Im Alpstein

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

Von Hans Biedermann.

Schon früh hatte ich eine besondere Neigung für Solofahrten in den Bergen. Die jugendliche Abenteuerlust wurde nach und nach verdrängt durch ein Sehnen nach ruhiger Grosse in der Natur. Doch heute noch freue ich mich über die fast fanatische Energie, mit der ich einst grosse Pläne verwirklichte. Gewöhnliche Wege waren mir zum vornherein verhasst.

Da war unter anderem kein Geringerer als der Mont Blanc selbst, der mir seit Jahren den Kopf verdreht hatte. Eine winterliche Besteigung brachte uns, einen blutjungen Freund und mich, nur bis auf die Höhe der Aiguille du Goûter, in deren Hüttchen wir bei 24° Kälte ohne Holz und Decken eine zweifelhafte Nacht verbrachten. Einige Jahre später nächtigte ich allein auf der Aiguille du Goûter und stand anderntags, tief ergriffen von der unendlichen Grosse dieser Natur, auf dem Dôme du Goûter. Auf dem Mont-Blanc-Gipfel aber empfingen mich entsetzlicher Sturm und beissende Kälte. Ich zwang mich, drei Viertelstunden am Boden zu liegen, rannte nachher mit halberfrorenen Gliedern zur Vallothütte hinab und gelangte dann halb schneeblind zu Tal. Eigentlich hatte ich ein fabelhaftes Glück, wenn man weiss, mit welchen Überraschungen auf diesen Höhen zu rechnen ist.

Reich beschenkt und beladen mit Erlebnissen und Erfahrungen, eifrig bemüht über die eigenen Torheiten nachzudenken, und doch mit seliger Berg-steigerfreude durfte ich noch lange von der wunderbaren Bergfahrt zehren.

Heute hat die jugendliche Stürmerei, die teilweise auch einer falschen Erziehungsmethode entsprang, einem reifern Ernst Platz gemacht. Vorläufig habe ich nur selten Gelegenheit, Viertausender zu schauen, und meine Bergfahrten geschehen vorwiegend in der Ostschweiz. Was ich hier, besonders im Frühjahr und Herbst, erleben durfte, ist wohl anderer Natur, doch nicht weniger eindrucksvoll. Automatisch stellen sich Geist und Seele auf die intimeren Reize des Gebirges ein. Neue Wege, neue Ziele...

Dass es sich beim Säntisgebiet ( Alpstein ) nicht um eine alltägliche Landschaft handelt, erfahren wir schon durch die warmen Worte unseres Altmeisters Prof. Dr. Albert Heim:

« Als ein stolzes Gebirge habe ich vor allem den Säntis erkannt, den ich geradezu als das schönste Gebirge der Erde bezeichnen möchte und als eines der lehrreichsten zugleich, da in demselben sozusagen alle Vorzüge eines Demonstrationsobjektes vereinigt sind, welches die erdgestaltenden Kräfte, Faktoren, Erscheinungen zum Ausdruck gelangen lässt, überzeugender als auf irgendeinem andern Fleck des weiten Erdenrunds. » Aber nicht nur Geologen und Botaniker, auch « Nichtfachleute » können dort eine Fülle von Eindrücken empfangen, wenn sie nur mit sehenden Augen und empfangender Seele hinpilgern wollen. Da schleppt einer seinen trägen Körper mühsam den Fussweg entlang und entpuppt sich später als eingefleischter Akrobat, der mit überlegenem Lächeln oder mit höchster Leiden- IM ALPSTEIN.

schaft am Fels klebt und eine erstaunliche Kletter- und Abseiltechnik entwickelt. Sonntagsbummler, die sich nicht über den Seealpsee hinaus wagen, Tier-, Pflanzen- und Naturfreunde, Gesundheitsapostel, Sonnenanbeter, sie alle suchen und finden, was ihren innern Wünschen, ihren Fähigkeiten entspricht.

Im Hochsommer bei drückender Hitze und dunstiger Fernsicht wird der Säntis von riesigen Karawanen in mehr oder weniger geeigneter Ausrüstung förmlich bestürmt. Dem Bescheidenen sind fast alle Unterkunftsmöglichkeiten genommen. Nur wenige Wochen dauert der Rummel, dann werden Gäste immer seltener, und die frühere weihevolle Stille senkt sich wieder auf den Alpstein.

Nicht viele Menschen wissen, was es heisst, einen schönen klaren Herbsttag auf einem wenig bekannten Gipfel zu verbringen. Ich vergesse nicht die Fernsicht, die ich auf dem Stoosgipfel hatte, wobei selbst Urner- und Berneralpen in greifbare Nähe rückten. Stundenlang an der Sonne liegen, ein scharfes Fernglas oder ein Buch neben sich, von Zeit zu Zeit vom selbstgebrauten Tee schlürfen: das zählt zum Schönsten, was mir der Alpstein schon geboten hat. Wie wenig braucht doch der Mensch, um glücklich zu seinOft hörte ich Musik und Melodien, die nur unter bestimmten landschaftlichen Eindrücken mir erschienen sind und darum nicht festgehalten werden konnten. Wär's nicht zu umständlich, möchte ich ein Miniatur-Instrumentchen in den Rucksack stecken!

Ähnliche weltabgeschiedene Plätzchen bieten Freiheit und Hundstein oder Moor-Nädliger-Jöchli. Dort zweigt der selten begangene, teilweise schmale Grat der Schafbergköpfe zwischen Jöchli und Wildhauser Schafberg ab. Dieser Grat hat ein abschreckendes Aussehen, ist sehr luftig, bietet aber für vorsichtige und tüchtige Kletterer keine Schwierigkeiten. Ausserdem ist der menschliche Andrang im Frühjahr oder Herbst hier so gering, dass man jene Gegend sogar nur mit Badehose und Kletterfinken in ungestörter Seelenruhe durchstreifen kann. Grossartig sind die landschaftlichen Eindrücke. Immer wieder muss ich die klassischen Formen der Churfirsten bestaunen, sei es beim herbstlichen Sonnenuntergang, wenn sie so unglaublich plastisch dastehen, oder im Frühsommer, wenn sie schneefrei sind, während ihr Fuss noch unter der Schneedecke schlummert. In ihrer Gleichwertigkeit und mit ihren doch individuellen Ausdrucksformen erinnern sie mich bald an ein überirdisches Kunstwerk, bald an eine vielstimmige Fuge oder Motette, in welcher jede Stimme ihren eigenen Weg geht, alle zusammen aber ein grosses Ganzes bilden. Von jeher hatte ich eine besondere Freude an Schichtung und Form der Felsbauten, welche mich nicht nur zu Klettereien einladen, sondern mich auch mit herber polyphoner Orgel- oder Vokalmusik erfüllen.

Auf der Kraialp, ein andermal auf dem Mutschen, erlebe ich einen wunderbaren Sonnenuntergang. Der Himmel ist hellblau und die Sonne nähert sich dem Himmelsrand. Die Felsberge sind magisch beleuchtet. Über dem östlichen Horizont liegt ein intensives Gelb und Rot, darunter bereits der Erdschatten. Im Tale glitzert der Rhein aus stahlblauem Dunst. Immer höher steigt der Erdschatten, bis auch mich die Nacht umfängt. Aber mit zunehmender Dunkelheit funkeln die Sterne mit erhöhter Leuchtfülle...

Ich steige gegen das Jöchli an. Sonne und Föhn vermochten den Schnee in den Schattenlöchern noch nicht völlig zu schmelzen, aber daneben blühen schon die ersten Frühlingsblumen. Ich überlege, was ich zuerst angreifen soll. Will ich eine leichte, eine scharfe Kletterei oder bloss photographieren? Am Fusse der schlanken Geierspitze sehe ich Murmeltiere. Schnell bücke ich mich und krieche auf allen Vieren vorsichtig näher. Der wellige Boden ist günstig. Auf dem Bauche liegend, vergesse ich bald mein Vorhaben und schaue lange dem muntern Treiben zu. Plötzlich erblicken sie mich und verschwinden, bevor ihnen Zeit zum Pfeifen bleibt.

Da, aufblickend, sehe ich über mir die kühne Geierspitze, im « Säntisführer » als schwierig und exponiert bezeichnet. Soll ich einen neuen Aufstieg suchen? Diese Idee gewinnt immer mehr Gestalt. Ich weiss, es muss mit steilen Grasplanken und brüchigen Schroffen gerechnet werden. Mit einem kleinen Pickel bewaffnet, nähere ich mich dem Berg von Norden. Ein geröll-erfüllter, reparaturbedürftiger Kamin am Nordfusse ladet zum Einstieg ein, und bald gewinne ich eine Grasstufe.Von dieser aus zieht eine immer steiler werdende schrofige Grasplanke hinauf. Ich probiere es und klettere nur sehr langsam, Fehltritte und hastige Bewegungen peinlichst vermeidend. Tritte und Griffe werden spärlicher. Und mehrmals überlege ich: soll ich umkehren oder nicht? Aber immer wieder zeigen sich neue Griffe, neue Möglichkeiten. Welche Freude und welche Steigerung in der Wertschätzung des eigenen Ich, wenn der Körper in Stellungen geklemmt wird, wie es noch nie mit ihm geschehen ist! Bald wird die Wand zahmer, und ich betrete den Grat der Geierspitze, gemütlich von einem Gipfelchen zum andern spazierend. Als Abstieg benütze ich zuerst den üblichen Ostgrat, gelange dann auf die Nordseite hinüber und finde bald meinen Rucksack wieder im Geröll.

Nun winkt die Südwand des Altmann. Beim Einstieg gleich eine grifflose Wand. Aber bald steigt man in einen langen bequemen Kamin ein, der erst vor seinem obern Ende verlassen wird. Dieser Kamin hat mir von jeher einen gewaltigen Eindruck gemacht, und innert wenigen Jahren habe ich ihn wiederholt durchklettert. Eine Vorahnung sagt mir, in dieser Südwand müsse es noch neue Kletterwege geben.

An einem herrlichen Morgen steige ich über den blumenreichen Rässegg-rücken in den Rässeggsattel, von wo aus ich den üblichen Schaffhauserkamin benützen könnte. Aber links davon lockt ein anderer steilerer Kamin, den ich nicht einmal vom Hörensagen her kenne. Mit Kletterfinken, die Taschen vorsichtshalber mit Abseilschnüren gefüllt, arbeite ich mich in anregender Kletterei diesen Kamin hinauf und gewinne das oberste Ende des üblichen Südwandkamins. Auf schmalem Gesimse taste ich von dort rechts aufwärts, um nach einigen luftigen Griffen den Altmanngipfel zu gewinnen.

Eine schwierige, von Kletterern aber geschätzte Fahrt spendet der Alt-mann-Ostgrat, während auf dem leichtesten Aufstieg vom Altmannsattel mitunter mutige junge Damen ihre Begleiter an der Hand führen, um später mit einer Zigarette im Munde das letzte Gratstück zu überschreiten.

IM ALPSTEIN.

Einen besondern Anziehungspunkt bilden die Kreuzberge. Allerdings scheint es, als ob sie nicht mehr so « Mode » seien wie vor etwa 10 oder 20 Jahren. Immerhin trifft man mitunter heute noch Kletterer, nur mit einem Seil und einer Handorgel ausgerüstet, ein Zeichen dafür, dass selbst schwierige Klettereien nicht aller Gemütlichkeit entbehren. Jeder Gipfel der Kreuzberge zählt mehrere Aufstiegsmöglichkeiten, und wer diese kennt, weiss, dass hier für jegliche Art des Klettertalentes gesorgt ist. Der Liebling aller Kreuzbergfahrer, der fünfte Gipfel, wird gewöhnlich über den luftigen aber soliden Westgrat erstiegen, während für den Abstieg die Nordwand gefällig ist. Etwas länger, aber ebenso anregend ist des fünften Gipfels Südwand, welche aus der östlichen Scharte gewonnen wird. Auch in der mächtigen und selten besuchten Nordwand des vierten Kreuzberges stösst man auf interessante und schwierige Stellen.

Allgemein gesprochen, bilden die Kreuzberge ein sehr geschätztes Klettergebiet. Die zerrissenen Felsgräte, die gemütlichen Kamine, die phantastischen Felsenfenster und die reichen landschaftlichen Aus- und Tiefblicke lassen den Kenner alle Müdigkeit vergessen, besonders dann, wenn er sich unnützer Erdenschwere rechtzeitig entledigt hat. Nach einer ausgiebigen Arbeit in den Kreuzbergen, verbunden mit dem reizvollen Höhenspaziergang zwischen der Saxerlücke und dem Hohen Kasten, wie auch vom Kraialp- zum Roslenfirst, erfrische ich gerne Körper und Seele durch ein Bad im finstern Fählen-oder im strahlenden Sämbtisersee.

Eine besonders fidèle Gratkletterei mit bequemem Zugang bieten die Altenalptürme. Zwischen den beiden östlichen Gipfeln befindet sich ein für den Neuling furchterregendes aber harmloses Reitgrätchen und am westlichsten Gratzacken eine beliebte, etwas überhängende Abseilstelle. Nicht selten lassen sich die Altenalptürme noch spät im Herbst überschreiten, wenn das tiefe Flachland schon in Nebel gehüllt ist und oben die Sonne lacht.

Wer aber das Alpsteingebiet nur bei schönem Wetter bereist, weiss nicht, welche Schwierigkeiten dem Kletterer bereitet werden, wenn ihn Gewitter und Hagel bedrohen, wenn seine durchnässten Kletterfinken nicht mehr angreifen wollen und seine Finger gefühllos geworden sind.

Das Schicksal wollte es einst, dass ich von einer göttlichen Symphonie überrascht wurde. Kaum fand ich Zeit, meinen Körper notdürftig in einer Ritze zu verbergen, als ein Regenschauer Felsstücke über mir löste. Der Blitz schlug wiederholt in die Grate, und ein gewaltiges Hagelwetter fuhr heran. Ich suchte nach einer passenden Höhle, konnte aber vor Hagel fast nichts mehr übersehen. Sündflutartig stürzten von den Felsen überall wilde Bäche, polterten Steine. Der Blitz wirkte wie ein greller Beckenschlag, der Donner wie riesiger Paukenwirbel, der Regen wie ein gewaltiger Streichkörper, und der Hagel schlug mir staccatissimo ins Gesicht. Wer mit solchen Ausdrucksmitteln musizieren kann, muss ein überirdischer Herrscher und Kapellmeister seinWohl dem, den in solcher Lage nicht noch ein schlechtes Gewissen drückt!

Der naturverbundene Mensch handelt meist klar und logisch, wie in der Legende « der Löwe » im « Segen der Dummheit » von Scheurmann erzählt wird:

Drei hochgelahrte Brüder brachten es fertig, aus einem Löwenskelett einen brüllenden Löwen zu gestalten, welcher sie sofort auffrass, während der vierte und jüngste Bruder, der über keine solche geistigen Fähigkeiten verfügte und nur natürlichen Verstand besass, sein Leben rechtzeitig in Sicherheit brachte. Wie wohl bekommt es mir, wenn Geist und Magen durch eine Diät erfrischt werden! In den Bergen denke ich für gewöhnlich müheloser als im drückenden Talnebel und wundere mich über Gedankenblitze, die mir sonst nie erschienen wären. Einen Grossteil meiner bescheidenen Intelligenz verdanke ich hochalpinen Luftkuren. Wenn der Sturm über die Grate fegt, dann reinigt er auch mein verstaubtes Gehirn. Mitunter wird mir nach einem Orgelkonzert von wohlwollender Seite gesagt, wie « gross » ich gespielt habe. Solche Urteile nehme ich freundlich dankend hin, reduziere sie auf die relative Höhe, genau wissend, dass die grössten und schönsten Gedanken mir in der Bergeinsamkeit erschienen sind.

Feedback