Im Spitzmeilen-Gebiet

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Von Willy Liesch

( Mels ) Auf dem Maskenkamm scheiden sich die Geister: die Salon-Skifahrer, Pistenrassler und « down-hill-only » bleiben diesseits, die ernsthaften Skitouristen jenseits. Daher sieht man auf der einen Seite eine Unmasse schwarzer Tupfen und auf der andern Seite sozusagen niemand.

Am 31. Januar 1951 waren wir auf dem Kreuz, oberhalb Tannenboden, bereit, von hier aus zu Fuss zum Maskenkamm aufzusteigen. Ausser uns befand sich noch eine eidgenössische Kommission da, welche den neuen Sesselilift zum Maskenkamm abnahm. Ohne alle Hemmungen offerierten wir dem Unternehmer unsere Bereitwilligkeit, der Anlage zu einer weitern Belastungsprobe zu verhelfen, und nach kurzer Wartezeit schaukelten wir unbesorgt durch nasskalten, klebrigen Nebel höhenwärts.

Ich weiss, es ist unverantwortlich, eine Tourenbeschreibung mit einem solchen Auftakt zu beginnen. Unser geschätzter Redaktor ist ja, gelinde gesagt, kein Freund von Sesseli- und Skilift! Aber es gibt hier einen Milderungsgrund: diese abscheulichen technischen Anlagen ermöglichen hier eine Skitour über Samstagnachmittag und Sonntag, welche sonst kaum genussreich durchgeführt werden könnte. Ich könnte nun natürlich weitschweifig erklären, dass dies auch der Grund gewesen sei usw., aber ich tue es nicht: wir waren unisono einfach zu faul, hinaufzusteigen.

Auf dem Maskenkamm war Sonne und Schnee. Dort drüben, kaum zu erkennen, in einem Riesenbogen von ein paar Kilometern Länge erreichbar, stand die kleine Spitzmeilenhütte. Ohne Aufenthalt zogen wir los. Durch eine Unzahl von grössern und kleinern Mulden. Ein Sattel im Maskenkammgrat gab den Sexmor frei. Ungefähr zwei Stunden später standen wir vor der Hütte.

Der folgende Tag brachte einen Wetterrückschlag. Temperaturen um null Grad, nachmittags dichter Nebel. Da wir mit Rettungs- und Transportübungen beschäftigt waren, störte uns dies nicht, und für unsere Kompassübung war 's ja geradezu ideal.

In der Nacht wurde es kalt, der Morgen war vollkommen klar. Ein letzter Blick in Schlaf kammern, unter Tische und Bänke, in Herd, Pfannen und Schiff. Man weiss nicht, soll man der Sektion zu ihrer Hütte gratulieren oder zu ihrem Gönner, der die Renovation ermöglichte. Einen kleinen Teil der Renovation nahmen wir mit uns - etwas Farbe an unsern Pullovern. Um 8 Uhr starteten wir. In grossem Bogen zur Schönegg, dem Grat entlang bis zu den Felsen in der Ostflanke des Spitzmeilen. Hier steckten wir die Ski in den Schnee, um die ziemlich steile Rinne zu ersteigen, welche ohne Unterbruch direkt zum Gipfel hinaufführt. Dank der Sonnenlage liess sich der Schnee gut treten. Reden und Lachen wehten zu mir zur Spitze herauf - allseits gute Laune. Um 10 Uhr standen wir auf dem Gipfel. Mit 2585 Meter ist der Spitzmeilen ja wirklich keine Grösse. Aber er hat eine eigentümliche Form, so eine Art überdimensionierter Wehrstein, nur nicht so solid. Einen hübschen Blick in die Glarner Alpen! Dort lag ein zerrissenes Nebelmeer und Fetzen, welche die Berge verhüllten und wieder freigaben, ein wirklich prächtiges Bild. Ein Vorgipfelchen reizte mit einem scharfen, zerbrechlichen Schneegrat - klar, wir mussten hinüber. Dann kam der Abstieg, auf den Absätzen, mit Stativbeinen. Es mag halb 11 Uhr gewesen sein, als wir wieder fahrbereit waren. In etwas ungleichem Schnee fuhren wir hinab zu P. 2215, dem Übergang von Matt ins Schilstal. Ohne Zögern ging 's nun weiter, der Willenbützfurggel entgegen.

Ich liebe solche Anstiege: ein weisses Feld, ganz leicht steigend, keine Spuren weit und breit. Eine schräg einfallende Sonne, welche die Schneekristalle funkeln lässt; das leise Rauschen beim Durchziehen der Ski. So erreichten wir, ohne alle Hast, als vollkommene Geniesser, die Furggel und besahen uns mit Interesse den Weiterweg. Weit sah man zwar nicht. Eine Mulde oder auch ein Tälchen, das nach zwei-, dreihundert Metern um die Ecke bog. Dafür standen in der Nähe einladende schneefreie Felsen herum, und da es kurz vor 12 Uhr war, entschlossen wir uns, hier zu « lunchen ».

Kleine Sensation beim Mittagessen: ein Rudel Gemsen, auf einem Ausflug zum Ochsenkopf begriffen.

Weder Landjäger noch Brot konnten abhalten, die Umgebung zu betrachten: uns gegenüber erhob sich ein bestimmt « skibares » Berglein, das Weissgandstöckli, 2491 Meter. Und dieses Stöckli kränzte sich sogar mit einer herrlichen, blauschimmernden Gwächte! ( Zum Glück sah ich einst in den « Alpen » ein Bild « Comiche à la Wandfluh » - ich bin also nicht allein mit diesem Rappel... ) So erhob ich mich zu einer, wie ich glaubte, zündenden Ansprache, um meine Kameraden auf dieses Stöckli mitzureissen. Aber: han-i gässe, bin-i fuul - nur drei entschlossen sich, mitzukommen.

Im Aufstieg wurde mit den Augen die Abfahrtsroute festgelegt. Schon nach einer halben Stunde standen wir unter der immer noch blauschimmernden Gwächte, querten unter ihr durch nach Norden und erreichten mühelos einen beinahe schneefreien felsigen Buckel. Zu Fuss schlenderten wir zum hundert Meter entfernten Gipfel, der einen ungeahnten Komfort aufwies. Schneefreie Platten luden zum Sitzen ein, der Gipfelblock erlaubte ein Anlehnen und hielt gleichzeitig den Wind ab. Es gibt viel höhere Gipfel, welche nicht so viel bieten, wo man manchmal sogar nur mit dem magern Windschutz der Signalstangen zufrieden sein muss.

Nun, die Aussicht, die war ja ungefähr die gleiche wie vom Spitzmeilen. Aber als Zugabe: ein hübscher Tief blick auf den Risetenpass und Studienmöglichkeiten über den Lawinenwinter 1951.

Dann kam die Abfahrt. Die erste Traverse etwas vorsichtig, dann aber los! Flatternde Hosen, Wasser in den Augen, stiebender Schnee. Mulden wurden durchhuscht, in Hänge hineingestochen. Dass dabei einer von uns einen formidabeln « Stern » schlug ( er wollte eben den Untensitzenden etwas bieten ), das wurde auch dankbar aufgenommen.

Und nun ging die gemeinsame Abfahrt weiter. Die Sonne hatte den Schnee im Tälchen in führenden Sulz verwandelt. Spielerisch fuhr die ganze Meute das Tälchen aus, kreuz und quer, an den Gegenhängen abdrehend, dann wieder in vollem Schuss die Sohle kreuzend. Es ist immer hübsch, in Gesellschaft guter Fahrer solche Sachen zu machen.

Unversehens standen wir auf einem Balkon, allerdings ganz grossen Ausmasses, dem P. 2021. Rechts hinab ging 's weiter, anschliessend in einen Lawinenhang, zum Glück schon abgeräumt und glattgeschoren. Die Jüngern Elemente sahen darin einen Slalomhang, die Vorsichtigeren gingen auf Strecke. Zur allgemeinen Erheiterung bohrte dann und wann einer seinen Kopf in den Gegenhang, zur Abkühlung, wie behauptet wurde.

Ein langer, herrlicher Schuss führte hinaus in die Weite der Obersiezalp. Hier sahen wir die ersten Skispuren, vermutlich von Bauern, welche nach all den Lawinenmeldungen für ihre Alphütten fürchteten - sie waren ganz: metertief unter Schnee begraben, als dunkle Dreiecke die Giebel im leuchtenden Schneefeld. Wir folgten den Spuren, welche zu einer zwei Meter breiten Alpstrasse führten. Diese Strasse gewöhnte uns langsam aber sicher an ihre Eigenheiten. Zuerst beinahe horizontal, erlaubte sie gemütliches Plaudern, dann, leicht abfallend, ersparte sie uns das Stöckeln. Ja, sie bot uns sogar einen eiszapfengarnierten Tunnel, der zum Photographieren reizte - wie üblich bei so grellen Kontrasten war das Ergebnis pitoyabel. Dann aber war es mit der Gemütlichkeit vorbei. Man konnte direkt hören, wie die Strasse lachte: nun fahre ich mit euch! Dunkle Tannen an der Strasse lernten wir kennen, aber nicht schätzen, denn der Schnee um sie herum war eisig und gab der ohnehin schnellen Fahrt einen zusätzlichen Schub. Kurven sprangen uns entgegen: sie wurden umfahren, nicht gerade stilrein, aber darauf kam 's nun nicht mehr an. Als die Strasse lange genug mit uns gespielt hatte, entliess sie uns in den Talgrund von Weisstannen. Unvermutet stiessen wir hier auf eine Gruppe Holzer und die Lawine. Es war nicht irgendeine Lawine, es war die Lawine, welche den Weisstannern ihre Wasserleitung zusammengeschlagen hatte. Allerdings mit zu viel Aufwand, der zehnte Teil hätte vermutlich auch genügt. Zu unserm Glück mussten die Holzer zweimal am Tag die Lawine überklettern. Wir zogen die Ski aus und folgten volle zwanzig Minuten dem schmalen, gewundenen Pfad, über Blöcke, über glatt-gewalzte Bahnen, über eingefräste Schneebäche, über alles Mögliche.

Was nun kam, war leider nicht sehr erhebend. Was half uns eine Unterlage von weit mehr als einem Meter Schnee, wenn es nachher darauf geregnet hatte. Wenn es so lange regnete, bis tiefe Rinnen eingraviert waren? Unnötig zu sagen, dass alles stein- und beinhart gefroren war. Unsere armen Ski ratterten wie Motorräder, jeder Bogen wurde bedachtsam und sorgfältig gedreht. Die ersten bewohnten Häuser kamen, dann ein Briefträger und schliesslich Weisstannen selbst. Um 16 Uhr stellten wir unsere Ski an eine Schneemauer der Strasse und warteten auf unsern Lastwagen, der uns hinunter nach Mels führte.

NB. Diese Tour ist landschaftlich sehr lohnend. Sie kann von mittleren Skifahrern ohne weiteres unternommen werden. Die Zeiten sind normale Tourenzeiten. Ab Weisstannen ist die Strasse für das Postauto gepfadet. Bei Lawinengefahr Vorsicht beim Hang unterhalb P. 2021!

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