Im Fels

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Von Helga S. Paasche

( Zürich ) Es gibt Lebensabschnitte, in denen Erlebnisse ein besonderes Gewicht bekommen, und solche, in denen wir unachtsam an den Dingen, die uns begegnen, vorbeigehen. Für uns Stadtmenschen vor allem ist die Umwelt nur noch tel weise bewusstgezwungen, uns gegen Lärm und die Vielfalt störender Eindrücke abzuschliessen, haben wir verlernt, die feinen Stimmen der Dinge, der « toten » und der lebenden Wesen aufzunehmen.

Stein sehen wir alle, und jeden Tag. Steine seltener und Felsen nur auf Wanderunge;i. Und erst im Hochgebirge wird der Fels plötzlich wichtig, massgebend, formgebend. Schweigend schaut er auf den Menschen herab, Jahrtausend«; hat er gesehen, und nur einige wenige Liebhaber sind zu ihm gekommen, mit Nagelschuhen und Mauerhaken, mit suchenden Händen und vorsichtigen Blicken. Wussten sie etwas von ihm? Oder wollten sie an ihm nur sich selbst erleben, ihre Kraft und Gewandtheit?

Bist du einmal mit einem Vertrauten der Felsen gegangen? Hast du den Blick ge!;ehen, mit dem er prüfend und fragend zu ihnen hinaufschaut, nicht anders als in die Augen eines neuen und fremden Menschen? Und sahst du die 3ewissheit in seinen Zügen, wenn ihm Antwort gekommen war? Ein einfacher Mensch muss es sein, der noch Ohren hat, zu hören, und Augen, zu schauen. Wenn du still bist, wird er vielleicht zu dir sagen: « Sie sagen, der Fels sei tot — totes Gestein... Sei einmal ganz ruhig und horch! Hörst du, wie er lebtEr verändert sich und baut an sich wie der menschliche Körper. Hier rollt ein Steinchen herab, da gräbt ein Wässerchen ein neues Zeichen in ihn, dort siedelt sich ein Pflänzchen an, wie ein Lächeln auf einem Menschengesicht. Und schau nur, er hat Adern, und Nerven aus Quarz, ja sieh nur di2 Stränge, die halten das ganze Gefüge zusammen, die sind das Nervensysterr. Wenn diese Stellen schwach würden, dann muss der ganze Aufbau zusammenbrechen und sterben wie jedes andere Lebewesen. Heute ist er sehr nervös, hörst du, es kracht und rumort in ihm, der Nebel bedrückt ihn und der Föhn, genau wie die Menschen unten im Tal. Und da sagen sie, der Fels sei tot, totes Gestein... » Glaubst iu, dass nach solchen Worten die Felsen anders aussehen? Dass du inner, plötzlich naherückst und sie in deinen Lebenskreis einbeziehst, den sie bisher nur streiften? Wenn du nun weitergehst und herantrittst an den neu gefundenen Kameraden, werden deine Hände ihn greifen wie einen Freund, und cu wirst hören, wie er ruft: « Komm, hier geht der Weg », und du wirst spüren, wie er dir hilfreich die Hand entgegenstreckt, die du noch vor kurzem nicht gesehen. Du wirst die Wassertropfen wie Blut herabrieseln hören und die warmsn Wände unter dir fühlen wie die Haut eines nahen Menschen.

Auch der Fels hat seinen Lebenskampf gegen Stürme, Kälte und Angriffe von aussen, gegen Unrast und Müdigkeit von innen. Auch er muss sich bewähren, muss seinen Tribut an die Umwelt zahlen und dem Ganzen dienen. Fürchte dich nicht vor ihm, er ist wie du, nicht getrennter von dir als so viele Die Alpen - 1947 - Les Alpes35 Nebenmenschen, in deren steinerne Antlitze du schaust, und deren Leben du auch nicht kennst. Und bedroht dich der Steinschlag, musst du dich eng an den Fels pressen, um dich zu schützen, so vergiss nicht, wie oft schon du dich vor den Menschen schützen musstest — wie du nahe zu einem Freund flohest, weil ein Mensch mit hartfer Hand einen Stein in deinen Lebensweg geworfen hat.

Der Fels ist dein Freund, du musst ihm nur vertrauen.

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