es ist, als ob einer lache und besonders vergnügt sei.

Es begann damit, dass Martin eines Morgens, als er Feuer machen wollte, eine tote Maus in der Milchschüssel fand. Ein graues, struppiges Tierchen, das seine Naschsucht mit dem Leben hatte bezahlen müssen. Dass es hier oben Mäuse gab, hatte ich längst vermutet, denn das Hüttchen war eng an den Felsen gebaut, und hinter dem Kochherd gab es ein paar geheimnisvolle Spalten im Gestein.

Da unser letzter Rest Milch nun verdorben war, kochten wir Tee, legten die Ski an und spurten gegen den Grat. Ein warmer Wind war hinter uns her und brachte Harzdürfte vom Wald herauf; aber vielleicht bildeten wir uns das mit unserem Frühlingsfimmel nur ein. Erst abends, als Martin mit flackernder Kerze nochmals in die Küche ging und unsere Vorräte vorsorglich in die kleine, angebaute und durch eine Holztür verschlossene Kammer versorgte, kamen mir die Mäuse wieder in den Sinn. Sie waren in dieser grossen Abgeschiedenheit unsere nächsten Nachbarn, und ich sah nicht ein, weshalb wir mit ihnen nicht auf freundschaftlichem Fusse leben sollten. Um sie von unseren guten Absichten und unserer Harmlosigkeit zu überzeugen, legte ich an diesem Abend - ohne Martins Wissen natürlich -einen Wurstzipfel, ein Stücklein Brot und eine Käserinde auf den Küchentisch. Sicher würden sie ein derartiges Geschenk nach den mehr als mageren Wintermonaten - ich fragte mich, wie sie sie überhaupt überstanden hatten - zu schätzen wissen.

Mitten in der Nacht wachte ich auf. Da war ein Trippeln über unsern Köpfen, ein aufgeregtes Huschen, geheimnisvolles Leben überall. Krallige Füsschen, über Balken gleitend, Kratzen den Wänden entlang, ein schwereloses Hüpfen, Springen und hurtiges Tun. Ich lag in meinem Bett, nahm regen Anteil an dem Freudenfest, das sich da in tiefer Finsternis unter den Dachbalken abspielte und überschlug in Gedanken den Rest unserer Vorräte und was sich etwa entbehren liess. In ein bis zwei Tagen würde ohnehin Stefan vom Tal heraufkommen und uns Milch und Lebensmittel bringen, ich durfte also meine Mäusespende mit gutem Gewissen weiterführen.

Aber Martin war anderer Meinung, als er am nächsten Morgen meine Freude über die leere Tischecke miterlebte. Ich sei ja närrisch, meinte er kopfschüttelnd, solch unnützes Gesindel herbeizulocken und abzufüttern. Niemand zolle mir Dank dafür.

Da die männlichen Empfindungen in den meisten Fällen von praktischer Überlegung bestimmt werden und Mäuse nun einmal zu den Schädlingen zählen, beschloss ich, Martin fürderhin aus dem Spiele zu lassen. In der folgenden Nacht, als er schlief, schmuggelte ich auf leisen Sohlen eine Handvoll Nusskerne und ein Stücklein Speck auf den Tisch- rand und wartete dann vergnügt und mit mir äusserst zufrieden auf die unsichtbaren Gäste.

Ich muss ob allem Warten schliesslich eingeschlafen sein, aber als ich in der frühen Morgendämmerung - die Stube war noch grau und ohne Licht - neugierig in der Küche nachschauen ging, war die Tischecke wiederum leer. Und da war noch etwas: Boden, Tisch und Herd, alles war mit einer flaumleichten Schicht von frischgefallenem Schnee bedeckt, der durch undichte Stellen im Gebälk hereingewirbelt worden war. Es war wieder Winter geworden. Weiss und still, wie erfroren und so, als sei der Frühling hier niemals vorübergekommen, lag die Alp unter einem verhangenen Himmel ohne Weite und Glanz, und über den Graten sang ein eisiger Wind.

Gegen Mittag zeigte sich unten an der Waldgrenze ein kleiner dunkler Punkt, der sich mühsam, aber beharrlich durch den hohen Schnee vorwärtskämpfte und Höhe gewann. Viel später trat mit geröteten Wangen und windverwehter Kapuze Stefan bei uns ein und entledigte sich seines vollbepackten Rucksackes. Drunten im Tal seien sie daran, Mist auf den Acker zu führen, berichtete er, während er umständlich ein Bündel Post hervorkramte; die Lärchen seien voll kleiner grüner Knospen, und abseits vom Weg, gleich hinter dem Kapellchen, blühe der Seidelbast. Darnach war sein Gesprächsstoff so ziemlich erschöpft, und er hatte es eilig, nach einem kurzen Imbiss den Rückweg anzutreten. Noch sahen wir eine Zeitlang seinen wehenden Mantel, seine schmale, sich gegen den fauchenden Wind stemmende Gestalt, bis auch sie von einer grauen Nebelschwade ergriffen und verschluckt wurde. Dann waren wir wieder allein.

Ich beschloss, in der nächsten Nacht meinen vierbeinigen Freunden aufzulauern und sie bei ihrem heimlichen Tun zu überraschen. Gleichzeitig aber wollte ich sie auf die Probe stellen. Ich legte ein sehr grosses Stück Käse bereit, ängstlich darauf bedacht, von Martin nicht erwischt zu werden. Es schien mir fast ausgeschlossen, dass die Mäuse dieses, im Verhältnis zu ihrer Grösse, Riesenstück fortschaffen konnten. Sie würden gezwungen sein, ihre Verstecke zu verlassen und sich auf dem Küchentisch daran gütlich zu tun. Wenn ich Glück hatte, konnte ich die kleine Gesellschaft bei dem Festmahl beobachten.

Als ich einige Stunden später aufwachte, herrschte tiefe Stille ringsumher. Kein Huschen, kein eifriges Trippeln, kein Kratzen im Gebälk. Nur hie und da drang aus der Küche ein Ton, der mit den früheren Geräuschen, die mich jeweils geweckt, nichts gemein hatte. Es war vielmehr ein verhaltenes Knistern, ein zeitweiliges Knacken, als ob Kastanien in einem Herdfeuer platzen würden. Plötzlich kam mir das Käsestück in den Sinn. Natürlich, jetzt sassen sie einträchtig drum herum und knabberten geniesserisch - eine fröhliche Zeichnung aus einem Kinderbilderbuch -, ich aber wollte mir dieses Bild um nichts in der Welt entgehen lassen, auch wenn mich der Gedanke, das warme Lager zu verlassen, frösteln liess. Leise schlug ich die Decken zurück, tastete nach der an der Wand hängenden Taschenlampe und tappte auf nackten Fussen zur Tür. Behutsam darauf bedacht, jedes Geräusch zu vermeiden, umfasste meine Hand die Klinke, wenn jetzt nur Martin nicht aufwachte! Ein sachtes Niederdrücken; während die Türe sich einen Spalt breit öffnete, flammte die Taschenlampe auf. Warf ihren runden, hellen Lichtkegel in eine dichte, gelblich graue Rauchwolke, die sich mir entgegenwälzte und mir den Atem zu nehmen drohte. Im allerersten Augenblick war ich fassungslos und ohne Begreifen. Das Bild, das sich mir bot, war so verschieden von dem, das ich erwartet hatte, dass es mich einige Mühe kostete, mich in der Wirklichkeit zurechtzufinden. Dann aber ging alles rasch. Mit einem entsetzten Sprung war Martin aus dem Bett und an meiner Seite, gemeinsam entdeckten wir die schwelenden Bretter und schleppten sie hinaus in den Schnee. Martin hatte am späten Nachmittag den Zimmerofen geräumt, die Asche in den Behälter neben der Kammer geschüttet und nicht bemerkt, dass sie noch nicht ganz erkaltet war. Auf diese Weise musste der Brand entstanden sein. Der Behälter hatte, durch die heisse Asche entzündet, zu glimmen begonnen, das drunter liegende Holzstück hatte Feuer gefangen, und das seltsame Geräusch, das ich bei meinem Erwachen vernommen, war Feuerknistern gewesen. Bald hätten die Flammen die Türe der kleinen Vorratskammer erreichen können, und dann, ja dann...

Erst, als alles glücklich zu Ende gebracht und die Gefahr beseitigt war, kamen mir die Mäuse und das Käsestück in den Sinn.

« Es ist weg, ist wirklich und wahrhaftig verschwunden, das ganze grosse Stück », konnte ich nicht aufhören, Martin immer wieder erstaunt zu versichern, und mit einemmal wurde uns beiden bewusst, wer Schuld an unserer Rettung trug. Unsere unsichtbaren Freunde, die Mäuse! Ihretwegen war ich zu nächtlicher Stunde aufgeschlichen und hatte den Brand rechtzeitig entdeckt. War es nicht, als wollten sie sich durch diese glückliche Fügung des Schicksals für alle guten Sachen, die sie jeweils auf der Tischecke gefunden, erkenntlich zeigen?

Von da an hatte Martin nichts mehr auszusetzen, wenn ich abends stillschweigend und selbstverständlich meine Gaben bereitlegte; er tat einfach so, als merke er nichts. Wohin jedoch das riesige Käsestück entschwunden und auf welche Art es von den Mäusen in Sicherheit gebracht worden war, darüber grüble ich heute noch nach.

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