Madriser Tagebuch

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Mit 4 Bildern.Von Eugen Wenzel.

Auf unseren Skifahrten in den Averserbergen waren wir schon zweimal ins Madris gekommen, aber ein Eindringen in die abseits liegende Gebirgskette vom Duan bis zur Cima di Lago war uns bis heute versagt geblieben. Von Nachbargipfeln hatten wir mehrfach feststellen können, dass alle diese das Bergell nördlich begrenzenden Dreitausender im Winter zu erreichen sein müssten und in ihren nach Norden abfallenden Tälern sicher lohnende Abfahrten bargen. Doch auch dort, wo diese Abfahrten keinen vollen Genuss bieten konnten, versprachen wir uns Eindrücke anderer Art, unter welchen die von einigen Gipfeln zu erwartende Aussicht auf die gegenüberliegenden Bergellerberge die verlockendsten waren. Dass wir uns hierin nicht getäuscht hatten, durften wir während acht Märztagen des Winters 1938 erfahren — doch lassen wir unser Madriser Tagebuch selbst sprechen.

28. Februar. Auf Zocca, einem ziemlich genau in der Mitte des etwa zehn Kilometer langen Madrisertals liegenden Maiensäss haben wir Unterkunft gefunden. Das Häuschen verfügt über eine heimelige Wohnstube, zwei Schlafkammern und eine Küche. Der Holzvorrat würde für einen ganzen Winteraufenthalt ausreichen, und Wasser finden wir draussen im nahen Brunnen — es ist also alles da, was wir Skifahrer gebrauchen. Und sollte es uns einmal gelüsten, mit Angehörigen in der fernen Stadt sprechen zu wollen, das Telephon wäre in Ordnung.

Heute morgen waren wir von Cresta, wo wir eben eine herrliche Hoch-turenwoche abgeschlossen hatten, ins Untertal gefahren. Eine föhnige Schwüle hatte dem Schnee arg zugesetzt und sich so aufs Gemüt gelegt, dass wir ziemlich gedrückt die Ankunft der Averserpost erwarteten, mit der Freund Meyer eintreffen musste. Er war wie immer mit mächtigem Rucksack und unverwüstlichem Optimismus angerückt und wusste sofort alle Bedenken zu verdrängen und uns zu neuen Taten mitzureissen.

So verliessen wir Cröt und nahmen den Weg ins Madris und bekamen unter dem Einfluss einer ungewöhnlichen Wärme gleich am ersten Stutz unsere Säcke zu spüren. Aber von Ramsen an ging es leichter, und bis wir die bewohnten Weiler von Hohenhaus und Städtli hinter uns hatten, waren wir hübsch eingelaufen. Die lawinendurchfegten Hänge verrieten uns deutlich, dass das Madris eine Mausfalle sein kann, aus der man nicht so leicht entschlüpfen dürfte, wenn die Schnee- und Witterungsverhältnisse ungünstig wären. Bei Eckerta wechselten wir auf die rechte Talseite und hatten bald darauf unser Standquartier Zocca erreicht.

Von hier aus gedenken wir nun, die Madriserberge und die Täler und Gipfel der Duankette zu erforschen. Die Wohnlichkeit dieses Häuschens, das so recht wie für den Skifahrer geschaffen ist, hat uns dazu bewogen, den alten Plan, sich weiter hinten im Tale — etwa auf Sovrana — ein- MADRISER TAGEBUCH.

zurichten, aufzugeben. Die warme Stube, die Küche und vor allem die Betten machen den täglichen Lauf von fünf Kilometer reichlich wett, und zudem stecken wir hier auf Zocca nicht so tief in der Falle wie auf der Alp Sovrana.

Vorerst sieht es tatsächlich so aus, als ob wir keine grossen Sprünge machen könnten. Eine sternenlose Nacht hat sich über das Tal gesenkt, und die Aussicht auf eine vielleicht mehrtägige Gefangenschaft lässt uns die wohlige Geborgenheit in unserer Hütte noch deutlicher fühlen. Dem Stubenofen werden wir morgen zu Leibe rücken. Jetzt hat sich der lästige Rauch verzogen, und es lässt sich behaglich um den Tisch sitzen. Ausser unserem Feuer, das sich mit knisternder Freude über die dicken Erlenäste hermacht, unterbricht nichts die Stille. Zweimal schon haben wir die hölzerne Wanduhr in Gang zu setzen versucht. Das rasselnde Hochziehen der eisernen Tannenzapfen hat uns alte Kindheitserinnerungen erweckt, aber das Pendel wollte Zocca ca. 1880 m.

nicht mitmachen, und so ist das heimelige Ticktack wieder erloschen. Das gedämpfte Licht der PetroUampe beleuchtet das übliche Hüttenidyll mit seinen zum Trocknen aufgehängten Skisocken, seinem unvermeidlichen Teekrug und seinem längst verjährten Wandkalender.

1. März. Heute waren wir mehr oder weniger ans Haus gebunden. Das Barometer steht nicht gerade schlecht, aber es kann jeden Augenblick zum Schneien kommen. Vormittags betätigten wir uns als Kaminfeger. Nachdem wir den Kamin selbst untersucht hatten, nahmen wir den Stubenofen auseinander, legten ihn um und liessen ihm eine längst fällige Reinigung angedeihen. Wir zogen die Hemden aus, denn es hiess mit beiden Händen zugreifen, und beim Russen der Winkelrohre verschwanden die Arme bis zur Achselhöhle in den versteckten Gängen des Kachelofens. Bis zur Mittagszeit war alles in Ordnung. Den Nachmittag füllten wir mit einem Jass aus, und dazwischen waren wir mit Essen und Trinken und dem Ausschauen nach besserem Wetter beschäftigt.

2. März. Als wir heute morgen vor das Häuschen traten, konnten wir eine leichte Besserung feststellen, aber wir wurden zu keinem überstürzten Frühstück gezwungen. Um 11 Uhr war die Aufhellung so weit fortgeschritten, dass wir uns zu einer kurzen Nachmittagserkundung entschlossen. Da stand der alte Wunsch in vorderster Linie, vom Grat der die Valle di Lei vom Madrisertal trennt, den Pizzo Stella aus nächster Nähe betrachten zu dürfen, und so strebten wir dem Blesetälchen zu, das ungefähr einen Kilometer hinter Zocca ins Haupttal mündet. Der Aufstieg glich einem Wettrennen mit den Wolken. Als ich schwitzend auf der Kammhöhe ankam, hatten sich die Wolken eben wieder geschlossen, ohne den Blick auf das Stellamassiv freizugeben. Wir übten uns in Geduld. Eine Stunde später hatte es bereits wieder so weit aufgehellt, dass wir trotz der vorgerückten Zeit das Blesehorn angingen. Schon im Aufstieg über den leichten Felsgrat wurde die Pyramide des Pizzo Stella wolkenfrei. Vom Gipfel des Blesehorns ca. 3070 m war uns dann ein guter Einblick in die ganzen Madriserberge vergönnt. Von grösster Wichtigkeit war der gewonnene Überblick über die Schlucht, welche den Anstieg in die Val di Roda vermittelt. Dieses Stück bildet den Schlüssel zu allen Skituren in der Duankette. Einen besseren Standort hätten wir uns nicht wählen können. Die rechte Talseite, wo auch der Sommerpfad hinanführt, erschien durchaus gangbar, und wir waren entschlossen, dort anzupacken. Während dieser Betrachtungen war die Sonne bedenklich nahe an den Horizont gesunken, und die aus den Tälern herankriechenden Schatten mahnten zum Aufbruch. Wir eilten zu unserer Skiablage und zogen kurz darauf im steilen Kennel der Val Blese Bogen an Bogen und waren vor dem Einnachten wieder auf Zocca.

Heute abend werden alle Vorbereitungen für eine Fahrt auf den Piz Duan getroffen. Der plötzliche Wetterumschlag gefällt uns zwar nicht am besten, doch das funkelnde Sternenmeer gibt uns berechtigte Hoffnung auf einen schönen Morgen mit in die Federn.

3. März. Es ist doch anders geworden mit unseren Plänen. Als wir heute morgen die Köpfe zu den kleinen Fenstern hinausstreckten, wollten wir unseren Augen nicht trauen. Es war bedeckt. Die Rucksäcke wurden geleert, und nur mit dem notwendigen Mundvorrat versehen zogen wir bei unsichtigem Wetter ins Tal hinein. Sollte alles ins Wasser fallen, so wollten wir wenigstens eine Erkundung des Tales und der Schlüsselstelle am Eingang der Val di Roda unbedingt erzwingen. Wir legten unsere Spur über die Alpen Biese und Preda zu den hintersten Hütten des Tales, Sovrana, und von dort an unternahmen wir einen Vorstoss in die Schlucht. Wir stiegen so weit hinauf, bis uns die Fortsetzung des Weges kein Geheimnis mehr war, und fuhren dann befriedigt nach Sovrana zurück. Am frühen Nachmittag waren wir wieder zu Hause, und seither sitzen wir in der warmen Stube und jassen.

4. März. Als sich meine Frau heute früh dazu entschliessen musste, talwärts zu fahren, da ihre Ferienzeit abgelaufen war, liess sich auch für uns nichts Besseres finden, als ihr das Geleit zu geben. Der Abgang vollzog sich bei bedecktem Himmel. Unsere einzige Beschäftigung während der Ausfahrt bestand darin, die Hänge nach Gemsen abzusuchen, von denen wir da und dort auf ausgeaperten Rasenflecken Einzelgänger sichteten. In Cröt mussten wir auf die etwas verspätete Averserpost warten, die endlich eintraf und gerade noch für einen Passagier Platz hatte. Der andere in eine Decke gehüllte Insasse war ein zur Rekrutenschule einberufener Averserbursch, mit dem meine Frau eifrig plaudernd bald unseren Blicken entschwand.

Wir Zurückbleibenden hatten kaum bei einem Glas Wein Trost gesucht, als unverhofft ein schwacher Sonnenstrahl durch das kleine Fenster der auch als Wirtslokal dienenden Wohnstube gedrungen war. Bis wir wieder im Freien standen, hatte sich hinten im Madris ein immer grösser werdendes blaues Loch in der milchigen Wolkendecke gebildet, so dass wir mit neuer Tatkraft ins Tal zurückwanderten.

Es ist jetzt noch ein wenig stiller geworden auf Zocca. An der Wand auf dem Vorplatz stehen nur noch zwei Paar Ski. Am vorstehenden Fensterbrett sind kleine Eiszapfen gewachsen, und als ich vorhin Wasser holte, knirschte der Schnee unter den Schuhen. Jetzt werden uns ein paar schöne Tage beschieden sein.

5. März. Was für ein herrlicher, an Eindrücken reicher Tag liegt hinter uns! Lange bevor die Sonne an den umliegenden Graten erschienen war, hatten wir die Alp Sovrana passiert und uns keine Minute aufgehalten, da wir darauf brannten, den ausgekundschafteten Anstieg durch die Schlucht möglichst bald endgültig zu ergründen. Nachdem das erste Teilstück ohne grosse Mühe bewältigt war, sahen wir uns dort, wo der Prassignolabach einmündet, einer weiteren Steilstufe gegenüber. Wir erledigten sie durch eine Bachrinne, die auf Punkt 2315 m am Eingang in die Val di Roda ausmündet. Dieser Hang hat uns ordentlich zum Schwitzen gebracht. Etwas weiter oben trafen die ersten Sonnenstrahlen mit uns zusammen, und hier schalteten wir eine kurze Rast ein.

In einem Zug ging es am Nordhang der Val di Roda hinauf, und wir ruhten nicht, bis wir unseres Berges endlich ansichtig wurden. Unser Frühstück, « brätlets Mais », hatte gerade bis auf die Passhöhe standgehalten, aber jetzt mussten unbedingt neue Kalorien zugeführt werden. Während wir dies ausgiebig taten, legten wir uns den Anstieg durch die Nordflanke des Berges zurecht. Eine kurze Abfahrt führte zum Pass Duan hinüber, und dort überraschte uns das unbeschreibliche Bild der Bergelier Granitberge. Man spricht immer nur vom Gornergrat, der Diavolezza oder vom Jungfraujoch, aber ein Bergsteiger, der Wert darauf legt, die eindrucksvollsten Orte der Alpen zu kennen, darf nicht versäumen, den Duanpass aufzusuchen.

Wenig später stampften wir uns schon mühselig Tritte im Firnhang, arbeiteten uns durch ein steiles, die Felsen trennendes Couloir empor und betraten den oberen Gletscherhang. Von dort steuerten wir geradewegs auf den Piz Duan 3140 m zu. Um 1145 Uhr standen wir oben, und Freund Meyer konnte sein Schweizerfähnchen am Skistock aufpflanzen. Die Aussicht übertraf alle Erwartungen. Es wäre ein müssiges Unterfangen, den Eindruck, den man von dieser hervorragenden Warte aus von den Forno- und Albignabergen, vom Berninagebiet und der Bondascagruppe erhält, wiedergeben zu wollen.

Den Abstieg nahmen wir über den Ostgipfel, um auch ungehindert ins Oberengadin blicken zu können. Dabei liess sich feststellen, dass der Anstieg über den grossen Hängegletscher vom Lai Duan her wohl möglich gewesen wäre. Wir überschritten den Firnrücken, der Punkt 3037 m bildet, und querten unter dem Hauptgipfel auf unsere Anstiegsspur zurück und waren bald bei unseren Ski unten.

Als wir um halb 3 den Passo del Duan erreichten, war es klar, sofort auch den Marcio in Angriff zu nehmen, obschon hiefür noch einmal nahezu 300 Meter Höhe zu gewinnen waren. Um 315 Uhr standen wir auf dem mit 2948 m angegebenen Ostgipfel. Es hatte sich gelohnt. In überwältigender Wucht und Schönheit präsentierte sich gegenüber die Bondascagruppe, ein Bild von unbeschreiblicher Wirkung und Eindringlichkeit. Keiner Worte fähig waren wir im Anblick dieser granitenen Mauer versunken, die uns in ihrer flammenden Herrlichkeit tiefstes Bergerleben übermittelte. Links aussen die teils messerscharfen Kanten der Sciora, dann das breite Band des Bondascagletschers und rechts davon die eiscouloirdurchzogenen Wände der Gemelli und des Cengalo. Aber alle überragend in ihrer ungemein elegant himmelansteigenden Steilheit die Badile-Nordkante.Im obern Teil der Abfahrt setzte uns ein stark verblasener Windharsch zu, aber in der Val di Roda fanden wir besseren Schnee und landeten glücklich bei der Alp Sovrana und dreiviertel Stunden später auf Zocca.

6. März. Die Prachtstage dauern an. Wieder hat sich ein ereignisreicher Tag vollendet. Wir waren etwas später aufgebrochen, und als wir um 8 Uhr auf der Ebene gegen die Alp Sovrana zuhielten, leuchtete das Gipfelhäubchen des der Cima di Cavio nördlich vorgelagerten Höckers, Punkt 2800 m, gerade unter den ersten Strahlen auf. Heute wählten wir nach der ersten Stufe den tiefen Bacheinschnitt des Rodabaches selbst zum Anstieg und kamen, einige kleinere Hindernisse umgehend, rasch in die Höhe. Dem zum Passo del Marcio führenden Tälchen folgten wir nur kurze Zeit und strebten dann sofort westwärts der Cima di Cavio 2969 m zu. Den Sattel nördlich der Gipfelhöhe erreichten wir um 11 Uhr. Zuerst lockte uns der Vorgipfel, von welchem das ganze Madris zu überblicken war. Das Tal lag jetzt in voller Sonne. Als feiner Strich durchzog unsere Spur die weite Ebene von der Alp Preda bis zur Alp Sovrana. Den Gipfelanstieg zur Cima di Cavio machten wir zu Fuss, und ais wir kurz vor 12 Uhr den höchsten Punkt erreichten, bot sich uns aufs neue der schon am Vortag genossene Blick ins Bergeil.

In vorsichtiger Fahrt querten wir den Westhang des Berges und standen bald darauf in der Forcella di Prassignola. Dort schalteten wir eine Rast ein, um dann dem Gipfel des Pizzo Gallegione 3109 m zu Leibe zu rücken. Die Sonne brannte uns erbärmlich auf den Rücken. Die Steilheit blieb anhaltend die gleiche, und es schien nicht enden zu wollen mit diesem Hang. Kurz unter dem Gipfel liessen wir die Ski zurück und stiegen über den letzten Teil des Kammes zum Signal. Es war etwas nach 2 Uhr nachmittags.

Die grosse Überraschung des freistehenden Grenzberges ist der weite Blick in die Tiefebene von Chiavenna. Nahezu 3000 Meter unter uns floss das silberne Band der Maira zwischen grünen Wiesen und Rebbergen dahin, und weit draussen glaubten wir über grauabschliessender Wolkenbank den Apennin zu erkennen. Dass wir die Spitze dieses einzig dastehenden Aussichtsberges nicht verliessen, ohne zum wiederholten Male die Bondasca- gruppe zu bewundern, versteht sich von selbst. Die weit südlich vorgeschobene Lage des Pizzo Gallegione gab uns Einblick ins ganze Bondascatal, aus welchem in faszinierender Wildheit die leuchtenden Zacken der Granitnadeln herauswuchsen.

Nur ungern verliessen wir den Gipfel und eilten, die Absätze in den Firn schlagend, zu unseren Ski zurück. Der Gipfelaufbau musste vorsichtig befahren werden. Zu viele Steine lagen am Weg. Wir hielten uns ganz an den nördlichen Rand des Kammes, und sowie ein Durchschlupf gefunden war, querten wir auf den am Nordfuss liegenden kleinen Prassignolagletscher. Um ins Tal zu gelangen, musste ein bös aussehender Steilhang erledigt werden. Die Val Prassignola selbst war ein Vergnügen, und nur zu rasch waren wir in der Schlucht, wo sich die Täler vereinigen. Es gab noch eine kleine Turnerei, bis wir den Bach überschritten hatten, und dann fuhren wir auf unseren gestrigen Spuren nach Sovrana hinab.

Wenn ich jetzt hier in der Stube sitzend die Augen schliesse, steht immer die schlanke Pyramide des Pizzo Gallegione vor mir, deren Winterbesteigung uns einen ereignisreichen Tag bescherte. Und morgen gedenken wir mit der Fahrt auf die Cima di Lago den Ring der Madriserberge zu schliessen. Vom Wetter spricht man gar nicht mehr.

7. März. Heute waren wir schon zur Teestunde wieder zu Hause. Der Ring ist geschlossen, das letzte Geheimnis der Madriserberge gelöst. Um 8 Uhr stiessen wir von der Alp Sovrana in die Val di Lago vor, dasselbe Tälchen, durch das wir vor Jahren einmal bei trübem Wetter abfuhren. Bis zum letzten Steilhang ging es ordentlich, aber dort hatten wir uns einerseits mit alten, gefrorenen Lawinenschollen, anderseits mit glasharter Unterlage zu plagen, bis wir schwitzend und pustend auf der Passhöhe ankamen. Dort fiel uns ein bissiger Südwind an, so dass wir schleunigst in den nahen Felsen Schutz suchten. Dabei sahen wir auf das breite Plateau des ziemlich grossen Sees hinab, welches etwa 600 Meter tiefer liegt und die Sicht ins tief eingeschnittene Bergeil teilweise verdeckt. Wir waren noch nicht lange mit stillen Betrachtungen beschäftigt, als plötzlich ein alter Gemsbock auftauchte und langsam auf uns zukam. Wir verhielten uns ruhig und holten Einglas und Photoapparat hervor. Der Wind war uns günstig. Wir durften hoffen, dass uns das Tier sozusagen in die Hände laufen werde.Von Zeit zu Zeit hielt es an und äugte unverwandt nach den Ski, die wir auf der Passhöhe in den Schnee gesteckt hatten. Der scharfe Wind hielt dieselben ständig in Bewegung, und dies war Grund genug für den Gemsbock, Argwohn zu schöpfen. Trotzdem kam er näher und näher, bis er nur noch einen Steinwurf weit von uns auf gleicher Höhe angekommen war. Als wir dann aufstanden und ein Gespräch mit ihm beginnen wollten, liess er uns stehen und setzte in grossen Sprüngen davon.

Auch wir machten uns unverzüglich an den Aufstieg, wobei stark verblasener Schnee kein ordentliches Spuren aufkommen liess. Die letzten 100 Meter mussten zu Fuss erklommen werden. In kurzer Kletterei erreichten wir über den Ostgrat um 1210 Uhr die Cima di Lago 3082 m. Hier oben verschafften wir uns die noch fehlenden Einblicke in Täler und Berge dieses versteckten Winkels und stiegen dann direkt neben dem Gipfel zum Skilager hinab.

Anstatt nun über die Forcella di Lago auf unserem Anstiegsweg abzufahren, wandten wir uns nordwärts und querten den Lagogletscher, überschritten einen von der Cima di Sovrana ostwärts verlaufenden Felskamm und näherten uns um halb 2 Uhr diesem Gipfel von Norden. Wenige Meter unter dem Scheitel tauchte plötzlich ein Schneehase vor uns auf und stob wie von allen bösen Geistern gehetzt dem Tal zu. Als wir seine Höhle ansahen, fanden wir, dass diese auf einer Höhe von über 3000 Meter nicht gerade praktisch ausgesucht war, wenn man wusste, wie weit entfernt die nächsten Grashalme zu finden waren.

Mit der Cima di Sovrana 3031 m war uns nun auch das Bindeglied zwischen Blesehorn und Cima di Lago bekannt, und wir durften mehr als befriedigt talwärts fahren. Wir hielten an den Hängen unter dem Blesehorn nordöstlich auf einen gegen das Tal vorgeschobenen Vorsprung hin und fanden einen interessanten Abgang ins Biesetal. Dort stiessen wir im unteren Teil auf unsere vor fünf Tagen gezogenen Spuren. Mit dieser Abfahrt hatten wir uns den Langlauf von der Alp Sovrana heraus erspart und langten schon kurz nach 4 Uhr auf Zocca an.

8. März. Heute nachmittag sind wir in Cresta eingetroffen. Mit Sack und Pack waren wir um 8 Uhr von Zocca aufgebrochen. Obschon Kurt den Proviant so genau ausgerechnet hatte, dass nur noch die Tagesbedürfnisse mitzunehmen waren, sammelte sich doch allerhand Zeug und füllte unsere Säcke bis obenauf. So gestaltete sich der Anstieg durch die Hänge bei der Alp Sovrana zu einem Krampf, wie er im Buche steht. Dabei trugen nicht einmal die gewichtigen Rucksäcke die Hauptschuld. Der Schnee war von Grund auf faul, so dass wir zu Fuss einbrachen, und auf den Ski griffen die Felle kaum, weil die oberste Schicht glashart war. Unter ausgiebigem Schimpfen ertrotzten wir Meter um Meter und waren froh, endlich in den Einschnitt der Val Sassello einbiegen zu können. Viel Erleichterung konnte uns das zwar nicht bringen, denn es ging auch hier in unverminderter Steilheit bergan. Um halb 12 standen wir in der Gratsenke nördlich des Weissbergs. Die Säcke blieben zurück, und dann ging es wie auf Flügeln über den Nordwesthang zum Gipfel, 2984 m.

So war uns vergönnt, noch einmal den ganzen Kranz der Madriserberge bewundern zu können. Mit freudiger Genugtuung verfolgten wir im Geiste alle unsere Spuren. Zur Mittagsrast kehrten wir auf den Sattel zurück und verzehrten dort, im Anblick des stolzesten aller dieser Grenzberge, des Pizzo Gallegione, unsere letzten Mundvorräte. Und dann fuhren wir über die flachen Hänge « auf den Böden » nordwärts unter dem Bödengrat hinaus und stiessen erst beim tiefeingeschnittenen Tscheischbachtobel ins Bregalgatal hinab. Um 4 Uhr, gerade richtig zum Tee, zogen wir in Cresta ein.

Morgen gehen wir über den Starlera nach Ausserferrera hinab, und die reichen Erlebnisse, die wir aus den Madriserbergen mitnehmen, werden ein leichter, unbezahlbarer Ballast sein.

Da Peider Lansel.

Tras il chod tamfitsch da la davomezdi passet dandettamaing ün soffel da strasora, chatschand nan sur il Piz Raschvella nüblunas s-chüras, cregnas da plövgia. Smorta clerdüm da chalavernas e srantunar da tuns, amo sten dalöntsch, annunzchaivan prossma la burrasca. Signun e chandan jênn sul muotet davo la teja per verar da la pastriglia. Quista vaiva ün dafar nair a rablar las vachas suot il cuvert, las bes-chas sculozzadas mütschand a drett'id a tschanca. Clot il trosser, gnu amo spert pro'l bügliet a tour aua, guardaiva cun temma il tschêl dvantar viplü mnatschus e las chalavernas aduna plü spessas. Sün las plattas davant porta crodaivan fingià ils prüms guots, largs sco tolers. Las vachas rivadas a la fin tantüna suot tet, signun e chandan tuornênn aval in currind. Davo els, püpas in bocca, mans in s-char-sella, gnivan plan plan ils pasters i tuots intrênn illa teja.

Üna sajetta da orbantar, sieuida d'un sfrach formidabel, chi sdruvagliet lungs rimbombs illas val]adas dintuorn, füt il segnai da l'orizzi. La plövgia chatschada dal vent, crodet subit a tschêl ruot, cumpagnada da sajettas, una sün tschella e d'un cuntin sfrantunöz. La burrasca deira be cumanzada, ch'ün « Juhuhu! » güvla cun tuotta forza fet cuorrer tuots sün üsch. Da la senda cajo tanter la zuondra, as vezzaiva trais persunas fastinar suot il sf latsch: una signura e duos signuors, dal sgür curants. In pacs sigls rivênn si, cuntuot chi füssan bletschs sco pigliattas, nu vaivna pers la buna glüna, riand els be da dar il schlop.

Trat oura'ls lodens chi floccaivan, ils pasters cedettan als eisters lur lous intuorn al fö. Il signun, chi per esser dal Partenz savaiva letta tschantschar tudais-ch, stovet dar pled als signuors. Intant la dama vaiva tut gio il chapéin tirolais e la rain cunter la fiamma, sfat oura seis chavés blonds per ils laschar stiantar. Quels cuvernaivan sias spadlas sco müravglius mantel d' or.

Clot il trosser, rampignà sün s-chala dal palantschin ( ingio una quarta d'fain büttada jo mez quai id una cuverta d'lana fuormaivan seis let ) guardaiva cun ögliuns stuts sü'ls eisters e pustüt sün la signura bionda. E cura quella imminchatant squassaiva il ché, paraiva i'ls müdaivels refless dal fö, ch'in la teja fümantada sgolessan sbrinzlas d'or per quai suot.

Il temp intant passaiva. Gnü pro cun lat, il signun vaiva da tavellar avuonda, ils eisters nun rafüdand lur dumandas sur vita e lavuors illas alps. La signura, fat darché sü'ls chavés, süts tant bain co mal, as laschaiva uossa gustar üna cuppina d'lat be mus.

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