Kreuz- und Querfahrten im Clubgebiet

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Pfr. H. Baumgartner ( Section Oberland ).

Kreuz- und Querfahrten im Clubgebiet Von I. Gelmerhorn, neue Gelmerlimmi, Thieralplistock und Thierthäligletscher.

Schon lange hatte es mich gelüstet, einmal Gelmer-Alp und Gelmer-See, diese noch so wenig bekannten Alpenschönheiten in der Grimsel-Umgegend, zu sehen, und selbstverständlich verband sich mit diesem Wunsche der andere, von diesem Punkt aus noch weiter zu steigen und womöglich den ganzen Gebirgsgrat westlich vom Rhone- und Trift-Gletscher bis zu dem von mir schon genommenen Steinhaushorn zu machen. Zur endlichen Erfüllung dieses Wunsches fuhr ich Sonntag, den 3. Juli 1887, Nachmittags, bis Innertkirchen und wanderte von da weiter bis Guttannen und Handegg. Es mochte etwas gewagt erscheinen, daß ich hiebei meinen bei mir in den Sommerferien weilenden Neffen, E. v. Witte, einen zwar rüstigen und des Laufens in der Ebene gewohnten, aber noch nie im Hochgebirge gewesenen 15jährigen Gymnasiasten, mitnahm. Indessen fand ich in Innertkirchen .den dortigen Hauptführer, den bewährten Joh.Tännler, rund engagirte zu ihm noch den Träger Melchior Rieder, den ich von früher her als einen für alle Fälle zuverläßigen Aelpler kannte. Auf den Rücken dieser baumstarken Männer konnte der Jüngste von ins schlimmsten Falls rückwärts concentrirt werden.

Mit dem Spätschoppen machten wir 's Sonntag Abends in der Handegg kurz. Desto leichter erwachten wir Montag Morgens, 4. Juli. Schon vor Tagesanbruch hatten wir gefrühstückt und aufgepackt. Bei wolkenfreiem, sternenbesäten Himmel überschritten wir um 3 Uhr die Handeggbrücke und betraten sofort den -ebenso steil als direct zur Gelmer-Alp hinaufführenden sog. „ Katzenweg ". Dessen Bewältigung ist ( s. Jahrb. 1886-1887, A. Wäber, Thieralplistock, pag. 120 ff. ) schon im Tageslicht nicht ganz ohne; unser Nachtmarsch erforderte daher Vorsicht, damit Keiner unversehens auf Nimmerwiedersehen in die tief unten donnernde Aar purzle. Der Neffe meinte zwar, kaum hatten wir angesetzt, so sei er noch nie gegangen, hielt sich aber trotzdem brav und der hinter ihm stehende Rieder spielte seine Rolle als garde-du-corps tadellos. Nach einer starken Stunde wurde es unter uns immer ebener, über uns am Himmel immer heller; wir hatten Gelmer-Alp erreicht; Was unserm Redactor seinem Reisebericht nach hier versagt worden war, wurde uns ungeschmälert zu Theil: der Anblick dieser eigenthümlichen großartigen Bergwildniß:

Vor uns das spärliche Grün der Gelmer-Alp und in ihrer Mitte der trübe, Sand umrahmte Spiegel des Gelmer-See's, rechts des Schaubhorns kühne Gestalt, links die imposanten Ausläufer der vordem Gelmer-Hörner, im Hintergrund nach Osten die Zinnen und Zacken der hintern Gelmer-Hörner und von ihnen herabsteigend und sich unten in wildem Gestein verlierend der Gelmer-Gletscher; das Schönste nach Westen rückwärts die Ritzlihornkette mit Aérien-, Gruben- und Bächli-Gletscher und den zugehörenden Hörnern, alle schon erglühend unter dem Kuß der rosenflngerigen Eos. Hier passirten uns indessen zwei Mißgeschicke, ein kleines und ein großes: das kleine war das, daß die auf der Handegg ganz kategorisch in hart gesottener Gestalt bestellten Eier wieder weich geworden waren und nun mit ihrer gelben und weißen Flüssigkeit in zudringlichster An-schmiegung in meinem Tornister zwischen Karten, Handschuhen, Notizbuch, Gletscherbrille, Zucker, Wurst, Brod, kurz zwischen allem Festen herumschwammen, ein um so größeres Gaudium für den Neffen, je mehr der Onkel bei dieser Entdeckung Über die dumme Gans von Eierzubereiterin knurrte. Das größere Mißgeschick aber war das, daß wir drei Männer nun trotz Karte und Compaß, trotz Visiren und Ausschauen einen Bock schössen, keinen Gemsbock, sondern einen Geographiebock, indem wir das Nordende der Hintern Gelmerhörner für den von unserm Standort aus kaum sichtbaren Thieralplistock ansahen. Zieht man in Betracht, zuerst daß Keiner von uns in dieser Gegend ein Horn gemacht hatte, ferner daß die noch vorhandenen großen Massen von Winterschnee täuschten, indem sie die Gebirge in.

5 einem andern Gewände zeigten, als in demjenigen der nach dem Spätsommer berechneten Karte, und daß endlich der von unserm Standort aus nicht sichtbare hintere Thieralplistock von der von uns damit verwechselten Gelmerhorn-Spitze in der Luftlinie kaum 1 Kilometer entfernt ist, so wird man diesen Irrthum zwar leicht begreifen. Immerhin sollte er uns heute noch ziemlich theuer zu stehen kommen.

Was wir nach kurzem Imbiß zuerst zu überwinden hatten, war der von der Schneeschmelze stark angeschwollene Gelmer-Bach. Dessen einzige Brücke, ein langer Balken, schlief nämlich noch im sanften Grün des jenseitigen Ufers. Wie ihn zu seiner Bestimmung aufwecken? Mit einer Gewandtheit, die dem besten Turner Ehre gemacht hätte, sprang Rieder an dem einzigen uns zur Verfügung stehenden Bergstock, dem meines Neffen, in mächtigem Satz zuerst auf einen aus den kühlen Wassern hervorragenden glatten Stein und von da in einem zweiten, nicht minder wohlgezielten Sprung hinüber, von wo er uns das träge Holz bald weit genug zugeschoben hatte, daß Tännler es mit seinem Pickel genügend herüberzerren konnte, um einen Steg zu bilden. Wir verloren also hier weniger Zeit als weiland Moros, als er „ trostlos an Ufer's Rand " irrte. Nachher begannen wir ein immer schärfer werdendes, aber unschwieriges Steigen, statt wie es richtig gewesen wäre „ Kolonne links ", gerade aufwärts, mehr rechts immer im Angesicht des von uns unten unrichtig bestimmten Bergriesen. Nach ungefähr 2 Stunden hörte das letzte Geröll und Grün auf, und ungefähr da, wo das bisher so stolze Schaub- horn vor uns sein Haupt zu neigen begann, d.h. schon in der Höhe von 2500 m, betraten wir in einer mäßig breiten Felsenkehle den ersten größern Schneefleck. Fast wäre mir hier ein kleines Malheur passirt, als ich nach eben angezogenen Kamaschen trotz breitem Uebertreten mit dem einen Bein plötzlich tief in eine Schneegrube versank. Diesmal lief es glücklicherweise mit einigem Kniesurren ab. Immerhin erinnerte mich dieser Vorfall auf 's Neue daran, wie man bei diesem Ueberschreiten immer Acht geben muß. Nun ging 's weiter, wie gewöhnlich an solchen Firnhängen. Viertelstunde um Viertelstunde verging, ohne daß wir das obere Ende der kaum viertelstündig scheinenden Kehle erreichten; nur der sich allmälig weitende Gesichtskreis, die tiefer sinkenden Häupter ringsum, die oben näher tretenden Felsen zeigten, daß wir allmälig, wenn auch langsam aufwärts rückten. Je höher wir im Zick-Zack stets mit der Hauptrichtung nach Nordost stiegen, desto steiler wurde das Gehänge, und desto härter und glatter der Anfangs sehr gute Schnee. Wir mußten uns anseilen und mit dem Hacken leichter Stufen beginnen, namentlich mit Rücksicht auf den Neffen. Es war schon über 8 Uhr, als wir endlich nach der mühseligen Schneewanderung die wilden Granitfelsen erreichten, die Bastion für Bastion aufsteigend das steile von uns attaquirte Horn bilden. Hier begann eine für geübte Gänger zwar nicht gefährliche, aber bei der Steilheit, Brüchigkeit und Scharfkantigkeit der in wildem Chaos über- und durch- und ineinander liegenden Granitplatten immerhin gehörige Vorsicht fordernde Kletterei. Die Führer „ " Wj operirten famos, dennoch gab 's hin und wieder zu suchen und zu versuchen, bis wir vorwärts kamen, und je höher wir rückten, desto wilder wurde das Gestein, desto schärfer dessen Kanten; an einigen Stellen war ich froh, nicht nur den Neffen, sondern auch mich am Seil zu wissen. Was mir indessen am wenigsten gefiel, war, daß das Ding je länger je weniger Thieralplistock-artig aussah, so wie ich mir nach der Karte und nach früheren Betrachtungen von ferne die Sache vorgestellt hatte. Hier namentlich keine schön gerundeten Kuppen, sondern nur wilde steile Felsköpfe, und die Gräte nach Süden noch immer viel zu hoch, um einzig und allein Gelmer-Hörner zu sein. Als daher nach fast stündiger Kletterei der voranklimmende Tännler mir endlich ganz oben angelangt zu sein schien, dort, wo er Alles übersehen konnte, war von unten meine sofortige Frage selbstverständlich die: „ Sind wir oben ?" Der Gefragte wußte, von wem sie kam, und merkte, wie 's gemeint war. Weder ein froher Jauchzer, noch ein freudiges Ja kam zurück. Teufel auch, was ist das? Ich kletterte vollends hinauf. Millionenelement, Bomben und Granaten, D..., doch nein! zu fluchen schickt sich nicht für „ einen von der Geistlichkeit ". Aber was ist 's, das mir diesmal für den Augenblick ihn ganz verpfuscht, den sonst so erhebenden Augenblick, wo uns endlieh nach langem Keuchen oben eine wunderherrliche Hoch-alpenrundsicht zu Theil wird? Dort vorn, ganz nahe im Nordnordost, steht eben noch einer, ein wellenförmiger, breiter, gepanzerter Herr, und zwar einer, der gut noch 200 m höher sein muß, als der Bursche, den wir eben „ untergekriegt " haben. Das ist ohne Zweifel der Thieralplistock, aber wir alte Bergfinken, wo sind wir denn eigentlich hingekraxelt? Topographische Karte 1: 50,000 heraus* ), gib Unterricht, oder...! Richtig, da haben wir 's, dort nach Nordnordost Thieralplistock mit seinen vier Hauptspitzen, näher bei uns die namenlose Spitze 3325, unmittelbar neben uns nach Süden, fast gleich hoch wie wir, Punkt 3161, etwas weiter jener verwünschte Zahn, der sich bisher noch nicht senken wollte vor uns; wir haben also die Spitze 3166 der Gelmer-Hörner erreicht. Stumm und ohne Widerspruch, überwältigt von meinen optischen und kartographischen Argumenten nehmen meine Mannen mein definitives Urtheil hin. Sie sind offenbar froh, daß ich mich nun, statt aufzubegehren, sofort erkundige, ob sie nichts davon wüßten, daß schon Jemand hier oben gewesen sei. Darauf können sie nämlich antworten: nein, wenigstens „ Herren " gewiß nicht. Und darauf hin kann ich wiederum erklären: so haben wir ja vielleicht ganz unvermuthet eine erste Ersteigung gemacht, und da sei ich denn auch zufrieden, trotz Thieralplistock! Und dieser Zufriedenheit können sie sich hinwieder auch sofort anschließen. Aber was nun weiter? Das hängt von mir ab, der ich heute für einige Stunden die Dictatur über drei Menschen besitze. Meine Dictatur aber entscheidet nach ganz kurzem Blick auf Uhr und Himmel: „ Gelmer- horn, erste Ersteigung von Punkt 3166; ganz gut; aber der Thieralplistock soll uns heute gleichwohl nicht auslachen. "

Zuvor noch einige Ruhe. Unser Gipfel ist abscheulich; was ihn selbst betrifft, der abscheulichste, auf dem ich noch gewesen, nichts als emporstotzende kantige Platten und Klippen, auf denen jedes Sitzen sofort zur mittelalterlichen Tortur wird; nichts leichter, als sich hier mit jenem Berliner „ Bergspitzen in den Fuß treten " oder den ganzen Kerl mit Pickelschlägen um einige Decimeter kürzen. Die Führer mußten erst für uns fundamentiren, bevor wir Zwei nur schüchtern daran denken durften, anzustimmen: „ Uf'em Bärgli bin i gsässe ". Für sie liess ich sie selbst sorgen; warum hatten sie mich hierher geführt! Die Fernsicht aber war bei nahezu wolkenfreiem Himmel prächtig, namentlich fesselnd nach Westen die Kette des Ritzli- und Ewig-Schneehorns und nach Südosten unmittelbar zu unsern Füßen der riesige Rhonegletscher von Schnee-, Damma-, Rhone- und Galenstock begrenzt. Und wie tief unter uns der graugrüne Gelmersee und wie wild zerrissen der Grat, auf dessen Zinnen einer wir stunden, bis hinüber zu den drohenden Zähnen der nahe bei der Grimsel liegenden Gerstenhörner! Aber wie jetzt weiter, da doch von mir „ vorwärts " commandirt ist?

Rieder bindet sich vom Seil los und klettert behutsam die fast senkrechten Felsen hinunter, um zu recognosciren. Dem Alpli-Gletscher zu ist der Abstieg kaum zu machen, dagegen ruft er uns bald von unten zu, wir sollen kommen, hier gehe es ganz gut nach der andern Seite hinunter. Wir steigen also auf der Nordseite des zwar festen Stand bietenden, aber jämmerlich wilden Grates hinunter. Bei Rieder angekommen, erblicken wir eine nach Osten zum Thierthäligletscher hinabstürzende enge Kehle. Die Steilheit, sowie die Brüchigkeit der auf allen Seiten, namentlich südlich, fast lothrecht daraus sich erhebenden Felsen flößen zwar einige Bedenken ein; aber der Schnee ist gut und wir wissen nicht, ob später was Besseres kommt; also schlagen wir uns hinein. Im Anfang geht alles passabel, bald aber wird das Couloir steiler, wohl 60-70°/o, und der Schnee so weich, daß größere Rutschungen eintreten könnten, und von allen Seiten drohen Steinschläge, so daß wir uns möglichst ruhig verhalten müssen. Von Hinabrutschen kann unter solchen Umständen keine Rede sein; denn abgesehen von dem, was von oben zu befürchten, ist unten mit Sicherheit ein Bergschrund zu erwarten. Gleichwohl fährt mir der hinter mir stehende Neffe wiederholt, freilich unfreiwillig, in die Beine und nöthigt mich zu festem Widerstand, um nicht mitgerissen zu werden. Endlich nachdem die von oben ganz kurz scheinende Passage fast eine halbe ungemüthliche Stunde gedauert, langen wir unten an, finden über den allerdings vorhandenen Bergschrund eine genügende Brücke und betreten den sicheren Firn des Thierthäli-Gletschers. Wir hatten den wilden Gelmergrat an einem kaum noch je besuchten Punkte überschritten, eine neue Gelmer-Limmi gemacht, aber eine, welche ich ihrer oben angeführten Beschaffenheit wegen nicht zur Nachfolge empfehlen möchte. Sie ist dem Steinschlag zu sehr ausgesetzt und so abschüssig, daß bei weichem Schnee Lawinengefahr ist, bei hartem aber des Hackens kein Ende wäre, und im Spätsommer möchten dann die Bergschründe und Eandklüfte hüben und drüben erst noch schwierig werden. Was uns betrifft, so rückte die Uhr stark gegen Mittag; das Couloir hatte uns auf die Höhe von etwas unter 3000 m zurückversetzt; wir mußten uns also sputen, wenn wir die 400—450 m bis zu einer der Spitzen des-Thieralplistocks heute noch zurücklegen und gleichwohl Abends irgendwo unterkommen wollten. Ueber die einzuschlagende Richtung einigten wir uns indessen nicht sofort. Das sog. Thierthäli ist ein nur nach Süden der Furka zu offenes, sonst aber nach allen Seiten sackartig eingeschlossenes Firnplateau: westlich das Nordende des Gelmergrats, nördlich die Abstürze des Thieralplistocks, östlich der Thäligrat, der von der sog. Thierweid gekrönte Felsenzug. Nach dieser Seite hin, das zeigte sich gleich, war der Aufstieg am leichtesten, aber allerdings auch am weitesten. Tännler schlug daher vor, wir wollen den Ostabhängen des Gelmergrates folgen und dann im Nordwestwinkel, das Thierthäli hinaufkletternd, das Horn erreichen; es sei da nicht so bös, wie es von Weitem scheine, und wir gewinnen damit eine gute Stunde. Es ist nicht meine Gewohnheit, meinen Kopf gegen den bestimmten Rath eines hocherfahrenen Führers durchzusetzen; so schritten wir bald in der vorgeschlagenen Richtung weiter. Nach einer halben Stunde kurze Sitzung; Rieder, der in der Eile seine Schutzbrille vergessen, fing an, über die Augen zu klagen; es war deßhalb hohe Zeit, daß ich ihm mit einem Exemplar, wie ich es immer in Reserve mitnehme, aushalf. Tännler hinwieder wußte in edler Selbstverläugnung über den steilen Firn bis zu einem Punkte in den Felsen zu kommen, wo er Wasser fassen konnte und wo wir daher Dank der mitgenommenen Kaffee-Essenz einen uns Allen sehr wohlthuenden und famos erfrischenden Trunk schwarzen Kaffee's mit Zucker und Cognac erhielten. Dessenungeachtet machte ich keine Einwendung, als meine beiden Mannen den Vorschlag machten, unser Gepäck hier zu lassen. Ich sah wohl ein, daß das vor uns liegende Stück uns noch werde zu schaffen geben und daß wir an unserer eigenen Last noch genug werden zu schleppen haben. Es kam wirklich so. Erst mußten wir jetzt einen sehr steilen, zwischen Punkt 3325 und 3345 von Gelmergrat abschießenden Hang durchqueren, und der wurde mißlich, als die dünne Schneeschicht in immer größeren Massen unter unsern Tritten weg in die unten gähnenden Schrunde zu verschwinden anfing, worauf uns dann Glatteis zum Hacken nöthigte. Wir waren Alle froh, als wir diese bei aller Kürze uns lange aufhaltende Partie hinter uns hatten und die letzte Felswand unter Punkt 3345 erreichten. Aber auch diese war schwieriger als Alles, was wir heute erklettert hatten, schwierig namentlich für den voransteigenden Führer. Es gab sogar eine Stelle, wo eine Partie fast senkrechter glatter Platten den doch mit aller Virtuosität eines Führers ersten Ranges vorankletternden Rieder zuerst wiederholt abstieß, bis er ordentlich böse wurde und in die Worte ausbrach, da wolle er doch sehen, ob er nicht hinaufmöge, und nun mit Schuh- und Finger-Nägeln und mit fest angestemmten Unterschenkeln so energisch hinaufzurutschen anfing, daß er wirklich bald oben wieder sicheren Griff und Stand fassen und uns nachhelfen konnte. Endlich erreichten wir den unter Punkt 3345 über den Grat züngelnden Firn des Alpligletschers. Was folgte, war leicht, Schneebummel gegenüber dem Gemachten; bald beugte das kühne, wohl noch unerstiegene nördlichste der Gelmerhörner 3345 sein Haupt vor uns, noch einige sanft geneigte Stein- und Firnhalden hinauf, da hatten wir Punkt 3395 erreicht und mit ihm die Südostspitze und den Triangulations-Punkt des Burschen, der uns heute, weil wir 's „ lätz " mit ihm angefangen, nahezu 12 mühevolle Stunden getrotzt hatte.

Ueber die Structur unseres Berges, sowie über die Aussicht droben, keine langen Worte. Beides ist ja von dem Redactor unseres Jahrbuches im letzten Jahrgang genügend beschrieben worden. Was er im Strahl der Morgensonne genossen hatte, das genossen wir bei vollständiger Windstille und angenehmster Temperatur im Lichte der schon merklich gegen Abend gesunkenen Hochsommersonne, wobei namentlich das Trift- und Ebone-Gebiet in seiner ganzen Schönheit zur Geltung gelangte im blendenden Gegensatze zu den jetzt schon mehr oder weniger beschatteten Ostabhängen der Ritzlihornkette, des Grubengrats und der Gruppe des Bächlistocks. Sehr bescheiden präsentirte sich südlich aus dem wildge- zackten Gelmergrat aufsteigend das heute von uns zuerst genommene Horn. Nach Norden winkten verführerisch nahe Diechter- und Gwächtenhorn, namentlich ersteres in blendendem Weiß. Aber erstens war es höchst fraglich, ob wir mit unsern heute schon so sehr in Anspruch genommenen Kräften noch vor Nachteinbruch hinüber und von da hinunter zu einem genügenden Nachtlager gelangen könnten, und zweitens und vor Allem lagen unsere Säcke, zu denen wir doch zurück mußten, tief unten in der Gletschermulde des Thierthäli. Also der Grimsel zu; da kommen wir heute noch hinaus. Darum schnell noch unsere Namen in das im Gipfel-Steinmannli gefundene Fläschlein. Der einzige da eingeschriebene Besteiger, Hr. Burckhardt von Basel, soll Gesellschaft bekommen.

Sapristi! Papier und Bleistift auch drunten bei den Säcken, o ich „ oies K !" Auf dem Gelmerhorn die Einschreibung und hier auf dem Thieralplistock das Material zur Einschreibung vergessen! Aber ein Gipfelstück muß doch mit, wie ein solches auch vom Gelmerhorn mitgenommen wurde. Die beiden sollen in der Sammlung der Section Oberland Zeugniß für uns einlegen und ein Bleistift findet sich doch noch in einer unserer Taschen und in einer andern ein Atom durchlöchertes graues Packpapier. Darauf kratze ich, so gut ich kann. Lesen wird 's zwar Niemand können, der nachfolgt; er soll 's aber doch hiemit wissen, daß es von uns ist. Nun aufgepackt, es geht schon gegen 4 Uhr.

Unsern Abstieg machten wir nicht, wo den Auf- stieg, wir hatten davon genug, sondern da durch, wo ich hinauf gewollt hatte, erst nach Südosten den mäßig geneigten, einige Rutschpartien gestattenden Firn hinunter, dann, ungefähr in der Mitte des Thäligrats ( Punkt 3395-3191 ), erst über leichte Felsen und Geröll, dann in flotter Rutschpartie und kurzem mühelosem Marsch zu unsern Säcken zurück. Allerdings ist dieser Weg etwas länger, aber ungleich leichter, als unsere Aufstiegslinie, die uns jetzt gerade gegenüberliegend fast als eine bewältigte Unmöglichkeit vorkam. Anrathen möchten wir also letztere Niemandem, der nicht absichtlich Schwierigkeiten sucht, auch da, wo sie sich ohne wesentlichen Zeitverlust umgehen lassen.

Von der Wiederaufnahme unserer Säcke und der damit verbundenen „ Hauptfütterungu an war unser Weitermarsch der reinste genußvollste Schneebummel. In dem noch reichlich vorhandenen und doch nur mäßig weichen Winterschnee plagte uns kein einziger Schrund, und die Gelmer- und Gerstenhörner zu unserer Rechten spendeten je länger je mehr Schatten. So konnten wir auch mit Muße angucken: zuerst rechts die von Lindt gemachte eigentliche Gelmer-Limmi, ungleich tiefer und leichter, als der von uns forcirte Uebergang; nachher die pittoreske Partie des Ostabsturzes der Gerstenhörner, endlich zuletzt uns gegenüber ein noch in so später Abendstunde am Galenstock langsam sich hinaufarbeitendes Triumvirat, wohl das erste dieses Jahres.

Auf dem Nägelisgrätli lauter Schnee. Auch das kleine Seelein auf der Höhe nur zum Theil aufge- froren, in der Tiefe hellblaues, wunderbar schön glänzendes Grundeis. Da konnten wir, öfters rutschend, ungleich schneller zur gastlichen Grimsel hinunter als sonst, wenn die Gegend schneefrei. Es war, wie wenn der Berggeist, versöhnt durch unsere Ausdauer, uns den letzten Rest unseres Marsches um so leichter hätte machen wollen, je mehr Possen er uns im Anfang gespielt hatte. Um 7 Va Uhr rückten wir, vom dienstfertigen Kahn ^es Papa Nägeli, von dem im Sommer 1884 von mir getauften „ Nägelisgrätli " über den See abgeholt, in der gastlichen Grimsel ein.

Daß ich an jenem Abend meinen drei Begleitern und mir noch ein gut Glas von jenem feinen Walliser gönnte, den man da oben trinkt, ist selbstverständlich. Ich war ja ganz zufrieden mit den Führern und mir, zufriedener noch mit dem Neffen, daß er durch seine für sein Alter ungewöhnliche Ausdauer und Gewandtheit uns so wesentlich in unsern Unternehmungen gefördert hatte, am zufriedensten aber mit dem hinter uns liegenden Tage. Denn während sonst der Irrthum im Thal wie auf den Bergen in der Regel zu Mißerfolg und Schmerz führt, hatte er uns heute in des Winters ewigem Reiche den Weg gebahnt, allerdings zuerst zu hartem Kampf, dann aber auch zu Sieg und Siegesfreude.

II. ( jJrubengrat.

Am 1. August hatte ich bei zweifelhaftem Wetter mit stud.h.um. Bigler von Burgdorf und den Führern v. Bergen und Frutiger die Dossenhütte erreicht und inspicirt. Folgenden Tages machten wir zuerst das sehr „ abere ", daher diesmal leichte Dossenhorn, nachher das unter den damaligen Verhältnissen etwas schwierigere Renfenhorn. Von dort hatten wir in leichtem Abstieg erst den Gauligletscher erreicht und ihn trotz seiner vielen Spalten gegen Mittag bis zur sog. Kammliegg, d.h. bis da, wo er in weitem Bogen von Südost nach Nordost umbiegt, passirt » Das Morgens zweifelhafte Wetter hatte sich merkwürdig aufgeklärt; den Weg tifeer Urnenalp in 's Urbachthal hatte ich schon zwei Mal gemacht, und se entschied ich denn dahin, wir wollen über den sog. Grubengrat zwischen Ritzli- und Hühnerthäli-Horn zur Handegg hinüber. Die Tour war für uns Alle neu und, soviel uns bekannt, auch noch nicht von Clubisten des S.A.C. gemacht.

Ungefähr bei Punkt 2324 ansetzend, überschritten wir ohne jede Schwierigkeit in einer kleinen halben Stunde den Gauli. Jenseits begannen wir etwas unterhalb der „ Weiße und Schwarze Gandegg " genannten Moränen den Aufstieg. Derselbe war mühsam und steil, viel über lockeres Gestein führend, aber ohne alle Gefahr. Eine von uns aufgescheuchte Gemsen-colonie gewährte eine Zeit lang Unterhaltung. Erst weit oben mußten wir uns auf steilem Firn für kurze Zeit anbinden. Nach circa 21k Stunden waren wir oben ungefähr bei Punkt 3023 südlich vom Golegghorn. Leider hatte das Wetter unterdessen sich verschlimmert und uns die Ausläufer eines schweren Gewitters in Gestalt von Nebel und etwas feinem Regen zugesandt. Aussicht absolut keine. Dies sowie der Umstand, daß mich der rasche nochmalige Auf- stieg nach zwei gemachten Ersteigungen ordentlich ermüdet hatte, veranlaßten uns zu baldigem Aufbruch. Auch mußten wir den noch bleibenden Tag benutzen, um rechtzeitig aus der unbekannten Wildniß hinauszukommen. In dem dichten Nebel wußte ich kaum mehr, wo wir überhaupt seien, und überließ daher sehr gerne den Führern die Führung. Und die machten ihre Sache brav! Von unserem Standort aus zog sich ein schmales, aber guten Stand bietendes Felsenband steil hinab zu einem Gletscher. Wir passirten es und betraten sodann den Gletscher, der sich eine kleine Weile dem überschrittenen Grat nach hinabzog und sodann, viel breiter werdend, ziemlich rechtwinklig umbog. Es war also der Grubengletscher, und der Punkt, wo wir ihn zu begehen anfingen, die Nordecke desselben gerade unter 3023. Der Marsch bot keine Schwierigkeiten, indem der Gletscher wenig geneigt ist. Auch einige Aussicht ward uns jetzt zu Theil, da der Nebel sich ab und zu etwas hob; hübsch war namentlich der uns auf einmal geöffnete freie Blick nach dem gegenüberliegenden Gelmergebiet, das ich vor vier Wochen erst besucht hatte. Weiter unten ging 's in die Moränen, dann lange, sehr lange steil abwärts durch Heidelbeeren, wo man immer auf der Hut sein mußte, sich nicht etwa in einer von dem trügerischen Grün verhüllten Grube einen Fuß zu verstauchen. Etwas nach 5 Uhr erreichten wir die Hütten der Aerlenalp, von wo uns nun guter Fußpfad in einer weitern halben Stunde hinunter zur Handegg und deren wohlthätigen Erfrischungen brachte.

Die von uns gemachte Tour ist für einigermaßen geübte Gänger mit guten Führern sehr empfehlenswerth. Ohne Gefahr oder größere Schwierigkeiten bietet sie immer neuen Wechsel in großartiger Hochgebirgsscenerie. Distanzen: Handegg bis Grubenpaß 4 Stunden, bis Kammliegg 2 Stunden, bis Innertkirchen über Urnen- und Schrätern-Alp 6 Stunden, Summa 12 Stunden.

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