Konrad Falke: Im Banne der Jungfrau

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

Ich habe schon zweimal Gelegenheit gehabt ( im „ Bund " und in der „ Deutschen Alpenzeitung " ), mich über dieses Werk auszusprechen, und wenn ich es in diesem Jahrbuche erst jetzt tue, so kommt dies davon, daß mir das Buch erst nach Erscheinen von Band XLIV und wohl auf Veranlassung meiner Bemerkung in der „ Alpina " von 1ÜO9, pag. 165, vom Verlag zur Besprechung zugestellt wurde. Wie ich schon in den obengenannten Zeitschriften betont habe, stehe ich, und mit mir wohl die große Mehrzahl der Mitglieder des S.A.C. und anderer alpiner Vereine, dem Werke von f Guyer-Zeller und dem durch dasselbe hervorgerufenen Buche Konrad Falkes mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber. Wir werden nicht aufhören, es zu bedauern, daß der „ Bann der Jungfrau " gebrochen worden ist durch das nunmehr bald zu 3/t ausgeführte Projekt, einen Schienenstrang durch den Eiger und den Mönch hindurch bis auf den oder ganz nahe dem Gipfel der Jungfrau zu führen und auf diesem neben einer kleinen Zahl von nicht oder nicht mehr bergsteigenden Naturenthusiasten, die uns auch so willkommen sein sollen, einen Schwärm von sensationslüsternen Müßiggängern, die dort oben nichts zu suchen haben und auch nichts finden werden. Denn ich bleibe dabei, die Aussicht von einem Gipfel wie die Jungfrau wird den enttäuschen, der sich das Verständnis dafür nicht durch redliche Arbeit im Schweiße seines Angesichts erworben hat. Und das Gegenteil können auch die konventionellen Ausbrüche der Bewunderung nicht beweisen, welche man schon jetzt in der geheizten und windgeschützten Station Eismeer zu hören bekommt und bald auf der Station Jungfraujoch und dereinst — ach — auf der Gipfelstation vernehmen wird. Denn entweder sind diese Ausbrüche so banal, wie die von K. Falke, pag. 207, selbst zitierten, oder sie sind von einer geschickten Reklame ( die Jungfraubahn leistet hierin, vom literarischen und artistischen Standpunkt aus gesprochen, Hervorragendes ) suggeriert, oder es geht, wie es in dem Schnadahüpfel von der ersten Bayreuther Aufführung von Wagners Nibelungenring heißt:

Und wer für seinen Platz 10 Gulden bezahlt, Das muß schon ein reicher Mann sein, dem das Diog nit g'fallt.

Aber mit all diesen Bedenken können wir die Jungfraubahn nicht aus der Welt schaffen. Sie wird bald am Jungfraujoch anlangen und kann dort — schon ihrem Namen zuliebe — nicht Halt machen. Allerdings harrt ihrer von dort an nach meiner Kenntnis der Gegend das technisch schwierigste und wohl auch teuerste Stück der ganzen Anlage. Doch das sind nicht unsere Sorgen, und wir haben uns hier auf das Werk der Jungfraubahn und auf seinen ethischen Wert nur eingelassen, weil ihn Herr K. F. so stark unterstreicht und es dem Referenten und seinen Gesinnungsgenossen übelgenommen hat, daß wir in den Chor der Lobpreiser Guyer-Zellers nicht einstimmen konnten. Die Gründe, warum ich dies nicht kann, habe'ich hier und anderwärts angedeutet und will darauf nicht zurückkommen. Nur gerecht ist es, wenn ich anerkenne, daß die Jungfraubahn, wenn sie dem Jungfraumassiv seinen Nimbus der Unzugänglichkeit für den bloßen Geldsack raubt, dem Bergsteiger schon bisher wertvolle Dienste geleistet hat und Erleichterungen verschafft, die nicht zu unterschätzen sind, und daß die Leiter derselben, die Behörden in Zürich, wie die dirigierenden Ingenieure am Eigergletscher, den Sektionen Bern und Grindelwald S.A.C. bei Gelegenheit von Club-hütten- und Wegbauten loyal und freigebig entgegengekommen sind, und daß sie auch winterliche Expeditionen in dieser Hochregion durch Einlegen von Spezialzügen, nachdem der Betrieb eingestellt ist, kräftig fördern. Daß sie dies in ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse tun, verschlägt nichts. Wir sind dennoch zu dankbarer Anerkennung verpflichtet. Wie hülfreich und menschlich schön die nämlichen bei den leider schon mehrmals eingetretenen Unglücksfällen von Touristen in der Nähe der Jungfraubahn eingreifen, darüber lese man das lehrreiche Kapitel: Ein alpiner Totentanz. Aber man sehe auch ebenda, pag. 212, wie unglaublich roh das „ Geschäft " im Zusammenhang mit dem Fremdenverkehr selbst angesichts der Majestät des Todes machen kann, um zu verstellen, daß wir an die veredelnde Wirkung des Bergsteigens per Eisenbahn nicht so unbedingt glauben können. So viel über das Werk der Jungfraubahn, von welchem ich in diesem Zusammenhang zu sprechen veranlaßt war, weil Herr Konrad Falke laut seinem Vorwort sein Buch „ aus Freude an der Größe der Natur und der ihr ebenbürtigen Größe des Menschen " geschrieben hat und unter der letzteren ausdrücklich die Wertung des Schöpfers der Jungfraubahn versteht. Wenn wir hierin seine Freude nicht teilen, so können wir anderseits den Abschnitten seines Buches, welche von Falkes Naturfreude zeugen, unsere Bewunderung nicht versagen. Die von ihm geschilderten Bergfajirten stehen alle im „ Banne der Jungfrau ", d.h. sie beziehen sich auf diesen Gipfel selbst oder auf seine Nachbarn und Rivalen: Mönch, Eiger, Groß-Fiescherhorn, Schreckhorn, Finsteraarhorn, Aletschhorn. Sie sind ferner, namentlich die Winterbesteigungen, oft von Stationen der Jungfraubahn ausgegangen oder zu ihnen zurückgekehrt, und man begreift, daß der Verfasser der dort verlebten Stunden mit dankbarer Wärme gedenkt. Den Schilderungen dieser Bergfahrten gehen, nach einem Gedichte: „ Die Jungfrau " und einem ebenso schwungvollen Kapitel in Prosa: „ Der Zauber der Jungfrau ", zwei orientierende Abschnitte voran: „ Die Besteigungsgeschichte der Jungfrau "

und „ Die Opfer der Jungfrau ". Beide schöpfen hauptsächlich aus der zweiten Auflage von Studers „ Über Eis und Schnee " ( die Benutzung dieser Quelle wird pag. 23 hervorgehoben ) und sind, einige wenige Versehen in der Rechtschreibung von Personennamen abgerechnet, zuverlässig und ausreichend für den Zweck, dem sie dienen sollen. Ich übergehe das Kapitel: „ Adolf Guyer-Zeller und die Jungfraubahn " aus Gründen, die man nach dem Vorhergesagten verstehen wird, und gehe noch kurz auf die Bergfahrten des Verfassers ein, deren Lektüre mir einen fast uneingeschränkten Genuß bereitet hat. Die erste ist betitelt: „ Sonnenaufgang auf dem Mönch " und schildert eine Besteigung, die K. F. mit Fritz Steuri und Rudolf Inäbnit am 21. Juli 1907 gegen Abend von der Station Eismeer aus antrat und die sie nach einer mehrstündigen Rast in der Berglihütte am 22. Juli, morgens 51/4 Uhr, auf der gewöhnlichen Route auf die Spitze des Mönchs brachte. Den Abstieg nahmen sie über den, wie Steuri glaubte, bisher noch nicht begangenen Nordostrücken direkt auf das Unter-Mönchjoch hinunter. Herr Falke überzeugte sich nachher aus Studer, daß diese Route schon 1857 bei der ersten Besteigung des Mönchs im Aufstieg begangen worden sei; immerhin scheint zwischen 1857 und 1907, also 50 Jahre lang, dieser Grat unbetreten geblieben zu sein. Und so hat der Verfasser, obschon er kein Sportsmann sein will ( siehe Vorwort ), doch die Sportliteratur um ein neues Faktum bereichert. „ Sturmfahrten auf Jungfrau und Groß Fiescherhorn " werden die Touren genannt, die den Verfasser am 30. Juli 1907 mit den nämlichen Führern, aber außerdem in großer Gesellschaft, darunter auch das zehnjährige Töchterchen des Betriebsdirektors der Jungfraubahn, von der Berglihütte auf den Gipfel der Jungfrau und zur Konkordiahütte und am 31. Juli von dieser auf das Groß-Fiescherhorn führten, beides bei stürmischer Witterung. Die „ Traversierung des Eiger " führte Herrn K. F. mit Steuri und Hans Brawand am 13. August 1907 von der Berglihütte über das Eigerjoch auf den Gipfel und auf der gewöhnlichen Route auf die Kleine Scheidegg hinunter. „ Sechs Tage über Fels und Firn " brachten vom 21. bis zum 26. August 1907 den Verfasser mit Christian Bohren und Rudolf Inäbnit nacheinander von der Station Eismeer über Kallifirn und Kalli zur Schwarzegghütte, von dieser aufs Groß-Schreckhorn und zurück zur Hütte, von dieser über das Finsteraar- und Agassizjoch auf das Finsteraarhorn und zur Konkordiahütte und endlich von dieser über das Aletschhorn und zurück zur Hütte und schließlich von dieser über das Mönchjoch zur Ausgangsstation Eigergletscher zurück. Es folgt „ Die Traversierung der Jungfrau von der Guggihütte zur Rottalhütte, ausgeführt am B. September 1907 mit Steuri und Inäbnit in 19 Stunden; eine respektable Leistung, von der man begreift, daß sie Herrn K. F. stark ermüdete, wie er ehrlich zugibt. Eine noch gewaltigere Tour ist die winterliche „ Nord-Süd-Traversierung des Mönch ", ausgeführt mit Christian Bohren und Peter und Rudolf Inäbnit von der Station Eigergletscher hin und zurück, 23./24. Dezember, in 24 Stunden. Da der Mönch meines Wissens noch niemals im Winter und auf dieser Route traversiert worden ist, so hat auch hier Herr K. F. neue Bahn gebrochen oder, wie man im Sport-jargon sagt, einen Rekord gemacht. Von dem Kapitel 7: „ Alpiner Totentanz ", habe ich oben schon gesprochen. Es ist die nach meinem Gefühl in einigen Punkten etwas feuilletonistisch verzerrte Darstellung des Unglücksfalles, der einen von der Station Eismeer ausgehenden einsamen Touristen 1907 betraf, und die in mancher Beziehung lehrreiche Geschichte der Bergung der Leiche. Den Schluß bildet unter dem symbolischen Titel „ Himmelfahrt " die schöne Schilderung der Überquerung der Berner und Walliser Alpen mit dem Ballon „ Cognac ", welche der Verfasser mit Herrn G. A. Guyer und dessen Braut unter der Führung von Herrn V. de Beauclair erleben durfte und die neben der Schilderung des Herrn K. F., die hier aus der „ Neuen Zürcher Zeitung " reproduziert ist, durch eine Serie sehr schöner Ballonaufnahmen des Herrn Guyer verewigt worden ist. Der nämlichen sind zu dem glänzenden Illustrationsmaterial in Konrad Falkes Buch einige der besten Blätter entnommen, andere sind von dem Verlag Gebr. Wehrli in Kilchberg, vom Photoglob Zürich, von G. P. Abraham in Keswik, von Th. Wundt und anderen beigesteuert und helfen dazu, das Buch zu einem der anziehendsten Produkte des alpinen Büchermarktes von 1909 zu gestalten.Redaktion.

Feedback