In der Rigidalstock-Gruppe

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Von Willy Liesch.

Im Norden von Engelberg erhebt sich eine Bergkette, welcher bis heute entschieden zu wenig Beachtung geschenkt wurde. Sie beginnt mit dem Ruchstock, 2815, gleichzeitiger Kulminationspunkt, und zieht sich von da als ausgesprochener, durch fünf Gipfel ( Lauchernstock, Grosser Sättelistock, Scheyeggstock, Spitzmann, Rigidalstock ) geschmückter Grat nach Westen, um in den bastionartigen Wallenstöcken ihren Abschluss zu finden.

Die Sektion Engelberg nahm sich dieser bis heute recht stiefmütterlich behandelten und doch für Kletterer grossen Genuss bietenden Berggruppe liebevoll an, und immer wieder zogen wir hinauf zu neuen Fahrten und Möglichkeiten. Da jedoch Sektionsfahrten infolge der grossen Teilnehmerzahl stets etwas umständlich sind, so kam ich mit meinen Freunden Willy Multer und Lothar Hauthal überein, zu dritt diese Berge in schönen Herbsttagen anzugehen.

Aber Petrus wollte nicht. Tiefer und tiefer sanken die Nebel, der Regen wandelte sich in Schnee, kurz, es sah trostlos aus. Bis sich der alte Wettermacher eines Bessern besann, über Nacht sich die Nebel hoben und die Sonne mit letzter Kraft den Schnee von den sonnigen Hängen frass. Aber noch tagelange behielten die Gräte einen weissen Saum.

Am 12. Oktober 1931 zogen wir drei hinauf, sassen im trauten Stübchen unserer neuen Brunnihütte, dieser Hütte, welche nun das Rigidalstockgebiet restlos erschlossen hat und unsern Traum, eine ganze Traversierung der Kette bis zur Ruckhubelhütte, in greifbare Nähe rückte. Für diesmal fliegen unsere Wünsche allerdings nicht so hoch, zuviel Schnee liegt auf den schattigen Hängen und Abstürzen.

Über dem Erzählen alter und neuer Geschichten wurde es spät; das heimelige Gefühl, das die Stube auslöst, tat ein übriges. So kam es, dass wir infolge dessen und dichtgeschlossener Fensterläden zu spät aufstanden, in ungebührlicher Hast das Frühstück verzehrten und uns im Eiltempo in die Höhe schraubten. Eine Weile zauderten wir noch, ob wir nicht infolge der späten Stunde die Überschreitung des Spitzmannes aufgeben sollten. Aber er stand so kühn-trotzig vor uns, dass keiner es übers Herz brachte, ihn zu des- avouieren. Das Rigidalstockband brachte uns in die Lücke zwischen Rigidalstock und Spitzmann. Über hartgefrorenen Schnee erreichten wir 20 m höher den Grat, um hier die Berg- mit den Kletterschuhen zu vertauschen. Dann geht 's weiter. Herrlich fest ist das Gestein, kleine originelle Warzen laden zur Benützung ein und wurden denn auch nicht verschmäht. Dem Auge nahezu senkrecht bricht die Südwand ab, und auch die Nordseite wird mit zunehmender Höhe steiler. Die Kletterei ist mittelschwer, wie bei den meisten Gratwanderungen verwischt ein Eindruck den andern.

Aber nun stehen wir vor dem Grataufschwung oder der Schlüsselstelle, wie sie der Voralpenführer der Sektion Pilatus nennt. Es ist dies eine etwa 4 m hohe, senkrechte bis überhängende Wand, welche die ganze Westseite nahe dem Gipfel abschneidet. Schon lange gingen wir mit dem Gedanken um, hier eine neue Variante anzulegen.

Nach kurzer Besprechung schiebe ich mich bis an den Aufschwung hinan, und, was ich vermute, wird Gewissheit: ein freier Riss, grad eben Platz für die Hände bietend, zieht sich hinüber in die Südwand, um nach 3 Metern an einer Stelle zu endigen, welche uns zum Grate hinaufbringen dürfte. Nachdem wir die Säcke an einer sichern Stelle deponiert haben, klettere ich, gesichert von Freund Multer, hinüber. Das Unangenehmste ist entschieden das Verlassen der Kante selbst, muss man sich doch direkt aus der Waagerechten in den Streckhang fallen lassen. Auch Tritte sind für die ersten drei Meter gar keine vorhanden, ein Vorwärtskommen nur durch Hangeln möglich. Aber dann fassen die Füsse Halt, und ich verschnaufe. Und nun senkrecht hinauf. Die Griffe sind spärlich und zudem unzuverlässig, die Tritte mager. Aber da die Strecke kurz ist, zirka 4 m, so lässt auch sie sich überwinden. Bald stehen wir drei wieder beisammen. Der Grat wurde auf dieser Variante zirka 2 m oberhalb der Abseilstelle erreicht, eines Zackens, über welchen in der Regel eine Abseilschlinge liegt. Ich kann diese Variante, welche interessant und ungewöhnlich ist, nur für feste und geübte Kletterer empfehlen; andere dürften vielleicht schon durch den Beginn etwas abgekühlt werden. Die Sicherung ist jedoch gerade für dies erste Stück ausgezeichnet.

Wir schlendern zum Gipfel. Der Spitzmann ist nicht kotiert und ungefähr 2600 m hoch.

Vor uns liegt wild und zerrissen der Scheyeggstock, und da wir diesen auch noch zu nehmen gedenken, so hole ich den Führer hervor und lese meinen Kameraden das diesbezügliche Evangelium vor. Und nun hinunter, über den Ostgrat. In raschem Tempo steigen wir ab, passieren anstandslos den kleinen Quergang und das kurze Kaminstück, und es gelingt uns, die Lücke zu erreichen, ohne einen Stein zu lösen, was bei diesem verwitterten Grate keine Kleinigkeit ist. Über aufrecht gestellte Platten von wohl 6 m Höhe balancieren wir hinüber an den Scheyeggstock, queren bis zur dritten Rinne und gewinnen infolge des günstig und klein gestuften Felsens rasch an Höhe. Haufenweise liegen die Trümmer herum, ein Beweis, dass dieser Stock wenig Besucher hat. Schade, denn er ist von Westen leicht zu besteigen, sein Gipfel bietet eine hübsche Aussicht. Durch den weissen Tritt, das Loch rechts der Wallenstöcke, schimmern die Landstrassen von Nidwaiden herauf, Bristen und Schwalmis zeigen ihre schönsten Seiten. Die Sonne steht nun hoch, hat alle Wolkenfetzen vertilgt, der Tag ist restlos schön geworden. Und darum auch nicht lange herumgelegen, hinüber auf den Grossen Sattelistock. Auch beim Scheyeggstock vollenden wir die Traverse und steigen über den Ostgrat ab. Anfangs turnen wir über grosse Blöcke, dann zeigen sich Platten, werden immer geschlossener und steiler. Wir bewegen uns nun einzeln, denn auch die Platten sind uns beschränkt, der Schnee hat nur einen zirka 20 cm breiten Gratstreifen freigelassen. Die Lücke zwischen Scheyegg- und Gross Sattelistock nimmt uns auf. Noch einige Sätzchen des Grossen Sättelistockes werden erklettert, dann lassen wir uns zur grossen Mittagsrast nieder.

Um 2 Uhr brechen wir von neuem auf, lassen jedoch alles liegen bis auf unser 30-m-Seil und einen Pickel. Über leichte Felsen klettern wir am Grat auf ein kleines Felstürmchen zu, welches sich an die Wand anlehnt und uns schon lange durch seinen schwarzen Schlagschatten aufgefallen ist. Zwischen Wand und Türmchen hat der Zahn der Zeit eine seichte Rinne genagt, welche sich oben bis zu einem richtigen kleinen Kamin verengert. Und wieder stehen wir vor einem Problem und halten « Ständerat ». Wir stehen hier unzweifelhaft an der bis heute im Aufstiege noch nie überwundenen Abseilstelle. Lothar greift als erster an. Weit und spärlich sind die Tritte, brüchig der Felsen. Fortwährend prasseln Steine herunter, während sich unser Freund schwer atmend in die Höhe schiebt. 2 m Höhe sind gewonnen, in unbequemer Lage gibt 's einen Schnaufhalt, dann geht 's weiter. Näher und näher rücken die Wände der Rinne, und Lothar geht mehr und mehr in Stemmarbeit über. Als wir den Ruf « nachkommen » erhalten, da haben wir uns schon lange in eine Nische gedrückt, um uns vor dem fortwährenden Steinhagel etwas zu sichern. Ich glaube jedoch, dass durch öfteres Begehen sich dies Kamin gewiss « bessern » würde und nachkommende Partien es als bedeutend angenehmer empfinden würden.. Zu dritt stehen wir eine halbe Stunde später auf dem nur etwa 8 m hohen und doch so schwere Arbeit gebenden Türmchen. Senkrecht steigt vor uns die Wand empor, senkrecht fällt sie an 500 m ab. Aber die Griffe und Tritte sind fest und scharfrandig, und es ist ein Vergnügen, sich hier emporzuarbeiten in eleganter Kletterei. Um den Gipfel aber schweben zwei grosse, prächtige Adler, um sich, als sie unser ansichtig werden, ruhig und gemessen zu entfernen.

Die Gipfelterrasse ist erreicht, gemächlich schlendern wir zum Steinmann, 2644 m. Auch für diesen Aufstieg gilt das Gesagte von der Spitzmann-variante, nur für gute Kletterer mit absoluter Schwindelfreiheit. Multer, der vorausgeeilt ist, ruft uns an, avisiert uns den Zeppelin. Und richtig, über dem Vierwaldstättersee schimmert der silberne Fisch, rundet langsam den Bogen nach Luzern, verschwindet Richtung Zürich. Wir aber bewundern ihn, sind alle einer Meinung, was Lothar in die Worte zusammenfasst: Was für ein mächtiges Möbel!

Es wird kühler Abend. Und so müssen wir uns begnügen, über den Ostgrat, welcher steil und scharf zum Planggengrat hinunterfällt, mit den Augen hinabzuklettern. Der Abstieg erfolgt auf der gewöhnlichen Route, wieder über die Westseite. Geröll und Schnee sind auch für Kletterschuhe nicht geeignet, und so ist denn unser Abstieg von einigen Stürzen begleitet. In knapp 15 Minuten umrunden wir den Scheyeggstock, um wieder in die Spitzmann-lücke zu gelangen. Über einen steilen Hang queren wir in die Südwand zum « Mann », einem interessanten Felszahn, steigen ein steiles Rasencouloir ab, tun nochmals ein Quergang nach Osten, und eine halbe Stunde nach Verlassen der Lücke haben wir Scheyegg erreicht. Stärker und stärker glühen die Felsen des Spitzmannes, verblassen allmählich. Wir aber wandern im sinkenden Abend zu Tal nach Engelberg. Glocken klingen...

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