Im Khumbu-Himal und auf dem Island Peak

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Alex. u. Wandau,Wien

Die Bergwelt des Khumbu, der Sherpaheimat am Fuss des Mount Everest, ist einzigartig, nicht nur wegen der vielen Achttausender auf kleinem Raum, und verblüfft ob der Grossartigkeit und Mannigfaltigkeit der individuell ausgeprägten Berggestalten. « Khumbu » ist auch der Name des 18 Kilometer langen Gletschers, der sich zwischen Mt. Everest ( 8848 m ) und Lhotse ( 8501 m ) nach Südwesten zwängt. Durch seinen 600 Meter hohen Eisfall, ein Labyrinth gähnender Spalten, führt der Normalweg auf den Mt. Everest, den Berg der Berge.

In 3800 Meter Höhe liegen die etwa ioo Häuser von Khumjung, 350 Meter oberhalb Namche Bazar; das sind die zwei bedeutendsten Sherpadörfer, weltbekannt geworden durch die Everest-Expeditionen. Nordwestlich führt ein fast das ganze Jahr mit Yaks benutzbarer Weg über den vergletscherten Nangpa-Pass ( 5716 m ) nach Tibet. Mit den Yak-Karawanen kamen aber nicht nur Salz und Wolle zu den Sherpa, sondern auch buddhistisches Gedankengut aus den tibetischen Klöstern, z.B. aus dem berühmten Rongbuk, dessen von den Chinesen vertriebener Abt in Tengpoche, vier Gehstunden östlich von Khumjung, eine neue Heimat gefunden hat. Die genannten Orte sind landschaftlich von einmaliger Schönheit. Auch die Japaner haben dies erkannt und auf dem bewaldeten Rücken zwischen Khumjung und Namche ein Hotel für Yen- und Dollar-millionäre gebaut - eigentlich weit weg von der ihnen gewohnten Zivilisation: Normalerweise sind es 12 Tagesmärsche ( kein « Reitweg » ) von der letzten Stelle in Nepal, wo man Benzinduft einatmen kann. In der Nacht sieht man nun die erleuchteten Fenster des Hotels auf der Kammhöhe. Kaiser Hirohito war hier im Oktober 1973 zur feierlichen Eröffnung. Auch die Rollbahn für ( Klein-)Flugzeuge ist fertig geworden und besser ausgestattet als die von Lukla, weit unten im Tal. Es fehlt nun nichts mehr, um das nahe Everest-Massiv in den « Brennpunkt des Verkehrs » zu rücken. Die Folgen waren schon im Herbst 1973 deutlich: überall Touristen unterwegs, Unrat auf den Wegen, und in den Dörfern sind aus den herzigen Kindern mit staunenden Augen zudringliche Bettler geworden.

Der nun folgende Bericht handelt von einer Besteigung im Jahre 1972, als der Anmarsch zum höchsten Berg der Erde noch nicht von westlicher Zivilisation gezeichnet war. Damals brachte uns, eine zwölfköpfige Alpinistengruppe, das 13 Perso- nen fassende Flugzeug der Royal Airlines in 40 Minuten von Kathmandu nach Lukla ( 2850 m ), von wo man auf steinigen Wegen mit viel Auf und Ab zwei Tage bis Khumjung ( bzw. zum neuen Hotel ) zu marschieren hat. Lukla ist kein charakteristisches Sherpadorf, sondern eine geneigte Graspiste mit einer Wellblechbaracke und einem grossen Zelt der « Airlines Corporation », vor dem der Flugplatzleiter mit einer primitiven Handwaage am Gepäck der abreisenden Fluggäste hantiert. Meine Kameraden hatten nur ein Auge für die Gegend, eine Talweitung, die ihnen wahrhaft paradiesisch erscheinen musste: gegen Norden ( in unserer Marschrichtung ) ein im ersten Herbstschnee glitzernder Bergriese des sich schluchtartig verengenden Dudh-Kosi-Tales und ringsum die nach dem Sommermonsun frisch prangenden Eichen, Koniferen und Farne des immergrünen Himalaya-Laubwaldes; in der Talsohle steinumzäunte Anpflanzungen der Sherpa - glückhafter Eindruck einer fast « unberührten » Landschaft.

Nach etwa sechsstündigem Marsch — das Gepäck wurde von braven Träger(innen ) befördert - kamen wir in die Zone der Tannen, Lärchen und Himalaya-Zedern, mit einem ersten Blick auf den Mt. Everest. Die obere Waldgrenze -sonst um 4000 Meter - ist in der Gegend der Einmündung des Imja-Flusses, des alten Handels-zentrums Namche, auf 3400 Meter hinuntergedrückt. Man steigt hier eine grosse Schwelle hinauf, deren Sockel im anstehenden Fels der gneisigen « Kathmandudecke » fusst, während sie oben von einer Moräne bedeckt ist. In den Hängen dieser Moräne ist das amphitheatralisch gebaute Namche Bazar eingeschnitten. Die Mulde von Namche ist durch rückschreitende Erosion von Quellbächen entstanden, die am Kontakt der Moräne mit dem Felssockel ausfliessen.

Wir liessen den Ort zunächst links liegen; Wichtiges war zu erledigen: die Kontrolle unserer nepalesischen Trekking-Pässe. Ein wohlbeleibter Hindu, von seinen Untergebenen militä-risch-respektvoll behandelt, also der Polizeileiter des Bezirkes, erteilte seine Unterschrift, ganz Namche von seinem Haus überblickend, in gemütlichem zweistündigem Zeremoniell. Der weitere Weg ( 41/2 Stunden ) nach Tengpoche ( 3867 m ) ist bequemer und gehört angeblich zum « Grossartigsten, was die Erde an Schönheit zu bieten hat ». Er umrundet eine Art Hochfläche und gestattet Überraschungseffekte dank den allmählich hervortretenden Gletscherbergen, angefangen mit dem Mt. Everest im NO bis zur gewaltigen Riefe-Eisflanke des Kang Taiga ( 6685 m ) im SO; ganz nahe der majestätische Eisdom Taweche ( 6542 m ), wo im oberen Teil Orthogneis, darunter sedimentäre Kalke und Schiefer der « Khumbu»-Decken zu erkennen sind.

Der Pfad senkt sich von 3550 auf 3250 Meter — romantischer Flussübergang und Wiedereintritt in Wacholder- und Rhododendren-Wald! Prächtige Durchblicke zum Amai Dablang ( 6856 m ), einem Matterhorn-ähnlichen, besonders eindrucksvollen Gipfel, als Entschädigung für die Mühe des steilen Gegenanstieges zum Kloster Tengpoche ( 3867 m ). Talnebel krochen am Nachmittag von Süden herauf. Sie und die meterlangen Flechten an den Bäumen verleihen der Gegend etwas erregend Geheimnisvolles. Wie immer verschwand der Nebel in der Nacht. Wir konnten also am nächsten Morgen die einzigartige Kammlage des Klosters im Zusammenstoss von vier Tälern bewundern. Es handelt sich um durch frühere Gletscherbedeckung breit ausge-walzte Täler: unser Zielgebiet! Viele Himalaya-Riesen kann man dort vom Fuss weg ohne Sichtbehinderung durch Vorberge sich in die Höhe recken sehen.

Zunächst wollten wir uns aber beim Abt des Klosters anmelden. Leider war er nicht zugegen -eine Enttäuschung, gilt er doch als Reinkarnation eines Bodhisattva, also eines Heiligen, der aus eigener Kraft den von Buddha vorgeschriebenen Weg der Selbstreinigung gegangen, bis an die Schwelle des Nirwana gelangt und zurückgekehrt ist, um im Diesseits diejenigen zu retten, welche noch im Blendwerk des Irdischen gefangen sind.

Buddha selbst hat sich nie göttliche Eigenschaften zugeschrieben und seine Lehre auf der Weltanschauung des zu seiner Zeit herrschenden Brahmanismus aufgestockt ( Lehre von der Wiedergeburt des Menschen ). Was ihn von allen Religions-stiftern unterscheidet, ist, dass er 550 vor Christusohne jegliches Vorbild eine Darstellung des Kosmos gegeben hat, deren Richtigkeit erst heute auf Grund der Erforschung der atomaren Strukturen, der Strahlungsenergie und der Wechselbeziehung zwischen den Massen erkannt wird. ( Vgl. Vollmer, « Buddha und seine Zeit ». ) Er wusste sogar von der interplanetarischen Zeitdifferenz! In der tibetisch-nepalesischen « Spielart » des Buddhismus ( Vajrayana ) wurde Buddha als Heilbringer —jedoch nicht als einziger— mit einer Fülle von Buddha-artigen Gestalten und magischen Kultformen umgeben. ( Auch die an den Wegen aufgestellten « Mani », in Stein gehauene Gebetssilben, beziehen sich auf alte magische Praktiken. ) Selbstverständlich gibt es im Kloster Tengpoche schöne Darstellungen des buddhistischen Pantheons, der Weltschöpfung usw.

Leider war unser Sherpa-Sirdar nicht zu einer genauen Erklärung der Bildteppiche zu bewegen. Nur auf ein Bild mit dem sagenhaften Yeti, anscheinend einer Kreuzung von Bär und Mensch, wurde hingewiesen. Im Gespräch mit den Sherpa zeigt sich aber die tiefe Religiosität der Leute und ihre Überzeugung von einer Seelenwanderung. Jede gute Tat des Menschen steigert seinen Vorrat an « Sönam », und nach dem Stand des Sönam richtet sich das Schicksal des Menschen im nächsten Leben. Diebstahl, Betrug und Tötung eines lebenden Wesens bedeuten Abbau des Sönam. Die Beliebtheit der Sherpa bei den Expeditionen dürfte letztlich eine Auswirkung der buddhistischen Ethik sein.

Tengpoche ist, wie gesagt, eine Klostersiedlung und zwar für etwa 40 Mönche. Die Sherpadörfer, charakterisiert durch Zweigeschossigkeit, verputzte Bruchsteinmauern und flache Giebeldä-cher, finden sich talaufwärts etwa alle zwei Geh- stunden bis 4200 Meter ( Pheriche !), darüber nur mehr vereinzelt kleine Häuser mit der Funktion einer Hochalp im Rahmen der ursprünglich nomadenhaften Sherpawirtschaft. Wir erreichten in zwei Wandertagen die schuttbedeckte Zunge des Khumbugletschers, dessen Fliessgeschwindigkeit etwa 50 Meter pro Jahr beträgt. Beträchtlich ist der Höhenunterschied zwischen Pheriche und dem Kamm der Moräne: 300 Meter! Der Yakweg hört überraschenderweise nicht auf, sondern folgt dem durch die rechtsseitige Moräne gebildeten Tälchen, wo man stellenweise Edelweiss und Rhododendron nivola finden kann, bis zum üblichen Basislager-Platz der Mt. Everest-Expeditionen. Wir schlugen hier unser Lager bei einer Schneezunge ( 5180 m ) neben französischen Kameraden auf— übrigens den einzigen Alpinisten, denen wir begegnet sind; sie wollten den Pumori erklimmen, jenen 7145 Meter hohen Berg, dessen steile Eispyramide diesen Teil des Khumbugletschers beherrscht. Ein Vorberg dieses stolzen Gipfels ist der Kala Pattar, der, mit 5545 Meter eher zu niedrig kotiert, über Blockwerk und Schneefelder anscheinend bequem zu besteigen ist; aber infolge der ungenügenden Akklimatisation kam keiner von uns rasch und mühelos hinauf. Wenn man am Vormittag oben ist, erscheint der Everest- besonders für den Photographen - in einer grossartigen Beleuchtung, mit dem riesigen Eisbruch, dem Zackengetümmel eines gefrorenen Sturzbachs vergleichbar; alldies ist sonst durch den Nuptse und Lhotse ( 8501 m ) verstellt.

Everest und Lhotse gehören zu einer tektonischen Einheit, nämlich der « tibetischen Platte » ( des langen Grenzkammes ), welche eine Folge von paläo-, meso- und känozoischen Schichten aufweist, gegen Süden aufgerichtet an der grossen geschuppten Antiklinale des Nuptse ( 7879 m ), die aus granitisiertem Orthogneis besteht und, als stauendes Hindernis überschoben, mitverantwortlich ist für die Aufwölbung und ausserordentliche Höhe des Everest. Das Gebirge ist angeblich noch in langsamem Ansteigen begriffen. Der Everest-Gipfel, eine Kalkscholle, wirkt in- mitten des blendenden Weiss eher dunkel, weil der dort vorherrschende NW-Wind eine teilweise Ausaperung bewirkt.

Leider waren nur io der ursprünglich 12 Teilnehmer auf dem Kala Pattar; ein Kamerad und der junge Expeditionsarzt mussten auf ihr Verlangen schon in der Dorfregion unter Obsorge eines Sherpa zurückgelassen werden. Ein Schnellbote brachte tags darauf die Hiobsbotschaft, der Arzt liege im Sterben. Unserem Expeditionsleiter gelang es auf abenteuerliche Weise, einen Hubschrauber zu organisieren und den Arzt nach Kathmandu fliegen zu lassen, wo aber jede Hilfe in Anbetracht des bereits fortgeschrittenen Lungenödems zu spät kam. Der Hubschrauber flog übrigens zweimal: Die im benachbarten Imjya Khola operierende Gruppe hatte einen Herzinfarkt zu versorgen.

Fehlte es in den beiden zu beklagenden Fällen an ausgiebigem Vorbereitungstraining? Bekanntlich hat die Luft in 5800 Meter Höhe nur die Hälfte des Sauerstoffgehaltes der Meereshöhe. Hochgefährlich ist die Abnahme des Sauerstoff-druckes in den Blutgefässen, wenn sie weder durch Zunahme der roten Blutkörperchen noch durch beschleunigte Atmung wettgemacht werden kann. Überflüssig zu sagen, dass jede Infektion der Atmungsorgane schon in Mont-Blanc-Höhe durch Lungenentzündung und Thrombosen, also letalen Ausgang, bedroht ist. Da macht man sich ernste Gedanken über den zu erwartenden Massentransport von Touristen aus der Tiefebene gleich auf 4000 Meter Höhe, in die Everest-(Khumbu-)Täler, zum Khumjung-Hotel! Namentlich wenn einige der über 5000 Meter hohen Gipfel des Gebietes bestiegen werden sollen!

Letzteres war auch unser Wunsch. Im Chola Khola aufwärts hätte sich der Pointed Peak ( 5850 m ) angeboten, den die Mannen Hillarys im Jahre 1953 in Vorbereitung der glücklichen Everest-Be-steigung, die Aussicht rühmend, gemacht haben. Wir aber wollten auf den Pokalde ( weiter östlich, 5806 m ) und hiebei den Kongma-la ( 5535 m ) auf dem Weg ins Imja-Tal überschreiten, von der Hillary-Expedition als « leichter Yakpass » bezeichnet. Doch Sherpa-Sirdar An Lapka erklärte, auf die Vereisung des Passes hinweisend, dass ihn die Träger nicht schaffen würden. Eine weniger anstrengende Umgehung brachte uns ins Imjya Khola. Dieses Tal wird beherrscht von der s Kilometer messenden Flucht des Nuptse-Lhotse-Massivs, das bei durchschnittlich 3000 Meter relativer Felshöhe mehrere kurze Gletscher nach Süden entsendet. Auf kleiner Steilstufe liegt am Taleingang das Sommerdorf Dingpoche ( 4400 m ), dessen terrassierte Felder, vorwiegend Heuwiesen und Kartoffeläcker, sich über dem Talboden ausbreiten. Hier soll der höchste Platz sein, wo auch Gerste gedeiht.

Bei den Dorfkindern sprach es sich im Nu herum, dass fremdartiges Essen, von einem Sher-pakoch trefflich zubereitet, bei uns zu haben sei. Da wurde mit beiden, obgleich sehr schmutzigen Händchen zugelangt!

Im Talhintergrund zeigte sich nun der Island Peak ( 6189 m ) als selbständige dreigipfelige Erhebung in dem vom Lhotse Shar ( 8383 m ) südwärts streichenden Kamm. In Anbetracht des steilen Firns der Westflanke schien nur ein südseitiger Zugang in Frage zu kommen, der Übergang vom Süd- zum Hauptgipfel aber jedenfalls schwierig. Wenn man talein schreitet, scheint rechter Hand die Eisflanke des vielbewunderten Amai Dablang immer steiler zu werden, ja senkrecht, um schliesslich zu einem kühnen Doppelgipfel zu entwachsen. Auch unser Island Peak wurde langsam höher; er verdeckte die weiter östlich am Lhotse-Shar-Gletscher liegenden Siebentausender. Ihre gewaltige Eisbarriere tritt aber, nach dem man einen grossen Gletschersee traversiert hat, im Süden des Island Peak um so eindrucksvoller hervor. Zu ihren Füssen wurde ein erstes Hochlager in 5160 Meter Höhe aufgeschlagen. Die Kältegrade, die auch innerhalb des Zeltes während der Nacht fühlbar wurden, vertrieben die Sherpaträ-gerinnen hinunter zur Chukungalp. Rasch wurde aber vorher noch ein scharfgewürztes « Gurr»-Gericht verspeist. Zurück blieben dafür t Gletschersee am Imja-Gletscher mit Amai Dablang 2Pareshaya Gyab; Zeltlager beim Imja-Gletscher. Baruntse ( 7057 m ) 3Im Aufstieg zum Island Peak vom Imja-Gletscher Photos Alex. v. Wandau, Wien die frostbeständigen bunten Pflanzen auf den besonnten Plätzchen beim Lager. Von hier gesehen, weist der Steilabbruch des Südgipfels, P. 6100, des Island Peak eine passable Umgehungsmöglichkeit auf: über einen sekundären Blockgrat und eine nicht allzu steile Firnkappe.

Der Berg wurde erstmals von Shipton 1952 gesehen und von ihm getauft. Im nächsten Jahr war Charles Evans ( Erstersteiger des Everest-Südgip-fels, 8754 Meter, Mai 1953 oben. Von einer zweiten Besteigung im Jahre 1956 wird in der Zeitschrift « Alpinismus » berichtet, jedoch ohne nähere Angaben. Bekannt ist nur, dass ein Sherpa Lobsang mit dabei war, und unser Sirdar An-Lapka vertrat die Ansicht, man habe überhaupt nur den Südgipfel erreicht. Er empfahl nun den stärker vereisten Hauptgipfel, P. 6189, und wollte ein zweites Hochlager auf dem inneren Moränenwinkel des Lhotse-Shar-Gletschers, also von Osten her, bewerkstelligen. Von diesem ( oberen ) Zeltplatz gibt es, wie Teamchef Walter Utzmeier feststellte, keinen Zugang zum Südgrat bzw. Südgipfel. Ob zum Hauptgipfel? Es galt zunächst einen Grat rechts von einer Eiswand in leichter Kletterei und dann - bedeutend schwieriger - die darüber liegende Séraczone zu überwinden. Der Eisbruch mag in manchen Jahren ein Durchkommen verbieten! Am 21.Oktober 1972 war es der Führungskunst Utzmeiers zu danken, dass unsere drei Seilschaften, zwei von Sherpa geführt, das obere Gletscherplateau erreichten. Die letzte Schwierigkeit war die gut 150 Meter hohe und 50 Grad geneigte Eiswand zum Sattel im Hauptkamm bzw. zum weniger steilen Gipfelgrat. Auch dies wurde im Auf- und in mühsamem Abstieg bis zum unteren Zeltplatz in einem Tag geschafft.

Trotz der erdrückenden Nähe der Lhotse-Mauer ( 8501 m ) hat man am Island Peak das Gefühl, auf einem richtigen Hochgipfel zu stehen. Der Blick schweift frei, besonders nach Süden.

Unten, am Imja-Gletscher, ist die Welt nicht mehr wie mit Brettern vernagelt: Es zeigen sich Ausbruchsmöglichkeiten zum Barun-Gletscher; südlich vom Amai Dablang soll es einen nicht sehr schwierigen Übergang in dieses Gletschergebiet geben und damit eine klassische Trekking-Route ( mit herrlichen Ausblicken zum Makalu und Kangchenzönga ) von Tengpoche bis Singalilakamm und Darjeeling.

Um der zweiten Hälfte unserer zehnköpfigen Gruppe, die am Island Peak nicht dabei war, eine halbwegs vergleichbare Rundsicht zu bieten, wurde am nächsten Tag nach Verlegung des Lagers nach Chukhung ( 4770 m ), der obersten Alp im Imjya Khola, der nördlich aufragende Chukhung Ri ( 5546 m ) aufs Programm gesetzt. Er gehört zum langen Felsgrat, der vom Nuptse ( 7879 m ) herunterzieht, und gehört zum Bereich des triasischen Sedimentmaterials ( kristalline und Chloritschiefer, Paragneise ) der Khumbu-Decken, auf denen der Nuptse fusst. Der Chukhung Ri ist unten etwas begrünt, oben etwas felsig mit einigen brüchigen Schichtköpfen, ansonsten der Weg, wenn man von der Höhe absieht, eine leichte Tagestour. Der Steinmann oben blickt weit in die Runde: vom Cho Oyu ( 8153 m ) bis zum Makalu ( 8475 m ), dem wirklichen Rivalen des Mt. Everest; im Norden die weissgebänderten Granitabstürze des Nuptse.

Der Himmel war nicht mehr so wolkenlos wie bisher, und als wir am nächsten Abend in Khumjung einzogen, schien unfreundliches Herbstwetter eingebrochen, das uns bis Lukla ( Rückflug nach Kathmandu ) begleiten sollte.

Khumjung ( 3800 m ) ist mit dem benachbarten Khumde in felsigem Talkessel ein Hauptort des Sherpalandes. Daselbst befindet sich ein von Neuseeländern ( Edmund Hillary, Erstbezwinger des Mt.Everest !) gestiftetes und unterhaltenes Spital und ein kleines Kloster, das eine bemerkenswerte Bibliothek und eine eiserne Kiste beherbergt mit dem verehrten Skalp eines Yeti. Dieser soll — seine aggressive Natur verleugnend — zur Zeit vor der Gründung des Dorfes einen hier hausenden Eremiten versorgt haben. Vom Skalp möchte man meinen, er stamme von einem Orang-Utan.

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