In den Unterengadiner Dolomiten

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Mit 4 Bildern.Von Willi Keller.

Scarl.

In Schuls packen einen unwillkürlich die kühnen Berggestalten mit den zerrissenen Gräten jenseits des Inn. Dabei ahnt man kaum, dass inmitten dieses Revieres noch ein einsames Dörflein liegt, es ist das alte Scarl.

Von Schuls aus führt ein schmales Strässchen durch den prächtigen Lärchenwald von St. Jon in das wilde Scarltal. Links und rechts ragen steile, oft senkrechte Felswände, zwischen denen nur das Strässchen und die rauschende Clemgia Platz haben. Nach etwa drei Stunden weitet sich fast plötzlich das Tal, und man erblickt die ersten Häuser von Scarl, die Ruinen der ehemaligen Silberbergwerke. Nach einigen Minuten steht man im Dörflein, 1813 m. Mitten auf dem grossen Platz rauscht der Brunnen, ihn ziert der letzte Bär des Tales, leider ist er nur aus Holz. Da steht auch ein mächtiges Haus, dessen Grosse eigentlich nicht recht hierher passt, es ist das alte Knappenhaus.

Hinter Scarl verändert sich das Landschaftsbild völlig. Da beginnen grosse, prächtige Alpen mit sanften Hügeln und alten Arvenwäldern, im Winter ein ideales Skigebiet mit herrlichen Abfahrten.

Wer die Stille und Einsamkeit liebt, dem grossen Haufen ausweichen will, der gehe auf die Berge um Scarl, von denen die alpine Literatur zu wenig spricht. Man gestatte mir, einem Grenzwächter, ein wenig davon zu berichten.

Piz Madlain, 3101 m.

Vom Dörflein führt ein guter, müheloser Weg auf den Mot Madlain, an verfallenen Stollen der ehemaligen Bleiminen vorbei. Da arbeiteten einst zahlreiche Bergleute; da war wohl ein anderer Verkehr als heute, wo man nur hie und da ein Reh oder einige Gemsen sieht. Nach zweieinhalbstündigem Gang stand ich am direkten Südfuss der Felsen des Piz Madlain und entschloss mich, für den Aufstieg die Rippe, die leicht westlich zum Gipfel hinaufzieht, zu benützen.

Die Bergschuhe vertauschte ich mit den Kletterfinken und begann die Kletterei. Der erste Teil war leicht, bis sich mir eine Wand mit wenigen schlechten Griffen in den Weg stellte. Zumeist folgte ich der Rippenkante in bald leichter, bald ernster Kletterei. Gestein und Griffe waren gut. Kurz unter dem Grat musste ich eine Platte überwinden. Als ich den Kopf über diese streckte, sah ich einige Schritte von mir entfernt vier Gemsen auf einem schmalen Bande stehen. Ein Pfiff der Leitgeiss, und schon eilte das kräftige Wild in tollen Sprüngen dem Grate zu. Bald war ich auch auf dem Grate, und eine Stunde nach Mittag betrat ich den Gipfel.

Eine herrliche Aussicht belohnte die fünfstündige Mühe des Aufstieges: tief unten die Täler des Nationalparkes, zu Westen grad gegenüber das trutzige Piztrio Mingèr-Zuort-Pisoc, gen Osten der königliche Ortler und im Süden der weisse Bernina.

Nach kurzer, sonniger Rast begann ich den Abstieg über den Westgrat ins steile Val délias Tschuchas. Er ist leicht, eignet sich aber nicht für den Aufstieg, da das viele Geröll ihn zu mühsam gestalten würde. Um 1730 Uhr war ich wieder daheim im Knappenhaus.

Piz Pisoc, 3178 m.

Auf meinen Dienstgängen betrachtete ich oft mit dem Zeiss die steile Südostwand des Pisoc, denn ich wusste nicht, ob diese schon einmal durchstiegen worden, aber zu machen war sie schon.

Als ich Ende September um 430 Uhr Scarl verliess, lag so dichter Nebel im Tal, dass ich hoffte, weiter oben sei Licht und Glanz. Zuerst ging ich das Talsträsschen hinab, überschritt dann bei Punt Mingèr die Clemgia und folgte ihr nordwärts bis zu dem grossen Tobel, das vom Munt dels Vades herunterbricht. Hier erst begann der Aufstieg, aber sofort recht mühsam über feines Kalkgeröll. Immer noch lastete ringsherum dichter Nebel. In etwa 2300 m Höhe bog ich rechts hinaus auf schmale Grasbänder. Der Schleier wurde heller, und auf einmal stand ich an der warmen Sonne. Über den Wänden des Pisoc strahlte tiefblauer Engadinerhimmel, unter mir brodelte ein ver- silbertes Nebelmeer. Um 8 Uhr stand ich am Fusse der Wand, und hier sah sie nicht mehr so steil und abweisend aus.

Durch die ganze rechte Seite der Wand steigt eine nur wenig vorstehende Rippe auf, und diese wählte ich. Die Kletterei war nicht sonderlich schwer, nur das feine Geröll auf den Felsbändern erheischte einige Vorsicht. Im obersten Drittel der Rippe querte ich die Wand links hinauf, direkt unter den Gipfel, und genoss mitunter den Blick in die wachsende Tiefe, wo das Strässchen zum weissen Dünnfaden wurde und durch den sich auflösenden Nebelsee die Häuser von Scarl ganz klein und nahe zusammenrückten. Das letzte Stück zum Gipfel war leicht. Um II50 Uhr stand ich beim Steinmann. Ha, dieser Tiefblick ins Unterengadin! Grad vor mir der wilde Pisoc-Nordgrat, hinter mir die kühnen Türme des Piz dels Vades. Wie wohl ist hier dem einsamen Kletterer! Lange lag ich an der warmen Sonne, schmauchte mein Pfeifchen und trank in vollen Zügen vom « goldnen Überfluss der Welt ». Der Heimweg machte mir keine Sorgen, ich kannte ihn wohl.

Der Abstieg zum Zuortgletscher wurde mir zu einem schönen Spaziergang. Stellenweise führt ein schmales Weglein zunächst über den Südgrat. Dann biegt man nach Westen ab. In einer halben Stunde befand ich mich am Abbruch des Zuortgletschers. Da er ganz ausgeapert war, musste ich zur Eisaxt greifen. Nach weitern drei Viertelstunden stand ich oben auf der Fuorcla Zuort und erblickte tief unten im Tal wieder mein Scarl. Auf Stavel della Crappa — ein wahres Gemsparadies — sah ich plötzlich auf einem Rasenplatz, kaum 40 m von mir entfernt, 34 Gemsen friedlich äsen. Wie reizend war das übermütige Spiel der Kitzlein! Ich vergass Zeit und Raum. Nur ungern stieg ich das Val Mingèr hinab. Ein wildes Tal! Hier wurde im Jahre 1904 der letzte leibhaftige Bär geschossen. 530 Uhr sass ich wieder in Scarl bei einem Glas Veltliner und liess es mir wohl sein.

Piz Tavrü, 3170 m.

Wenn ich auf dem Mot Tavrü sass und mit dem Feldstecher den Gemsen zuschaute, dann glitt mein Blick unwillkürlich nach Süden hinüber zum Piz Tavrü. Seine vielen Türme und Zacken und die finstere Nordostwand lockten mich schon lange. Auch meinem Freund Jörg Bürgi ging es so, und unser Entschluss war eines Tages gefasst: Überschreitung des selten begangenen Berges.

Ein prächtiger Augustmorgen. Um 4 Uhr verliessen wir Scarl. Schon der Aufstieg durch das kleine Val Tavrü war ein Genuss links und rechts prächtiger Arven- und Lärchenwald, darin das rauschende Bergwasser und als Abschluss des Ganzen hoch hinten der stolze Piz Tavrü. Über die Alp Tavrü stiegen wir auf den Mot, den rasigen Rücken zwischen Val Foraz und Tavrü, und folgten ihm bis zur Fuorcla, über die man ins Val Nüglia und zum Ofenpass absteigen kann. Das letzte Stück unter dem Sattel war mühsam wegen des feinen, losen Gerölls. Nun sahen wir auch einen Teil des Grates. Hier zeigte sich, dass die Nordwestseite des Berges nicht ganz so steil ist, wie man von Scarl unten glaubt.

Die ersten 200 m der Flanke « genossen » wir widerwärtiges Geröll. Erst auf dem Grat sahen wir, dass die Sache doch nicht so einfach war. Es gibt da viele steile Platten mit oft wenigen, dafür aber guten Griffen. Die charakteristische Eigentümlichkeit dieses Grates ist eigentlich die der meisten Unterengadiner Dolomiten: er besteht aus einer grösseren Anzahl von Türmen, getrennt durch tief eingeschnittene Scharten; deshalb braucht man oft für Gratstrecken, die auf der Karte sehr kurz scheinen, sehr viel Zeit.

So kletterten wir auf und ab. Der scharfkantige Stein setzte den Fingerspitzen ordentlich zu. Am Fusse eines grösseren Turmes meinte ich, das sei wohl der Gipfelkopf. Aber oben sahen wir, dass uns nochmals eine tiefe Scharte von diesem trennte. Durch ein vereistes Couloir stiegen wir hinunter und nun über lockeres Geröll hinauf zum Steinmann. Es war 1 Uhr nachmittags. Was stand uns wohl noch bevor?

Über dem Ofenberg braute sich ein Gewitter zusammen. Ich aber glaubte, es werde gegen das Münstertal abziehen, und schlug eine gemütliche Rast vor. Es ist so ein heimeliges Verweilen auf den Bergen um Scarl, man ist allein und hat keinen Gipfelbetrieb zu befürchten.

Um 3 Uhr begannen wir den Abstieg zur Fuorcla Tavrü. Der oberste Teil des Grates war leicht, doch bald änderte sich die Situation. Um den ersten grossen Turm herum zogen wir auf schmalen Felsbändern in einen Kessel hinunter. Unterdessen schob sich schweres, schwarzes Gewölk heran und verhinderte plötzlich jede Orientierung. Ich empfand eine dumpfe Gefahr, als ich durch ein steiles, vereistes Couloir wieder zum Grat emporkletterte, während mein Freund unten wartete. Eben bezog ich Stellung, um den Kameraden zu sichern, da — ein scharfer Hieb auf den Arm und noch einer. Es hagelte. Und wie! Dazu summte der Pickel ein unheimliches Lied. Plötzlich schlug der Blitz ob mir in einen Gratturm. Ich mag wohl ein wenig erschrocken sein. Der nasse Hut und das nasse Seil wurden zum reinsten Elektrisierapparat. Wir mussten so rasch als möglich von dannen. Wie das prasselte und dröhnte ringsum! Doch alles Geschehen nimmt ein Ende, auch der Grobian Hagel. Nun rauschte ein sprühender Regen daher, der Fels wurde glatt und die Kletterei höchst unbehaglich, besonders da die hergenommenen Finger schon ordentlich schmerzten.

Frohes Aufatmen, als wir endlich wohlbehalten in der Fuorcla Tavrü standen. Doch nicht lang gefeiert, eine schneidige Schussfahrt den grossen Lawinenzug hinunter brachte uns ins oberste Val Tavrü. Nass bis auf die Haut eilten wir zufrieden Scarl zu und erreichten abends nach 7 Uhr das schirmende Heim.

Als Grenzwächter habe ich manchen einsamen Gang in den Bergen von Scarl getan. Harte und schöne Stunden schenkten sie mir: die stillen Hochtälchen, die Arven- und Lärchenwälder, die sonnigen Weidhänge, die Blumen, die Tiere und Vögel, die Geröllhalden, die Fuorclen, die Gräte, Türme und Gipfel. Gletscher hat es wenige da oben und nur kleine. Im Winter ist es gar still. Doch gerne zog ich meine Skispur hinauf und hinunter. Scarl ist mir Heimat, auch wenn ich nun anderswo meine Pflicht erfülle.

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