Kühreihen oder Kühreigen, Jodel und Jodellied im Appenzell Mit sieben Musikbeilagen

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Eine Besprechung dieses für musikalische und nichtmusikalische Clubisten höchst lesenswerthen Büchleins im Jahrbuch des S.A.C. ist um so gerechtfertigter, als ja einige Sectionen sich neuerdings für die Wiedereinführung wenigstens des Alphornblasens verwendet haben und das Jahrbuch seiner Zeit auch die einschlägigen verdienstlichen Arbeiten von H. Szadrowsky 2 ) veröffentlicht hat. Gewiß wird Jedermann Hrn. Tobler, der als Sänger und geborner Appenzeller wie Wenige zur Behandlung des Gegenstandes befähigt war, sehr dankbar für sein Schriftchen sein, wissen doch heutzutage, wo der Kühreihen sozusagen gänzlich, auch in Appenzell, ausgestorben ist, wohl die Wenigsten, was ein Kuhreihen eigentlich ist, wodurch er sich von andern Formen des alpinen Gesanges, wie Jodler, Jodellied, Alpsegen u. s. w. unterscheidet, und konnte ja sogar der sonst so einsichtige Szadrowsky in der zweiten seiner genannten Abhandlungen ( pag. 339 ) allen Ernstes die Behauptung aussprechen, der Kuhreihen stamme gar nicht aus den Bergen, sondern sei „ bei den schweizerischen Truppen im Auslande aus schweizerisch national-musikalischen Figuren zusammengestellt worden und habe erst durch heimkehrende Spielleute den Weg in die Schweiz gefundene. Daß auch über das Jodeln, zwar nicht bei uns, aber im Ausland da und dort sehr unklare und sonderbare Vorstellungen vorkamen und vielleicht noch vorkommen, dafür bilden einen sprechenden Beleg jene zum Theil höchst wunderlichen „ Fragen über das Jodeln ", welche seiner Zeit ein Hr. Georg Simmel in Berlin an den Alpenclub gerichtet hat 1 ), und die hiemit zum Nachlesen empfohlen seien. Wenn nun auch der Herr Verfasser, wie schon aus dem Titel seiner Abhandlung zu ersehen ist, speciell mit dem Alpengesang in Appenzell sich beschäftigt, so fallen natürlich doch auch gelegentliche Streiflichter auf die verwandten Erscheinungen in andern Kantonen, im Tirol u. s. w., und es wird die sehr wahrscheinliche Ansicht geäußert, daß die französischen Ranz des vaches, von welchen besonders der Greyerzer mit dem Appenzeller Kühreihen eine auffallende Uebereinstimmung zeigt, auf einer Uebertragung dieses durchaus germanischen Charakter tragenden Hirtengesanges auf das romanische Sprachgebiet beruhen, wie denn auch das Wort Ranz selbst deutschen Ursprungs zu sein scheint. Abgesehen von altern, nur indirect zu erschließenden Spuren weist Hr. Tobler den alten Appenzeller Kuhreihen an drei sichern Beispielen nach, einen zweistimmigen aus dem Jahr 1545, von dessen Text nur der charakteristische Anruf „ Lobe, Lobe " erhalten ist, sodann denjenigen, welchen der Graf Stolberg 1791 auf seiner Reise nach der Schweiz notirte, und endlich den von dem Appenzeller J. H. Tobler ( 1777 bis 1838 ) componirten. Dagegen wird ein vierter, der sogenannte „ Zwinger-Hofer'sche Kühreihenalle diese Gesänge finden sich im Anhang in extenso, nebst den Quellen, mitgetheilt — welcher z.B. auch in der bekannten „ Sammlung von Schweizer Kühreihen und Volksliedern " von G. J. Kuhn und J. R. Wyß 2 ) abgedruckt ist, aus musikalischen Gründen als nicht appenzellisch nachgewiesen und zum Ueberfluß noch ganz evident dargethan, daß die Bezeichnung „ Appenzeller Kuhreihen " bei Kuhn und Wyß auf einem bloßen Versehen beruht.

Die Frage nun nach der Bedeutung und dem Wesen des Kühreihens findet folgende Beantwortung: Der Kühreihen ist nichts Anderes, als „ das Eintreibelied des Kuhhirten ", bei welchem die Melodie die Hauptsache, der Text Nebensache ist. Es wurde deshalb der Kuhreihen anderwärts wohl auch auf der Schalmei geblasen, was jedoch in Appenzell selbst niemals der Fall war. Je einfacher Melodie und Text, um so ursprünglicher 1 ) Jahrbuch XIV, pag. 552.

Kuhreihen oder Kuhreigen, Jodel und Jodellied in Appenzeü.

und ächter der Kuhreihen; der Text kann dem Wesen der Sache nach ursprünglich nur aus An- und Lockrufen an die Kühe bestanden haben, und alles darüber Hinausgehende, Betrachtungen über das Sennenleben überhaupt, Scherze über den Ehestand u. dgl., verräth sich als spätere Zuthat, wie dies Hr. Tobler mittelst einer sehr instructiven Zusammenstellung der verschiedenen überlieferten Texte beweist.

So repräsentiren denn nach diesen Grundsätzen der Kuhreihen von 1545 und etwa noch der Stolberg'sche, ferner der sogenannte „ Löckler ", ein in Innerrhoden jetzt noch gebräuchlicher, durch kunstvolle Triller-figuren ausgezeichneter Lockgesang an die Kühe, für uns die ursprünglichste Form des Kuhreihens. Was die Vortragsweise betrifft, so ist sie theils eine liederartige, theils eine freie, und die Melodie bewegt sich, im stritten Gegensatz zum Jodel, im Umfang der Brust- und Mittelstimme des Mannes, mit Ausschluß der Kopfstimme. Ein Excurs bespricht sodann auch den Zusammenhang zwischen Kuhreihen und Heimweh, und die in der ältern Literatur oft anzutreffende Erzählung, daß bei den Schweizer Regimentern, die in französischen Diensten standen, das Spielen oder Singen des Kuhreihens bei Todesstrafe verboten gewesen sei, weil dadurch oft das Heimweh der Schweizer so stark erregt wurde, daß sie daran starben. Der Herr Verfasser bezeichnet die Frage, ob wirklich jemals eine solche Vorschrift erlassen wurde, als eine ungelöste, da trotz aller Bemühungen ein solches Gesetz sich einstweilen nicht nachweisen läßt.

Der bekanntlich heute noch in aller Blüthe stehende Jodel ist mehr nur ein musikalisch ausgebildeter Jauchzer ohne eigentlichen Text, mit willkürlich gewählten Silben, und bei ihm ist, im Gegensatz zum Kuhreihen, ein Ueberschlagen von der Bruststimme in die Kopfstimme — leider nicht selten auf Kosten eines schönen und gesunden Organes — gerade das Charakteristische. Die Appenzeller unterscheiden verschiedene Arten, wie den „ Schnetzler ", den „ Rodl ", den „ Chüedreckeler " u.a. Aus dem bloßen Jodel entwickelte sich das Jodellied, bei den Appenzellern „ Rug-güßler " oder „ Ruggusser " geheißen, aber auch anderwärts, besonders im Berner Oberland, ja wohlbekannt, indem witzige, vom Solosänger gesungene Verse zwischen die Jodel eingeschoben wurden — der einzige schweizerische Nationalgesang, den es gibt; so das bekannte: „ Min Vatter ischt än Appezeller ", oder die von Ferd. Huber nach Volksweisen bearbeiteten: „ I de Flüehne isch mys Lebe ", der „ Ustig " u.a. Ganz verschwunden ist dagegen in Appenzell, wenn auch noch eine Spur auf sein einstiges Vorhandensein hinzudeuten scheint, der Alpsegen, mit welchem in andern Gegenden noch der Hirte jeden Abend die Alp und Alles, was darauf ist, dem Schutze Gottes, Christi, der Maria und aller Heiligen anbefiehlt. Hr. Tobler theilt als Beispiel eines solchen nach Szadrowsky den noch auf der Alp Lasa im Gebiet der Grauen Hörner üblichen Alpsegen mit. Referent hat auf der Frutt oberhalb dem Melchthal einen, soweit er sich erinnert, im Text sehr ähnlichen Alpsegen absingen hören.

So sei denn das mit Wärme geschriebene und durch eine Fülle von litterargeschichtlichen und culturhistorischen Details ausgezeichnete Schriftchen des liebenswürdigen Sängers den werthen Clubgenossen aufs Beste empfohlen.

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