In den Türmen des Salbitschijen

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24. SEPTEMBER 1961 VON EMIL ZOPFI, GIBSWIL ZH

Mit 1 Bild Am Samstagabend um halb sechs Uhr treffe ich mit grosser Verspätung im Bahnhof in Göschenen ein, wo mich mein Klettergefährte Hansruedi Horisberger erwartet. Nach kurzer Begrüssung streben wir mit Riesenschritten der Göscheneralp zu. Höchste Eile ist geboten, wollen wir doch noch heute den Fuss des 2. Salbitturmes erreichen, den wir über seine Südostflanke besteigen wollen. Längst hegten wir den Wunsch, einmal auf einem jener fünf wilden Zacken zu stehen, die den Südwestgrat des Salbitschijn bilden. Der Zugang zum Fuss dieser Türme ist sehr lang und unangenehm, deshalb sind sie trotz gutem Gestein ziemlich selten besucht. Nach einem mühsamen Steigen erreichen wir um 9 Uhr die Biwakhöhle im Horefellicouloir. So etwas habe ich noch nie erlebt! Riesige Blöcke, bereit bei leichtem Anstoss zur Tiefe zu stürzen; feiner Sand, der in Ohren und Mund rieselt, wenn ein Windstoss einfällt; und die dauernde Angst vor dem drohenden Steinschlag. Es ist schon stockdunkel, so dass wir trotzdem beschliessen, die Nacht hier zu verbringen. Neben Schutz vor Steinschlag bietet uns die Höhle doch auch einigen Komfort, denn sie ist geräumig und sehr trocken. So sind wir bald häuslich eingerichtet: eine dicke Kerze spendet Licht und etwas Wärme, während mein Freund den bewährten « Borde »-Brenner in Gang setzt. Doch wird unsere Hoffnung nach heissem Kaffee bitter enttäuscht: kein Tropfen Wasser ist vorhanden! So stellen wir um und braten in der Flamme zwei Cervelatwürste, die uns herrlich munden. Dem schlimmsten Durst versuchen wir mit Sanddornsaft Herr zu werden, was uns aber nicht recht gelingen will. So verkriechen wir uns in die Säcke, nachdem wir noch alles für den morgigen Aufbruch bereitgelegt haben. Langsam überfällt mich der Schlaf. Es ist mein erstes Biwak in den Bergen... Von Zeit zu Zeit glaube ich, hoch oben im Couloir Steine fallen zu hören; ich fahre auf und lausche in die Nacht hinaus, kein Laut ist zu hören, auch nicht der leiseste Windhauch... Dann geht der Vollmond auf und verwandelt mit seinem fahlen Licht das Horefellicouloir in eine Märchenlandschaft. Doch, seltsam, diese steinerne, tote Welt im Mondlicht stimmt mich traurig... keine Spur von Leben, kein Ton... Eine Sage aus meiner Oberländer Heimat kommt mir in den Sinn, laut welcher sich in Vollmondnächten bestimmte Steine in Gold verwandeln. Werden sie von Menschenhand berührt, so bleiben sie Gold, sonst werden sie wieder zu Stein. Wenn doch diese Sage wahr wäre!... Bald wandern meine Gedanken zurück. Herrliche, unbeschwerte Stunden, die ich in den Bergen erleben durfte, ziehen an mir vorbei. Schon manche Mühe fochten mein Freund Hansruedi und ich in steilen Wänden aus, um dann immer wieder glücklich, mit leichtem Herzen an unsere Arbeit zurückzukehren und zu erkennen, wie klein doch die Alltagssorgen, die kleinen Zänkereien und Zwistigkeiten der Menschen sind... Hansruedi dreht sich und ächzt. Ob er auch solchen Gedanken nachgeht, wie ich?...

Fröstelnd fahre ich aus dem Schlaf. Unsanft stosse ich meinen Freund in die Seite: « Wie spät hast du ?» - « Waas, halb fünf! » Bald sind wir munter! Ich hänge mir Haken und Seil um. Wir essen etwas Zitronencreme und trinken einen Löffel Sanddornsaft. Dann geht es los! Wie aber die Mondscheibe hinter einem Bergkamm verschwindet, stecken wir in finsterer Nacht. So tasten wir uns in die rechte Flanke der Rinne, welche wir bis zum Fuss des Südwestgrates queren müssen. Der Fels erweist sich als äusserst brüchig! Der Steinschlag, der immer wieder ins Couloir fällt, stammt wohl aus diesen Felsen. Mit der aufgehenden Sonne erreichen wir besseres Gelände und bald darauf den Fuss des Grates.

Der Einstieg, den wir über Rasenstufen erreichen, ist ein breites Band über dem weniger steilen Wandsockel des 2. Turmes. Da entgleitet mir mein Steinschlaghelm und verschwindet in einer Rinne! Während ich zu ihm zurücksteigen muss, kann sich Hansruedi an einem Schneefleck erfrischen. Wieder zurück, beginnen wir angeseilt den Einstieg. Wie ich aber die grünlichen Plattenschüsse mustere, die sich in den fahlen Morgenhimmel verlieren, bin ich doch etwas erschrocken. Gelbe Überhänge grüssen vom Gipfel herab. Wo der Teufelskerl Fleischmann da hinaufgekrochen ist, scheint mir rätselhaft. Ein Holzkeil, von unten gut sichtbar, soll den Einstieg in eine Rissverschneidung erleichtern, lesen wir in der Routenbeschreibung. Leider fehlt dieser Wegweiser. So steige ich auf gut Glück in den linken von zwei Rissen ein und erreiche einen guten Block, wo die Schwierigkeiten erst beginnen. Hansruedi geht vor, schlägt in einer glatten Platte einen Haken ein. « Schwerer als am Bügeleisen! » ruft er mir zu. Er trifft einen rostigen Nagel an und berichtet erfreut: « Wir sind auf der Route! » Langsam muss ich Seil ausgeben. Ich höre das « Nachkommen! » und habe etwas Mühe nachzusteigen und den Quergang zu überwinden. Hoch oben stecken in einer glatten Platte zwei Bohrstifte. Bis ich sie erreichen kann, muss ein Stück frei geklettert werden. Ich schätze 6. Grad! Wenn das so weitergeht! Dann hänge ich hoch oben in einem steilen Riss. Bei einem neuen, glänzenden « Cassin»-Haken wird mein Elan aber gestoppt. Frei geht es nicht mehr weiter. Ich treibe einen Holzkeil in einen breiten Riss, hänge eine Steigleiter an und trete auf ihr mit gemischten Gefühlen hoch, schlage einen zweiten Keil und entdecke beim Weitersteigen hoch oben links einen alten Haken. An einem alten, äusserlich verwitterten Keil ziehe ich mich hoch, erreiche den Haken und bald ein kleines Gebüsch und einen Stand. Das war mühsam und treibt mir den Schweiss aus der Haut. Rund um mich nichts als Platten, kein Block und kein Haken ist vorhanden, und ich weiss nicht recht, was ich tun soll. « Noch sieben Meter! » ruft Hansruedi. Eine Verschneidung, die von meinem Stand aus weiterführt, scheint zuerst ungangbar. Dann aber finde ich mich doch zurecht, steige in die Verschneidung ein, die sich als viel leichter begehbar zeigt, als ich glaubte, und mich zu einem guten Standplatz führt. Über eine Rinne nach links querend erreichen wir den Rand einer roten Platte, wo ein riesiges Dach über uns den Weiterweg sperrt. Doch wird es von einer Verschneidung durchschnitten, die den Weg öffnet. Am Anfang gestattet ein doppelter Riss noch freies Klettern, bis der rechte Ast immer feiner wird und schliesslich aufhört. Das ist der einzige Hakenriss in dieser Glätte! Er wird nun überhängend, so dass ich mich nur mit Holzkeilen höhernageln kann. Das ist kraftraubend, und ich bin froh, dass ich, fast erschöpft, einen guten Stand erreiche. Ein wackliger Stift ist als Sicherung vorhanden. Ich bin vorsichtig und schlage noch zwei Haken dazu; einer davon ein 30 cm langer « Cassin »-Eishaken.

Längst herrscht am Südgrat drüben munteres Treiben. Viele Seilschaften streben über diese Route dem Gipfel zu. Zwei Freunde haben uns erkannt und rufen uns einen ermutigenden Juchzer zu. Von der Hitze und den Anstrengungen bin ich ganz matt. Die Kletterwerkzeuge hängen am Gürtel und hindern mich bei jeder Bewegung. Hoch oben hängt Hansruedi schon wieder im Fels und hat sich m irgendeine Stelle verbissen. Mit Holzkeilen und Haken sichert er vorweg. Das Herausschlagen erweist sich dann für mich aber sehr unangenehm. Eine Wolke von Flechten, typisch für den Granit, stiebt mir in die Augen und macht mich fast blind. Mein Hammer verklemmt sich in einem Riss und fordert Zeit, bis er wieder frei ist. Endlich erreiche ich Hansruedis Sicherungsplatz. Links und i echts fallen unheimlich glatte Platten zu dem von Rasenbändern durchsetzten Vorbau ab. Die Route folgt nun einer Reihe von Rissen und Verschneidungen, die bis zum Gipfel führen. Die nachfolgende Seillänge überlasse ich Hansruedi. Er verschwindet über einem Wulst.Plötzlich hängt er wieder unten! Ein Holzkeil ist ausgebrochen. So stürzte er etwa acht Meter bis zu einem Haken. Zum Glück ist er unversehrt, und ohne ein Wort zu sagen, zieht er sich an den Seilen hoch. Ein neuer Holzkeil fährt in den Fels, und bald ertönt sein fröhliches « Nachkommen! » Ab und zu muss ich einen Keil stecken lassen, da ich ihn nicht herausbringen kann. Eine « Schwar-tenverschneidung », « gut gestuft », wie es in der Routenbeschreibung heisst, erweist sich noch als schwer! Nasenrümpfend steige ich an einem Keil, der mit Reisigwellendraht versehen ist, vorbei, wobei ich aber einen Haken schlagen muss. Der Schlingenstand, den ich nun erreiche, ist unerhört ausgesetzt! Unter mir bricht eine glatte Platte fast lotrecht bis zum Wandfuss ab. Steine, die Hansruedi fallen lässt, berühren den Fels nicht mehr und wirbeln beim Einschlag grosse Staubwolken auf. Unser Tempo beginnt merklich zu erlahmen Schuld daran trägt nicht zuletzt die heisse Sonne, und seit zwanzig Stunden haben wir keinen Tropfen Wasser mehr gehabt. In der letzten Verschneidung stecken, zu Hansruedis Glück, schon alle Holzkeile. Bei alten Keilen ist jedoch höchste Vorsicht geboten, sie halten fast nie! Noch ein kurzer Quergang in einen Kamin, dann stehen wir auf dem Gipfel. Überglücklich drücken wir uns die Hände. Es ist halb zwei Uhr; so haben wir sechseinhalb Stunden gebraucht für diese Route, die schwierigste, die wir bisher begehen durften. Mit Bewunderung denken wir an die Kletterer Wisi Fleischmann und Kurt Grüter, die sich zum ersten Mal in diese Flanke wagten.

Den Gipfelblock besteigen wir nicht mehr, sondern machen uns an den Abstieg; denn auch er ist lang und schwierig. Wir finden uns jedoch nach den Angaben im Urnerführer gut zurecht. Die letzten Sonnenstrahlen verblassen wieder an unseren Türmen, während wir talauswärts wandern. Bei den ersten Arven bleiben wir stehen und schauen nochmals zurück. « Unnahbar, breit und massig steht hoch droben der erste Turm, höher und kühner daneben der zweite... » Ja, der Urnerführer hat recht: «... Die Salbittürme sind etwas vom kühnsten, das die Urnerberge dem Kletterer bieten... » Dann wenden wir uns und steigen mit festen Schritten dem Tal zu. Das Bild der Salbittürme im letzten Abendsonneleuchten wird sich aber immer in unserm Erinnern erhalten und auch der Wunsch, wieder in dieses Reich des Salbitschijns zu gehen.

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