Matterhorn von heute

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Von Hugo Sdiweingruber.

« Endstation MatterhornspitzeAlles aussteigenBesuchen Sie unsere Cocktail-Bar mit Tanzdiele! »... Du lieber Himmel! —Nein, so weit sind wir doch noch nicht! Derartige Pläne ums Matterhorn sind glücklicherweise wieder verstummt.

« Beschwören wir die Geister der Toten, dass es nie so weit kommen möge! Rufen wir die Stürme und die ganze Wildheit des Berges auf zum entschiedenen Widerstand! Wer das Matterhorn so weit erniedrigen wollte, dem ist wahrlich der letzte Rest Achtung vor der Natur abhanden gekommen! » Mit diesen Worten endet das prachtvolle Werk Guido Reys 1 ). Er hat das Lied vom Matterhorn gesungen — und dabei tief in die Saiten gegriffen. So war das « Hora » ehemals; so wurde es umworben und erstiegen. So wirkt es in gewisser Beziehung auch heute noch.

Tempora mutantur. Wie besteigt man das Matterhorn heute? Welche Eindrücke gewinnt eigentlich heute der Bergsteiger von ihm? Sei er nun Anfänger ( eigentliche Anfänger gehören nicht an den Bergoder bergkundig, gemischter Art wird dieser Eindruck auf jeden Fall sein. Das Matterhorn ist und bleibt ein Berg der Stimmungen. Aber wir werden bald eine Verkehrs-regelung nötig haben, soll einer der bekanntesten Zermatter Führer einmal gesagt haben.

Nicht von den « Prüfsteinen für die erlesensten Alpinisten » — den Matter-hornwänden — möchte ich reden. Diese kenne ich ja nicht aus eigener Erfahrung. Ich möchte heute vielmehr nur als einer von den vielen Erstlingen berichten, die jährlich mehr oder weniger glücklich den Gipfel erreichen, der schon über hundert Personen zu gleicher Zeit erfreut haben soll. Ich war ja damals auch so einer jener « gewöhnlichen Bergsteiger », hatte ausnahmsweise meine mehr oder weniger einsamen Pfade verlassen — nur gerade um den modernen Eindruck des Berges kennen zu lernen. Nun hätte ich allerdings dasselbe an manchem andern Berg auch erleben können; aber keiner hätte meinen Bericht wohl so kaltblütig ertragen können wie das mit Ruhm bedeckte Matterhorn. Meine Schilderung verfolgt auch keinen Zweck, sondern möchte neben dem Stimmungsvollen vor allem auch durch die Routenbeschreibung das rein Bergsteigerische zu Worte kommen lassen.

Geladen mit der frischen Erinnerung einer durchgeführten Weisshornüberschreitung begrüssten wir das freundliche Dorf Zermatt. Die Schneeverhältnisse an jenem Walliser Riesen waren massig und die Besteigung infolgedessen mühsam gewesen. Aber trotzdem hatten wir prachtvolle, einsame Tage hinter uns. Nachträglich komme ich aber um den Gedanken nicht herum, dass das Erlebte doch nicht die richtige Grundlage für den Matterhorn-Hörnligrat gewesen ist. Der Gegensatz war doch vielleicht zu krass. Der erfahrene Alpinist wird wohl auch herausfinden, auf welche Art sich dieser kleine Organisationsfehler bemerkbar machen sollte.

Nun, schon der Beginn der Fahrt war recht stimmungsvoll. Wir widmeten uns zunächst, da wir recht hungrig waren, rein leiblichen Genüssen in Form eines währschaften Mittagessens in einem Zermatter Gasthof, wobei wir leider auch gerade erfahren mussten, dass an irgendeinem Matterhorngrat eine Zweierpartie abgestürzt und eine Bergungskolonne unterwegs sei. Und ihr wollt nun trotzdem zur Besteigung aufbrechen, fragte man uns gutmütig? Zum Teufel auch, dass uns diese Frage auch nur gestellt werden muss! Men-schenskind, du erwartest sehnsüchtig zu Hause den Tag, an dem dir das Matterhorn winkt, wagst die Reise weither, das Wetter scheint gut zu sein, und nun sollst du verzichten, weil zufällig gerade an diesem Tag ein Unglück passiert ist? Eine etwas beengende Stimmung muss überwunden werden. So wie wir nun zu fünft aufbrachen, geschah dies in denkbar raschester Weise. Mit schweren Säcken, dafür aber in leichter Kleidung, ging 's bei stechender Nachmittagssonne aus dem Dorf hinaus. Zermatt ist bereits an allerlei Extravaganz und an mehr oder weniger für verrückt angesehene Sonderlinge gewöhnt. So spotteten wir seiner, als wir daherkamen wie zu einem Strandfest und Berghose und Hemd hinten am Rucksack flattern liessen.

Weiter oben verzog sich die Sonne plötzlich hinter einer Wolkenwand; dabei wurde es merklich kühl. Am Matterhorngipfel guxte und wetterte es. Auch uns erreichte bald einmal die unerwünschte Himmelsgabe, so dass wir schleunigst « umbasten » mussten. Prächtig muss sonst der Anstieg zur Hörnlihütte sein, an und für sich ein kleines Ereignis. Heute erfreute er uns unter der Gewalt des überraschend tobenden Gewitters keineswegs. Der klatschende Regen und der auf- und abbrandende Nebel liessen uns die Aussicht auf einen morgigen Erfolg reichlich klein werden. Vom felsigen Riesenleib unseres Berges war nichts mehr zu erblicken, seine Tränen spürten wir jedoch am eigenen Leib. Hoffnungsvoll trösteten wir uns mit dem Gedanken, dass wir in einem jener typischen Matterhorngewitter steckten. In einigen Stunden war möglicherweise alles vorbei.

Der Weg wurde nun steiler und führte im Zickzack an dem felsigen Ausläufer des Hörnligrates empor. Wie wir um eine Ecke bogen, überraschte uns eine schweigende Bergführerkolonne. Düster dreinblickende, durchnässte Männer trugen in ihrer Mitte auf einer Tragbahre einen vollständig in Decken gehüllten menschlichen Körper. Auch das Gesicht des Verunfallten war nicht sichtbar. Diese Begegnung war nicht angenehm; sie gab uns innerlich einen fühlbaren Stoss, den wir in der ersten Überraschung nicht gerade auszugleichen vermochten. Der schweigsame Trupp zog bereits an mir vorüber. In der Meinung, dass die Führer den einen der Abgestürzten gefunden hätten, zog ich wortlos meinen nassen Berghut, um dem Toten, wie es üblich und anständig ist, auf diese Art die letzte Ehre zu erweisen. Meine Kameraden taten dasselbe. Der Zuletztgehende der immer noch wortlosen Schar beruhigte mich nun leise und kaum merklich lächelnd mit den Worten: « II n'est pas mort » — und weg waren sie. Wie wir oben in der Hütte in Erfahrung bringen konnten, hatte sich der Unglückliche bei einem Sturz in der Nähe des grossen Couloirs immerhin verschiedene Knochenbrüche zugezogen. Aber unserer Stimmung war diese Begegnung neben dem düstern Wetter und der Ungewissheit des kommenden Tages gleichwohl nicht von Nutzen.

In der Hörnlihütte herrschte Hochbetrieb. Hüttenleben am Matterhorn, du Vergangenheitsidyll, du ironische Romantik heutiger Zeit! Schon die Aufnahme war begreiflicherweise nicht gerade erhebend, war doch der Raum überfüllt, so dass wir uns selber überflüssig vorkamen. Schliesslich wirkte ein von mir überreichter Gruss Wunder in Form zweier Plätze auf einer hingelegten Matratze, während unsere beiden Senioren im Gebäude nebenan ( dem Hotel !) wohl angenehmere, aber dafür auch teurere Ruhe fanden. Von einer richtigen Abendmahlzeit war für uns kaum die Rede; wir waren froh, dass wenigstens die Stunden ziemlich rasch vorbeigingen. Auch der Gedanke, morgen scharenweise den Fels in Angriff nehmen zu müssen, gab uns keine rechte Ruhe.

Die Steinschlaggefahr ist am Matterhorn bekanntlich gross, besonders in den untern Felspartien, wo man gezwungen ist, erst das grosse Couloir und nachher ziemlich lange die wohl nicht sehr steile, aber gleichmässig exponierte Ostflanke zu begehen. Brechen mehrere Seilschaften miteinander zur Besteigung auf, so müssen sie zwangsläufig nahe aufgeschlossen klettern. Ich überlegte mir die Sache folgendermassen: Klettern wir als erste Partie — wir hätten wahrscheinlich schon um Mitternacht aufbrechen müssen! —, so würden wir mangels genauer Ortskenntnis in der Dunkelheit durch die Führerpartien bald eingeholt werden, zumal da wir eine Fünferpartie bilden ( 2 und 3 Mann ). Beginnen wir die Besteigung mit den übrigen zu « normaler » Zeit ( 2 bis 3 Uhr ), so erwartet uns das wenig beneidenswerte Los, am « laufenden Band » einem Gipfel zustreben zu müssen. Diesen Nachteil heutiger Wochenend-Bergsteigeréi suchten wir zu vermeiden. Von den Steinen, die uns und andere gefährden würden, gar nicht zu reden. So blieb uns nur noch die eine Möglichkeit: lassen wir ruhig die übrigen Partien weit voraus, so dass uns ihre steinernen Grüsse nicht mehr erreichen können, und suchen wir uns unsern Weg selbst. Man hat es ja im vorigen Jahrhundert auch so machen müssen!

Die Lichtlein der vielen Führerpartien bewegten sich bereits der Solvayhütte ( 4000 m ) zu, als wir beim Laternenschein in die sternenklare Nacht hinaustraten. Es mochte etwa halb 4 Uhr sein. Gott sei Dank, wir waren allein! Der Respekt vor dem gewaltig sich vor uns auftürmenden Giganten bedrückte uns nun doch ein wenig. Die Stimmung und Zuversicht bei meinen Kameraden schien keineswegs erstklassig zu sein. Von meinem Vorschlag, den sämtlichen Rucksackinhalt von gestern mitzuschleppen, um alle Möglichkeiten, wie Überschreitung, Wetterumsturz und dergleichen offen zu behalten, wollten sie schon gar nichts wissen. Nimmt einen vor jeder ernsten Bergfahrt, besonders zur Nachtzeit, eine bange, erwartungsvolle Stimmung gefangen, die dann zumeist mit Tagesanbruch wie die Windfahne oben am Grat zerflattert, so scheint dies bei demjenigen, der zum erstenmal in der Finsternis an den Matterhornfelsen steht und im Vertrauen auf eigenen Spürsinn die Kletterei beginnen soll, in verstärktem Masse der Fall zu sein. Schweigsam erreichten wir in einigen Minuten das Ende des immer noch wenig felsigen Hörnlirückens und standen am Einstieg vor einer finster aussehenden Wandstufe. Gleich hier hiess es kräftig zupacken im nassen Fels! Der Laternenschein war trügerisch und warf statt Licht hauptsächlich lange, tanzende Schattengestalten voraus. Ein kleines Couloir, und schon hatte man das Gefühl, nun wirklich im felsigen Massiv drin zu stehen. Leicht ging es nun weiter einer trümmerreichen Halde entlang, über den schliesslich ein kaum sichtbarer Pfad emporwies, bis das grosse Couloir in der Finsternis auftauchte. Während wir dieses selbst rechts liessen, erreichten wir dessen Höhe in seiner Wandstufe in prächtiger, angenehmer Kletterei. Von fallenden Steinen hörten und fühlten wir glücklicherweise nichts. Unsere Aufmerksamkeit war vor allem den verschiedenen Kratzspuren zugewandt, deren wir eine Unmenge vorfanden. Erst glaubten wir, dass es sich dabei einzig um Nagelspuren früherer Partien handle, mussten uns aber dann bei Tageslicht sagen, dass die meisten doch wohl von Steinschlägen herrühren. Es war unterdessen Tag geworden, die steinschlaggefährlichste Stelle lag bereits unter uns. Auf der Höhe des Couloirs lockte es uns, den Grat durch eine Einschwenkung nach rechts zu gewinnen, doch sahen wir unsern Irrtum rasch ein. In regelmässig ansteigender Linie ging es in der Flanke empor. Zur Rechten, weit über dem Couloir, bemühte sich augenscheinlich eine führerlose Partie, dieses von oben wieder zu erreichen. Die beiden hatten sich wohl verirrt. Doch nein, sie hatten nahe am Grat biwakieren müssen und waren nun im Abstieg begriffen. Gute Reise! In leichtem, fast eintönigem Anstieg wurde der alte Hüttenplatz erreicht; von dem einstigen kleinen Bau ist kaum mehr etwas vorhanden. Der Nachteil unserer Fünferkolonne machte sich schon jetzt stark bemerkbar — oder dann das kurz vorher bezwungene Weisshorn. Wir nahmen es heute auf alle Fälle allzu gemütlich. Da über uns bereits die Solvayhütte in der Morgensonne glänzte, war uns um den weitern Weg nicht bange. Zwischen Fels und Schnee oder Eis weiterkletternd, wurde es nun aber doch ernster. Wir hielten uns nach kurzer Zeit mehr gegen den Gratturm zu, vor welchem die Hütte immer besser sichtbar wurde. Der Fels, weniger trümmer-artig als vorher, war ziemlich plattig geworden, erforderte grössere Vorsicht, und jedesmal, wenn wir uns etwas zu tief gegen den Schnee zu hielten, wurde die Sache bedenklich. Ein paar eingehauene Stufen führten über blankes Eis und bewiesen uns, dass wir die richtige Höhe innehielten. Die Griffe im Fels traten plötzlich wenig hervor und waren ziemlich schlüpfrig, doch ist die Gesamtneigung der nach links auf den Furggengletscher abfallenden Wand eigentlich nicht sehr steil. Wir glaubten nun, ungefähr die Stelle der berüchtigten Moseleyplatte vor uns zu haben. Zu unserer Überraschung holte uns hier ein Alleingänger ein, der weder Seil noch Pickel mit sich führte. Offenbar im Eis weniger zu Hause als im Fels, bat uns der Deutsche um rasche Seilhilfe über die paar Eisstufen hinweg, die wir ihm natürlich gewährten. Der sonderbare Mann bewies Mut. Aber ob er den Gipfel erreichen wird, ist eine andere Frage. In der Folge wurde der Fels recht gut und zusammenhängend, so dass sich die direkt unter der Hütte befindliche Steilstufe in prächtiger Kletterei überwinden liess. Ungefähr um 9 Uhr standen wir vor dem hübschen Bauwerk — mitten in der Zivilisation drin!

Die Solvayhütte besitzt einen einzigen Raum mit zwei Schlafpritschen und den notwendigen Decken, aber keine Kochgelegenheit und ist nur für Notfälle zu benützen. Tagsüber jedoch schien « table d' hôte » und anderes mehr erlaubt zu sein! Sie steht aber auch auf 4000 Meter Höhe und kann sich offenbar so was erlauben. Der Raum war bei unserer Ankunft vollständig beansprucht; selbst an der Hüttentüre konnten wir nur mit grosser Mühe vorbeikommen, und vor dem Bau ist sowieso der Platz beschränkt. Partien kamen und gingen, hinab und hinauf, viele hatten überhaupt ihr Ziel, nämlich die Hütte, erreicht. Meist waren es diejenigen, welche uns den Gedanken der « table d' hôte » aufdrängten. Eine Führerpartie war längst vom Gipfel wieder zurück, und zwei junge Damen erprobten führerlos und mit grossem Mut, aber anfänglichem Misserfolg, ihre Gewandtheit an der an die Hüttentüre anschliessenden, etwas schwierigen Kletterstelle, welche den Zugang für den weitern Anstieg erschliesst. Wir bewunderten im stillen die Selbstverständlichkeit, mit der sie zu Werke gingen, dachten aber auch mit Bangen an die Folgen eines möglichen Wettersturzes weiter oben. Was uns betrifft, so war es uns vorerst gar nicht möglich, weiter zu kommen. Die schwierige Stelle über der Hütte wurde unter den kritischen Blicken der « Sperrsitzinhaber » fortwährend belagert. Eben wurde sie von einem absteigenden Führer mit bewunderungswürdiger Behendigkeit passiert. Ein Griff linkerhand, einer rechts unten, und schon war er drüber hinweg und stand vor uns. Die meisten der ankommenden Seilschaften waren übrigens im Abstieg begriffen. Hatten alle den Gipfel erreicht? Beileibe nichtSo war es ungefähr 11 Uhr, als wir endlich an die Reihe kamen. Ruhig und sicher überwanden wir die Stelle — wir hatten ja lange genug zuschauen müssen, wie man 's machtsie kam uns wirklich unangenehm exponiert vor, aber auf einen « Publikumserfolg » konnten wir verzichten.

Von jetzt an hielten wir uns immer nahe am Grat. Der Fels war nicht schwieriger und steiler als unterhalb der Solvayhütte, im Gegenteil. Weit über uns kletterte noch eine einzige Partie dem immer noch fernen Gipfel zu. Auch die beiden Damen und der deutsche Alleingänger hatten demnach, offenbar im Hinblick auf die vorgerückte Stunde, von der weiteren Besteigung abgesehen. Auch wir waren ja verspätet, das wussten wir. Gegen die « Schulter » zu gefiel es uns nun aber gewaltig. Der Tiefblick in die schaurige Nordwand und auf den Matterhorngletscher hinunter ist fabelhaft. Der Gipfel schien uns jetzt doch nahe zu sein. Die « Schulter » selbst war mit einer ziemlich tiefen Schnee- oder Eisschicht bedeckt, doch erleichterten uns einige von Seillänge zu Seillänge hervortretende Eisenstifte, Überreste eines fixen Seils, das Weiterkommen. Unsere Dreierpartie schnallte trotzdem die Eisen an, während wir beide, von Stift zu Stift sichernd, prächtig an Höhe gewannen. Eile war nun endlich aber auch am Platz! Die mit grosser Geschwindigkeit aus der Tiefe heranbrodelnden Nebelschwaden, die bisher über uns immer ins Nichts zerflossen waren, setzten sich nun doch um uns fest und beraubten uns leider des prächtigen Tiefblickes. Der Hang wurde steil und der eigentliche Grat verlor sich darin. Ein schlüpfriges Seil half uns über eine senkrechte Stufe von zirka drei Meter hinauf. Uns schien es, sie hätte auch umgangen werden können. Immer kleinere Felsabsätze ragten aus dem Schnee heraus. Wir hatten gar keine Sicht mehr und strebten in grosser Eile dem nahen Gipfel zu. Die eingeholte deutsche Partie schien Atembeschwerden zu haben; anstandslos liess sie uns vorangehen. Eine Führerpartie hatte den Gipfel von der italienischen Seite erreicht und begegnete uns jetzt. Immer düsterer wurde es um uns. Wir waren froh über die letzte « Himmelsleiter » und standen um halb 2 Uhr nachmittags auf dem Schweizergipfel des Matterhorns. Um die Aussicht waren wir betrogen. Was wir erreicht hatten, war verdient. Hatten wir aber mehr verdient?

Von einem Abstieg auf der andern Seite war natürlich nicht die Rede. Die Fünferzahl war uns schon auf Schweizerboden ein arger Hemmschuh. So wunderte ich mich gar nicht einmal, als wir erst gegen 6 Uhr abends die Solvayhütte wieder erreichten. Wären wir nun weitergegangen, so hätten wir die heikle Stelle des Couloirs oder überhaupt denjenigen Teil, bei dem die Gefahr eines Fehlganges wohl am grössten ist, bei Nacht begehen müssen. Zu unserm sonst gewohnten Tempo langte es einfach nicht. So glaubten wir, berechtigt zu sein, die eigentlich nur für « Notfälle » zur nächtlichen Unterkunft zur Verfügung stehende Solvayhütte ausnahmsweise benützen zu dürfen. Auch war uns über das Schicksal der beiden führerlosen Ausländer, die wohl an der « Schulter » im Hochgewitter steckten, etwas bange. Merkwürdigerweise konnten wir uns hier über das Wetter nicht mehr beklagen, so dass wir uns den Genuss eines wundervollen Abends in 4000 Meter Höhe wirklich nicht gern hätten entgehen lassen. Um 8 Uhr waren auch die Nachzügler angerückt.

In wunderbarer Klarheit verabschiedete sich der ereignisreiche Tag von uns. Düstere Schatten schlichen aus den tiefen Tälern herauf, nur das Eis erglänzte noch in seltener Pracht. Drunten tauchten schon die Lichtlein Zermatts auf und hier, wie es schien ganz in der Nähe, der Lichtstern der Hörnlihütte. Das war Matterhornromantik und nicht diese wohl wiederum überfüllte Clubhütte dort, auf die wir jetzt so überlegen hinabguckten! Man hatte uns von dort längst gesichtet. Aus irgendeinem Grunde fanden wir es für ratsam, uns nicht allzu sehr bemerkbar zu machen. Wir waren ja jetzt ein sogenannter « Notfall », aber man sollte uns ja nicht etwa heute noch herunterholen wollen! Ein bisschen Proviant oder etwas für unsere durstigen Kehlen wäre uns allerdings recht gewesen; denn gemütlich war es nun in unserem Räume doch lange nicht: kein Wasser, kein Brennstoff, unser Proviant zum grössten Teil in der Hörnlihütte, dazu eine sehr niedrige Temperatur. Nun, wir heizten mit Kerzenlicht, das uns zugleich das köstliche Nass aus dem kalten Schnee hervorzauberte. Schlotternd wickelten wir uns in die Decken, wo uns sogleich ein wohltätiger Schlaf übermannte, und als ein neuer, blendender Tag durch die vereisten Fensterscheiben hereinbrach, da stand bereits die erste Führerpartie vor unserem Heiligtum, und die erste Früh-besteigung des neuen Tages entrollte neuerdings das « laufende Band ». Ja, wir mussten uns sogar noch sputen, auf den Beinen zu sein, bevor der Hüttenraum wiederum vollständig in Anspruch genommen wurde. Unverzüglich und missmutig zogen wir ab, ohne die Gelegenheit wahrgenommen zu haben, den Gipfel heute als erste und bei guter Witterung erreichen und uns gleichzeitig wegen unseres gestrigen Berner Tempos rehabilitieren zu können. Wir waren einfach an diesem Matterhorn keine richtigen Alpinisten mehr! Wie sehnte ich mich nach meinen bisherigen Fahrten auf einsamen Wegen 1 Zum Überfluss wurde der Vorausgehende von uns durch einen fallenden kleinen Stein, der angeblich von uns selber gelöst worden sein soll, ungefährlich am Kopf getroffen, was unserer Laune sowieso nicht sehr förderlich war. Das Matterhorn bleibt eben ein Berg allerlei Launen, heute vielleicht noch vielseitiger als früher!

Über die auch nicht sehr angenehme Episode in der Hörnlihütte, die sich um die etwas heikle Frage drehte, ob die Benützung der Solvayhütte " durch uns einem Notbedürfnis entsprach oder ob wir vielmehr der für unberechtigte Unterkunft vorgesehenen Busse von Fr. 10. pro Person verfallen waren, möchte ich den Mantel der Nächstenliebe ausbreiten. Rechtlich war die Sache für uns und die beiden Ausländer fabelhaft interessant, doch gehört das nicht mehr zu meiner Schilderung.

Wir sind damals fünf liebe Kameraden, aber vielleicht auch fünf bergsteigerische Sonderlinge beieinander gewesen, die auch dem « Althergebrachten » möglichst neue Wege abzugewinnen suchten. Sollte es noch mehr dieser Gattung geben, die das Matterhorn auf der üblichen Route kennen lernen möchten, so komme ich in Versuchung, ihnen zu empfehlen, gleich uns darauf zu verzichten, die halbe oder ganze mehr oder weniger unbekannte Besteigung unter den üblichen Begleitumständen zur Nachtzeit auszuführen. Der um seine genussreichen Fahrten besorgte Bergsteiger pflegt zwar derartige kleine Ratschläge nur ungern zu erteilen, doch ist ja glücklicherweise zu erwarten, dass es doch nicht so viele « Sonderlinge » geben wird, dass sie einander im Matterhorncouloir — nun nicht mehr zur Nachtzeit, dafür aber bei Tageshelle — durch Steinlawinen gefährden werden! Aber tatsächlich könnte eine gute Zweierpartie zum Beispiel den andern Touristen später ungefähr an der « Schulter » begegnen, worauf dann wiederum « Bahn frei » wäre. Man wird dabei allerdings immer riskieren müssen, in die Zeit des gerade am Matterhorn so häufigen Gipfelnebels hineinzugeraten, und, wohlgemerkt, die Partie muss rasch und sicher klettern können!

Leb wohl, du stolzes Matterhorn, du Berg der gemischten Gefühle! Den Respekt vor dir habe ich nicht verloren. Eine ernste Sache bist du trotz allem und wirst, nach dem Gesehenen gemessen, noch manches Opfer fordern, nicht nur in deinen Wänden. Vielleicht komme auch ich wieder zu dir, aber doch lieber von deiner etwas einsameren Seite her! Für dieses Jahr habe ich genug.

Ich bin etwas traurig nach Hause gekommen...

Die Pflanzenwelt ist in Bewegung.

Mit 4 Zeichnungen von Hans Tomamichel.

Von Adolf Wirz.

Lieben Sie es, in Ihren Ferien lateinische Blumennamen auswendig zu lernen, mit Abhandlungen über Staubgefässe, Blütenformeln und Pflanzenfamilien traktiert zu werden? Auf botanischen Exkursionen geschieht das! Aber ziehen Sie ihre Nagelschuhe getrost an und kommen Sie mit nach Morteratsch, Sie werden sehr viel Neues und Schönes von dieser Fahrt mit unserem Führer, Herrn Professor Braun-Blanquet, mit nach Hause bringen. Wenn Sie je Ihre Sommerferien in Pontresina verbrachten, sind Sie diesem bescheidenen, sympathischen Mann und treuen Freund des Engadins wahrscheinlich schon begegnet. Er stammt aus Chur, wo er in seiner Jugend Bankbeamter war. Heute ist er Botaniker von Ruf und Verfasser einer grossen Reihe höchst wertvoller wissenschaftlicher Arbeiten; er bekleidet in Montpellier das Amt des Direktors der Station Internationale de Géobotanique Alpine et Méditerranéenne. Eine ungewöhnliche Laufbahn! Sie beweist sein tiefes Interesse und grosse Liebe zu den Pflanzen und ihrem Bergraum.Professor Braun-Blanquet hat uns auf sanft gewellten Pfaden über urzeitlichen Gletscherboden hinweg auf die Moräne hinaufgeführt. Vor uns die schimmernden Firne der Berninagruppe, ganz rechts aussen der kühne Biancograt, der messerscharf ins Blau des Himmels schneidet, und links, noch nicht vollständig sichtbar, der dreizackige Palü in eisiger Stille; eine ewige Einöde, scheinbar ohne jedes Leben. Oder hielte es jemand für möglich, dass in jener rauhesten Welt von Frost und Kälte, Eis und Lawinen noch irgendein pflanzliches Wesen gedeihen könnte? Es scheint aussichtslos — und ist trotzdem Tatsache. Wir sind ordentlich erstaunt, zu vernehmen, dass dort oben bereits die ersten, kühnen Vorboten der Pflanzenwelt stehen. In den wenigen schneefreien Felsspalten wächst der Gegenblättrige Steinbrech, ein kleiner, ausserordentlich zäher Geselle, mit dicklichen, widerstandsfähigen Blättern und hübschen, weinroten Blüten. Und noch höher, wo selbst der Steinbrech keine Wurzeln mehr schlagen kann, wo nichts mehr ist als kalter, feindlicher Fels, dort haben sich die letzten zwei winzigen Pflanzenformen auf Leben und Tod verbündet und bringen es so auf fast wunderbare Weise fertig, neuen Lebensraum zu besiedeln. Die Entbehrungen sind un,,, ,_. °..,Einer der kühnsten Vorboten glaublich gross. Der Fels ist hart, er wird der PflanzenweU: der Gegenblättrige unerträglich heiss in der glühenden SonneSteinbrech auf 3000 m ü. M.

DIE PFLANZENWELT IST IN BEWEGUNG.

und kann sich innert wenigen Stunden weit unter den Gefrierpunkt abkühlen. Nahrung ist wenig da man muss es verstehen, von Licht, Luft, Staub und Wasser zu leben. Und wie nennen sich denn diese merkwürdigen Pflanzen Es sind Flechten. Jede Flechte ist ein Doppelwesen, bestehend aus einer grünen Alge und einem Pilz, die sich beide in ihrem Fortkommen helfen. Flechten sind kaum umzubringen: sie können Temperaturen von über 60° Celsius aushalten, sie können austrocknen, dass man sie zu Pulver zerreiben kann; wieder befeuchtet, wachsen sie weiter. Auf dem von verwitterten Flechten gebildeten Humus mögen sich später einmal Moose ansiedeln, auf denen dann wiederum höhere Pflanzen keimen können. Für gewöhnlich wird dem Wanderer dieses wunderbare Kleinleben auf dem Fels gar nicht bewusst.

Die genügsamen Flechten ( nicht die gleichen ) finden wir übrigens auch am Ende des Gletschers, am Rande seiner vielzackigen Zunge, dort, wo das ungestüme kleine Bächlein hervorquillt. Schon die ersten Fussbreiten des Bodens, die das Eis freigibt, sind von Flechten erkämpft worden. Auch hier beweisen sie auf dem unsicheren Grund eine ganz erstaunliche Zähigkeit im Kampf mit dem Gletscherbach. Unzählige Male werden sie überschwemmt, mit Sand überschüttet, gewaltsam vernichtet, und immer wieder versuchen sie von neuem den Ansturm, wie von mächtigem, unsichtbarem Eroberungs-willen getrieben.

Aber schauen wir uns etwas in der nächsten Umgebung um, betrachten wir die Gletschermoräne. Zuerst scheint uns das wenig lohnend. Was sollten wir auf diesem trostlosen Stein- und Schutthaufen, den der Gletscher aufgeworfen hat, Besonderes finden? Und dennoch: wer mit offenen, suchenden Augen hinsieht, entdeckt ein interessantes pflanzliches Leben. Da ist z.B. dieser duftende Zwergwermut, dicht daneben stehen Weiden verschiedener Art, von der Pflanzenwelt hier hinauf geschickt, um das Geröll festzuhalten und nach und nach zur Sesshaftigkeit zu zwingen. Und dort, was ist das für ein kleiner Knirps von Nadelbaum, der sich bis hierher vorgewagt hat und sein Krönlein nun munter in der Gletscherluft bewegt? Es ist eine Lärche. Die Lärche ist ein eigentlicher Pionierbaum; er liebt nicht das bequeme Dasein auf fetter, humusreicher Erde, das abenteuerliche Leben des Eroberers liegt ihm in den Fasern. Unwirtliche Schutt- und Steinwüsten ziehen ihn an; er will Neuland für die Pflanzengesellschaft erkämpfen. Ihm und den übrigen Pionieren, den Schuttstauern und Schuttkämpfern, wird es in Jahrzehnte- oder jahrhundertelanger Arbeit, nach unzähligen neuen Verschüttungen und Verheerungen, gelingen, sich Der Lärche liegt das abenteuerliche Leben zu vermehren und auszudehnen, die Modes Eroberers in den Fasern.räne reicher und reicher zu bewachsen, DIE PFLANZENWELT IST IN BEWEGUNG.

sie zur Ruhe zu zwingen, bis sie erstarrt ist und grün wird: zu Wiese und Wald. Dann aber ist längst den Schuttpionieren das Leben hier unmöglich geworden, es kommen andere Pflanzengattungen und machen sich breit... Die Pioniere müssen weiter vordringen, erobern, den Boden urbar machen für neues Leben...

Nun wollen wir uns aber einmal besehen, wie die Vegetation dort aussieht, wo die Moränenpflanzen ihre Pionierarbeit bereits getan haben und der Boden stabilisiert ist. Also über Stock und Stein hinunter von der Moräne und hinauf an den Seitenhang des Gletschers. Auf dem Fussweg, der dort in halber Höhe sich talwärts schlängelt, wollen wir zurückwandern nach Morteratsch und dabei die Pflanzen etwas näher anschauen. Auch hier treffen wir noch Weiden an, aber ihr Lebensraum ist bereits geschmälert durch neue Siedler, Strauchpioniere, die sich hier breit zu machen versuchen, zum Beispiel Zwergwacholder, Bärentraube, Krähenbeere. Diese zähen Sträuchlein, eng an den Boden geduckt, fesseln mit den Zugtauen ihrer Wurzeln den Bergschutt. Und seht, welch eigentümliches Blatt, das Blatt der Krähenbeere: aufgerollt ist es und schaut aus wie eine Nadel! Weshalb wohl? Um sich vor dem trocknenden Bergwind zu schützen, erklärt unser Professor. So ein Wind kann nämlich sehr durstig sein und allzu leicht der Pflanze den schon kärglichen Vorrat an lebenswichtigem Nass entziehen. In der Botanik-stunde habe ich mir einmal aufgeschrieben, dass eine Birke täglich 60-70 Liter Wasser an die Luft abgibt! Gleich daneben spriessen die weissen Blütenkolben des seltsamen lebendiggebärenden Knöterichs. Nein, nein, dies ist kein Schabernack, verehrter Leser! Der Knöterich bringt wahrhaftig lebende junge Kinder auf die Welt, lässt statt Samen gleich kleine Pflänzchen auf den Erdboden fallen und umgeht so den zeitraubenden langwierigen Prozess der Befruchtung und Samenreife. So kann sich der Knöterich auch dann vermehren, wenn die Schneedecke lange bleibt und die Vegetationszeit kurz ist.

Je weiter wir uns dem Talausgang nähern, desto auffälliger werden die Veränderungen der Vegetation. Die Sträucher sind zahlreicher, kräftiger und grösser, vereinzelte knorrige Arven tauchen auf, dazwischen bilden sich erst kleine und holperige, dann immer üppigere und grössere Rasenstücke. Die Arven werden, je weiter wir talwärts gehen, zusehends grösser, breiten ihre buschigen Äste weiter aus, bilden Schatten und vertreiben damit den Zwergwacholder und die Bärentraube. An ihrer Stelle erscheinen Heidelbeeren, Alpenrosen, und schliesslich gelangen wir in Morteratsch an der Mündung des Gletschertales in einen zusammenhängenden, dämmerigen Wald. Ein voller, würziger Geruch umfängt uns, als träten wir in eine frisch getäferte Bündnerstube.

Haben Sie sich auch schon überlegt, worauf die rasche Veränderung der Vegetation in diesem engen Umkreis eigentlich zurückzuführen sei? Vielleicht auf Klimaunterschiede, Unterschiede in Temperatur, Besonnung oder DIE PFLANZENWELT IST IN BEWEGUNG.

Regenmenge? Wohl kaum! Denn wir haben auf dieser nun zurückgelegten kurzen Wegstrecke so ziemlich dasselbe Klima. Wo liegt also die Ursache? Zur Beantwortung dieser Frage zieht Prof. Braun-Blanquet einen kleinen Spaten aus dem Rucksack und legt mit einigen Stichen am Wegrand das Bodenprofil bloss; damit haben wir das Geheimnis sichtbar vor Augen: es fällt sogleich auf, dass der Erdboden verschiedene, deutlich getrennte Schichten aufweist: zuerst eine dünne lose Schicht von un-

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zersetztem Humus, grösstenteils aus Baumnadeln bestehend. Darauf folgt eine dunkle, frisch zersetzte Humusschicht, dann eine sandige graue Aus- bleichschicht und schliesslich eine rot- Schnitt durch einen alpinen Boden in seinem Endzustand: ® dünne, lose Schicht von unzersetztem Humusdunkle, zersetzte Humusschichtsandige, graue Ausbleich-schichtrotbraune Anreicherungsschicht.

braune Anreicherungsschicht In ungefähr tausendjähriger Entwicklung hat sich dieses Bodenprofil gebildet, und zwar auf folgende Weise: der Regen hat die obern Erdschichten nach und nach ausgewaschen, die Mineralteile und den Humus, die in der Ausbleichschicht enthalten waren, in die Tiefe geschwemmt und sie dort in einer Anreicherungsschicht teilweise wieder abgelagert. Heute enthält also die Oberschicht dieses Bodens wenig oder gar keine Mineralteile mehr, sie ist ausgebleicht, versäuert. Damit ist aber gewissen Pflanzenarten die Wachstums-möglichkeit genommen, diese Pflanzen können auf dem versäuerten Grund nicht mehr gedeihen, sie werden verdrängt durch andere Pflanzenarten, namentlich Alpenrosen, Heidel- und Krähenbeeren, die den stark sauren Boden lieben und sich darauf günstig entwickeln. So entsteht der Alpenrosen-Arvenwald, das heutige Endglied der Vegetationsentwicklung im Oberengadin.

Die Pflanzenwelt ist in Bewegung 1 Für gewöhnlich, bei oberflächlicher Betrachtung, fällt uns dieser ständige Wandel natürlich nicht auf, er vollzieht sich unsichtbar und lautlos, in sehr langen Zeiträumen, verglichen mit unserem kurzen Erdenleben. Erst bei genauerem Beobachten wird uns der Wechsel bewusst. Betrachten wir ihn noch einmal mit dem Zeitraffer: Hoch oben im Fels setzen sich Flechten fest, schieben sich Millimeter für Millimeter vor, blühen und vermehren sich. Langsam wird der kahle Fels besiedelt, langsam wird seine Oberfläche zum Wachstumsgrund für winziges pflanzliches Leben. Das ist der erste Sieg in der Eroberung des unfruchtbaren Felsens. Aber die Entwicklung schreitet weiter: das Gestein wird im Laufe DIE PFLANZENWELT IST IN BEWEGUNG.

der Jahrhunderte verwittert und zernagt von Frost, Steinschlag und Lawinen, in seinen Rissen können Pflänzchen Wurzeln schlagen. Die Erdschicht wird nach und nach reicher, ebenso die Entwicklung des Pflanzenlebens. Aber der Boden, der sich kaum gebildet hat, verharrt nicht im Ruhezustand, sondern verändert sich fortwährend unter dem Einfluss des Klimas. Er wird ausgewaschen, versäuert. Damit aber wird er unbekömmlich für gewisse Pflanzenarten, die basischen Grund lieben; diese Pflanzen werden abgelöst durch solche, denen saure Erde besser zusagt. So schreitet die Entwicklung fort, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Wo unser Auge Ruhe und Ausgeglichenheit sieht, ist in Wahrheit Bewegung, Umwandlung, ewiger Wechsel.

Dürfen wir an diese überraschende und bedeutungsvolle Feststellung eine kleine philosophische Betrachtung knüpfen? Es ist die Erkenntnis, dass das eherne Gesetz vom ständigen Wandel, von der Unstetigkeit und Vergänglichkeit alles Seienden im kleinsten wie im grössten genau gleich gilt, auch dort, wo es uns gewöhnlich nicht auffällt. Leute, die in diesem Leben auf stabile Verhältnisse warten, auf ruhige, auf « normale » Zeiten, und sich bis dahin untätig und ängstlich in ein Schneckenhaus verkriechen — diese Leute betrügen sich selbst, sie sind im Irrtum, sie können bis an ihr seliges Ende untätig warten, während ihr Leben zerrinnt. In der Natur wie in der Weltgeschichte und im Leben des einzelnen Menschen ist eines ganz sicher und « normal »: die Unstabilität. Sich mit ihr abzufinden, bringt etwas Positives in unser Leben — gerade heute!

Und noch ein anderer Gedanke: Müssen wir unbedingt Reisen in ferne Erdteile unternehmen, damit sich uns die Welt offenbart, wir Neues und Interessantes erleben? Mitnichten, erwarten uns doch auf dem erstbesten Wieslein vor unsrer Stadt und erst recht in der Umgebung eines Alpendorfes Wunder über Wunder — wir müssen sie nur zu sehen verstehen. Dem Sehenden aber wird jeder Schritt zur überraschenden Begegnung mit der Natur, die jeden Tag neu ist, die uns immer neue Rätsel aufgibt...

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