Karawanken - Julische Alpen

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VON ERNST FREIMANN, ZUG

Mit 6 Bildern ( 43-48 ) 5. August 1967 Es ist Samstag morgen, 7 Uhr. Wir sieben Rossbergler sitzen am Frühstückstisch im ersten Stock eines Gasthofes in Rattenberg. Der Kaffee duftet, die heisse Milch verbreitet Heimeligkeit, und in unseren Händen knacken und knistern die frischenBrötchen. So ein Imbiss tut gut, sind wir doch früh aufgestanden heute und um halb 2 Uhr schon in Zug weggefahren. Regen, Nebel und Nässe haben uns begleitet zum Walensee, nach Sargans, an die Grenze bei Feldkirch. Dort liessen wir die Tanks noch einmal auffüllen und fuhren dann, immer noch im Dunkel, aber jetzt ohne Regen, auf den Arlberg. Von Stuben bis auf die Passhöhe krochen wir in dichtem Nebel, aber bei St. Christoph war plötzlich mit dem Nebel auch ein gut Teil Dunkelheit verschwunden Innsbruck und Schwaaz lagen auch bald hinter uns, und im malerischen Rattenberg mit seiner engen Strasse zwischen den hohen Erkerhäusern sind wir hungrig zum Morgenessen eingekehrt.

Weiter geht die Fahrt bei leicht bewölktem Himmel über Wörgl und der Südflanke des Kaisergebirges entlang nach St. Johann im Tirol. Dort schwenken wir ab nach Süden, und bald beginnt auch wieder der Regen. Hinter Kitzbühel fängt die Steigung zum Pass Thurn an, und der Verkehr wird dichter. Wir haben für die Zufahrt zu unserem Feriengebiet die nördliche Route mit Durchquerung der Alpenhauptkette im neuen Felbertauerntunnel gewählt. Wir sind nicht die einzigen, die an diesem Sommersamstag den neuen Durchstich benützen wollen: vom Thurnpass im Norden, vom Gerlospass im Westen, von Brück und Zell im Osten winden sich endlose Schlangen von Blech, Gummi und Auspuffgestank auf das Dörfchen Mittersill zu, das den Eingang zum Tunnel sperrt. Im Einbahnverkehr zwängen sich die beiden Fahrzeugkolonnen zwischen zwei Häusern durch, aber endlich sind auch wir an der Reihe, und gegen 130 Schilling Maut pro Wagen dürfen wir den schöngebauten Tunnel durchfahren, 2000 Meter unter den Gipfeln des Grossvenedigers zur Rechten, des Wiesbachhorns und des Grossglockners zur Linken.

Wir haben gehofft, der Durchbruch durch den Hauptkamm werde etwa den gleichen Wetter-unterschied bewirken wie so oft zwischen Göschenen und Airolo. Aber auch das schöne Iseltal ist schwer bewölkt. Zur Mittagszeit kommen wir vor Lienz im Osttirol an, fassen Benzin und sehen gleich gegenüber eine Tafel zum nahen « Biergarten » weisen. Der Name scheint uns nicht unsympathisch, und bald steht ein währschaftes Mittagessen vor uns.

Der Rest unserer heutigen Reise führt uns zuerst der Drau entlang bis Oberdrauburg und dann über den Gailbergsattel hinunter ins Gailtal. Hier stürzen neue Regenfluten auf uns herab, es blitzt und donnert, und von den Rädern zischen die Wasser mannshoch auf. Erst kurz vor Arnoldstein geraten wir wieder ins Trockene, und bald darauf erreichen wir Faak am See. Es ist halb 5 Uhr, und etwas über 600 Kilometer Fahrt liegen hinter uns. Im Hotel « Fürst », direkt am hübschen Faaker See, beziehen wir die reservierten Zimmer, geniessen eine kurze Rast, dann einen Aperitif, und da bei vollbesetztem Saal unser Nachtessen begreiflich etwas auf sich warten lässt, kommen die Jass-karten zum Vorschein. Das Mittel wirkt, wie immer; schon beim zweiten Spiel ertönt der Alarm « Si bringid 's! ».

6. August Hat man im Hotel bei unserer Ankunft noch über Hitze und Schwüle geklagt, so ist bald darauf das Gewitter auch hier losgebrochen. Heute morgen aber scheint wieder die Sonne, doch verzichten wir der gestrigen Niederschläge wegen auf die Besteigung des nahen Aussichtsberges und unternehmen statt dessen eine Spazierfahrt nach der kärntischen Landeshauptstadt Klagenfurt. Der Morgen beginnt gemütlich mit einem kurzen Gang zum Seeufer, einige wagen sogar ein Bad, und nach dem Morgenessen fahren wir los: zunächst um den Faaker See, wirklich ein landschaftliches Juwel, dann eine Rundfahrt durch Villach und weiter auf die grosse Autostrasse, die am Nordufer des Wörther Sees entlang nach Klagenfurt zieht. Die Strecke von Villach bis Klagenfurt misst 40 Kilometer, ein Auto etwa 5 Meter. Es haben also 8000 Autos auf jeder Fahrbahn Platz. So viele haben auch darauf Platz genommen. Die Fahrt dauert zwei Stunden.

Nach kurzer Besichtigung verlassen wir Klagenfurt wieder und fahren gegen Süden, ins Rosental. Bei dem Prachtswetter ist es nicht leicht, Platz in einem Gasthof zu finden, aber schliesslich stossen wir doch auf ein ganz neues Restaurant, finden sogar Platz an einem grossen Tisch. Es gibt Sprudel, es gibt Bier; Gottfried fängt an zu « weinen », und Werner bestellt ein Gläschen Wermut. Es enthält fast einen halben Liter, und Werner ziert sich lange, trinkt aber dann doch tapfer Schluck um Schluck. Auch das Essen ist gut; die Backhendln schmecken sogar so sehr, dass Alfred ein weiteres auffahren lässt. Das zweite ist etwa doppelt so gross wie das erste, aber mit etwas Wein und Kameradenhilfe wird auch es besiegt.

So - es geht gegen 3 Uhr, und das Abenteuer kann ernsthaft beginnen. In Feistritz zweigt ein Seitental nach Süden ab. Das Strässchen, zunächst noch asphaltiert, ist bald nur noch ein Holzerweg, der sich der Tallehne entlang in den engen, tiefen Graben hineinzieht. Dichter Tannenwald bedeckt die steilen Hänge, von Häusern oder Stadeln ist nichts mehr zu sehen, und die wilde Einsamkeit lässt den Namen Bärental als sehr zutreffend erscheinen. Nach etwa 10 Kilometer steilem Bergauf, Bergab und Wiederaufstieg stösst man auf zwei elende Hütten, aber auch jetzt geht 's noch weiter, das Strässchen wird noch ärmlicher, die Steigung stärker, die Kurven noch überraschender. Nebel hängt über den höheren Talflanken, dann tauchen auch wir in das graue Meer hinein, und schliesslich halten wir auf einer kleinen Lichtung an. Es ist die « Johannsen-Ruhe », 15 Kilometer von Feistritz und Endpunkt für die Autos. Wir ziehen uns um und beginnen den Aufstieg zur Klagenfurter Hütte. Gemächlich steigen wir die Kehren des Weges bergan, zuerst durch Wald, später zwischen Alpwiesen. Nach einer Stunde taucht die Klagenfurter Hütte vor uns aus dem Nebel auf. Es ist knapp 5 Uhr. Die letzten Sonntagsausflügler gehen, bald sind wir mit der Familie des Hüttenwartes und ihrem grossen, schwarzen Hund allein. Es sind recht freundliche Leute, und auch ihr Abendessen enttäuscht uns nicht.

7. August Alle Halbstunden geht einer zum Fenster: die Auskünfte sind nicht überzeugend, einmal ist 's hell, das andere Mal neblig. Schliesslich stehen wir um 9.15 Uhr fertig gerüstet vor der Hütte. Eine Weile ist die Sicht offen: im Osten erhebt sich die Bielschitza mit ihren 1955 Meter über die Schutthalden, im Süden stechen die Türme der Edelweissspitzen in den blauen Himmel, und rechts schliesst sich die Klagenfurter Spitze, 2116 Meter, als schönster Berg der Gegend an. Er steht für heute auf unserem Programm.

Nach kurzem Anstieg fällt wieder Nebel ein, und in dichtem Grau betreten wir die weiten Geröllhalden. Nach einigem Suchen glauben wir die richtige Rinne gefunden zu haben und steigen zwischen Geröll und Blöcken in die Höhe. Auf einmal verschwindet der Nebel, und wir können rechts den hübschen Grat erkennen, der uns zum Gipfel führen soll. Zu viert entscheiden wir uns für den Grat und seilen uns an, während die anderen drei die Geröllrinne bis zur Gratlücke verfolgen. Wir klettern zuerst ein paar Seillängen auf brüchigem Gestein, dann kommen wir auf feste Felsen und können meist ohne Sicherung miteinander gehen. Ein kleiner, latschenbewachsener Rücken unterbricht die Kante, und eine kurze Pause bietet Gelegenheit, die hübsche Rundsicht und eine Zigarette zu geniessen. Weiter geht es in leichter Kletterei, die uns Ex-Junioren aber doch zum Schnaufen und Schwitzen bringt. Um 12 Uhr erreichen wir den Gipfel, wo unsere Kameraden von der Scharte im Ostgrat her vor ein paar Minuten schon angekommen sind. Händedruck, Freude über unseren ersten, Gipfel, Freude auch am herrlichen Wetter und der schönen Rundsicht.

Wir befinden uns an der jugoslawisch-österreichischen Grenze. Weit ziehen sich gegen Süden die kahlen, grauen Berge und Täler hin. Touristen sind fast keine zu sehen; dafür blühen viele Edelweisse zwischen den trockenen Felsen. Nach ausgiebiger Rast steigen wir über den Ostgrat zur Scharte ab, umgehen die Edelweissspitzen auf ihrer Südseite und erreichen über die Bielschitza-Scharte wieder die Hütte.

Vor der Hütte tummeln sich zahlreiche Ausflügler. Ein paar junge Burschen, in denen offenbar Unternehmungslust mit Trägheit kämpfte, fragen rasch: « Wo waren Sie? Wie lang hat man da hinauf? » - Wir löschen den Durst, befreien uns von den heissen Schuhen, Strümpfen, Hemden und liegen dann eine Zeitlang im kurzen, kräftigen, blumengeschmückten Gras hinter dem Haus. Diesmal haben wir beim Abendessen mehr Gesellschaft; es wird viel geschwatzt und gelacht. So ziehen wir uns denn gegen 10 Uhr zurück in unsere Zimmer und erklettern unsere engen, hochgelegenen « Gelieger ».

8. August Kurz vor 8 Uhr brechen wir auf zu einer gemütlichen Besteigung des « Hüttenberges ». Es ist der Geissberg, ein friedfertiger, runder Buckel, etwa 400 Meter über der Hütte. Wir wandern dem Mat-schacher Sattel entgegen, dann links hinauf zwischen mannshohen Legföhren, später über saftige Alpweiden, bis wir nach einer Stunde den höchsten Punkt, 2016 Meter, erreichen. Die weite Sicht ist dunstgetrübt; Nebelschwaden streichen um die Bergflanken Immerhin erblicken wir weit im Norden Schneeberge, es müssen die Gipfel der Venediger- und der Grossglockner-Gruppe sein.

In die Hütte zurückgekommen, wird abgerechnet und gepackt. Wir nehmen Abschied und trollen uns hinunter zur Johannsen-Ruhe. Die Fahrt über den holperigen Weg durchs Bärental hinaus verläuft ohne Zwischenfälle, und um Mittag sitzen wir wieder in Faak in einem grossen Gasthaus. Ein feines Mittagessen - bei uns würde man es Berner Platte nennen - wird mit gutem Appetit verzehrt, aber dann meldet sich in der grossen Hitze des Tales Schläfrigkeit. Ein Bad im hübschen Faaker See wäre gewiss nicht zu verachten, aber in all den vielen Bädern rund um den See herrscht ein solcher Betrieb, dass die Masse des Fleisches jene des Wassers bei weitem übertrifft. Wir verzichten darauf, unsere nicht mehr so jugendfrischen Körper der Bewunderung der Ferienleute darzubieten, und beschliessen, sogleich die Fahrt über den Wurzenpass ins Jugoslawische hinüber anzutreten.

Eine gute Autostrasse führt hinauf zur Grenze. Die Formalitäten sind im Nu erledigt; sie beschränken sich auf einen kurzen Blick und einen Stempel in den Pass. Von Devisenkontrolle keine Rede.Vier Kilometer weiter kommen wir in das erste Dorf, Podkoren, wechseln noch etwas Geld und fahren dann über Kranjska gora ins Tal der Pisnica. Doch halt, hier wäre eine hübsche Badegelegenheit! Wir halten an, ziehen uns um und tummeln uns eine Weile im kühlen Wasser der Pisnica, die hier einen weiten Talboden in mehreren Armen zwischen Erlen und Wiesen durchfliesst. Im Süden erheben sich in blaugrauem Dunst die Wände und Zacken der Julischen Alpen.

Weiter geht 's taleinwärts in vielen Kehren hinauf zum Vrsic-Pass auf 1611 Meter Höhe. Gleich beim Pass, etwa zehn Meter von der Strasse, steht eine neue Touristenunterkunft, das Ticarjev-Dom, wo wir zum Übernachten angemeldet sind. Wie wir eintreten, herrscht grosser Betrieb, besonders um die Bar herum. Eine Schar Einheimischer ist offenbar dank grosszügigem Konsum von Sliwowitz und Bier schon in jenes glückselige Stadium vorgedrungen, wo alle zugleich reden und keiner mehr zuhören muss. Natürlich muss jeder etwas lauter reden als sein Nachbar, sodass sich ein ganz hübscher Lärm ergibt, um so mehr, als aus dem Lautsprecher auch noch slowenische Volksmusik ertönt, nur ganz leise, aber immerhin so laut, dass man sie über dem Gewirr der alkohol-seligen Stimmen noch gut hört. Trotz diesem Tohuwabohu gelingt es uns, mit der Wirtin ins Gespräch zu kommen, und nach kurzer Zeit können wir es uns in den zwei zugeteilten Zimmern bequem machen.

Das Haus ist 1965/1966 gebaut worden. Alles ist neu und sauber, wenn auch Dusche und Spülung nicht funktionieren. Der Speisesaal ist nicht schlecht, etwas überladen mit der vielen Holzschnitzerei, mit schmiedeeisernem Gerät und sogar einem granitenen Rundbogen, und an prominenter Stelle hängt ein grosses Bild von Marschall Tito.

9. August Das Wetter ist ungewiss. Dichter Nebel hüllt die höheren Flanken und Gipfel der umliegenden Berge ein. Um 8 Uhr verlassen wir das Ticarjev-Dom und steigen vom Pass weg südwestlich in der Ostflanke der Moistrovka an. Über lange Geröllhalden erreichen wir einen Sattel, wo wir eine Rast einschalten. Nebel stösst von der Gegenseite bis hier herauf, und in der zügigen Scharte ist es recht kühl. Nun gehen wir auf der westlichen Seite des Grates, immer über Schrofen und Geröll und in dichtes Grau gehüllt, weiter auf undeutlichem Wege. Hin und wieder scheint die Sonne durch den Nebel zu drücken, aber gleich bringt ein Windstoss neue feuchte Massen heran. Aus dem Unsichtbaren hört man eine Stimme, und plötzlich ist der Nebel wie durch Zauber verschwunden. In strahlendem Sonnenschein stehen wir kurz unter dem Gipfelaufbau der grossen Moistrovka. Zum Gipfel selber kraxeln wir einzeln auf verschiedenen kleinen Kletterrouten -jedem seine Erstbesteigung! Die Stimme aus dem Nebel hat sich auch materialisiert: ein junger Mann, Schweizer Bürger, Student in Ljubljana, taucht auf und kann uns einige Gipfel in der prachtvollen Rundsicht benennen. Etwa eine Stunde verbringen wir hier oben, steigen dann ab und noch auf den Gipfel der Kleinen Moistrovka, um schliesslich endgültig in die Tiefe zu stechen. Ein Stück weit geht es über einen hübschen Sporn in der Nordflanke, markiert und mit Eisenstiften versehen. Von hier aus sehen wir hinein in die wilden Nordwände des Jalovec und des Travnik, hinunter ins Planica-Tal, auf dessen westlicher Bergkette die italienisch jugoslawische Grenze verläuft, und unter uns auf die Hochebene von Sleme mit einem hübschen See. Nach einer Weile schwenken wir nach Osten ab und suchen uns einen Weg durch Geröllfelder und Weiden, bis wir schliesslich in die Spur von heute morgen einbiegen können und um halb 2 Uhr den Vrsic-Pass wieder erreichen.

In der Hütte erschallt slowenische Volksmusik aus dem Lautsprecher; wir könnten die Lieder schon bald mitsingen. Wir machen also einen Ausflug zu einer weiteren Hütte, nur etwa eine halbe Stunde ob dem Ticarjev-Dom. Auch die Postarska Koca ( Pöstler-Hütte ) soll einmal sehen, wie « Zuger » gejasst wird.

10. August Frühe Tagwache. Um 7.15 Uhr verlassen wir die Hütte in südöstlicher Richtung und gelangen durch dichten Wald an den Fuss der Nordwand des Prisojnik. Eine halbe Stunde klettern wir über Stock und Stein und Wurzeln und stehen dann etwas kleinlaut vor den riesigen grauen Bollwerken der hohen Wand mit ihren Schluchten, Pfeilern und Felsfenstern. Es weht uns kühl an ob dieser Grosse und Kühnheit. Die Seile werden herausgeholt, und jetzt kommt der Moment der Wahrheit. Zwei von den älteren Kameraden entschliessen sich, hier abzubrechen und den Tag lieber in der Umgebung des Passes zu verbringen. Die anderen fünf aber steigen hinein in die grauen Wände. Gleich am Anfang gibt 's Plattenschüsse und Querungen, die ohne die Drahtseile ziemlich heikel wären. Aber die schwierigeren Stellen sind durch Stifte, Seile und Holzleitern ausgebaut, und so kommen wir, wenn auch keuchend, so doch sicher in der vielgestaltigen Wand höher. Von Zeit zu Zeit schaut man sich um, fragt sich staunend, wo da wohl der Weg weiterführe, denn in dieser Vielfalt von Türmen, Rissen, firnbedeckten Absätzen könnte man sich sehr wohl verlieren. Die Zeit verrinnt; wie lange klettern wir schon? Eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden. Schliesslich erreichen wir das riesige Felsenfenster, durch welches ein scharfer Wind zu uns herunterbläst. Steil zieht sich eine Schlucht zu ihm herauf- Fels, Geröll, Schnee. Mühsam kämpfen wir uns höher, bis endlich das Dach haushoch über uns steht. Nun noch hundert Meter, und wir haben den oberen Ausgang erreicht und setzen uns an die Sonne zu einer Rast.

Von hier geht es dann in leichter Kletterei - die uns aber allmählich doch schwer genug wird, denn ein Gipfel versteckt sich hinter dem anderen - über den Westgrat weiter. Um ein Viertel vor 12 ist endlich der höchste Punkt erreicht. Wir sind fast allein hier oben. Das Wetter verschlechtert sich; also machen wir uns nach kurzem Imbiss an den Abstieg. Dieser ist sehr leicht; er führt als deutlicher Weg zwischen Blöcken und Geröll über die Südwestrippe hinunter zur Waldregion und dann waagrecht durch die grosse Geröllhalde dem Vrsic-Pass zu. In der Geröllhalde überfällt uns Regen, dann Wind, dann Sturm. Wir eilen so rasch als möglich unserem Gasthaus zu, wo wir um halb 2 Uhr wieder eintreffen.

11. August Auch am Abend und in der Nacht ist das Wetter nicht zur Ruhe gekommen. Stille und heulender Wind, Sternenschein und rauschende Niederschläge haben sich abgelöst. Auch am Freitag morgen regnet es so eindeutig, dass wir mit dem Aufbruch nicht zu pressieren brauchen.

Um 9 Uhr fahren wir vom Ticarjev-Dom weg, die Passstrasse hinaus, hinab nach Kranjska gora und der Save entlang hinab nach Mojstrana. Dort mündet das nächste grössere Seitental ein. Etwas unschlüssig stehen wir in dem kleinen Dorfe. Nebel und Regen rund um und über uns. Hat es überhaupt einen Sinn, bei diesem Wetter ins Vrata-Tal hineinzufahren und den fünfstündigen Aufstieg zum Triglav-Haus zu unternehmen? Der Optimismus siegt; wir fahren ins Tal hinein auf dem schmalen Fahrsträsschen, bis dieses beim Aljazev-Haus endet. Es sieht alles ziemlich trüb und unfreundlich aus: die tropfenden Tannen, der nasse Waldboden, die Nebel um die Berghänge und das Gasthaus. Hinter diesem steht eine grosse Holztafel, auf welcher die Triglav-Nordwand schön farbig aufgemalt ist, samt den vielen Durchstiegsrouten. Ein einfaches Essen aber heitert uns und das Wetter auf, und um halb 1 Uhr beschliessen wir, den langen Aufstieg zu wagen.

Hinter dem Alja2ev-Haus dehnt sich auf 1015 Meter Höhe ein breiter Geschiebeboden aus. Hier können wir wenigstens den unteren Teil der riesigen Triglav-Nordwand sehen, während der obere Abschluss und der Gipfel in Wolken stecken. Die Triglav-Wand ist eine der grössten Wände der Ostalpen, etwa 3 Kilometer breit und durchschnittlich 1000 Meter hoch. Auf diesem riesigen Fundament erhebt sich, etwas zurückgesetzt und von flacherem Gelände wie von einem Halstuch umgeben, der 300 Meter hohe Gipfel. Das Triglav-Haus steht auf der breiten Schulter, auf 2515 Meter. Und wir stehen also da unten auf 1015 Meter, genau 1500 Meter zu tief, an einem verregneten, unfreundlichen Tag und beginnen diese 1500 Meter unter uns zu bringen. Der Tominsek-Weg führt gleich von Anfang an steil den Wald hinauf, in unzähligen kurzen Kehren, mit vielen Farb-klecksen markiert, und sogar die zurückgelegte Steigung ist auf Felsen angegeben: 1100 Meter, 1200 Meter; nur sind die Marken viel zu weit auseinander.

Eine Stunde vergeht; dann treten wir auf kleine Haufen Rieselschnee, die sich in Vertiefungen angehäuft haben. Eine zweite Stunde - kurze Rast. Der Wald liegt nun unter uns. Wir stehen in der Westwand des Cmir, die rechts in die Triglav-Nordwand übergeht. Nun führt der Weg über Rippen und Schluchten, da und dort durch Seile und Stifte gesichert, höher und höher, bis wir nach vier Stunden das obere Ende der Wand errungen haben.

Es ist wie eine andere Welt. Die Steilheit ist vorbei, Karrenfelder bieten willkommene Abwechslung nach dem eintönig-strengen Aufstieg. Nebel liegt in der Nähe, Firnfelder sind zu queren, der Weg wird undeutlich. Plötzlich sind auch wir im Nebel drin; Stimmen sind zu hören, einmal eilen ein paar Gestalten in grossen Sprüngen an uns vorbei. Von Himmelsrichtung haben wir schon gar keine Ahnung mehr, aber der Zeit nach sollten wir bald am Orte sein. Endlich erscheint wieder ein Pfahl in der Nähe; Wegweiser sind daran: Triglav, Krma, Planika. Aber wo geht 's zum Triglav-Haus? Das ist natürlich nicht angegeben, weil man es ja von hier aus gut sieht. Nur nicht jetzt im Nebel. Aber ein paar Schritte in der nicht bezeichneten Richtung, und schon erscheint im dichten Nebel ein allzu regelmässig gezeichneter Schatten, der kein Felsen sein kann. Nach zwei Minuten stehen wir vor dem Haus. Es ist ein Viertel vor 6 Uhr.

Das grosse, geräumige Haus ist bereits vollbesetzt, trotz dem unfreundlichen Wetter. Aber man findet noch Platz für uns; auch zu trinken und ein rechtes Abendessen serviert man uns. Die Nachtruhe im vollen Matratzenlager unter einer dünnen Wolldecke ist allerdings etwas weniger als vollkommen.

12. August Es ist immer noch neblig, aber wir brechen trotzdem um 8 Uhr auf, gehen hinab zum Wegweiser, wo sogleich der Aufstieg zum Triglav-Gipfel beginnt. Es wäre eine leichte Kalkkletterei, aber sie ist derart mit Stiften und Seilen verbaut, dass der schöne Triglav den Übernamen « Stachelschwein » erhalten hat. Der Vorgipfel, Mali Triglav, ist bald erreicht, und auf dem schmalen Verbindungsgrat geht es hinauf zum Hauptgipfel. Um 9 Uhr reichen wir uns auf dem höchsten und letzten Berg ( 2863 m ) unserer Sommerwoche die Hand. Rundum Nebel, aber auf dem Gipfel steht ein kleiner Blechturm, in welchem vier Personen vor Unwetter Schutz suchen können und auf dessen Wänden Panoramazeichnungen die herrliche Aussicht erklären. Dieses Häuschen wurde übrigens 1895 vom bergbegeisterten Pfarrer von Dovje, Jakob Aljaz, errichtet, nach welchem auch das Aljazev-Dom im Vrata-Tal benannt ist.

Nebel und Kälte vertreiben uns bald. Wir machen uns an den Abstieg in südlicher Richtung, zunächst auf steilem Zickzackweg; dann folgt eine lange Wanderung durch das wellige Hügelgelände, bis wir nach zwei Stunden die Dolih-Hütte erreichen. Hier umgibt uns nun wieder prächtige Bergwelt: tiefe Täler ziehen sich zwischen steilen Wänden hin, denen schwindelerregende Wege entlangführen. Nach einem Imbiss im Dolic-Haus steigen wir weiter in die Tiefe. Den Nebel haben wir hinter uns, jetzt gehen wir in der Sonne. Eifrig suchen wir an der Flanke nach einem waagrech- ten Durchstieg zum Luknja-Pass, finden aber keinen. So müssen wir zuletzt eine halbe Stunde wieder ansteigen, was aber nichts ausmacht. Es ist ja Mittagszeit, und auf unserem genau nördlich gerichteten Weg brennt uns die Sonne so schön heiss auf den Pelz.

Um halb 1 Uhr ist der Aufstieg geschafft, und wir legen uns zu einer Rast in das kräftig duftende Gras. Von der anderen Seite stossen zwei slowenische Bergsteiger zu uns, die freundliche Grüsse mit uns tauschen und dann die Rast, ihren Wein, einen fürchterlichen Schnaps und Gottfrieds Cognac mit uns teilen. Es sind recht fröhliche Leute, und als nach einer halben Stunde sowohl der Gesprächsstoff als auch die Getränke zu Ende gehen, nehmen wir mit Bedauern Abschied. Der Rückweg ins Aljazev-Haus ist nun nur noch ein Vergnügen. Eine kurze Geröllrinne zwecks Auffüllung unserer Schuhe, dann ein Spaziergang durch Wald und Alpweiden mit herrlich duftenden, grossen Alpenveilchen, zuletzt ein Wettrennen über die letzten paar hundert Serpentinen, und wir stehen wieder auf dem Geschiebeboden der Bistrica, von wo wir gestern zweifelnd zur Nordwand des Triglav aufgeschaut haben.

Gegen Abend fahren wir talaus und im Save-Tal Richtung Südosten. In Hrusica, einem Dörfchen vor Jesenice, finden wir in einem Privathaus gute Unterkunft und ein wohltuendes Bad. Mit einem feudalen Nachtessen im Posthotel Jesenice feiern wir den Abschluss unserer Besteigungen.

13. bis 15. August Am nächsten Morgen treten wir bei bewölktem Himmel die Heimreise an. Wir schauen uns kurz in Ljubljana um und steuern dann Triest zu, wo wir um Mittag und bei strahlender Sonne eintreffen. Hier bleiben wir bis zum nächsten Vormittag, worauf wir bei strahlendem Wetter die Küste entlang Richtung Mestre fahren. Den Abend verbringen wir in Bergamo und den nächsten Tag mit der Heimfahrt dem Comersee entlang zum Splügen und mit dem Abschiedsmahl im Zollhaus.

Eine schöne, wohlgelungene Sommertourenwoche in fröhlicher Bergkameradschaft geht damit zu Ende... Möge es nicht die letzte sein!

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