Korsikas verwilderte Haustiere

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Rudolf Schiffer, Freiburg i. Br.

Die Insel Korsika, deren Landschaften vom warmen Mittelmeerstrand bis zur Grenze des ewigen Schnees im Hochgebirge eine Vielfalt ohnegleichen aufweisen, ist das vegetationsreich-ste aller Mittelmeerländer. Es besitzt noch jene urwaldähnlichen Hochwälder, die entlang der Mittelmeerküste sonst nirgends mehr zu finden sind, da sie dem Schiffsbau der Griechen, Römer und Venezianer zum Opfer fielen.

Es gibt viele Theorien und Tatsachen, weshalb gerade Korsika von der sinnlosen Wut antiker Holzfäller verschont blieb. Nicht zuletzt mögen es die schroffe Wildheit der Felseninsel und die Unbezwingbarkeit des korsischen Volkes, das Fremde nie lange im Innern der Insel duldete, gewesen sein, was Eroberer stets zurückschrecken Hess. Von den zeitweiligen Siedlungen an der Ostküste wagten sich die Römer nie weit ins unwirtliche Innere der Bergwälder und der undurchdringlichen, immergrünen Macchia.

Korsikas Klimazonen, von subtropischer Hitze bis an den Rand arktischer Kälte reichend, haben eine Flora geschaffen, in der Südfrüchte ebenso gedeihen wie der Gletscherhahnenfuss als letzte Spur von Grün und Blüten am Gipfel des Monte Cinto, der mit 2710 Metern über dem Meeresspiegel der höchste Berg der Insel ist.

Im Gegensatz zu diesem Reichtum der Flora ( Pflanzenwelt ) steht die erschreckende Armut der Fauna ( Tierwelt ), obwohl die Insel eines der am dünnsten besiedelten Länder der Erde ist. Auf einer Fläche, vergleichbar mit dem gesamten Schwarzwald, von der Schweizer Grenze bis Pforzheim und vom Oberrhein bis zum Bodensee, leben nur etwa 160000 Menschen.

Noch heute fühlt sich jeder Korse als grosser Jäger und hat seine Flinte meist nicht im Schrank hängen.

Das seit Jahrtausenden auf der Felseninsel beheimatete Muffelwild, auch Mufflonschaf genannt, gibt es nur noch in wenigen Exemplaren im Nationalreservat von Bavella.

Auch dem geheimnisvollen Zwerghirsch, dem Cervus elaphus corsicanus, einer nur auf Korsika festgestellten, einst weitverbreiteten Hirschart, versuchten wir vergeblich auf die Spur zu kommen, obwohl die Korsen immer wieder beteuerten, dass es noch einzelne dieser Tiere gebe.

Füchse und Hasen sind sehr selten geworden und suchen im verfilzten Dickicht der duft-schweren Macchia Schutz.

In der sumpfreichen Ebene der Ostküste, in Korkeichen- und Kastanienwäldern, so sagte man uns, gebe es noch viel Schwarzwild; aber trotz unzähliger Streifzüge und Exkursionen kamen uns ausser verwilderten, langohrigen und langschnäuzigen Hausschweinen keine Schwarzkittel zu Gesicht.

Die grossen Bergwälder voll üppiger Vegetation, reich an Bächen und Flüssen, die in Kas- kaden und Wasserfällen durch tiefe Schluchten und einsame Täler meerwärts streben, sind wegen der vielfach noch üblichen Vogelstellerei von bedrückender Stille. Selten hört man das zaghafte Locken eines Singvogels oder den kühnen Ruf eines Greifs über den Gipfeln uralter Arven.

An den zahlreichen Binnenseen der Ostküste trafen wir ein paar Wasservögel, Enten und Blesshühner, die eilig im Schilf Deckung suchten. Auch an diesen paradiesisch schönen Seen fehlt sonst die Vogelwelt. Ausser dem monotonen Froschkonzert sind kaum Tierlaute vernehmbar. Dafür findet man ringsum im Sand Unmengen von Patronenhülsen, ja solche lagen wie zum Hohn auch im Nationalreservat von Casabianda bei Aleria um den See herum, obwohl es sich dort um ein Vogelschutzgebiet handeln soll.

Gut hat es das vielfältige Kleingetier auf Korsika, das sich nicht als Zielscheibe der grossen Jäger eignet: Sumpf- und Landschildkröten kann man leicht mit der Hand fangen. Die meisten fressen Brot und Obst vertrauensselig aus der Hand. Unmengen von Eidechsen huschen durch die Macchia und über Steine und Felsen im Gebirge. Man hat 17 verschiedene Arten festgestellt, einige bis zu 30 und 40 Zentimeter lang, mit sehr schönen Zeichnungen. Die meisten sind nicht scheu. Man kann sich mit diesen lustigen Kobolden stundenlang beschäftigen.

Sehr artenreich ist auch die Käferwelt, in der man noch Neuentdeckungen machen kann.

Sosehr man die wilden Tiere Korsikas dezimiert hat, Raubtiere soll es dort nie gegeben haben, wenn man von den paar Füchsen absieht; aber es gibt Tierarten, die so zahlreich wie die Menschen sind, ja die deren Zahl noch weit übertreffen. Es sind dies die verwilderten Haustiere der Insel, die heute dort die freilebende Tierwelt ersetzen: Esel, Schafe, Ziegen, Kühe, Schweine, Maulesel, Pferde, Hunde und Katzen.

Auf Korsika gibt es keine Industrie, keine Fabrikschornsteine, die das ursprünglich schöne Bild der Landschaft stören. Ausser den ungenutzten Flächen der Wälder und der Macchia könnte man also von einem reinen Agrarland sprechen, wenn die Korsen nicht die seltsamsten Landwirte wären, die man sich denken kann. Es gibt nur drei Berufe, die einem echten Korsen erstrebenswert sind: Beamter, Jäger und Hirt. Aber Bauer? Das klingt ja nach Arbeit und Schinderei. Nichts ist dem stolzen, selbstbewussten Korsen verhasster. Also überlässt er die Landwirtschaft der Natur. Die Hauptprodukte, Esskastanien und Oliven, wachsen ohnehin von selbst auf Bäumen. Die Tiere, die zu dieser korsischen Landwirtschaft gehören, leben frei wie das Wild, das sie heute überall auf der Insel ersetzen. Ställe und Einfriedungen kennt man auf den korsischen Bauernhöfen kaum. Im Sommer wie im Winter bleiben die Tiere draussen und ziehen einzeln oder in Gruppen durch das Bergland und über die Strassen. Niemand hilft ihnen, wenn sie alt, krank, schwach oder verletzt sind, es sei denn, der Korse greife zu seiner geliebten Flinte. Auch den Muttertieren hilft niemand bei der Geburt. Zu allen Jahreszeiten müssen sich die Tiere in den Wäldern und in der kargen Macchia auch ihre Nahrung selbst suchen, die zur Hauptsache aus dürrem Gras, Kräutern, Beeren und vor allem aus Esskastanien besteht. Für die vielen herumstreunenden Hunde und Katzen eignet sich dieses « Futter » allerdings nicht; sie leben von Abfällen der Menschen und von toten Tieren oder wildern, wo sie Gelegenheit dazu haben. Auf unserem Campingplatz am Meer, weit von korsischen Wohnungen entfernt, hatten wir regelmässig Besuch von mageren Hunden und Katzen. Aber trotz ihres Lebens in Freiheit waren die Tiere nicht scheu. Ein Hund gewöhnte sich so schnell an unseren Bungalow, dass er ihn bald wie ein richtiger Haushund gegen Fremde verteidigte und sie verbellte.

Viele Kühe, Ziegen und Schweine sind vollkommen verwildert und entsprechend furchtsam gegenüber dem Menschen. Wir trafen eine kleine Rinderherde, die am Col de Bavella die Strasse belagerte, bei unserer Annäherung aber fluchtartig in den Wald stürmte. Sie benehmen sich dabei wie Wild. Solange man das Auto nicht verlässt, zeigen sie kaum Unruhe; sobald man aber aussteigt, wenden sie sich zur Flucht.

Es gab zwar auch klapperdürre Kühe, die, gleich den Eseln, gelassen am Strassenrand ihres Weges zogen, als hätten sie ein ganz bestimmtes Ziel, und durch nichts aus der Ruhe zu bringen waren. Einige führten im Frühsommer ein Kälbchen mit, das sie irgendwo im Bergwald geboren hatten. Diese Kühe, eine kleine, zähe Rasse, sahen wir gewandt wie Gemsen am felsigen Steilhang emporklettern. Unter den Rindern gab es Einzelexemplare, deren Gewohnheiten sie deutlich vom Haustier unterschieden: Am einsamen Nino-See, 2000 Meter hoch auf einem mächtigen Bergplateau mit saftigen Alpweiden gelegen, begegnete uns ein junger Stier, ein Einzelgänger, der das Gras der Weiden am Ursprung des Flusses Tavignano verschmähte und sich statt dessen die Wasserpflanzen im See schmecken liess. Er steckte seinen Kopf immer wieder tief ins Wasser, wie man das von den Elchen her kennt, und tauchte mit triefendem Grünzeug im Maul wieder auf.

Auch eine Schweinefamilie hatte dort oben ihr Revier. Unerklärlich, wie sie da hinaufgekommen war, denn zum Nino-See gelangten wir nur über steile Geröllhalden und Felsplatten ohne Weg und Steg. Eine grosse, buntscheckige Schafherde weidete an den Ufern des Sees und liess uns nur bis auf etwa 50 Meter herankommen; dann hoben die Leitschafe ihre Köpfe, stiessen einen Warnruf aus, und die ganze Herde zog sich in überstürzter Flucht in das Bergland zurück. Schafe und Ziegen begleiteten uns auf dem steilen Weg zum Nino-See immer in sicherer Fluchtdistanz, wobei sich Neugier und Angst die Waage hielten.

Im Bergland besuchten wir zwei Hirten-Ber-gerien, in denen der berühmte Schafkäse, der scharfe Roquefort, hergestellt wird. Die Behau- sungen der Hirten bestanden aus lose aufgeschichteten Steinhäusern und Einfriedungen, die Herstellung des Käses aber vollzog sich unter freiem Himmel. In der Bergerie hielten sich Esel und Hunde auf, die uns ebenso neugierig bestaunten wie ihre Herren. Die Hirten empfingen uns sehr gastfreundlich und jagten ihre Tiere mit Knüppeln davon, als schämten sie sich ihrer Aufdringlichkeit, obwohl wir ihnen zu verstehen gaben, dass wir Tierfreunde seien. Aber damit konnten sie nichts anfangen.

Auch auf den Strassen zeigten die Esel, die nur noch in den abgelegenen Bergdörfern als Tragtiere benutzt werden, vor uns Touristen keine Scheu, sondern bettelten stets um Brot und Zucker, unterschieden uns jedoch sehr genau von den Korsen, denen sie ängstlich auswichen, weil sie von diesen nur Schläge und Tritte zu erwarten haben. Ein Kenner der korsischen Verhältnisse erzählte uns, er habe einen Korsen, der sich gerade sein erstes Auto gekauft hatte, gefragt, was er eigentlich mit seinem Esel gemacht habe. Der Korse antwortete: « Ich habe ihn davongejagt. Vielleicht schiesst ihn mal einer ab und macht Salami draus. » Wer jemals in einem korsischen Bergdorf übernachtet hat, vergisst das schauerliche Konzert der Esel, Hunde und Katzen nicht, das kurz nach Mitternacht wie auf ein Kommando einsetzt und mit dem ersten Lichtschimmer am Morgen erstirbt. Es hallt wie ein Wehgeschrei durch die engen Strassen und Gassen, und von den Bergen herunter schallt hundertfache Antwort. Erst wenn es Nacht wird, wagen die Tiere sich von den einsamen Bergen in die Dörfer hinab, aus denen sie in der Frühe wieder vertrieben werden, wenn sie nicht von selbst mit dem ersten Dämmerlicht verschwinden. Es ist, als suchten sie trotz ihrer Halbwildheit und Verbannung dennoch die Nähe des Menschen, als könnten sie sich, seit Jahrtausenden zum Haustier abgerichtet, von diesen Banden nie endgültig lösen.

Ein schönes Erlebnis hatten wir noch mit einer jener mageren Kühe, die ein etwa vier Wochen altes Kälbchen mit sich führte und einsam durch das Bergland trottete. Sie kam uns auf einem schmalen Felsenweg entgegen, auf dem es keine Ausweichmöglichkeit gab. Gewandt wie Katzen wendeten Kuh und Kalb auf dem engen Sims und zogen lange Zeit, offensichtlich missmutig, dass sie ihren mühsamen Weg zurücklaufen mussten, im Gänsemarsch vor uns her. Als sich endlich am steilen Hang eine Fluchtmöglichkeit bot, kletterten sie gemsengleich in die Felsen und hängten, sich in Sicherheit wähnend, neugierig ihre Köpfe über einen Felsvorsprung, unter dem wir unser sechs einer nach dem anderen vorbeigehen mussten. Danach stiegen sie gemächlich von der Plattform herunter und trampelten entgegengesetzt in ihrer alten Richtung davon.

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