Im Kampf mit der Rasica

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Von Paul Bärtsch.

Im blendenden Glanz der Sonne aufleuchtende Gletschermeere, durch-schrundete Eishänge, in den Himmel trutzende Felstürme: eine Welt, die Schöne und Erhabenheit mischt und ungezählte Wunder offenbart, eine Welt, die durch einsame Grösse den Menschen lockt und an sich kettet, um ihn nie mehr zu lassen!

0 trunkenes Heimweh, das uns zu euch zieht, immer und immer wieder an eurer Pracht sich zu sättigen, an eurer Reine die weltwunde Seele gesund zu baden, fern von der Hast des Lebens, von der Enge des Werkeltages, ein Heimweh, das uns aufranken lässt an eurer Kühne, wie die Rebe sich rankt am Stock, um Früchte zu tragen, tausendfältig!

Mächtig zu sein mit Mächtigen und stark mit den Starken, das ist ein Hoffen, das nur in den Bergen Wirklichkeit wird. Ein strenges, zähes Schreiten auf diesen Pfaden trägt uns in lichtvolle Höhen, lässt in neue Welten hineinfühlen. Ein brennendes Verlangen, eine heilige Sehnsucht hält mich gefangen und lockt und lockt. Ein Zauberwort klingt in mein Ohr und fiebert in meiner Seele: « Forno ». Ins Forno, in die Bergelleralpen, wo aus vereisten Hängen wildzerklüftete Granitwände ragen, das Paradies des Kletterers.

Erst Traum nur, stiller, bescheidener Wunsch, nun herrliche Wirklichkeit.

Der Kalender weist den 12. September. Die Malojerberge umwallen Nebel. Windstösse jagen aus dem Bergell auf, stürzen sich auf die breit-astigen, wetterharten Arven. Abgerissen und grell dröhnt deren Ächzen. Am Himmel dunkeln Wolken gleich finstern Dämonen, drohend und voll Unheil. Endlich nach erbittertem Ringen ein Aufhellen. Die Sonne siegt. Über die Gefilde breitet sich goldiges Leuchten und zündet in unsere Herzen. Verborgene Lichter glühen auf. Mut blitzt in den Augen, und kühner Tatendrang lässt die Pulse rascher spielen, lässt uns weiter ausschreiten. Drückt auch die Last hart auf den Rücken, ein freudiges Erwarten weitet die Brust und bricht ihre Schwere. Rüstig vorwärts geht 's neuem, noch unbekanntem Erleben entgegen!

Der heimelige Raum der Fornohütte umfängt uns. Das Feuer knistert im Herd, leckt sich empor am schönduftenden Arvenholz und züngelt um die weitbauchigen Pfannen. Ein feines Singen durchzittert die Luft, das Wasser beginnt zu wallen, und schon haben kundige Hände ein treffliches Mahl bereitet. Dann ein Plauderstündchen. Blauer Rauch steigt empor und ringelt sich um die Lampe. Das Morgen kommt zur Sprache.Vieles wird ausgeheckt, erwogen und wieder verworfen. Da fällt plötzlich der Name « Punta Rasica ». Wir horchen auf. Ein eigenartiges Gefühl durchzuckt uns. Wir spüren, wie dieser Berg in seinen Bann zieht und immer enger die Sinne umfängt. Vergeblich wehren wir uns, umsonst suchen wir die Gedanken von ihm zu lösen. Unwiderstehlich kehren sie zurück, um bei ihm zu verweilen, an ihm sich zu berauschen. Wir erheben uns und gehen in die Nacht hinaus. Sternklar der Himmel, und blaues Mondlicht glänzt über dem mächtigen Eismeer. Weit hinten am Horizont aber ragt ein scharfgezähnter Grat aus der Gletscherwelt titanenhaft zum Firmament. Dorthin spähen unsere Blicke, und in heissem Verlangen brennt das Herz...

In warme Decken gehüllt, legen wir uns nieder, aber in unserer Seele geistert die Punta Rasica, eine schwerblütige Sehnsucht dämmert auf und hält noch lange unsere Sinne wach.

Der Wecker schrillt. Lärm dringt erbarmungslos an die schlaftrunkenen Sinne und hämmert uns wach. Dahin die Ruhe! Durchs Fenster dringt heller Tag. Auf geht 's und hinaus. Hei, wie lacht der Himmel! Nur die Berge sind noch tief vermummt, bergen ihr schönes Antlitz hinter silberblinkenden Nebeln. Soll unser Hoffen zuschanden werden, oder treiben sie ihr neckisches Spiel wie mutwillige Mädchen, die ihre Anmut verhüllen, um dann von zärtlicher Liebe gemeistert, doppelt verlockend, doppelt zu berücken vermögen...

In den Schüsseln dampft und duftet der Kaffee und ladet zum Morgenimbiss. Eilig haben wir 's nicht, sind doch die Felsen noch frostig und verschneit und würde dadurch das Klettern voller Beschwer.

Um 9 Uhr ist Aufbruch. Mehr und mehr sind die Nebel zerstoben, und wohlig warm strahlt die Sonne aus dem azurnen Bergellerhimmel. Immer wieder gleiten die Blicke ringsum auf die granitenen Höhenzüge und hangen voll inniger Bewunderung an all der Herrlichkeit, die nirgends auf weitem Erdenrund schöner und grossartiger sich zu einem Ring voll unermesslicher Pracht eint, stets aufs neue fesselnd, aufs neue berückend, unversiegbar, ewig!

Bergschuhe dröhnen auf dem Eise.Vorüber an zahllosen Pilgern drängen unsere Schritte, die den beschränkten Kreis ihres Daseins durchbrachen, um wagemutig in die weite Welt zu wandern, tausend und mehr Jahre sind sie schon unterwegs, und wenn wir längst Staub geworden, dahin geschwunden sind in unserem Dünkel, mit ihm alles Hoffen und Erwarten, alles Glück und Weh, ausgelöscht und verweht im Wandel der Zeiten, dann wandern diese Pilgrime noch immer über die Welt, durch Regen und Sonnenschein und brausende Wetter, und wieder wird manches Jahrtausend verrinnen, bis auch sie ihrem endgültigen Geschick verfallen, dem engen Bezirk der Ruhe und Eintönigkeit. Während meine Gedanken die Spanne eines Menschenlebens durchmessen, an manchem trauten Ereignis stille stehend, ist der Gletscher schon überquert, und im pulvrigen Neuschnee beginnt der Aufstieg. Schuhhoch liegt die weiss schimmernde Decke, und die Septembersonne brennt mit ungebrochener Kraft. Mühsam geht es bergan. Steiler und steiler wird der Hang. Klaffend gähnt eine Randspalte und wehrt unsern Anstieg. Da binden wir die scharfgezähnten Eisen unter die Schuhe, und dann klingt der harte Schlag des Pickels durch diese einsame Welt. Stufe reiht sich an Stufe, und bald ist der Schrund überwunden. Weiter hinan in die steil und gefährlich sich erhebende Eiswand. Der Pickel gräbt sich ins Eis, hackt und höhlt es aus, klirrend fliegen die losen Splitter um die Schädel, fallen lärmend zu Tal. Schrittweise uns emporschaffend, erzwingen wir endlich die eisige Kehle und gewinnen, eine schroffe, tiefverschneite Felswand überwindend, die Colle Rasica.

Rastend schauen wir tiefgefurchte, spärlich bewachsene Täler; jäh nach Süden fallend, weisen sie in eine andere Welt, mehr zugetan der wärmenden Sonne, heissblütiger und leidenschaftlicher im Erleben. Wogt auch ihr unruh-volles Drängen und Sehnen bis in diese Bergeinsamkeit, an den granitenen Stirnen bricht sich die brandende Welle.

Weiter bergan. Das Ziel ist noch fern, und die zweite Mittagsstunde um mehr als die Hälfte überschritten. Steigeisen und Schuhe im Rucksack, wird in den Finken der scharfe Grat überklettert, den ein lotrechter Felsturm jäh unterbricht. Der zwingt uns, in die tiefverschneite Nordwand einzuschneiden. Wieder streifen wir die Bergschuhe an. Dort in die Höhe zu streben, ist kein leichtes Unterfangen. Die Hände suchen in Schnee und Eis nach Griffen, befreien Steine von ihrer weissen Last, um Stützpunkte zu gewinnen, und so geht es langsam, tastend empor. Zweistündige ununterbrochene Anstrengung führt auf den Felsrücken, auf dem sich die Punta Rasica erhebt.

Ein stolzer Anblick, diese messerscharfe, blattdünne Gipfelbildung, die sich steil und abweisend in den dunkeln Himmel erhebt, als wollte sie dem Ersteiger Trutz bieten, seinem mutigen Unterfangen ein Halt entgegen-schleudern: « Bis hierher hast mich bezwungen, nun weigere ich mich, dein Ungestüm länger zu ertragen. » Manch wackerer Kämpe hat hier verzagt, hat Kehrt gemacht und ist wieder zu Tal gestiegen. Führer Wieland aber, ein hochgewachsener, kerniger Bündnertyp, der einst als Geissbub im Oberland mit den Ziegen um die Wette kletterte, der hat das Zagen nicht gelernt. Ihm flösst diese Schroffe keine Furcht ein. Ruhig und besonnen überspannt er mit weitem Schritt den überhängenden untern Teil des Gipfelblocks, krallt sich fest mit seinen Pranken und überwindet so das erste, schwere Stück. Weiter und weiter hinauf fasst seine nervichte Rechte, klammert sich wie Eisen an den Granit, die Füsse sperren, die Schenkel klemmen den Fels, und ruckweise wird die Steile zur Nase bezwungen. Nochmals ein kräftiges Ausholen, dann eine grifflose Stelle, und er hat das stolze Ziel erreicht.

Den Überhang überbrückend steige auch ich in den Block, recke mich empor, ringe dem Fels mit Mühe und eisernem Willen Meter um Meter ab. Aber der Berg lässt sich nicht leicht bezwingen. Wo der Grat am dünnsten und steilsten, hänge ich nur noch an den Händen, unter mir gähnt die unheimliche Tiefe. Der Atem stockt, und das Herz hört auf zu schlagen. Ich fühle eine dämonische Macht, die all meine Kräfte aus dem Körper zieht, die mich zermürbt, vernichtet, und dunkel wird 's vor den Augen. Bange Momente hänge ich zwischen Himmel und Erde, ohnmächtig, besiegt. Da regt sich wieder das Herz mit mächtigen Schlägen, tiefe Atemzüge lassen die Kräfte erstehen, die Schenkel krampfen den Granit, und mühevoll erklimme ich die Nase. Aufs neue beginnt das Ringen mit der Steile, unerbittlich trotzt mir der Grat mit immer neuen Hindernissen, aber « nit lugg lahn gwinnt », und so erzwinge ich den letzten, grifflosen Teil.

Trunken streift das Auge in die weite Welt, wo Berg an Berg in unendlicher Folge sich reiht, bleibt verklärt an den überragendsten haften, die, angetan mit ewigem Hermelin, im Glast der goldenen Sonne funkeln und gleissen, ruht aus in der milden Ferne, die die Gebirge mit einem rosavioletten Hauch überzaubert, mit magischer Kunst Himmel und Erde einend.

Mich überkommt 's wie Offenbarung. Was ahnen die, deren Geschick sich tief unten in engen, winkeligen Gassen abspielt, von der Heiligkeit eurer Nähe? Hell strahlt das Licht, mehrt sich im klaren Kristall, und jauchzend stürzt es zurück. In seinem Innern erlebt der Bergsteiger das Aufflammen schönheitstrunkener Leidenschaft. Die Seele wacht auf und erhebt zagend die verwunderten Augen, wie ein erblühtes Mädchen, das zum erstenmal dem Zauber heiliger Liebe erliegt. Neues Erleben quillt, und in duftigerem Licht atmet ringsum die, Erde. Stolzes Erkennen, vollendeter hoher Genuss überraschen den Staunenden mit immer lichteren Wundern, bis alle Herrlichkeit sich seiner jubelnden Seele erschlossen hat und er hineinfühlt mit tiefem Verstehen in das urewige Gesetz des Kommens und Gehens...

Hallo! Da schlagen plötzlich Laute an mein Ohr und schrecken mich aus meinem Sinnen. « Ich kann nicht mehr, meine Kräfte sind ganz erschöpft! » Was war das? Aha, ich sitze ja auf der Rasica, und unter mir stemmt und müht sich unser Lichtbildner und Freund Pedrett, schindet seine Kräfte und kann nicht mehr. Vorsorglich hat er seine Camera obscura unten gelassen, um sich nicht unnötig zu belasten. Grad an der giftigsten Stelle hängt er am Felsen. Nun schafft er sich wieder ruckwärts herauf; denn es muss gehen, und bald sitzt auch er an unserer Seite auf der Punta.

Was mögen das für köstliche Momente gewesen sein, stolz und männlichen Jubels voll, als Erster der Kühnen diesen unnahbaren Riesen bezwungen zu haben! Das war Christian Klucker im Jahre 1892, und nicht nur diesen, sondern so manchen benachbarten Gipfel hat er als Erster in der Vollkraft seiner Jahre bestiegen, und die heiligen Schlüssel des Erfolges denen in die Hände gegeben, deren Herz die Ketten des Alltags sprengte, die nach Licht hungern, nach himmelnahen Höhen trachten. So ist er voran gegangen als Pionier einer Wunderwelt, begeistert und begeisternd.

Der Tag neigt sich und mahnt zum Aufbruch. Die Hände fassen den körnigen Granit, und Vorsicht und Mühe führen uns hinab. Die Kletterschuhe sind im Rucksack, das Auge schaut noch einmal in die weite Welt, und dann hinab in die verschneiten Felsen. Ein Gefühl wie Sorge beschleicht uns; denn der Weg ist weit, und die Gefahr lauert in jedem Felsenriss. Die Finger fühlen in den Schnee und werden frostig. Aber die Eile gibt ihnen Bewegung. Höher und höher hinauf greifen die Schatten, und nun beginnt ein Wettlauf mit dem Tag. Tastend und suchend, eilig und doch voller Vorsicht durchklettern wir die Flanke der Rasica.

Still und weit liegt die Welt, nur hie und da ertönt das Gepolter von Schnee und Eis, das sich an den Felswänden löst und zu Tal stürzt. Ein einsamer Vogel schneidet die Bläue des Himmels. Auf seinem schwarzen Gefieder blitzt das Gold der scheidenden Sonne. Dann ist er lautlos in dunkeln Felsnischen verschwunden. Aber im Herzen weckt er das schwere Gefühl des Alleinseins...

Die Colle Rasica ist erreicht, und frohe Zuversicht erfüllt uns. Ein kleiner Halt, ein Imbiss, und weiter. Noch einmal leuchtet die Welt, noch einmal erglühen wundersam die Gebirge, dann schwindet die Pracht, und unaufhaltsam bricht die Dämmerung herein. In der Eiskehle erdröhnt der Pickel. Schritt um Schritt sichernd, steigen wir in unsere Stufen und entschwinden so der drohenden Gewalt der Rasica. Als wir zum Sprung über die Randkluft ansetzen, ist es bereits dunkel geworden.

Wieder flammen die ewigen Lichter am Himmel. Die Nägel der Bergschuhe knirschen im Eis, und tief unten im Gletscher rauschen geheimnisvoll die Wasser. Eine Gegensteigung noch, und wir sind im traulichen Bergheim.

Sinnend blicke ich ins flackernde Feuer, und seltsame Gedanken durchkreuzen das Hirn. Wie ist doch alles Geschehen so eigen. Ist nicht der Mensch eine lebendige Camera obscura, sein Auge die Linse, die Seele ein Film, der endlos weiterrollt bis an des Lebens Ziel und alles, Licht und Schatten, getreulich aufzeichnet. Und einst, wenn Körper und Seele scheiden, dann wird der Allvater Rechnung halten, und alles Geschehen flimmert noch einmal auf. Der aber, der ihn in seinen heiligsten Tempeln besuchte, ist seinem Herzen der nächste, und segnend wird des Vaters göttliche Hand auf ihm ruhen.

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