Lauchernalp

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Alfred Schmocker, Burgdorf

Begegnungen und Erinnerungen « Sie hat noch keinen Namen beim Skivolk. Ihre Abfahrten sind nicht mit roter Farbe in die Karte eingetragen. Der Aufstieg zu ihr ist steil und oft ungespurt, und weder von Kippel noch von Wiler ist ein Skilift projektiert. Kein Hotel befreit den Ankömmling von der Mühe, sein Feuer selber zu entfachen und die Petrollampe in Gang zu halten.

Und doch: wer einmal die Sonne von hier auf- und niedergehen sah, vergisst es nicht. Die Alp liegt an einem der schönsten Punkte des Tales. Nicht nur übersieht man seinen Verlauf von der Lötschenlücke bis ins Rhonetal; es bietet sich auch, über dieses hinweg, ein unendlich reizvoller Durchblick in die südlichen Walliser Gletscher. So ist es eine kunstvolle Staffelung in vordere, mittlere und hintere Gründe. Gegenüber, dominierend, das Bietschhorn, links die Berge um den Langgletscher, rechts draussen aber, über verdämmernden Tiefen in Gold getaucht, das wolkenähnliche Gebilde des Weisshorns... » Diese Worte von Jürg Weiss aus seinem Buch « Klippen und Klüfte » bildeten für mich den Ansporn, diesen verborgenen Winkel unserer Heimat bei Gelegenheit selber aufzusuchen. Wohl kannte ich das Lötschental von früheren Begegnungen her. Eine Wanderung über den Lötschenpass brachte mir in meiner Jugendzeit nicht nur den ersten Kontakt mit einem Gletscher, sondern mit der Schönheit unserer Bergwelt ganz allgemein. In jugendlicher Unbesonnenheit erstürmten wir wenige Jahre später führerlos das Bietschhorn. Dass das Abenteuer trotz eines plötzlichen Wetterumschlags einen glücklichen Verlauf nahm, hatten wir weniger unserem alpinistischen Können als der gütigen Vorsehung Gottes zu verdanken.

Am eindrücklichsten stehen mir aber jene Stunden in Erinnerung, als wir uns zu viert, nach fünftägiger Gefangenschaft in der Konkordiahütte, Ende März 1947 unter der ständigen Drohung niederbrechender Lawinen in elf Stunden nach Goppenstein durchkämpften. Glücklicherweise hatten sich die aufgestauten Schneemassen bereits aus ihrer lauernden Gefangenschaft befreit und waren durch ihre bekannten Bahnen in den Talgrund niedergefahren. Links und rechts sahen wir überall die Wunden, welche die Lawinen in ihrem hemmungslosen Lauf in das zerfurchte Antlitz des Tales gerissen hatten. Die grössten unter ihnen waren zum Teil noch ein gutes Stück über die Lonza hinweg den gegenüberliegenden Talhang hinaufgestürmt. Wieder und wieder mussten wir uns in harter Arbeit über meterhoch aufgetürmte Schneemassen einen Weg erkämpfen, welche uns in ihrer alles zerstörenden Wucht unsere eigene Schwachheit eindrücklich vor Augen führten. Doch glücklich waren wir endlich dem Tal entronnen.

Anfangs April 1949 war es dann soweit: zusammen mit meiner jungen Frau verbrachte ich die ersten gemeinsamen Ferientage hoch oben auf der Lauchernalp.

Im Unterland war der Frühling mit seinen fröhlichen Blumenkindern eingezogen. Prallvoll standen die Knospen an allen Bäumen und schickten sich eben an, zum Lichte aufzubrechen. Am Thunersee empfing uns der erste Schnee: Blütenschnee, der die Kronen der jungen Kirschbäume mit einem hauchzarten Diadem schmückte.Vergeblich spähten wir auf der Fahrt durchs Kandertal nach dem lockenden Weiss in erreichbarer Nähe. Bereits war der Schnee in die höheren Felsregionen zurückgewichen.

In Goppenstein war die Lawine, welche jeweils den ganzen Taleingang sperrt, dieses Jahr ausgeblieben. Ein Blick nach den Hängen des Hockenhornes gab uns die Erklärung dafür: Die Schneegrenze war schon über die südlichen Lötschentaler Alpen hinaufgerückt und die Hänge darüber bis weit hinauf ausgeapert. Doch frohgemut schulterten wir unsere schweren Säcke und die Ski und strebten dem engen Eingang des Lötschentales zu. In weichen Wellen trug uns der Wind aus dem nahen Rhonetal frühlingsschwere Düfte zu, und die Lonza, längst vom starren Winterschlaf befreit, sang in tiefen Grundakkorden ihr Lied und setzte in munteren Sprüngen der Tiefe zu.

Die Matten im Talgrund erfreuten uns mit jungfräulichem Grün, und an rauschenden Bächen fanden wir die ersten Schlüsselblumen. Grau und verwaschen wölbte sich der Himmel über uns. Das Tor der Lötschenlücke schien weit in die Ferne gerückt. Die Spitzen der ragenden Gipfel hatten sich einen leichten Nebelschleier umgelegt und verloren sich irgendwo in der Unendlichkeit des Himmels. Freundlich hiess uns Mutter Lehner in ihrem schmucken Haus in Wiler willkommen, wo wir gerne einen Moment unsere Säcke ablegten und etwas ausruhten. Für ihr Alter schien uns Mutter Lehner noch sehr rüstig, und wie ein Abglanz lag etwas von der Geborgenheit ihres Heims, der Abgeklärtheit und dem Frieden ihres einfachen Lebens auf dem gezeichneten Antlitz.

Wohlversorgt mit guten Ermahnungen und der genauen Beschreibung der Hütte auf der Lauchernalp, machten wir uns hierauf ungesäumt auf den zweieinhalbstündigen Aufstieg.

Durch die bärtigen Zweige uralter Fichten strich kosend der warme Frühlingswind. Im Untergehölz machte sich schon das Vogelvolk emsig zu schaffen, und von sonnigen Plätzchen lachten uns himmelblaue Leberblümchen zu. Auf dem weichen, braunen Teppich millionenfach hingestreuter Lärchennadeln fiel uns anfänglich das Steigen leicht, doch mit jeder Wegkrümmung, welche wir hinter uns brachten, machte sich auch die Müdigkeit zunehmend bemerkbar. Wo der kompakte Bergwald sich mählich in lichte Gruppen auflöst, hielten wir ausgiebig Rast und liessen unsere Blicke zum Kranz der umliegenden Berge schweifen. Aus dem tief unter uns liegenden Tal drang immer noch das Rauschen der jungen Lonza zu uns herauf. Das Wetter schien sich zum Bessern wenden zu wollen, denn schon zeigte sich am Himmel das erste lichte Blau, und im ganzen Rund schälten sich nach und nach Spitzen und Grate aus dem Nebel heraus. Nur der stolze Wächter des Tales konnte sich nicht dazu entschliessen, sein edles Haupt ganz zu enthüllen.

Wie wir uns dann über die letzten steilen Talflanken den flachen Böden der Lauchernalp näherten, konnten wir beide einen Ausruf der Freude nicht unterdrücken: die ganzen weiten Halden bis hinüber zur Hockenalp waren völlig schneefrei, aber übersät mit unendlich vielen weissen und blauen Krokussen, über die der Abendwind in sanften Wellen hinstrich. Die dunkelbraunen Alpstafel und Hütten schienen wie Spielzeuge in die Landschaft gebettet. Unser Häuschen entdeckten wir in schönster Lage zuoberst, im Schütze eines Felsens. Noch kam uns das letzte Stück hart und schier unendlich lang an. Doch aufatmend konnten wir endlich unsere anhänglichen Begleiter auf der rohen Holzbank vor der Hütte abstellen. Da war nun also das Hüttchen, welches uns für ein paar Tage Schutz und Obdach gewähren sollte. Auf seine Anschrift über dem Eingang waren wir nicht wenig stolz: « Hochalpine Berg- und Skischule Lauchernalp, Gebr. Lehner, Wiler. » Unsere Ski, lässig an die Hausmauer hinge-lehnt, wollten sich aber irgendwie nicht harmonisch in die Umgebung einfügen. Wir schrieben die erste Hälfte des Monats April, waren auf eine Höhe von 2 o Meter ü.M. hinaufgestiegen; doch statt in gleissende, weisse Hänge waren wir mitten in den Bergfrühling hineingekommen.

Küche und Schlafraum der Hütte waren durch unsere Vorgänger nicht gerade in einwandfreiem Zustand zurückgelassen worden und hatten noch die ordnende Hand der Hausfrau nötig. Wie froh waren wir, dass wir unsere Schlafsäcke mitgenommen hatten! Als aber in Herd und Ofen ein munteres Feuer prasselte und bald auch ein leckeres Abendbrot auf dem Tische stand, verbreitete sich um uns jene behagliche Atmosphäre, die wir nach langem Marsch so sehr schätzen.

Strahlend erstand der Tag über der Lauchernalp, wie wir uns endlich nach mehrern Anläufen zum Aufstehen bequemten. Der feurige Sonnenball war am blankgefegten Himmel schon ein gutes Stück emporgestiegen und erfüllte das Tal mit morgendlichem Glanz. Wir konnten uns am hehren Bild der Schönheit rings um unseren freien und bevorzugten Standort kaum satt sehen. Hoch über uns grüsste aus blauem Himmel ein verheis-sungsvolles Ziel: das Hockenhorn.

Durch Runsen und Mulden wäre eine Abfahrt auf seiner Südflanke hinunter auf die Lauchernalp zur Not noch möglich gewesen, doch konnte ich meiner Frau als Anfängerin diese steilen Hänge nicht zumuten. Da waren wir plötzlich vom Zwang des Zieles befreit! Wohlig an die warme Frühlingssonne hingestreckt ,'blinzelten wir ins gleissende Licht oder träumten inmitten ganzer Scharen blühender Pelzanemonen in die blaue Ferne des Tages. Auf der Höhe des Arbenknubels fanden wir dann noch einen der Sonne abgekehrten sanften Hang, welcher sich trefflich als Übungsgelände eignete. An schönen Tagen stiegen wir in einer guten Stunde zum Hockenkreuz empor, wo wir in einer weiten Mulde im führigen Sulzschnee unsere Spuren hinlegen konnten.

Überall, wo der Schnee schon einige Zeit weggeschmolzen war, fanden wir Blumen in nie geahnter Zahl und herrlich leuchtenden Farben. In den Felsen über unserem Häuschen reckten sich schon die ersten blauen Sterne der Enziane ans Licht, und aus unzugänglichen Felsenritzen grüsste das satte Rot blühender Bergprimeln. Die ausgeaperten Hänge bevölkerte das fröhliche Volk der Pelzanemonen, aufschimmernd im Lichte, wenn der Wind sachte über sie hinweg"-strich.

Und es kam die Stunde, da wir unsere.Schritte wieder talwärts wenden mussten, zurück in den Alltag, dem wir für kurze Zeit entronnen waren und wohin wir in wachem Erleben etwas von der keuschen Schönheit durchlebter Stunden tragen wollten.

Vier Jahre später bin ich zusammen mit einem Kameraden vom Jungfraujoch über die Lötschenlücke ins Tal gekommen. Mein Begleiter, durch eine plötzlich aufgetretene Magenverstimmung schlecht disponiert, war auf der ungemein schnell gewordenen Abfahrt über den Langgletscher ein paarmal schwer gestürzt und traf etwas angeschlagen in Blatten ein.

Dessen ungeachtet, hielt er an unserem ursprünglichen Plan, von Blatten über Weissenried-Weritzalp die Lauchernalp zu erreichen, fest. Kalt lagen schon die blauen Schatten im Tal, als wir uns kurz vor 18 Uhr auf den Weg machten. Ich rechnete mir aus, dass wir in gut drei Stunden unser Nachtquartier erreichen würden. Der silbrig glänzende Mond wurde dann Zeuge eines kleinen Dramas, über das ich nicht viele Worte verlieren möchte. Steile, hartgefrorene Hänge, durchgeschnittene Schnallfelle und vollständige Erschöpfung meines Kameraden bewirkten, dass wir die Lauchernalp erst nach Mitternacht erreichten. Das Hockenhorn wurde für den nächsten Tag vom Programm gestrichen.

Am Morgen hatte das Wetter unerwartet umgeschlagen, und es schneite leicht. Mein Freund Otto war nicht zu bewegen, das schützende Dach auch nur für einen Augenblick zu verlassen. So stieg ich allein ein Stück gegen das Hockenhorn hinan. Lautlos fielen hauchzarte Schneeflocken aus dem nebelverhangenen Himmel, über dem man die wärmende Frühlingssonne nur erahnen konnte. Durch die Sonneneinstrahlung war die Oberfläche des Schnees etwas rauh geworden. Aber schon nach den ersten Schwüngen merkte ich, dass sich kein ernsthafter Widerstand bemerkbar machte. Über die ausnahmslos steilen Hänge reihte sich Schwung an Schwung, bis ich mit klopfendem Herzen und hämmernden Schläfen vor unserer Behausung anlangte. Gegen Mittag überraschte mich mein Kamerad mit der Eröffnung, dass er am Nachmittag heimfahren wer- de. Da alle Anzeichen auf eine baldige Wetterbesserung hindeuteten, konnte ich mich nicht zur Heimkehr entschliessen. Nachdem ich meinen Freund noch ein gutes Stück auf der Abfahrt ins Tal begleitet hatte, kehrte ich auf die Alp zurück, wo sich ausser mir keine Menschenseele zeigte. Doch wusste ich, dass der Besitzer des Häuschens, Bergführer Willy Lehner, am nächsten Tag heraufkommen würde, und mit ihm hoffte ich noch ein paar frohe Stunden zu verbringen.

Ein paar Gedanken aus Hermann Hiltbrun-ners « Stimmungen » verkürzten mir den einsamen Abend, der sich lautlos über das Tal senkte.

Die erhoffte Wetterbesserung hatte sich rascher, als erwartet, durchgesetzt. Durch einen unmerklichen Luftzug wurde die Nebeldecke über dem Tal plötzlich aufgerissen. Der Himmel im Westen war in kurzer Zeit fast völlig blankgefegt. Das schräg einfallende Sonnenlicht lag in verschwenderischer Fülle auf dem gegenüberliegenden Talhang, in dem sich nicht die Spur eines Schattens zeigte. In stets wandelnder Form wogten an den Gratflanken des Bietschhornes und der Berge um den Langgletscher noch vereinzelte duftige Nebelgebilde auf und nieder, während in den Felsen des Hockenhornes und des Sackhornes das Gold der Abendsonne loderte. Die Rothorngruppe im Westen stand dunkel und schweigend vor dem hellen Abendhimmel.

Es war merklich kühler geworden und Zeit, mir mein Abendbrot zu bereiten. Als ich einen Augenblick später wieder vor die Türe trat, war das Bietschhorn überm Tal immer noch ein Wunder an Leuchtkraft; vor seiner Majestät schienen sich die hangauf rückenden Schatten zu fürchten. Die kleineren Gipfel vom Hohgleifen bis zu den Wächtern der Lötschenlücke reckten just noch ihre Häupter ins rosige Licht, aber das eigentliche Wahrzeichen des Tales ragte noch für einige Zeit in vollem Ornat und Glanz ins tiefgründige Blau des Abendhimmels. Draussen über dem dreieckigen Talausgang schwebte noch das Weisshorn als rosige Ampel über dem verdunkelten Rhonetal. Als schon die ersten Sterne im satten Nachtblau blitzten, vereinigte das Bietschhorn all es, was noch an Licht in der Atmosphäre schwebte, auf sich und ragte als riesenhaftes Denkmal marmorblass ins Firmament.

Zeitig begab ich mich zur Ruhe. In einer merkwürdigen Überwachheit lauschte ich noch lange Zeit den geheimnisvollen Geräuschen der Nacht und dem vernehmlichen Knacken des Holzes im Gebälk, bis der auffrischende Wind mit seinem auf- und abklingenden Lied mich doch endlich in den Schlaf wiegte.

Wolkenlos klar stieg der Morgen über dem Tale auf. An die Scheiben der kleinen Fenster hatte der klirrende Frost in vollendeter Meisterschaft seine Ornamente gezeichnet. Wie ich vor die Hütte trat, lag über dem Weisshorn und der nahen Bietschhornkètte der erste Schimmer des erwachenden Tages. Noch war ich mir über mein Beginnen nicht recht im klaren. Dem Hockenhorn im Alleingang einen Besuch abzustatten schien mir nicht ganz gefahrlos, und doch liess mich der Gedanke nicht mehr los. Kurz entschlossen griff ich zu einem Zettel und liess Bergführer Lehner eine Mitteilung zurück, dass ich allein aufs Hockenhorn sei.

Scharf griff mir die Kälte in die Glieder, als ich mich durch die immer steiler werdende Mulde den Höhen des Arbenknubels zuwandte. Kein Windhauch regte sich, und durch die Stille drang nur das Knirschen meiner Ski und Stöcke, wenn sie in der hartgefrorenen Unterlage Fuss fassten. Stundenlang allein und im erhabenen Schweigen der Natur aufsteigend, erwachten in mir bisher unbekannte Empfindungen und Gedanken. Wie ich aber die Grenze zum Licht überschritten hatte, fiel alles Lastende von mir ab. Myriaden funkelnder Schneekristalle hoben rings um mich ihren schwerelosen Tanz an, wenn ich mich in rhythmischen Bewegungen Schritt um Schritt dem lockenden Ziel entgegenschob. Ein unendli- ches Glücksgefühl durchströmte mein erwar-tungsfrohes Herz, wenn ich einen Augenblick stehenblieb und zum Gipfel des Hockenhornes hinaufschaute. Mit jedem Meter Höhengewinn hoben sich um mich Gipfel um Gipfel sachte ins Blickfeld.

Es wurde für mich eine unvergessliche Gipfelstunde. Nicht allein wegen des packenden Tiefblicks ins Gasterntal und der umfassenden Rundsicht auf den Kranz der Walliser und Berner Al- pen; vielmehr beeindruckte mich das lastende und doch stolze Gefühl der Einsamkeit und Verlorenheit. Ich war allein und in weitem Umkreis der einzige Mensch, welcher dieser weihevollen Stunde teilhaftig wurde. Durch die Südwand des Hockenhornes, durch welche ich zuvor aufgestiegen war, zischelte leise nasser Schnee unaufhaltsam der Tiefe zu, dann zerriss irgendwo das warnende Gebell fallender Steine die feierliche Stille und mahnte mich inmitten wunderlicher Gedankengänge zum Abstieg nach dem Skidepot.

Die brüchigen Felsen in der Südflanke des Hockenhornes erheischten beim Abstieg äusserste Vorsicht. Trotzdem wäre mir ein ausbrechender Felsblock beinahe noch zum Verhängnis geworden.

Da stehen unsere Berge wie für alle Ewigkeiten gebaut und fallen doch Tag um Tag der Vergänglichkeit anheim: Es fällt ein Stein aus der Felsenwand. Herausgerissen aus dem Platz, den ihm die Urkraft einer zeitlosen Schöpfung zugewiesen hat - es bringt ihn keiner zurück. So stehen wir mitten drin im Wandel des Seins. Das Werk heisst Vernichtung - aus der Vernichtung entsteht das Werk. Alles stirbt, um geboren zu werden. Und Menschen — Menschen zweifeln an Gott!

Aufatmend und mit sichtlicher Erleichterung erreichte ich wohlbehalten meine Ski, welche ich beim Aufstieg am Fusse des monströsen Felsklotzes zurückgelassen hatte. Den steilen und ins Leere mündenden Schneehang am Südfuss des Hockenhornes zu queren, um die leichte und normale Aufstiegsroute vom Lötschenpass her zu erreichen, schien mir nicht gefahrlos.

Wie ich über den kurzen Schneegrat am Fusse der Felsen zurück kam, waren die Tritte meines Aufstiegs mit silbernem Licht gefüllte Schalen. Die Sonne näherte sich bereits ihrem höchsten Stand und verströmte eine unerhörte Lichtfülle. An den Flanken des Hockenhornes und des Sack-hornes hatten sich luftige Schönwetterwolken gebildet, welche mir an den Hängen des Mühlebachgletschers die Sicht etwas behinderten. Doch unvermittelt zerriss der graue Schleier, und vor mir öffneten sich reinste, unberührte Hänge, über welche ich in taumelndem Flug der Tiefe zustrebte, wo auf den flachen Böden der Alp die Bretter nur allzu schnell zum Stehen kamen.

Bergführer Lehner war nicht von Wiler heraufgekommen. Nachdem ich Hunger und Durst gestillt hatte, setzte ich mich draussen vor der Hütte an die warme Frühlingssonne, um mich von den Anstrengungen der zurückliegenden Stunden etwas auszuruhen. Wie durch magische Kräfte wurde der Blick immer wieder durch das gewaltige Bietschhorn talüber angezogen. Jeder Schatten war aus seinen Flanken gewichen, und dunkelgrau stiess der Westgrat ins Blaue, während der Nordgrat mit seinem fein ziselierten Schneesaum sich in edlem Schwung in den Himmel türmte. Das ganze Tal war von Licht überflutet. Weichgeformt und schattenlos stieg aus der Tiefe der Langgletscher zum blauen Tor der Lötschenlücke. In den drei nach Osten gerichteten Hochtälchen zwischen dem Faldumrothorn, dem Re-stihorn und dem Majinghorn lag der feierliche Glanz des Nachmittages.

Wieder war ich mit meinen Gedanken und Träumen allein - allein mit dem weiten Himmel über mir und mit der stummen Ergriffenheit meines Herzens.

Was sagte doch Arnold Lunn in seinem Buch « Ich gedenke der Berge » zur Weihe solcher Stunden:

« In uns aber glühte noch die hehre Sonne der Höhen. Wir klammerten uns an den sterbenden Tag; wir sträubten uns, die Grenze zu überschrei- ten zwischen Erleben und Erinnerung, zwischen Wirklichkeit und Rückschau. Und schon war der Geist damit beschäftigt, die Bilder zu ordnen, war dabei, das auszuwählen, was den Rost der Zeit überstehen sollte: die keusche Schönheit des Schnees am Morgen, die wetterbraunen Balken einer Alphütte, die überirdische Stille der verzauberten Gipfel, die von den Tagen ihrer Geburt träumten, als in Meeren der Urzeit ihre Fundamente gelegt wurden; das durchsichtige Blau der leichten Schatten ziehender Wolken auf dem Schnee der Ferne und die schneebeladenen Tannen auf einem Grat im Westen, aufflammend im Lichte der sinkenden Sonne, die das Spitzenwerk ihrer Äste durchleuchtete... » Fragst Du mich, zu welcher Jahreszeit der Friede und die Schönheit dieses Erdenfleckens am eindringlichsten zu uns sprechen, fällt mir die Antwort darauf nicht leicht.

Ihr schönstes und wahres Gesicht erschliessen die Alpen an sonniger Bergeslehne aber unzweifelhaft dem Wanderer im Monat Juni. Wenn die Matten im Talgrund mit ihrem kunstvoll gewirkten Blumenteppich, darin sich Falter und Hummeln taumelnd von Blume zu Blume stürzen, in voller Pracht und betäubendem Duft stehen, dann mache Dich auf, um über die in einem herrlichen Naturpark hingebettete Fafleralp in genussreicher Wanderung die Höhen der Lötschentaler Alpen zu erreichen.

Wie Perlen an einer Schnur ziehen sie sich über Stunden bis zu der hoch über dem Taleingang thronenden Faldumalp. Du wirst nicht müde zu lauschen und zu schauen, wenn mählich das brausende Lied der Lonza in der Tiefe verebbt, wenn von steiler Halde der warnende Pfiff des Murmeltieres ertönt oder aus dem Dickicht zart-grün übergossener Lärchenbestände das Lied einer jubilierenden Vogelkehle erklingt. Das leuchtende Gelb der Schwefelanemonen setzt überall einen fröhlichen Akzent in die Landschaft, und auf den hochgelegenen Alpweiden haben sich alle Vorboten des Sommers in nie geahnter Zahl zum fröhlichen Reigen eingefunden.

Im Fortschreiten aber wandelt sich das stolze Bietschhorn zu bildhafter Eindrücklichkeit, lässt in königlicher Würde sein reinweisses Geschmeide aufglänzen, wenn der Feuerball sich anschickt, hinter den Zacken der Majinghörner und des Fal-dumrothornes niederzusinken.

Noch ist der Kreis nicht geschlossen. Wenn die ahnungsvollen Schleier durchsonnter Herbsttage ihren unvergleichlichen Zauber über die still gewordenen Alpen ausbreiten, möchte ich mich mit dem Gold der Lärchen entzünden, um im verzehrenden Feuer der Begeisterung noch und noch Stunden reinsten Glücks zu erleben.

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