Matterhorn-Furggengrat

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*^ »Von Hugo Niinlisf

Mit 4 Bildern ( 149—152 ) und 1 SkizzeLuzern ) Fünf Tage warte ich in Zermatt. Drüben am Lärchenhügel bei Winkelmatten gedulde ich mich stundenlang, unstete Wolken zu betrachten, die am Zmuttgrat finster umhertreiben, als möchte sich ein Gewitter entladen. Sie hüllen die Gipfelgrate in ein dumpfes Grau oder zerfasern daran. Von Täsch her segeln Rauchschwaden. Einige Regentropfen silbern auf den Weiden. Staub wirbelt am Weg, wo Maultiere mit Lasten bepackt gleichmütig dahintrotten. Jahrhunderte halten sich in solchen Gruppenbildern: So zogen einst Kaufleute, Pilger, Verstossene, Räuberhorden dem Gletscherjoch entgegen, das ganzen Säumerzügen zum Verhängnis wurde, von denen Hinchliff 1855 traurige Überreste, Schuhzeug, gebleichte Gebeine und Tier-gerippe im Schnee verstreut entdeckt hat. Mancher Träger mag die Moränen verwünscht und an die Untat des Teufels oder das Unwerk Verdammter geglaubt haben, die Nacht für Nacht alle Steine sinnlos durcheinander würfen.

Die Dorfstrasse meidend, gewahrt man noch viel Vergangenheit, die unauffällig weiterlebt: Wässerer gehen mit einer Hacke den Gräben entlang oder schlagen Gneistafeln in die Scholle; Frauen mit schwarzen Kopftüchern kauern auf Geröllhaufen und rufen dem Vieh zu, das sich aus dem Gehege wagt. Immer wieder hängt mein Blick an tiefbraunen Hütten, die verwittert und weitabgewandt sich um die Flühe scharen. Ununterbrochen rauschen fahlgrüne Fluten der Visp aus den Schluchten, während droben das Matterhorn wie ein Fürst die Almen beherrscht. Es muss damals schon aufgefallen sein, trotzdem die alten Schriften nichts vermerken. Händler und Wallfahrer beschäftigten sich nicht mit ihm oder bewunderten es gar. Ihr Sinn richtete sich nach dem Übergang zwischen den Tälern von Praborgne und Torniaca. Heute hat wohl jeder Hirt einen Blick übrig für die unerhörte Gestalt, die aufragt wie von einem Künstler gemeisselt. Er begreift das Staunen der Fremden und vermutet in ihnen nicht mehr Schatzgräber, Wurzner, Alchimisten, Kundschafter oder Schafdiebe. Früher galt jeder Reisende als Narr oder Verdächtiger, der in geheimer Absicht unwirtliches Land durchstöberte.

Das Gewölk lichtet sich endlich. Das Matterhorn bleibt zwar verhängt, aber Nebelsträhnen branden am Hörnligrat zurück. Der Nordwind wird das Wetter ändern. Ich treffe vor der Hütte Alexander Taugwalder, der soeben seine zweite Begehung des Furggengrates mit Dr. Wyss-Dunant ausgeführt hat. Es schneit am Abend nochmals leicht. Schneehagel kollert über den Boden und drängt mich bald in den Hüttenraum. Nachts schleichen Nebel vorbei, doch glimmen die Sterne beim Aufbruch um 3.45 Uhr. Am Grat zwischen Breuiljoch und Theodulpass lagert eine zähe Wolkenschicht, deren Finger geisterhaft zum Furggletscher greifen.

Wir folgen angeseilt einem Pfad zum Hängegletscher unter der Ostwand und queren einen harten Firnhang, den Schlipfrunsen mit vereistem Grund durchziehen. Mit einem Sprung sind wir jeweils darin, wo Alex nur beim Ausstieg einen Tritt hacken muss. Unterhalb des wuchtigen Eisbruches ver- Die Alpen - 1946 - Les Alpes15 flacht sich das Gelände. Es sieht im Halbdunkel wie ein garstiger Schwamm aus, der mit Knollen und Narben eine Art Wurzelmaser bildet, von denen das Eis ausbricht. Hinter uns sind Henry und Botté aus Montreux mit den Randaer Führern William und Camille Truffer. Gemeinsam steigen wir auf Höckerschnee abwärts zu einem Eisfeld, das sich an eine Schutthalde schmiegt. Drei Stufen, Schmelzrinnen, die als Treppe dienen, abgeschliffenes Geröll, dann tauchen wir in den Nebel, der mit bleichen Armen langsam den Furggengrat erfasst.

Am Breuiljoch \ 3329 m, umgehen wir eine gewaltige Firnwehe, die mich an Bilder von Grosseis erinnert, das am Strand eines Nordmeeres liegt. Mehrere Gratstufen schliessen sich an, dann ein Schuttgebiet, das uns nicht gerade erfreut, aber auch nicht verdriesst. Der Furggengrat liebt den Wechsel, was man gleich am Gneiswulst erkennt, der den Zugang zur Grathöhe vermittelt. Er ist links in der Verschneidung vereist; denn am Tag tropft beständig Wasser herunter und nässt die spärlichen Griffe. Oben überblicken wir die Ostwand. Die Spitze scheint zum Erhaschen nah. Herwärts streben Bergsteiger zur Solvay. Ein taufrischer Morgen kündet sich an. Bald wird ein Glühen durch die Trümmerwelt gleiten, das mich immer wieder ergreift. Um uns häufen sich noch graue Felsen, von Splitterstücken zerschrammt, die für kurze Zeit in flüchtiger Farbenglut aufflammen werden.

Die Wand verharrt in Ruhe, zwingt aber zu raschem Anstieg. In einem Bogen ausholend, gelangen wir zum Untern Turm, der wie zufällig eingeflochten eher einer Schulter gleicht. Hier irgendwo hat Guido Rey mit den Maquignaz mehrmals die Nacht zugebracht. Den Gratturm krönt eine schmächtige Firnkante, die den Grat unterbrechend in der Wand verläuft, wo sich Eis und Schnee angesetzt haben. Hartschneebrocken fallen vom Gipfel herab, was die Lage gefährlich macht. Taugwalder wählt schliesslich, statt den Sporn der Mittelrippe, die weissen Hänge links, um den Grossen Turm zu besteigen. Dieser ist gezeichnet von einer jähen Bruchfläche mit abstechender Tönung, wo vor etlichen Jahren ein Felssturz .beinahe die ganze Burg mitgerissen hätte. Ihre Gestalt hat sich, von Zermatt gesehen, tatsächlich verändert; denn sie erscheint jetzt schlanker. Eine schwierige Stufe, die plattig und ausgesetzt ist, springt über ihr hoch. Alex überwindet sie vorsichtig und schlägt zu unserer Sicherung einen Haken ein. Auf einem dach-ähnlichen Vorbau kann ich mich in eine Nische setzen, die vor Wind und Morgenkälte etwas schützt. Eine Ecke wird dann auf einem Band südlich umschlichen, worauf uns eine brüchige Rinne um 7.45 Uhr zur Furggenschulter, 4300 m, leitet. Der Weg über den Turm dürfte schwieriger, dagegen weniger gefährlich sein. Alex zieht trotzdem die Mittelrippe mit Bandquerung auf Schulterhöhe vor. Wir rasten eine halbe Stunde auf diesem Horst. Ich höre aus der Tiefe Wildbäche summen und sehe den schmutziggelben Stausee von Goillet im Tournanchetal. Über dem Valpelline fahren Wolken unschlüssig umher, während die arg durchfurchte Südwand von ihnen verschont bleibt. Sie wirkt auf mich wie eine schauderhafte, trost- 1 In der alten Ausgabe des SA. mit dem Furggjoch verwechselt.

MATTERHORN-FURGGENGRAT lose Steinwüste. Gewöhnlich bildet sich darin schon früh der erste Dunst, der bald wie Dampf über einem Kessel brodelt und dem die Matterwand willig als Schlot oder Rauchfang dient. Vor uns schnellt das Furggenriff schier ungegliedert in die Höhe. Ein Überhang formt einen Kopf mit Adlernase, der mich unwillkürlich in Licht und Schatten an einen Teufelsstein denken lässt, der den Zutritt verwehren möchte, ähnlich der Sphinx am Zinalrothorn. Wir nähern uns auf einem blendenden Firnkamm, der am Ende von einer verdeckten Scharte unterwühlt ist, einem berggeschichtlichen Ort: Mummery Furggenwand A Der Grosse Turm B Furggenschulter Nach einer Aufnahme in Th. Wundt: Zermatt und seine Berge » C—C FurggendachE Die Gipfelschlucht D Das Graue Band F Pic Tyndall stand 1880 hier und wurde zum Verzicht gezwungen, ebenso 1905 die Seilschaft Young-Ryan mit Franz und Josef Lochmatter und Josef Knubel, die wegen unaufhörlicher Steinfälle wichen. Guido Rey versuchte wiederholt, eine Lösung zu finden. Er liess 1899 ein Hundertmeterseil anbringen, das bis zur Schulter herabgelassen wurde. Die Seilschaft kletterte vier Stunden daran hinauf, gab jedoch in Sprechweite der Freunde auf, da das Seil zu sehr schlingerte. Der erste Durchstieg gelang 1911 Mario Piacenza mit Jean Joseph Carrel und Joseph Gaspard.

Wir staunen noch heute, dass man bereits vor fünfzig Jahren wagte, derartige Wände anzugreifen. Bediente man sich schon unserer Hilfsmittel?

Das bestätigen die Schriften von Placidus a Spescha ( 1752—1833 ), Zsigmondy, Studer, Mummery, Rey, Wundt, denen sowohl Eisenklammern, Stahlstifte, Ringe, Hämmer, Meissel als auch Holzkeile, Eissporen oder Steigeisen — ja sogar Enterhaken und Leitern bekannt waren. Man darf ohne zu übertreiben behaupten, Haken seien so alt wie das eigentliche Bergsteigen. Zur Sicherung des Lebens waren sie damals wie heute notwendig. Das ist ihre Rechtfertigung. Wo erforderlich, darf man ihre Verwendung nicht verurteilen, soll aber peinlich bedacht sein, sie, wenn möglich, zu entfernen, damit die Eigenart und das Schwierige eines Anstieges ursprünglich bleiben.

Jenseits schmaler Bänder und senkrechter Stufen, die uns hinausdrücken, werde ich von einem gewichtigen Eisenstab überrascht, den wohl Piacenza eingetrieben hat. Ich empfinde ein Gefühl der Ehrfurcht, in lotrechter Wand einen Zeugen vergangenen Ringens anzutreffen. Die Seilschaft Dittert hat in einer Nische eine Büchse mit der vergilbten Karte Piacenzas vorgefunden. Wer möchte nicht an diesem Ort etwas verweilen, nachgrübeln, doch sind die ausgesetzten, schwierigen Felsen noch über uns. Alex klettert kühn in der Schräge, als kennte er jeden Griff. Ich vermag ihn fast nie zu sichern, fühle mich deshalb unbehaglich und fürchte die Folgen eines möglichen Sturzes; denn diese Wand eignet sich für Sprünge bedenklich schlecht. Keine Nebelflocke verschleiert die Sicht zum Forcagletscher, der am Fuss der Furggenwand wie einer Drachenhöhle entspringt. Man klemmt die Finger in Risse oder findet notdürftig Stand; doch beides zugleich ist selten. Ohne Taugwalder würde ich nicht auf den Hammer verzichten. Er hingegen hebt sich ohne langes Zögern volle Seillängen hinauf und wird dabei wissen, was er sich zumuten darf. Diesen Sommer hat er mit Graven die Eiger-Nordostwand bezwungen. Man merkt es seinem Stil an, dass ihm solche Wände vertraut sind.

Wir gelangen auf eine von Glimmersplittern beworfene Platte. Neuschnee haftet daran und macht sie schlüpfrig. Alex überschreitet sie mit Vorsicht am obern Rand und zwängt sich einen misslichen Riss hinan, wo ich den ersten Haken singen höre. Er lässt zunächst Truffer westlich über eine schonungslose Mauer nachkommen. Beide versuchen sich mit uns zu verständigen, doch vergebens. Dagegen halten sie das Seil, als gelte es die Furggenwand vor dem Einsturz zu bewahren. Alex steigt dann in der Fallirne an, wo links schwere Eiszapfen triefen. Wasser sickert irgendwo. Von Eishäuten überzogene Felsen halten uns ab, auf der andern Seite das Schuttband Ditterts zu benützen, das verlockend scheint. Wir kriechen zu Plattenschüssen, an denen mehr und mehr Schnee klebt. Sie sind massig geneigt, aber wegen ungünstiger Schichtfolge dennoch trügerisch. Hier begibt man sich in den Feuerstrich, der uns ernstlich dem Steinschlag ausliefert. Wir trachten möglichst schnell, jedoch behutsam, nach einem Block unter der Schlusswand. Ein Stein bewegt sich und saust über die Nachfolgenden, die uns verborgen sind. Wir ducken uns in ein Gesims, um auf sie zu warten. Fortwährend zischen Eisstücke herab. Ein unsichtbarer Stein pfeift unheimlich vorbei. Ich vermute, man sei auf dem Gipfel sorglos oder lehne sich hinaus, um uns zu suchen. Wir rufen verärgert, ohne einen andern Laut zu vernehmen als das ferne, schwache Krächzen einer auf- gestörten Dohle, die mit hastigem Flügelschlag die Spitze umkreist. Später bemerke ich, wie sich das Eisgehänge, das sonderbar schief am braunen Gipfelwall wie Stosszähne niedersticht, durch die blosse Wärme löst. Sonnengold umflutet das Gefels und taut den Frost in den Fugen. Im Fallen blitzen die Eisschlosse auf, sirren herab und zerprallen am Furggendach.

Über den Schneetüchern, hinter der Mündung des geächteten Gipfel-trichters, der sich für Augenblicke still verhält, biegt Alex zur Schlusswand ein. Sie ist sehr steil, aber die Griffe sind zuverlässig. Er deutet nach einer Seillänge auf eine Kehle, durch die er am Vortag das Graue Band erreicht hat, und glaubt, unmittelbar aufwärts zu steigen biete Vorteile. Nahezu senkrechte Felsen türmen sich auf, die schwierig anzupacken sind und hartnäckig den Grat meiden. Ein Haken. Wir sind wohl auf der Spur der Seilschaft Dittert, die ihn zurücklassen musste. Alex tastet sich entlang einer Leiste. Das Quer-gehen beansprucht Zeit. Jeder behindert den andern; denn der Berg zeigt sich sparsam mit dem Raum und bemüht sich, die Seile zu verwickeln. Truffer entschliesst sich für das Graue Band, das man vom Gipfel aus sieht. Wir stehen nach einer Stunde kaum einen Meter höher, dafür in Gratnähe, wo Überreste der Seilsprossen Reys vielleicht noch zu finden wären. Blanchet hat sie beim Abstieg 1929 gesichtet, ebenfalls Enzo Benedetti 1930. Nochmals dreissig Meter in der Wand bis zu einer Lücke, dann atmen wir auf, weil sich der Grat hier zurücklegt.

Wir gewinnen zusehends an Höhe und reichen einander um 12.15 Uhr freudig die Hand. Eine scharfe Bise bläst über die Schneehaube. Im Windschatten der warmen Südseite höre ich nun dem Klirren der Eiszähne zu, das die Nebelkrähen aufscheucht, so dass sie wie Pfeile zum Abgrund jagen und einen Schrei von sich geben, der in der Furggenwand erstirbt. Es ist der rätselhafte Ruf der Raben, die sich in den Wänden heimisch fühlen.

Die Gefährten verlassen uns um 13 Uhr, während wir zum Westgipfel wechseln, wo ein einsames Kreuz über einer Bresche an das Ewige erinnert, das den Bergen innewohnt. Wertbeständige Gedanken sollen sie erwecken, die das Kreuz noch eindringlicher, sinnenhafter machen möchte. Emil Javelle sah im Kreuz auf der Jochschneide ein stets rührendes Zeichen urtümlicher Frömmigkeit der Gebirgsbewohner, das auf solchen Höhen gerade zur rechten Zeit ernste Gedanken wachrufe. Er würde es bedauern, schrieb er, wenn man ein vom Sturm gefälltes Kreuz nicht mehr aufrichtete. Ja, es soll Mahnzeichen sein, Sinnbild der Ehrfurcht vor dem Gebirge, Sinnbild des Seelischen im Bergsteigen. Das Kreuz steht weder in Turnhallen noch auf Sportplätzen, sondern allgemein an Stätten, die die Seele erfassen sollen: in Gotteshäusern und auf Bergen als Gottesburgen. Theodor Wundts Worte sind mir Goldes wert: Berge geben einen Maßstab den Menschen, der die Seele für das Unermessliche vorbereitet und empfänglich macht.

Leider nicht bei jedem: Wer sich den Bart schaben liess unter dem Matter-hornkreuz, hat sich schändlich verhalten, hat den hehren Ort entweiht, verhöhnt. Da empfinden die schlichten Tibeter und Mongolen bedeutend tiefer, wenn sie auf Pässen zu Ehren der Berggeister Quarzsteine herschleppen, um ein lap rtse oder obo zu errichten, das sie in ihrer Einfalt mit Wild- rindschädeln und Hirschgeweihen schmücken; wenn sie die Steinhaufen mit Wollschnüren, Wollflocken, beschriebenen Tuchfetzen zieren, um sie als Gebetswimpel flattern zu lassen; wenn Steinmetzen Gebete oder Bildnisse auf Felsplatten einmeisseln als Kraftspender für den Wanderer; wenn Pilger auf der Bussfahrt den heiligen Berg Kailas, 6650 m, umkriechen, sich dabei wochenlang ungezähltemal demütig in den Staub werfen und auf dem Schnee abquälen, um einem Geist zu huldigen, den die unberührte Spitze verkörpert. Und wenn bei uns im Abenddämmer die Sennen den Betruf kirchturmweit über die Triften schweben lassen, um den Alpsegen für Heim, Stall und Stadel zu erflehen, dass Gott sie vor den Unbilden der Berge bewahre, dann erheben sie sich gedanklich hoch über jenen neuzeitlichen Menschen mit dem Seifenschaum im Gesicht. Mag er noch so grinsen unter dem Pinsel, Bergsteiger darf er sich nicht nennen. Das Wort Bergsteigen ist nicht eine Worthülse, es hat Inhalt; denn die Berge verpflichten den, der ihnen naht.

Am Liongrat senkt sich eine Wegspur zu den starken Seilen, die wie weisser Faden an den Abbruchen hangen. Wir gleiten daran hinunter und überschreiten den Pic Tyndall, 4240 m, der einen Einblick in die Furggenwand bietet, die schroff wie eine Klippe zum Himmel sticht. Die denkwürdigen Inschriften Whympers, Carrels, des buckeligen Luc Meynet halten uns eine Weile auf. Von der Capanna al Gran Torre sind nur die Grundmauern übrig, da sie abgetragen worden ist. Nach zwei Stunden öffnen wir die Capanna Luigi Amedeo di Savoia, die eine Tiefschau zur sagenumwobenen Bucht von Tiefenmatten und Zmutt gewährt, wo vor Zeiten ein Dorf inmitten schöner Alpstafeln gestanden habe. Guido Rey fasst seine Gefühle in den herrlichen Satz: Es ist ein Ort ganz weltabgeschieden, ohne Ausblick auf irgendein grünes Tal, ganz in den einförmigen Totenfarben der schwarzen Felsen und des weissen Schnees und noch düsterer durch den niemals weichenden Schatten des Berges, der auf ihn niederdrückt.

Unterhalb der Tête du Lion können wir endlich den Durst an Rinnsalen löschen, die dort über den Weg rieseln. Schneehalden und ein enges Tobel führen bei der Eura-Alp unter den Eisbruch, von dessen Felswand ein heftiger Wasserstrahl auf den Bergschrund peitscht und uns mit seinen Spritzern erwischt. Taugwalder sputet sich, da der Lauenkegel mit Trümmern übersät ist. Wir springen zu den Moränen des Forcagletschers, wo der Schatten des Matterhorns, dieses Zauberdornes, uns über Spalten, Geschiebe, Schneemulden begleitet und mit seinem kühlen Hauch erfrischt. Unser Gang ist dann gemächlich. Er dünkt mich endlos lang unter der Breitseite, deren seltsame Umrisse, sternenfern entfliehend, unvermittelt meinen Blick anziehen. Nach altehrwürdigem Volksglauben sei sie von einem Riesen aus der Erde gestampft und bedrohe als Standbild des Schreckens das Tournanchetal. In den Wandlöchern sollen Wildmänner hausen, ständig Blöcke niederschleu-dern und Edelsteine hüten, die in der Sonne gleissen.

Wir betreten kurz nach 18 Uhr das Furggjoch, 3273 m, wo ein guter Steig, vielleicht auch für Schmuggler geeignet, durch die Flühe zum Furgggletscher geht, auf dessen Ebene ein wahrer Morast mit Wassertümpeln liegt, den wir rücksichtslos durchwaten. Bei P. 2987 trennen wir uns. Ein Führer wartet dort, um Alex zur Hörnlihütte zu holen. Nach einem herzlichen Abschied eile ich über Firnfelder, stolpere auf Geröll und Schotter zu einem Moränenteich, wo in einer Senke ein Pfad zum Schwarzsee beginnt.

Nach einer Rast trete ich aus dem Gasthof in die Nacht hinaus. Die verbrauchte Hand umfasst von neuem den Pickelschaft, als sei er glatt wie Glas. Am Himmel zucken wieder Lichtkörner, zwischen denen Sternfunken wie Glühfaden aufleuchten. Ein wesenloser Schein flimmert am Breithorn. Ich vernehme das Tosen aus der Gornerschlucht, aber spähe vergeblich im alten Sumpfboden des Schafberges nach den Irrlichtern, die einst Burgener in abergläubische Angst versetzt hatten, so dass er Mummery zurief: Sehen Sie, Herr, die toten Leute?

Ein letztes Mal kehre ich mich an einer Weggabel hoch über den Arvenbeständen um: Das Matterhorn starrt aus dem Hintergrund, abweisend und kalt. Dann versinkt es in die Hügel der Alp.

Um 22 Uhr gehe ich über die Brücke bei Winkelmatten.

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