II. Das Grosse Lobhorn

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Wenn man auf einem Dampfschiff über den Thunersee fahrend über die Sulegg hinausblickt, so fällt einem am südlichen Ende des langgestreckten Grates eine Berggestalt in die Augen, welche wie eine Riesenhand am Horizonte emporragt. Pie eigenthümliche Form dieser gesägten Zähne, deren westlichster durch eine tiefere Einsattlung von den übrigen getrennt ist, während die vier andern in von West nach Ost absteigender Linie sich erheben, hat verschiedene Namen hervorgerufen. Ein Freund von mir verglich sie nicht übel mit einer Krebsscheere, an einigen Orten im Oberland soll man sie « Tyfelsfinger » nennen. Im Bödeli, wo man den Berg von einzelnen östlich gelegenen Punkten aus ebenfalls und zwar neben der Schwalmeren sieht, gilt nach der Versicherung von Emil Ober sei. der Name « Vreneli », der freilich wie zum Spott erfunden klingt; auf der Karte endlich lautet die officielle Bezeichnung bekanntlich Lobhörner. Am Schluss der knappen und bündigen Schilderung dieses Gipfels von unserm Altmeister Studer im Panorama von Bern heisst es mit nackten Worten: « Das grosse Lobhorn ist unbesteiglich », und vielleicht in dem Augenblick, wo die ersten Sterblichen ihren Fuss auf den Gipfel setzten, soll einer der besten Kletterer der Berner Sektion den Versuch als von vornherein erfolglos bezeichnet haben. Und gewiss, wer einmal diese Kalkabstürze gesehen hat, musste sich sagen: Da kommt keine Gemse, geschweige denn ein Mensch hinauf. Es brauchte das noch durch keine Misserfolge geschmälerte Selbstvertrauen der jungen Mannschaft unsrer kräftig aufstrebenden Schwester-Sektion Blümlisalp, um das, was vielen eine Thorheit schien, keck in Angriff zu nehmen und gleich das erste Mal durchzusetzen. Dass es dem Verfasser dieser Arbeit durch die Gunst des Schicksals vergönnt war, an der Seite dieser wackeren Gesellen die erste Besteigung des grossen Lobhorns zu machen, wird für ihn immer eine freudige Erinnerung sein.

In den Abendstunden des 24. September schritten bei massigem Regen drei junge Männer die ersten Stufen des Saxetenthals hinauf. Es waren Eduard Müller und Marcus v. Steiger, zwei Techniker und Artillerieoffiziere von Thun, mit allen strategischen Manövern und tactischen Griffen auch in den Bergen wohl' vertraut, und meine Wenigkeit, den der Reiz des kühnen Wagnisses mitgerissen hatte, wenn auch der weise Spruch von Bischoffhänsi sei. ihm in den Ohren klang: « Mi chunt gwüss nit geng uf jede Barg, wo me gern wett ».

Langsam stiegen wir bergan, denn wir waren alle und zum Theil schwer bepackt. Provisionen und ein bescheidener Vorrath von Wein in einer Blechflasche, < Tante » genannt, machten den kleinsten Theil aus; schwerer wogen etwa 20 Meter solides Feuerwehrseil, ein halbes Dutzend oder mehr fusslanger, eiserner und vorn gestählter, schmaler Meissel, von Steiger eigenhändig gefertigt und zu einem Gebrauche bestimmt, von dem wir uns noch keine ganz klare Vorstellung machen konnten, ein solider Hammer mit kurzem Stiel, Kochgeschirr und Decken. Unsre Stimmung war gemischt; hatten wir uns doch aus den Armen der geselligen Freunde und von den Augen der schönen Clubistinnen Thuns gerissen, in deren reizender und fussbehender Gesellschaft wir am Vormittag die Beatenhöhle besucht, auf romantischem Felsenpfad den Beatenberg erstiegen, und Mittags an wohlbesetzter Tafel uns gütlich gethan hatten, um jetzt, bis auf die Haut durchnässt, in irgend einer Hütte vielleicht ein elendes Nachtlager zu beziehen und morgen, wenn das Wetter nicht umschlug, trostlos wieder thalab zu schwenken und daheim ausgelacht zu werden; war doch einer unsrer Freunde, den wir fast mit Gewalt jenen Lockungen hatten entreissen müssen, schon in Interlaken von uns gestoben, mit einem spöttischen « auf Wiederseh'n morgen früh ». Andrerseits aber wussten wir unsern Pionier Max Müller mit leichtem Gepäck weit voraus auf dem Weg nach der Bellenhütte und galt es, unserm Wort gemäss, ihn heute noch oder morgen früh zu erreichen zu gemeinsamem Werk; auch der herzliche Händedruck, mit dem die Damen auf Beatenberg von uns Abschied genommen und der zu sagen schien, dass die berglustigen Thunerinnen denen nicht gram sind, die ihnen davon und einem « Vreneli » nachlaufen, war mir wenigstens, dem solche Wohlthat in Bern nicht oft zu Theil wird, ein kräftiger Sporn, keine Chance des Gelingens unbenutzt zu lassen.

Bei finsterer Nacht erreichten wir Saxeten. Nach einigem Suchen fanden " wir die Pinte; die Wirthin lag schon im Bett und erhob sich erst nach kräftigem Klopfen an die verschlossene Hausthüre. Ihre Nachrichten klangen nicht erfreulich. Max war weiter gegangen trotz Regen, vielleicht den Felsstieg über den Geissrücken hinauf nach Bellenhütte, wohin wir ihm im Dunkeln kaum folgen durften, vielleicht gegen Nesslerenalp zu auf die oberste Stufe des Saxetenthals. Beherbergen konnte sie uns drei nicht; zu essen gab 's gar nichts und der Wein, den sie uns vorsetzte, war bedenklich sauer. So nahmen wir den Weg wieder unter die müden Füsse bis zur ersten Alphütte ausserhalb Saxeten, die dem Herrn Knechtenhofer vom Hôtel des Alpes in Interlaken gehört und durch stattlichen Bau und Sauberkeit sich auszeichnet. Von dem braven Sennen freundlich aufgenommen, erfuhren wir, dass Max wahrscheinlich in der Nesslerenhütte werde geblieben sein, wohin sie ihn gewiesen hätten. Wir beschlossen, die Nacht hier zu bleiben, da es fortwährend regnete und die Aussichten auf Besserung mehr und mehr schwanden.

Bald entwickelte sich um das mächtige Feuer in der geräumigen Küche ein reges Leben. Da wir unter uns waren, stand einem systematischen Trocknen der verschiedensten Kleidungsstücke nichts im Wege und die unruhige Beleuchtung der flackernden Herdflammen gab dem wechselnden Kostüm einen phantastischen Eeiz mehr. Spät erst bezogen wir das Heulager und da wir in der Nacht mehrmals von dem Geräusch des strömenden Regens geweckt worden waren, so waren wir höchlich überrascht, als eine nach langem Zögern und ohne irgend welche Hoffmfng gemachte Rekognoszirung des Wetters ein ganz leidliches Resultat ergab. Rasch wurde zum Aufbruch gerüstet, und nur mit dem nothwendigsten Material bepackt, verliessen wir Montag den 25. September, Morgens 6 Uhr, die gastliche Sennhütte.

Es ging sich doch besser jetzt in den frischen Morgenstunden und mit dem Gefühl, dass jetzt das Gelingen nur noch von unsrer Leistungsfähigkeit abhänge, als gestern bei Nacht und Regen. Bald war die Nessleren-hütte erreicht, aber Max war schon gestern Abend weiter gewandert und musste nach Berechnung der Hirten die Nacht in der untern Bellenhütte zugebracht haben. Wir folgten ihm dahin. Aber als wir uns, unter der Sulegg hinschreitend, diesem elenden Nachtquartier näherten, glaubten die scharfen Augen meiner Begleiter hoch über uns auf dem Grat eine menschliche Gestalt zu erkennen. Fernrohr und Feldstecher bestätigten die Wahrnehmung und nun erscholl aus kräftigen Lungen das Feldgeschrei der Thuner Sektion, das an eindringlicher Gewalt jedenfalls nur von dem Kriegsgeheul der Siouxindianer übertroffen wird. Mir gellten die Ohren, aber der Erfolg war grossartig. In langgezogenen Tönen kam die Antwort von oben, deren gediegener Text leider ein Geheimniss localer Tradition ist.

Grosses Lobhorn.

Die Verbindung des Hauptcorps mit der fliegenden Vorhut war also hergestellt, das weitere konnten wir dem Pfadfinder Max überlassen. Wir drei aber machten bei dem Brunnen vor der Hütte Halt zu einer kurzen leiblichen Stärkung. Dann begann im Schrägmarsch der Aufstieg an der Sulegg, mühsam und langweilig wie immer. Kostbare Stunden waren verstrichen und die Sonne näherte sich dem Mittagsstand, als wir unser Ziel zum ersten Mal wieder ganz ansichtig wurden.

Grat des Grossen Lobhorns ( 2570 ) vom Sulegg-Grat ans.

Einladend sah dasselbe nun gerade nicht aus. Man denke sich eine etwas dicke Schiefertafel, aus der von oben herunter ungleiche Stücke herausgesägt wären, in einen Haufen groben Kies gesteckt und man hat im Kleinen ein Bild der Lobhörner, wie sie sich von Nordost her präsentiren. Aus den hintersten Weiden des Sulthales steigt eine mit grossen und kleinen Trümmern dicht besäete Halde empor und über dieser schwingen sich die Kalkfelsen jäh und wie abgeschnitten auf. Namentlich der Fuss des düstern Baues ist so Dabi.

steil und von so glatt abgeschliffenen Platten gebildet, dass ein Anstieg uns kaum möglich vorkam, während die Lagerung der Schichten weiter oben ein immerhin schwieriges Klettern zu gestatten schien. Dies Resultat unsrer Prüfung bestätigte auch Max Müller, der zuerst auf der östlichsten und niedrigsten Spitze zum Vor- Kl. Lobhorn. 2523.

M. v. Steiger.

Die Lobhörner vom Siidvvestabliang des kleinen ans.

schein kam, dann von uns angerufen auf das Geröllfeld niederstieg und längs des Berges fortgehend in der Lücke zwischen dem grossen und kleinen Lobhorn mit uns zusammentraf. Unser neuer Gefährte, ein Mann von wenig Worten und desto mehr Thaten, hatte heute schon ein Stück Arbeit gethan. Nach einer unter Sturm und Regen schlecht zugebrachten Nacht war er früher als wir aufgebrochen und hatte nun das Lobhorn ganz umgangen, aber ohne eine Stelle zu finden, die sicheres Gelingen versprochen hätte. Nach kurzem Rath wandten wir uns der Südwestseite zu. Gleicher Anblick. Zu unsern Füssen eine wüste Trümmermasse, über unsern Häuptern überhängende Felsen. Erst in der Mitte der Kette und schon jenseits des höchsten Gipfels, der dicht über der Einsattlung aufsteigt, fanden wir eine Stelle, wo die Natur selbst einen Zugang zu weisen schien. Wie von ungeheurer Gewalt ist hier das Gebirge von Oben bis in die Mitte der Masse herunter zerrissen und von der Höhe der Vereinigung des höchsten Gipfels ( westlich ) und des nächstniederern Gipfels ( östlich ) zieht sich eine schmale Erosionsrinne herunter, die unten in ein dreieckiges Steinbett ausläuft. Die Rinne selbst ist zu glatt und steil, um in derselben emporklettern zu können, aber links ist ein grünes vorspringendes Eck des Hauptgipfels leicht zu erreichen, und rechts zieht sich mit massiger Steile ein schmales Band in die Felsen hinein, das in eine Aushöhlung des Kalkgesteins ausläuft. Die Stelle entsprach der Beschreibung einiger Mitglieder der Sektionen Blümlisalp und Oberland, welche hier durch schlechtes Wetter zur Umkehr gezwungen worden waren. Nach ihrer Meinung war hier eine Ersteigung mit Anwendung einiger Hülfsmittel, wie Seile und Eisen möglich. Wir wandten uns zuerst links, um einen besseren Ueberblick zu gewinnen und vor der Hauptarbeit die durch langes Marschiren gesunkenen Kräfte wieder zu gewinnen. Während unsrer Rast machte der ungeduldige Max Müller einen gut ge- meinten, aber von schwachem Erfolg begleiteten Versuch, von unserm Standpunkt aus gleich den höchsten Gipfel in Angriff zu nehmen. Er kam nicht viel über Mannshöhe hinauf und nicht ohne unsre Hülfe wieder herunter. Wir wendeten uns mit Zurücklassung alles Gepäckes, ausser den Seilen, Eisen, Hammer und der Blechflasche, nach rechts, um durch Umgehung den oberen Theil des Grabens, den wir nicht übersehen konnten, zu gewinnen. Das obengenannte Band bis zu der Höhle war unschwer zu begehen; dort angekommen, stellte sich uns die grösste Schwierigkeit entgegen. Um den östlichen Rand der Höhle war nicht zu kommen, und in die Höhle selbst fiel die obere Wand senkrecht ab. Nur dicht vor der Höhle war das Gefälle nicht ganz so steil. Hier wurde denn auch mit ganzer Kraft angesetzt. Die eisenbeschlagenen Bergschuhe, die uns auf den glatten Platten nur gefährlich werden konnten, wurden entfernt, und dann stiegen wir, mit Händen und Fussen, oder genauer mit Fingern und Zehen uns in die geringsten Ritzen des Felsens einklammernd und durch plattes Andrücken des Leibes die Gefahr des lebensgefährlichen Rutschens vermeidend, hinan, mit Katzengewandtheit die Gebrüder Müller voran, weniger schnell v. Steiger und ich. Nach wenigen Mannshöhen schon nahm das Gefäll an Steile ab, und wir kamen besser fort. Auch sahen wir mit Genugthuung, dass wir, einmal jenseits des Grabens angekommen, der in seinem obersten Theil schräg geneigt war, am Hauptgipfelstock selbst keinen grossen Schwierigkeiten mehr begegnen würden. Aber wie in den Graben gelangen? Eduard und Marcus, zur Recognoscirung vorangeschickt, berichteten, dass das Gehänge weiter oben gegen die Rinne zu immer steiler werde, und wir uns jedenfalls am Seil herunterlassen müssten, um in die Lücke zwischen beiden Gipfeln zu gelangen. Dadurch wäre aber viel Zeit verloren gegangen und hätte auch das Seil am Anknüpfungspunkte zurückgelassen werden müssen. Besser gefiel mir der andere Vorschlag, ein schmales Band, das von unserm Standpunkt etwa 30 m über der Höhle in den Graben hinunter führte, zu benutzen. Bei der Ausführung erwies sich die Sache für unsre bereits geschmeidiger gewordenen Glieder unschwer; die glatten Platten der Runse wurden auf Strümpfen leicht passirt und dann begann in schräger Richtung der Aufstieg am höchsten Gipfel mit immer steigender Eile. Nur eine Stelle, wo man zwischen einem messerscharfen Riff und einem überhängenden niedrigen Felsen sich durchwinden musste, machte namentlich mir, der « Tante » wegen, die ich auf dem Rücken trug, einige Sorge. Die aufeinander gethürmten Blöcke des Gipfels nach einander erstürmend, standen wir 2 Uhr Nachmittags, nach anderthalbstündiger Kletterarbeit, die uns nicht viel mehr als 150 m in die Höhe gefördert hatte, die ersten Sterblichen auf der Spitze des grossen Lobhorns. Gross war unsre Freude; genossen doch meine Begleiter das stolze Gefühl einer ersten Ersteigung heute zum ersten Mal; aber auch mir, dem dies Glück schon mehrmals zu Theil geworden, gab das Ungewöhnliche des Unternehmens nicht geringe Genugthuung. Die Aussicht war bald gemustert; das Bild derselben kann bei der nicht hervorragenden Lage des Standpunktes nicht gross sein; immerhin gewährte die Gruppe von Jungfrau, Mönch und Eiger, die hinter den gräulich kahlen Spitzen des Weiss- und Schwarzgebirgs gewaltig aufsteigt, einen schönen Anblick. Grausig dagegen sind die Trümmerhalden zu unsern Fussen anzuschauen und gerne schweifte das Auge weiter in die Tiefe des grünen, wasserreichen Saxetenthals oder auf die winzigen Häuser im Bödeli, von dem freilich nur der östliche Theil sichtbar ißt. Auf den Seen lag Nebel, der allmälig herankriechend seine ersten Streifen über uns wegjagte und zur Eile mahnte. Nachdem einige tüchtige Handstücke von den obersten Blöcken geschlagen worden waren — Petrefakten fand ich in dem dichten grauen Kalk trotz eifrigen Suchens keine — und nicht ohne Blutvergiessen und schmerzhaftes Zucken der mit theilweise bös zerrissenen Strümpfen bedeckten Füsse aus den scharfkantigen Blöcken ein Steinmannli gebaut war, das heute vom Thunersee aus mit einem scharfen Fernrohr erkennbar ist, traten wir nach einstündigem Aufenthalt um 3 Uhr den Rückweg an. Die oben beschriebene schmale Stelle wurde auf dem Riffe reitend, nicht zum Vortheil unsrer Beinkleider, und mit beiden Fussen über dem Abhang baumelnd, zurückgelegt. Weiter unten pflückten wir die wenigen Edelweiss-blüthen, die sich fanden, schonungslos ab, mit dem Tröste, dass diese Augenweide hier schwerlich je einem Touristen zu gute kommen dürfte. Auch einige unsrer Meissel, die mir beim Aufstieg, die Brusttasche durchbohrend, entfallen und klirrend den Berg hinunter gerutscht waren, hob ich hier auf. Im Sattel zwischen den Gipfeln angekommen, der von einigen 4 Fuss hohen und ganz dünnen Schieferplatten in Form einer Brustwehr gebildet wird, über welche hinunter der Blick jäh auf den Fuss der grausigen Felswand der Nordostseite fällt, beriethen wir, ob wir uns nicht am Seil direkt den Graben hinunterlassen wollten. Weil kein fester Stützpunkt zu finden war, wurde der Gedanke fallen gelassen und auf dem früher beschriebenen Bande die Südwestflanke des östlichen Gipfels erreicht. Hier aber wartete unsrer noch die letzte Schwierigkeit. Der Abstieg an dem fast senkrechten und glatten Gehänge konnte beim leichtesten Fehltritt uns allesammt in die Tiefe schleudern. Unsre Meissel hatten wir schon beim Aufsteigen nirgends anzuwenden gefunden, geschweige denn jetzt. Aber wozu hatten wir 20 m solides Seil? Die beiden Stücke wurden in einen haltbaren Knoten verschürzt und derselbe dann um eine vorspringende Klippe senkrecht über der oben erwähnten Höhle befestigt. Unsre letzten Zweifel an der Tragfähigkeit des Haltsteins zu beseitigen, schlug der kühne Eduard Müller die Arme um denselben und hing so freischwebend über dem Abgrund. Das genügte. Die Enden des Seils wurden leicht in einander geschlungen und dann in die Höhle hinunter geworfen, deren Grund sie kaum erreichten. Einer nach dem andern liess sich nun in Turner- und Feuerwehrweise Hand um Hand herunter, bis er Boden bekam, und nach beendetem Manöver wurde auch das Seil durch Ziehen am dünnern Ende von dem Stein freigemacht und fiel zu uns herunter. Jetzt wurden die Schuhe, die man oben ungern entbehrt hatte, zur Hand genommen, aber, da zum Anziehen der Raum fehlte, gleich wieder voraus in den Graben geworfen. Ihnen nach flog der schwere Hammer, dessen Stiel, wie billig, bei dieser Gelegenheit entzweiging. Genützt hatte uns das unbehülfliche Ding so wenig wie unsre Meissel. Um halb 5 Uhr, anderthalb Stunden nach dem Verlassen des Gipfels, standen wir bei unserm Gepäck. Easch wurde der Rest unsrer Vorräthe verzehrt, hastig von M. v. Steiger ein Skizze angefertigt, und nach 5 Uhr nahmen wir Abschied vom Lobhorn, das bald hinter dem Suleckgrat unserm Blick entschwand. Es war dunkle Nacht, als wir über steile Grashalden hinunter rutschend und durch Bäche und Sümpfe watend bei der Nessleren-hütte ankamen. Eine halbe Stunde später betraten wir die gastliche Sennhütte in Saxeten, deren wackere Insassen uns mit sichtlicher Freude begrüssten, mit Milch erquickten und erst nach einigem Drängen eine kleine Belohnung für ihre Bewirthung annahmen, ein Benehmen, das leider auf unsern Alpen anfängt seltener zu werden. Auf dem guten Strässchen unter allerhand Geschichten und Plänen thalaus wandernd, erreichten wir gegen 10 Uhr Interlaken, wo ein kräftiges Nachtessen, ein guter Trank und ein stärkender Schlummer die Folgen der Anstrengungen gänzlich verwischten und uns nur die durch nichts getrübte glänzende Erinnerung an den Siegestag zurückliessen.

Im Nebelgrauen, mit dem ersten Schiffe, kehrten wir Dienstag den 26. September nach Thun zurück. Da wir unsre Ankunft nicht hatten vorher anzeigen können, kamen wir leider um den uns zugedachten Empfang. Schon Tags zuvor hatten die schönen Schwestern und Freundinnen meiner Begleiter bei An* kunft des letzten Schiffes unsrer geharrt, aber nicht uns, sondern den nach wohlerfüllter Aufgabe vom Schreckhorn heimkehrenden Herren Wyss und v. Steiger von Bern sollte der reizende Anblick vergönnt sein. Uns aber half ein Blick auf unsre wenig « galante » Kleidung einigermassen über diesen Schmerz hinweg. Dass wir während der kurzen nachfolgenden Zeit meines Aufenthaltes in Thun die Helden des Tages waren, nahmen wir äusserlich bescheiden, aber mit schlecht verhehltem Stolze hin; hatte uns doch nicht fremde Leitung, sondern eigene Unternehmungskraft zum Ziele geführt. Meinen neu gewonnenen Berggesellen aber sei auch an dieser Stelle ein herzlicher Gruss von einer Zähringerstadt zur andern gesandt.

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