Jannu 1984

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Georg Rubin, Bern Daniel H. Anker, Kehrsatz Eigentlich ist der Berg nur ein nominelles Ziel. Was zählt, sind die Stunden, Minuten, Sekunden, wie man sie verbringt. Reinhard Karl Einleitung Gemütlich wandere ich abwärts durch den dichter werdenden Wald und nehme die wärmende Sonne und den erfrischenden Duft von Harz in mir auf. Ich fühle mich glücklich - erfüllt von der mich umgebenden Natur.

Langsam beginnen sich die Gedanken aus dem Bannkreis des Khumbakharna zu lösen, und es wird mir wieder bewusst, dass auf einer Expedition das tiefe Erleben eines Augenblickes, eines Gefühls, einer Stimmung mehr bereichert als die unablässige Beschäftigung mit einem möglichen Gipfelsieg.

Einige Momentaufnahmen von Augenblicken der Spannung, des Glücks, aber auch der Mühsal sollen zeigen, dass auch im Himalaya intensives Erleben eine innere Bereitschaft voraussetzt.

Im Touristikministerium Wieder einmal warten Bruno'und ich seit einer Stunde im Ministerium. Unsere Stimmung ist gedrückt, wir sind ziemlich ratlos. Jetzt bemühen wir uns schon seit zehn Tagen um die Erledigung aller Formalitäten, damit wir endlich zu den Bergen starten können. Zwar ist Kathmandu eine sehr interessante Stadt und auch ganz neu für uns, aber nun wo sich bloss noch vereinzelte Monsunwolken am Himmel zeigen und uns die schwüle Hitze zu plagen beginnt, sehnen wir uns nach Schnee und Eis. Zudem schmilzt die Zeit, die wir für eine Besteigung des Jannu ( 7710 m ) zur Verfügung haben, immer mehr zusammen. Zuerst war da die Sache mit dem Umschreiben der Gipfelbewilligung, dann mussten für unser spezielles Trekkingpermit ein Dutzend Formulare in X verschiedenen Ministerien ausgefüllt werden. Und als dann endlich alles geregelt schien, kam der Bescheid, es lasse sich kein Verbindungsoffizier finden. ( Einmal Nepal, nie mehr Nepal ), meint Bruno, und ich pflichte ihm resigniert bei. Dass das Königreich Nepal Gipfelgebühren verlangt und die Expeditionen verpflichtet, einheimische Begleiter anzustellen, das können wir gut verstehen. Aber das tagtäglich erneute Hinausschieben des Startes macht uns immer zappeliger und strapa- 1 Teilnehmer: Christian von Almen, Martin Fischer, Andreas Leibundgut, Bruno Rankwiler, Georg Rubin, Daniel H. Anker ziert unsere europäischen Nerven. Dazu kommt unser Wissen, dass die meisten anderen Expeditionen bereits seit Wochen unterwegs sind. ( Jetzt müssen wir sicher noch eine Woche bis zur Rückkehr von Martin warten. ) ( Unser Expeditionsleiter hat geschäftlich für zwei Wochen in die Schweiz zurückkehren müssen. ) Bruno antwortet mir nicht. Wahrscheinlich ist er mit seinen Gedanken bei unseren Kameraden, die in einem Restaurant im Thamel vor einem kühlen Cola sitzen. Das ist sicher besser, als hier zu warten, ohne Hoffnung auf eine rasche Lösung unseres Problems. Da kommt der zuständige Beamte und erklärt uns kurz, dass wir einstweilen ohne Verbindungsoffizier starten können. Unsere Stimmung verbessert sich so schnell, dass wir das Touristikministerium fast schwebend verlassen.

Anmarsch Der Schweiss fliesst in Strömen, als ich unter der sengenden Mittagssonne am heutigen Etappenziel eintreffe. Endlich Schatten. Unter einem Baum ruhe ich ein paar Minuten aus und beschliesse, nicht auf die Küchenmannschaft und den Tee zu warten. Die Möglichkeit, ein Bad zu nehmen, ist zu verlockend, und ich suche mir durch die leuchtend grünen Reisfelder einen Weg zum Fluss. Lange baden oder gar schwimmen kann man in dem reissenden, kalten Wasser nicht, aber ein kurzes, erfrischendes Untertauchen ist sehr willkommen. Danach liege ich auf einem grossen Felsblock und lasse mich von der Sonne trocknen.

Etwas mehr als die Hälfte des 14tägigen Anmarsches haben wir geschafft. Jeder Tag war anders, und es gilt, eine Fülle neuer Eindrücke Kurz vor dem Basislager sehen wir zum erstenmal die Trabanten des Jannu ( Bokhta ca. 6000 m ).

zu verarbeiten. In den ersten Tagen die Aussicht auf die Achttausender, Berge, die ich nur aus Büchern kannte, davon träumte, jetzt in ihrer ganzen Grosse vor Augen. Unser Ziel, der Jannu, besticht durch seine Eleganz neben dem massigen Block des 2. Wir versuchen, Details zu erkennen, doch ist die Entfernung noch zu gross, die Spannung hält an.

Überall freundliche Menschen, unkomplizierte Gastfreundschaft, einfach eintreten, sich ans Feuer setzen, einen Milchtee schlür-. fen und sich in Zeichensprache unterhalten.

Inzwischen scheint die Sonne in dem tiefen Tal nicht mehr, es wird kühl, und ich gehe zurück ins Dorf. Mittlerweile sind die Träger eingetroffen, und wir stellen die Zeltplanen auf. Es hat sich schnell herumgesprochen, dass eine Gruppe Ausländer angekommen ist, und neugierig scharen sich die Dorfeinwohner um unser kleines Lager, allen voran die Kinder, die ehrfurchtsvoll staunend Schlafsäcke, Liegematten und sonstige Luxusgüter betasten. Wie in jedem Ort kommen Kranke und Verletzte zu uns. Einen Arzt gibt es weit und breit nicht, sie hoffen, dass wir ihnen helfen können. Wir tun dies, soweit wir dazu imstande sind, und denken an die Ärzteschwemme in der Schweiz, die es uns erlaubt, alle unsere Wohlstandswehwehchen kurieren zu lassen. Nach dem Nachtessen sitzen wir mit Trägern und Einheimischen ums Feuer, jemand holt eine Mundharmonika, eine Trommel findet sich, und das Fest ist in vollem Gange.

Ein Materialtransport Ich bin erst eine halbe Stunde unterwegs, da beginnt es nass zu schneien. Schwerbeladen suche ich mir einen Weg über den geröllbedeckten Gletscher, während die Matsch-schicht langsam dicker wird. Trotz allem bin ich zufrieden. Ich freue mich, allein zu sein -zu warten, wo ich will - zu rennen, wie es mir gefällt. Schon recht durchfeuchtet erreiche 2 Kanchenjunga ( 8598 m ) Blauer Himmel, strahlende Sonne -trotzdem bläst ein eiskalter Wind ( Bruno Rankwiler auf ca. 7400 m ).

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ich unser Materialdepot bei einem Gletschertisch. Rasch packe ich Nahrungsmittel und technisches Material aus, dann suche ich vergeblich nach einem flachen Platz für ein Zelt. Ich will hier übernachten und dann morgen mit den nachfolgenden Kameraden unseren Berg in Angriff nehmen. Heute soll ich noch versuchen, einen Zugang zum oberen Gletscher zu finden. Während es weiterschneit, beginne ich einen Hindernislauf zum Gletscherrand, um dort vielleicht eine ebene Fläche zu finden. Nichts, nichts ausser Felsstücke aller Grossen, die sich am Fuss eines Steilhanges angesammelt haben. Plötzlich entdecke ich an einem grossen Stein einige Quarzzak-ken. Trotz zunehmender Nässe packt mich das Strahlerfieber, und ich versuche einige kleine Bergkristalle loszubrechen. Nach einigen erfolglosen Bemühungen verkrieche ich mich mit dem Schlafsack unter einen schützenden Block. Doch während ich vor mich hindöse, beginnt das Schmelzwasser des immer noch fallenden Schnees den Rissen entlang zu laufen und mir auf den Biwaksack zu tropfen. Ich habe Erfahrung mit solchen Situationen und drehe mich einfach auf die andere Seite, wo ich das Wasser nicht sehen kann. Unvermittelt beginnt es weit oben in der nebelverhüllten Bergflanke zu poltern. Mit Schrecken sehe ich mehrere mächtige, kubikmetergrosse Steine den Abhang herunterspringen, direkt auf mich zu. Schnell versuche ich davonzurennen. Obwohl ich genau weiss, dass alle Blöcke weiter oben in den Felsbrocken zum Stillstand kommen werden, überkommt mich doch Angst, wie ich wehrlos nur mit Hemd und Socken bekleidet im Schneegestöber stehe. Mit einem letzten dumpfen Knall und einer Staubwolke stoppt der grösste Stein zehn Meter von meinem geschützten Schlafplatz entfernt. Noch während mir der Wind den Schwefelgeruch in die Nase treibt, packe ich meine Ausrüstung zusammen und nehme den mühsamen Rückweg zum Basislager unter die Füsse.

Erster Kontakt Zweieinhalb Stunden laufe ich schon mit dem zu schweren Rucksack über den schuttbedeckten Yamatari-Gletscher. In stetem Auf und Ab geht es über grosse Blöcke oder kleines Geröll, und man muss aufpassen, keine Misstritte zu tun. Dennoch lässt meine Aufmerksamkeit nach, gedankenverloren folge ich der schwach sichtbaren Spur. Plötzlich stehe ich bis zu den Hüften im eisigen Wasser. Die paar Kilo, die ich schwerer bin als die anderen, vermochte die Eisdecke nicht zu tragen. Bis ich mich mit dem schweren Rucksack aufs Trockene gestemmt habe, bin ich bis auf die Haut durchnässt, und meine Laune ist schlechter als schlecht. Nach einer kurzen Pause, während der die Schöffel-Hose ( im Gegensatz zu den Stiefeln ) trocknet, mache ich mich daran, meine Wut in Energie umzusetzen. Diese brauche ich, um die 200 Höhenmeter, die mich von dem Punkt, wo wir den flachen Gletscher betreten wollen, trennen, über steiles Geröll zu überwinden.

Zwei Tage später, abends auf 6300 Metern Höhe, ist meine Stimmung wieder besser. Die nassen Stiefel, der schwere Rucksack sind vergessen, ich weiss wieder, warum ich solche Mühe auf mich nehme. Die Sicht bis in die Tiefebene Indiens und zu den höchsten Bergen der Welt im Westen, wo die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwindet, entschädigen für vieles. Dieser Eindruck totaler Harmonie, die Grosse der Natur, neben der wir so klein sind, machen die Faszination der Berge aus. Hier ist die Welt noch in Ordnung und vermittelt Lebensfreude und Optimismus, die man braucht, um zurück im grauen Alltag Europas zu überleben.

Ruhetag Ich wache auf, langsam wird es draussen hell. Herrlich warm ist es im Schlafsack, und ich geniesse, dass ich heute nicht an Schneeschmelzen und gefrorene Kocher denken muss. Sarki, unser Koch, lässt es sich nicht nehmen, uns jeden Morgen Tee und Müesli ins Zelt zu bringen. Bis acht Uhr bleibe ich im Zelt liegen, höre Musik aus dem Walkman und unterhalte mich mit meinem Zeltnachbarn. Dann erreichen die ersten Sonnenstrahlen unser kleines Basislager, und ich kann mich aus dem Zelt wagen.

Ausruhen und entspannen, sowohl körperlich wie geistig, das steht heute auf dem Programm. Einfach nichts tun, an der Sonne liegen. Hier im Basislager mit seinen grünen Wiesen und dem klaren See habe ich die Möglichkeit, die Kälte des Berges vorübergehend zu vergessen, um neuen Auftrieb zu sammeln. Alltägliche Tätigkeiten wie Waschen oder Kartoffelnraffeln lenken meine Gedanken vom Jannu ab, lösen das innere Ange-spanntsein. Es ist besser, wenn ich nicht zu viel an die nächsten Tage am Berg denke, denn dann melden sich Zweifel und Ungewissheit: wie wird es auf über 7000 Metern werden?

Umkehrpunkt Unbarmherzig schneidet mir der kalte Wind ins Gesicht. Regelmässig setze ich einen Fuss vor den andern und versuche, im weichen Schnee festen Stand zu finden. Wieder schaue ich zum Gipfelgrat hinauf. Wir werden es schaffen, aber wie lange dauert es noch?

Abendstimmung vom Biwak II ( 6200 m ).

Abrupt werde ich vom gestreckten Seil gestoppt. Bruno steht zwanzig Meter weiter unten über seinen Pickel gebeugt. Ich fühle mich gut in Form und würde gerne weitergehen. Als Seilschaft sind wir heute früh aufgebrochen und haben gemeinsam die Hindernisse des Anstiegs überwunden. Dann der Beginn von Brunos Krise. Aber obwohl er sich mehrmals hat übergeben müssen, kämpft er sich tapfer weiter. Einige Male versuche ich mir die Frage Nächste Doppelseite: Tiefblick vom dritten Biwak ( 7000 m ). Der Aufstieg verlief über den von rechts nach links führenden Grat, dann über das Plateau.

zu beantworten, was ich tun würde, wenn Bruno umkehren möchte. Auch jetzt weiche ich einer Antwort aus, da lockert sich das Seil -wir steigen weiter. Die letzten Schritte gegen den starken Wind - vor mir öffnet sich der ungeheure Tiefblick auf die andere Seite, hinunter in die N-Wand, dann die braunen Ebenen und die Berge Tibets. Unten stellte ich mir jeweilen das Glücksgefühl vor, wenn ich auf diesem stolzen Gipfel stehen würde. Doch jetzt, dort oben kaum mehr als eine grosse Erleichterung, dass ich das selbstgesteckte Ziel erreicht habe, meinen Umkehrpunkt. Die Spannung löst sich. Ich bin wieder aufnahmebereit für all die neuen Eindrücke, die uns der Heimweg bringen wird. Rasch knipsen wir einige Aufnahmen von vermummten Gestalten auf dem schmalen Gipfelgrat, dann müssen wir uns an den langen und steilen Abstieg machen.

Zurück Endlich bin ich auf dem Kamm der Moräne und sehe das Basislager greifbar nahe auf der anderen Seite des kleinen Sees. Der Gedanke an Tee ohne Bouillongeschmack veranlasst mich, meine Schritte zu beschleunigen. Inzwischen haben Sarki und Mangale mich gesehen und kommen mir entgegen. Freudestrahlend legen sie mir einen weissen Schal um den Hals, Dank an die Götter und Bitte, dass uns das Glück weiterhin zur Seite stehen soll.

Endlich kann ich den Rucksack ablegen, so viel Tee trinken, wie ich will. Nach einer Weile trifft auch Bruno ein, und bald geniessen wir das erste richtige Nachtessen seit fünf Tagen. Doch ganz unbeschwert sind wir nicht: Martin, Christian und Andreas sind noch irgendwo weit oben am Berg, und Daniel ist auf 5400 Metern zurückgeblieben, um auf sie zu warten. Am nächsten Morgen gehe ich auf den Gletscher und suche den Berg mit dem Fernglas ab. Ich sehe nichts, langsam werde ich unruhig. Doch alle Sorge erweist sich als unbegründet: am Nachmittag treffen alle wohlbehalten im Basislager ein.

Die Expedition ist ohne Zwischenfälle verlaufen, ich freue mich auf den gemütlichen Rückmarsch, während dem ich dieses faszinierende Land noch einmal intensiv erleben will.

Konsequent sein?

Wir haben eine Region Nepals erlebt, die vom grossen Ansturm des Westens noch verschont blieb. Der Eindruck, den ich hatte, wird dominiert von der Natürlichkeit und Freundlichkeit des Landes und seiner Einwohner. Dennoch denke ich mit gemischten Gefühlen an die Zeit in Nepal zurück. Zu gross ist der kulturelle Unterschied zwischen Europa und Nepal, zu gross die Arroganz der Europäer und Amerikaner im Umgang mit fremden Menschen und ihrer Jahrtausende alten Kultur. Immer wieder zwingen wir den Nepali unsere Ansichten auf, leben ihnen vor, was sogar im Westen langsam als Fehler erkannt wird. Gedankenlos nehmen wir, ohne einen entsprechenden Gegenwert zu geben. Unsere Franken kann man nicht essen, und es wachsen keine Bäume daraus.

Man wird mich nun fragen, warum ich dann nach Nepal reise. Ich glaube nicht, dass man auf Reisen oder Expeditionen verzichten muss; vielmehr sollte man die Art und Weise, wie man es tut, überdenken. Inzwischen ist Nepal abhängig von den Devisen des Tourismus, und es ist undenkbar, diese Geldquelle durch ein Reiseverbot abzustellen.

Im Bereich Expeditionen und Trekking wären Möglichkeiten vorhanden, sich mehr den örtlichen Gegebenheiten anzupassen. Kleinexpeditionen sind ein erster Ansatz. Es gibt in Nepal die Mittel, eine Expedition vollständig mit einheimischen Produkten zu verpflegen. Das Abfallproblem lässt sich dadurch verringern, dass man nicht soviel Verpackung mitnimmt und das, was anfällt, vernichtet oder wieder einpackt. Eine kleine Gruppe wirkt zudem weniger wie ein Fremdkörper als eine Karawane von 500 Leuten. Gerade der Verzicht auf überflüssigen Luxus ist es, was man im Kontakt mit der Natur sucht.

Sicher haben wir viele Fehler gemacht, aber ich habe auch viel gelernt und hoffe, diese Fehler beim nächsten Mal nicht zu wiederholen. Man darf in keinem Moment vergessen, dass man in Nepal nur Gast ist und kein Recht hat, sich den Einheimischen überlegen zu fühlen.

Ausklang Ich bleibe stehen. Vor mir liegt das Dorf Ghunsa mit seinen einfachen Holzhäusern, seinen Menschen, seiner Geborgenheit. Ich freue mich, aus dem verlockenden Hochgebirge wieder hinunterzusteigen ins Grüne, ins Leben. Schön war es dort oben, aber jetzt habe ich genug - auch zu Hause erwarten mich neue Aufgaben. Ich nehme mir vor, auch im Alltag die Zeiten der Besinnung, der Ruhe, des Erfülltseins zu vermehren und zu geniessen. Die Wehmut hinter mir lassend, schreite ich mit neuem Elan dem Zeltplatz zu.

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